Flatrate-Drosselung: Wie die Telekom das Zwei-Klassen-Netz durchsetzt

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Die Telekom will von Internet-Vielnutzern künftig ein paar Euro mehr im Monat verlangen. Was zunächst vernünftig klingt, soll von der eigentlichen Debatte ablenken: Der Konzern arbeitet an der Einführung eines Zwei-Klassen-Netzes. Kassiert wird dann doppelt.

Telekom-Chef René Obermann (Archivbild): 10 bis 20 Euro mehr für Vielnutzer Zur Großansicht
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Telekom-Chef René Obermann (Archivbild): 10 bis 20 Euro mehr für Vielnutzer

10 bis 20 Euro mehr im Monat sollen Nutzer künftig bei der Telekom bezahlen, wenn sie die versprochene Geschwindigkeit ihres Internetanschlusses wirklich nutzen wollen. Was im Mobilfunkmarkt längst üblich ist, gilt dann auch für herkömmliche Internetanschlüsse: Wo Flatrate draufsteht, ist keine Flatrate drin.

Vor allem aber lenken die zusätzlich zu zahlenden 10 bis 20 Euro, die Telekom-Chef René Obermann jetzt seinen Vielnutzern abknöpfen möchte, vom eigentlichen Kern der Auseinandersetzung ab. Vor der Hauptversammlung des Konzerns am Donnerstag kommt diese Beschwichtigung gerade richtig. Tatsächlich will das Unternehmen, das seit Ankündigung der Pläne im Netz als "Drosselkom" verspottet wird, aber nicht nur Vielnutzer zur Kasse bitten.

Der ehemalige Monopolist will vor allem ein Zwei-Klassen-Internet einführen, bei dem künftig nicht nur Nutzer, sondern auch Anbieter an die Telekom zahlen. Beim Internetsurfen, beim Anschauen von YouTube-Videos und Filmen von iTunes, läuft künftig für den Nutzer die Gebührenuhr. Ist eine bestimmte Menge an Gigabyte übertragen worden, soll die Geschwindigkeit drastisch reduziert werden.

Für das Multimedia-Angebot der Telekom, das über den gleichen Internetanschluss übertragen wird, gilt diese Datenbremse allerdings nicht. Die Nutzung von T-Entertain wird nicht auf das Datenvolumen angerechnet. Wäre ja auch dumm, wenn man so viel im Internet geklickt hat, dass das kostenpflichtige Fernsehprogramm nicht mehr funktioniert.

Andere Anbieter von Multimediaprogrammen, beispielsweise Amazons Lovefilm, haben Pech. Doch es gibt einen Ausweg: einen Deal mit der Telekom, um Platz im T-Entertain-Angebot zu bekommen. Beim Mobilfunk gibt es eine solche Kooperation schon: Wer über die Telekom Spotify bucht, kann den Musikdienst nutzen, ohne dass der Datenverbrauch dem Nutzer berechnet wird. Die Spotify-Konkurrenz, die keinen Deal mit der Telekom hat, wird hingegen voll auf das Datenvolumen angerechnet - und irgendwann ausgebremst.

Künftig will die Telekom doppelt verdienen. Die 10 bis 20 Euro monatlich, die Vielnutzer nun zusätzlich zahlen sollen, sind nur die halbe Wahrheit. Tatsächlich geht es der Telekom darum, künftig auch von Anbietern für die Datendurchleitung zu kassieren. Gab es bisher eine Datenautobahn für alle, gibt es dann künftig zwei Wegenetze. Das ist dann der Abschied von der Netzneutralität, der finanzkräftige Unternehmen bevorzugt.

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insgesamt 355 Beiträge
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1. Keine Videos, keine Werbung und praktisch keine Bilder
cirkular 13.05.2013
Wer sich rein textbasiert im Netz bewegt und die Cloud missachtet hat genug Spielraum, trotz Drosselkom.
2.
happydwarf 13.05.2013
Es ist eine Sauerei, was die Telekom da macht. Aber sie werden es durchziehen. Und bis die Otto-Normal-Bürger und 20 Jahre später auch die Politiker merken, was hier angerichtet wird, wird alles zu spät sein. Noch kann man kündigen und wechseln... Aber was, wenn die anderen Provider nachziehen? Wo soll man dann hin? In 10 Jahren werden wir dasitzen und sagen: "Früher war alles besser, vor allem das Internet". Achja, die Petition unterzeichnet und meinen Anbieter gewechselt (von Telekom/1und1 zu DNS:NET) hab ich schon.... Was kann man noch tun?
3. Dr.
Redigel 13.05.2013
Zitat von sysopREUTERSDie Telekom will von Internet-Vielnutzern künftig ein paar Euro mehr im Monat verlangen. Was zunächst vernünftig klingt, soll von der eigentlichen Debatte ablenken: Der Konzern arbeitet an der Einführung eines Zwei-Klassen-Netzes. Kassiert wird dann doppelt. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/flatrate-drosselung-wie-die-telekom-das-zwei-klassen-netz-durchsetzt-a-899464.html
Bleibt zu hoffen, dass nur einmal kassiert wird. Nämlich dieser ganze Mist vom Bundeskartellamt...
4.
dongerdo 13.05.2013
Zitat von sysopREUTERSDie Telekom will von Internet-Vielnutzern künftig ein paar Euro mehr im Monat verlangen. Was zunächst vernünftig klingt, soll von der eigentlichen Debatte ablenken: Der Konzern arbeitet an der Einführung eines Zwei-Klassen-Netzes. Kassiert wird dann doppelt. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/flatrate-drosselung-wie-die-telekom-das-zwei-klassen-netz-durchsetzt-a-899464.html
Es wurde ja schon mit Spotify im Mobilangebot getestet und wird hier jetzt aufs Festnetz übertragen - der Schritt der Telekom war absehbar, ist aber, sollte es sich einbürgern, ein Desaster fürs deutsche Internet. Es geht nicht mal um ein bestimmtes Datenvolumen - alleine das Gefühl auf irgendeine Form von Datenverbrauch achten zu müssen killt etliche datenintensive Angebote im Netz auf der Stelle. Und die Preise für die Entdrosselung sind bei unter 6€ pro *TERA*byte für die großen Anbieter eine Frechheit..... Zurück ins 20.Jhd - Danke Telekom....
5. Alles ganz einfach
Abbuzze 13.05.2013
Der Kunde hat die Macht, wenn demnächst mal wieder ein Telekomdrücker vor der Tür steht und einem GIGAnetz aufschwätzen will, einfach mit den Worten wegschicken: Mit ihrem Unternehmen mache aus den vorgenannten Gründen keine Geschäfte. Denn eins ist klar, Telekom war bisher schon teuer, mit dem neuen Geschäftsmodell muss man als Kunde eingentlich schon sehr doof sein, um dort einen Vertrag abzuschließen oder bei AGB Wechsel zu verbleiben.
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Netzneutralität - Gleiches Recht für alle Daten
Wofür steht Netzneutralität?

Ob YouTube-Video oder Nachrichten von SPIEGEL ONLINE, ob World of Warcraft oder BitTorrent: Neutrale Netze leiten alle Inhalte durch, ohne nach der Herkunft der Datenpakete zu fragen. Die Netzbetreiber, darunter vor allem die großen Telekommunikationsunternehmen, kontrollieren nicht, welche Inhalte unterwegs sind. Ebenso wenig bremsen sie bestimmte Daten aus - etwa Filme aus Tauschbörsen, die oft mehrere Gigabyte groß sind.

dpa
Was spricht für Netzneutralität?

Befürworter sehen in neutralen Netzen eine Voraussetzung für den Wettbewerb - und der dient dem Verbraucher. Das wird an einem Negativ-Szenario deutlich: Was wäre etwa, wenn ein Provider mit einem Online-Kaufhaus kooperiert und dessen Konkurrenten ausbremst? Oder wenn nur eine Suchmaschine zugelassen wäre? Außerdem gilt das Prinzip als Garant für Innovationen. Weil die Kosten für ein digitales Kaufhaus, Blog oder Web-2.0-Portal vergleichsweise niedrig sind, versuchen Jahr für Jahr Tausende Unternehmer ihr Glück. Viele scheitern, einige schaffen es. Auch heutige Größen wie Google, Amazon und Facebook fingen klein an.

dpa
Warum gibt es Bedenken?

Der Verkehr auf der Datenautobahn wächst durch Videos, Internet-TV und das Telefonieren im Netz (VoIP) rasant - so sehr, dass es ohne Regulierung bald einen Mega-Stau geben könnte. Schon heute betreiben Telekom, Vodafone und andere daher ein Netzwerkmanagement, um die verfügbare Bandbreite sinnvoll zu nutzen.

dpa
Wer ist gegen Netzneutralität?

Vor allem die Netzbetreiber fordern eine Abkehr vom Prinzip in seiner Reinform. Ihr Argument: Wer die Leitungen besonders stark in Anspruch nimmt, soll auch mehr zahlen. Bei der Deutschen Telekom und dem spanischen Pendant Telefónica ist etwa zu hören, dass sie beispielsweise den Internet-Giganten Google gerne zur Kasse bitten würden. Darüber hinaus böten sich ihnen neue Geschäftsmodelle, etwa durch differenzierte Tarife: Nutzer, die große Datenmengen saugen, zahlen mehr als Gelegenheitssurfer.

dpa
Gibt es schon nicht neutrale Netze?

Aber sicher: Das Paradebeispiel sind die Mobilfunknetze. So blockieren etliche Anbieter den Dienst Skype oder verlangen dafür einen Zuschlag - die Software für Internet-Telefonie schadet dem eigenen Geschäftsmodell.

dpa


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