Filesharing-Forschung: Kreativität braucht kein Copyright

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Lobbyisten und Verbraucherschützer, Konservative und Liberale - sie alle streiten über das Urheberrecht. Dabei forschen internationale Wissenschaftler längst zum Thema und haben zwei Erkenntnisse gewonnen: Kreativität entsteht auch ohne Copyright, und starre Gesetze behindern neue Geschäftsmodelle.

Urheberrecht: Forscher über das Filesharing Fotos
AP

"Diebe" und "Kostenloskultur", schreien die einen, "Contentmafia" und "Kulturflatrate" die anderen. In der erbitterten Debatte ums Urheberrecht kommt sich Christian Handke manchmal sehr verloren vor. Er ist weder Musiker noch Verlagsleiter noch Polit-Aktivist. Handke gehört einer Gruppe an, deren Meinung bislang kaum gehört wurde: Er ist Wissenschaftler. Handke gilt als einer der renommiertesten Forscher in Sachen Urheberrecht, arbeitet an der Erasmus-Universität in Rotterdam, er hat in Berlin, Stockholm und London studiert.

"Leider wird derzeit rein ideologisch argumentiert", sagt Handke. Sein Wort hat im Ausland Gewicht. Die amerikanischen National Academies of Science hatten ihn beauftragt, den derzeitigen Wissensstand in Sachen Urheberrecht zusammenzutragen. Handke sichtete Hunderte von Studien, Aufsätzen und Büchern von Juristen, Ökonomen, Soziologen aus aller Welt. Dabei erlebte er eine Überraschung: "Intuitiv denken viele Menschen, dass es ohne das heutige Urheberrecht keine Kreativität geben würde", sagt er, "aber für diesen Zusammenhang gibt es keine Belege."

Natürlich gehen Tauschbörsen nicht spurlos an der Musikindustrie vorüber. Lobbygruppen wie das International Chamber of Commerce orakeln über einen Verlust von 1,2 Millionen Arbeitsplätzen durch Piraterie bis 2015 allein in Europa. Wissenschaftlich scheint das kaum haltbar: Die Mehrheit der unabhängigen Forscher vermutet, dass illegale Kopien für 20 Prozent der Umsatzeinbrüche oder weniger verantwortlich sind.

Die Wissenschaftler berichten: Je nach Altersgruppe und Mediensegment scheint der Tauschbörsen-Effekt unterschiedlich groß zu sein. Bei Netznutzern unter 25 ist die Kaufbereitschaft allgemein geringer, bei den über 25-Jährigen steigt die Kauffreude mit zunehmender Onlineaktivität. Die nächste Überraschung: Forscher messen einen leicht positiven Effekt von Tauschbörsen auf Musikverkäufe, weil Kunden offenbar neue Musik entdecken. Das zumindest hat Felix Oberholzer-Gee von der Harvard-Universität festgestellt (PDF-Datei). Von diesem "Sampling-Effekt" profitieren eher die kleinen Labels, wie der Experte David Blackburn vom New Yorker Beratungsinstitut Nera präzisiert hat (PDF-Datei).

Mehr neue Musik mit Filesharing

Aber grassiert nicht ein großes Label-Sterben, wie der Sänger Sven Regener in seiner berühmten Wutrede behauptet? Nein, das Musikangebot sei gewachsen, sagt Christian Handke, und zwar seit die Tauschbörse Napster 1998 das unautorisierte Herunterladen ermöglichte. Er öffnet auf seinem Rechner seinen Aufsatz von 2006, der auf der Website der seriösen Society for Economic Research on Copyright Issues erschienen ist: "Digital Copying and the Supply of Sound Recordings" (PDF-Datei). Zwischen 1984 bis 2006 stieg die Zahl der neuen Musikalben, die in Deutschland veröffentlicht wurden, ständig an, von einst 2000 pro Jahr auf dann 14.000 pro Jahr. Danach änderte der Bundesverband der Musikindustrie leider seine Messmethode, was die Forschung erschwert.

Was also ergibt sich aus seiner internationalen Forschung, sollte das Urheberrecht verschärft, abgeschafft, reformiert werden? Alle Zeichen stehen auf Reform, so zumindest der sich herausbildende Konsens der internationalen Tauschbörsen-Forschung:

  • Unverhältnismäßig hohe Strafen unterhöhlen das Rechtsempfinden und schrecken nur kurzfristig ab.
  • Eine "Fair Use"-Regelung, die nichtkommerzielles Kopieren straffrei stellt, trägt zu Vereinfachung, Transparenz und Rechtsfrieden bei.
  • Die wirksamste Antwort auf Tauschbörsen wie Napster und Kazaa sind kommerzielle Angebote wie iTunes, Soundcloud oder Spotify.
  • Die Angebotsvielfalt wird durch unautorisiertes Kopieren bislang nicht verringert.
  • Viele Künstler lebten auch vor den Zeiten des Internet nicht von den Einnahmen aus dem Verkauf ihrer Werke, sondern durch Nebenjobs, Einkünfte aus Umverteilungsgesellschaften wie der Gema und von Stipendien und Preisen.
  • Die Schutzdauer ist mit teils 70 Jahren nach dem Tod der Urheber deutlich zu lange, rund 15 Jahre wären sinnvoll, weil sonst viele Werke "verwaisen", wenn die Urheberrechtslage unklar ist.
  • Das Immaterialgüterrecht, also Urheberrecht und Copyright, ist international uneinheitlich, der Markt für die Rechtevergabe komplex und zersplittert.
  • Schutzrechte wie Copyright, Urheber- und Patentrechte fallen in den Wirtschaftswissenschaften in die Rubrik "temporäre Monopole", sie gelten als schwere Eingriffe in die Marktwirtschaft. Es kann gute Gründe für diese Eingriffe geben, aber das Urheberrecht geht mit Pflichten einher: Industrien, die Schutzrechte für sich reklamieren, müssen plausibel erklären, warum die Allgemeinheit diese Rechte schützen soll. Das erfordert ein Minimum an Transparenz.

Immer wieder tauchen diese Punkte so oder so ähnlich im Gespräch mit Fachleuten für das sogenannte Immaterialgüterrecht auf. Sie können an dieser Stelle nur verkürzt und nicht ganz präzise wiedergegeben werden. Aber die genannten Experten erläutern die Details gerne. Sie wurden nur bislang hierzulande kaum gefragt.

Kopieren für mehr Kreativität

Der Ausweg aus der vergifteten, emotionalen Debatte ist einfach: Fakten. "Evidenzbasierte Politik", so lautet die Empfehlung von Ian Hargreaves. Auf Bitten der britischen Regierung hat der Mittfünfziger vor einem Jahr ähnlich wie Handke einen Überblicksbericht vorgelegt, den sogenannten Hargreaves-Report (PDF-Datei). Der ehemalige BBC-Journalist ist Professor für Digitale Wirtschaft an der Uni Cardiff. Sein Team studierte Hunderte von Aufsätzen, konsultierte über 300 Kreative, Investoren, Erfinder, Juristen und Forscher in Großbritannien, Washington und im Silicon Valley.

Entscheidend für wirtschaftlichen Erfolg von Kreativität und Innovation sind demnach vor allem Tempo, Marktzugang, einfache Regeln, niedrige Transaktionskosten wie Transport, Zölle, Vertrieb. Erst an fünfter Stelle nennt er Copyright und Patentrecht. Der Rechtsschutz der Urheber sei zwar wichtig - aber eben nur ein Mosaiksteinchen unter vielen. Die Urheberrechtsforschung ist deshalb so wertvoll, weil sie immer wieder Denkgewohnheiten aufbricht und der Intuition widerspricht.

Ein Beispiel: Zur Goethezeit verdienten und produzierten deutsche Autoren über fünfmal so viel wie ihre Kollegen in Großbritannien. Und jetzt die Überraschung: England hatte ein Copyright, Deutschland nicht. Diesen historischen Fall belegt Eckhard Höffner, ein Jurist und Rechtshistoriker, in einer zweibändigen Riesenstudie akribisch. Höffners Erklärung: Deutsche Verlage mussten damals ständig neue Werke drucken, um sich der Nachdrucker zu erwehren, das heizte Preise und Kreativität an.

Wirtschaftliche Fakten statt leidenschaftlicher Streit

Ein Problem: Verschiedene Urheberrechtsvarianten lassen sich nicht ohne weiteres im Labor testen. Außer in seltenen Glücksfällen, in denen einzelne Länder unabsichtlich zu einer Art Freiluftlabor werden. Schweden zum Beispiel, der Gründungsort der Piratenpartei, die wiederum aus dem Streit um die Tauschbörse The Pirate Bay hervorging. Am 1. April 2009 verschärfte Schweden die Gesetze gegen Tauschbörsennutzer. Die Rosskur wirkte schnell, das unerlaubte Kopieren ging um über 16 Prozent zurück, die CD-Verkäufe schnellten um 36 Prozent hoch, wie der Ökonom Adrian Adermon von der Uni Uppsala im Mai in einem vielbeachteten Aufsatz beschreibt. Doch dann die Überraschung: Nach einem halben Jahr war der juristische Schockeffekt fast komplett verpufft. Genau wie von der Forschung vorhergesagt.

Dann wiederum die nächste Verblüffung: Die Firma Spotify bot einen Streamingdienst an, Millionen Songs zum Anhören, aber nicht zum Herunterladen, finanziert wahlweise durch Abos oder Werbung. Das interaktive Internetradio ist deutlich komfortabler als das Raubkopieren, die zahlenden Kunden schätzen Qualität und Service. Derlei Musikabos machen heute sensationelle 89 Prozent der digitalen Musikverkäufe in Schweden aus. Genau das meinen Forscher wie Handke, Kretschmer, Hargraeaves und Hofmann, wenn sie fordern: Innovation kann wirksamer sein als Bestrafen.

Forschung kann dauern, viele sehnen sich nach dem langen Streit nach einem schnellen Konsens oder nach einem Befreiungsschlag durch den sogenannten Dritten Korb der Urheberrechtsreform. Doch der dürfte zumindest unter dieser Regierung nicht mehr kommen. Die Blockade zwischen Justizministerium und Kulturstaatsminister, zwischen Verbraucherschützern und Industrielobbyisten dürfte bis zur nächsten Wahl einfach so weitergehen. Auf Kosten der Kreativen, der Netznutzer, der Innovation.

"Natürlich werden wir die Urheberrechtsproblematik nicht rein wissenschaftlich lösen können wie ein Sudoku", sagt Christian Handke. "Aber es wäre gut, sich die wirtschaftlichen Fakten anzusehen, bevor man leidenschaftlich um eine Lösung streitet. Derzeit läuft es leider genau andersherum."

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insgesamt 30 Beiträge
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1.
marcor642 19.09.2012
Zitat von sysopAPLobbyisten und Verbraucherschützer, Konservative und Liberale - sie alle streiten über das Urheberrecht. Dabei forschen internationale Wissenschaftler längst zum Thema und haben zwei Erkenntnisse gewonnen: Kreativität entsteht auch ohne Copyright, und starre Gesetze behindern neue Geschäftsmodelle. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,856582,00.html
Leider entscheiden in unserer Welt keine Wissenschaftler, sondern Lobbyisten. Und Bürger bei ihrer Wahl, die aber leider auch lieber auf Lobbyisten hören, als auf Wissenschaftler.
2.
ehf 19.09.2012
Die schlauen Analysen dieses Wissenschaftlers gehen am Kernproblem vorbei. Sollten Leute das Werk anderer einfach kopieren dürfen (= kein Copyright mehr) und wesentlich mehr verdienen damit, weil sie besser aussehen (um etwas anderes geht es ja heute nicht mehr als um das Äussere) oder sich besser als Selbstdarsteller als der Erfinder inszenieren können? Auch Autoren von Artikeln müssten sich dann nicht wundern, wenn jeder ihre mühsam recherchierten Artikel einfach kopieren und ihren eigenen Namen darunter setzen würden.
3. Ein paar Gedanken dazu......
spiegelator 19.09.2012
Mir scheint, den meisten ist gar nicht bewusst, das wir hier überwiegend vom Taschengeld Jugendlicher reden. Im Rahmen der Gier, auf diese Gelder zugreifen zu können, haben wir Kinder an extrem rücksichtslose Anwälte ausgeliefert, mit ruinösen Folgeerscheinungen für ganze Familien. Ich habe einfach keine Lust mehr, beim Kauf von leeren Kassetten oder CD´s oder Abspieggeräten oder Kopierern und mit meiner Rundfunksteuer irgendwelchen Musik-Bubis oder -Gören zu ihrer ersten Million zu verhelfen. Vor kurzen hat jemand dargelegt, dass inzwischen für "illegal" aus dem Netz geladene Musik höhere Strafen fällig sind als für die Verbreitung von Kinderpornographie Wie haben völlig übersehen, dass Märkte wie China auch ohne Urheberrechte und Patentrechte prächtig funktionieren. Wir haben auch offensichtlich kein Problem damit, dass kleine Erfinder über die Kostenproblematik um ihre Erfindungsrechte betrogen werden Ich sehe auch einen massiven Ausbeutungsgedanken darin, dass ein immer größerer Teil der Bevölkerung (inklusive Erben und Enkel) durch schlaue Vereinnahmung von Rechten schlicht auf Kosten anderer recht gut und ohne Arbeit leben will. Eigentlich reden wir nur von Musik !
4.
fagus 19.09.2012
Kann man das nicht mit dem Thread zum Urheberrecht des ersten Artikels verlinken? Was soll das, immer gefühlte 1000 Threads zum gleichen Thema aufzumachen.
5. ---
MrBrutus 19.09.2012
Zitat von spiegelatorMir scheint, den meisten ist gar nicht bewusst, das wir hier überwiegend vom Taschengeld Jugendlicher reden. Im Rahmen der Gier, auf diese Gelder zugreifen zu können, haben wir Kinder an extrem rücksichtslose Anwälte ausgeliefert, mit ruinösen Folgeerscheinungen für ganze Familien. Ich habe einfach keine Lust mehr, beim Kauf von leeren Kassetten oder CD´s oder Abspieggeräten oder Kopierern und mit meiner Rundfunksteuer irgendwelchen Musik-Bubis oder -Gören zu ihrer ersten Million zu verhelfen. Vor kurzen hat jemand dargelegt, dass inzwischen für "illegal" aus dem Netz geladene Musik höhere Strafen fällig sind als für die Verbreitung von Kinderpornographie Wie haben völlig übersehen, dass Märkte wie China auch ohne Urheberrechte und Patentrechte prächtig funktionieren. Wir haben auch offensichtlich kein Problem damit, dass kleine Erfinder über die Kostenproblematik um ihre Erfindungsrechte betrogen werden Ich sehe auch einen massiven Ausbeutungsgedanken darin, dass ein immer größerer Teil der Bevölkerung (inklusive Erben und Enkel) durch schlaue Vereinnahmung von Rechten schlicht auf Kosten anderer recht gut und ohne Arbeit leben will. Eigentlich reden wir nur von Musik !
Ich glaube, es waren meine Ur-Ur-Ur-...-Ahnen, die erfunden haben, dass es angenehmer ist, unter einem Dach zu schlafen. Daher verlange ich ab sofort von jedem, der diese Idee nutzt, mir eine Abgabe zu zahlen. Ist zwar stark übertrieben, aber niemand würde auf so eine schwachsinnige Idee kommen. Nur bei dieser gierigen Content-Industrie scheint alles möglich. Vererbte Verwertungsrechte für schon längst gestorbene, so ein Unfug!
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