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Gerüchte über Flüchtlinge: Das Einmaleins der Desinformation

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Kampagne gegen "Lügenpresse": Wenn Journalisten widersprechen, sind sie lügende Schergen eines "Schweigekartells" Zur Großansicht
DPA

Kampagne gegen "Lügenpresse": Wenn Journalisten widersprechen, sind sie lügende Schergen eines "Schweigekartells"

Deutschland, Gerüchteland: Flüchtlinge, hört und liest man ständig, überfallen wehrlose Bürger, vergewaltigen Minderjährige, stehlen schamlos. Prüft man die Meldungen, entpuppen sich viele als erfunden - es handelt sich um Propaganda.

In Sachen Flüchtlinge, Pegida und anverwandte Themen tobt im Netz eine Propagandaschlacht. Viel deutet darauf hin, dass viele Behauptungen, die sich am Ende als falsch erweisen, mit einer klaren Strategie gestreut werden.

So berichtete am 1. September 2015 das "DortmundEcho", eine Regionalnachrichtenseite der rechtextremen Partei "Die Rechte", von der angeblichen Vergewaltigung einer 17-jährigen vor einem Asylheim. "Mindestens fünf Männer sollen das Mädchen demnach bedrängt, geschlagen und zum Oralverkehr gezwungen haben", berichtete die Seite - und "weder hat das Polizeipräsidium (...) eine Pressemitteilung zum Vorfall veröffentlicht (...), noch berichten die herkömmlichen Lokalmedien".

Wie denn auch? Das Verbrechen hat nie stattgefunden, die Meldung hatte keinen Wahrheitsgehalt.

Schon am Spätnachmittag des 1. September nahm das "DortmundEcho" die Nachricht selbst wieder zurück: Die Polizei habe mitgeteilt, dass der geschilderte Vorfall "nicht aktenkundig" sei. Es folgen Konjunktive, eine Vertrauenserklärung für die Polizei und das Versprechen, auch "die Redaktion" bleibe "weiter an der Sache dran" und hoffe, "zwischen dem Dschungel von Gerüchten und (vermeintlich bestätigten) Meldungen gesicherte Informationen zu erhalten".

Damit haben sich die anonymen Macher erfolgreich vom selbst gestreuten Gerücht distanziert. Zugleich streuen sie Zweifel. Die Desinformierer mutieren zu Aufklärern.

So soll das sein, denn natürlich hat die Mär von der angeblichen Vergewaltigung zu diesem Zeitpunkt längst ein Eigenleben entwickelt. Sie ist jetzt im Web und in der Welt. Sie wird wandern und sich vermehren.

Im Idealfall verbindet sie sich sogar mit der Erinnerung an echte Nachrichten und gewinnt so an "Wahrheit": Vier Monate zuvor wurde auf einem Rockfestival in Lünen tatsächlich eine 17-jährige vergewaltigt. Es wird Leute geben, die sagen werden: "17 Jahre jung das Opfer? In Lünen? Ja, davon habe ich gehört."

Das macht die Falschmeldung zu mehr als nur einer Ente. Sie ist ein perfides Instrument der Meinungsmache. So verwandelt sich ein Gerücht in eine vermeintliche Wahrheit, wenn es mit Fetzen von Tatsachen verrührt und oft genug wiederholt wird. Irgendwas wird am Ende hängen bleiben. An diesen Asylanten, diesen Flüchtlingen, diesen Ausländern.

Gerücht und Lüge: Das ist ein Unterschied

Es wirkt - und es sieht so aus, als habe es Methode. Denn solche erfundenen Vergewaltigungen gibt es seit Monaten bundesweit. Wenn es dann - wie in der Silvesternacht 2015 in Köln - wirklich zu sexuellen Übergriffen kommt, erhöht das die Bereitschaft, auch die erfundenen Fälle für wahr zu halten. So gut wie jede Lokalzeitung im Land musste schon dagegenhalten, wenn über Flüchtlinge in ihrer Region solche Gerüchte verbreitet wurden. Doch Dementis von Polizei und Medien verpuffen, oder werden gleich als von oben verordnete Lügen umgedeutet, während Gerüchte nachwirken.

Gerüchte haben Menschen zu allen Zeiten verbreitet, und oft glaubt der Verbreiter selbst, dass das Behauptete wahr sei. Der Leumund und die Überzeugung des Weiterverbreiters werten dabei das Gerücht auf, verleihen ihm mehr Plausibilität. Wenn es unsere Bekanntenkreise erreicht, es also scheinbar aus unserem eigenen Umfeld bestätigt wird, hat der ursprüngliche Verbreiter sein Ziel erreicht.

Denn natürlich hat jede dieser Falschnachrichten einen Erfinder. Er verbindet damit eine Absicht: Desinformation ist die gezielte und bewusste Verbreitung einer Lüge, und meist hofft der Verbreiter darauf, dass sie dadurch zum Gerücht wird. Als Gerücht gewinnt die Lüge ein Eigenleben. Einmal in der Welt, ist sie kaum noch einzufangen.

Dieses Streuen von Lügen, verfälschten Informationen und haltlosen Behauptungen gehört von jeher zum Werkzeug von Demagogen und Volksverhetzern. Um wirklich Wucht zu entfalten, brauchten sie einst willige Medien, um Massen zu erreichen. Heute haben sie Facebook, Blogs und eigene "freie, unabhängige Nachrichtenseiten", die nur sehr selten dafür geradestehen müssen, wenn sie Desinformation verbreiten.

Die häufigsten Desinformationen rechter Demagogen
Typ 1: Die Vergewaltigungs-"Meldung"
Behauptung: Flüchtlinge überfallen und vergewaltigen deutsche Frauen, oft auch minderjährige Mädchen

Verbreitung: Es ist das häufigste Gerücht, und verbreitet wird es über soziale Medien, über "unabhängige" Newsseiten und rechte Blogs. Immer wieder ist es auf den Demonstrationen von Pegida und Co. zu hören. Der AfD-Politiker Uwe Wappler verbreitete via Interview die Mär von der Vergewaltigung einer Zwölfjährigen - nur um kurz darauf dementieren zu müssen.

Wahrheitsgehalt: Die meisten dieser Nachrichten sind pure Erfindungen, wo auch immer man nachfragt, dementieren regionale Polizei und Medien entsprechende Behauptungen. Dokumentiert sind sexuelle Übergriffe in der Silvesternacht in Köln und anderen Städten. Auch innerhalb von Flüchtlingsheimen gibt es bestätigte Fälle. Trotzdem: Das so geschürte Bedrohungsszenario basiert größtenteils auf Fantasien.

Das Perfide am Gerücht: Es bedient uralte Ängste. Jeder echte Fall - siehe Silvester - wird zur Legitimation der gestreuten Gerüchte.

Typ 2: Deutschland als Selbstbedienungsladen für Fremde
Behauptung: Flüchtlinge fallen in Massen in Supermärkte und Kaufhäuser ein und nehmen alles ungehindert mit, ohne belangt zu werden

Verbreitung: Zunehmend häufig. Mitte September kursierten Gerüchte über Kaufhausüberfälle unter anderem in Leipzig, Freital und Halberstadt. In Seehausen wurde angeblich ein Globusmarkt ausgeplündert. Die kleine, bundesweit verbreitete Variante: Asylbewerber füllten sich einfach Taschen mit Lebensmitteln, ohne dass Supermarktbetreiber eingriffen.

Wahrheitsgehalt: In den meisten Gemeinden ist durch den Zuzug von Flüchtlingen kein Effekt nachzuweisen, doch in einigen Kleingemeinden mit vielen Flüchtlingsunterbringungen sind die Ladendiebstahlsquoten gestiegen - meist proportional zur neuen Bevölkerungszahl. Bei den Gerüchten über Überfälle ist das Bild hingegen völlig eindeutig: Nicht nur die regionalen Polizeibehörden, mit Stand Januar 2016 dementierten auch ausnahmslos alle Betreiber von Märkten, über die so etwas verbreitet wurde, jedes einzelne der Gerüchte.

Das Perfide am Gerücht: Ähnlich wie die Behauptung, Flüchtlinge bekämen mehr Hilfen als Hartz-IV-Empfänger (eindeutig unwahr), appelliert dieses Gerücht auch an den Sozialneid der Schwächsten in unserer Gesellschaft. Es erklärt das Land zum "Selbstbedienungsladen" für Fremde. Die zahlreichen Dementis in der Lokalpresse werden mit weiteren steilen Behauptungen gekontert: Die deutsche Presse sei staatlich gelenkt und dürfe nicht berichten, die Kaufleute seien von Polizei/Politik eingeschüchtert und dürften die Wahrheit nicht sagen.

Typ 3: Die Sache mit den toten Tieren
Behauptung: Flüchtlinge stehlen Tiere und schlachten sie in archaischen Ritualen

Verbreitung: Überraschend häufig. Meist sind es Ziegen, die gestohlen, getötet und gegessen werden. In einem Fall sollen Flüchtlinge einen Streichelzoo überfallen haben (der Betreiber dementierte das lachend: Seinen Tieren gehe es prächtig). Auf einem Gestüt von Paul Schockemöhle sollen Flüchtlinge sich Fleisch in 700-Kilogramm-Portionen abgeholt haben - das Gerücht vom angeblichen Pferdediebstahl wurde umgehend (und erfolglos) dementiert.

Das Perfide am Gerücht: Die Legende lebt vom Spiel mit abschreckenden, anti-islamischen Ressentiments. So schürt die vermeintlich "bunte Meldung" den Alltagsrassismus, stellt Flüchtlinge als Primitive dar, von denen man seine Tiere in Sicherheit bringen muss. Ein Körnchen Wahrheit sorgt für die Glaubhaftigkeit der überzogenen Gerüchte: 2013 stahl ein deshalb verurteilter und ausgewiesener Flüchtling im rheinischen Lindlar eine Ziege. Es gibt keinen weiteren bekannten Fall dieser Art. Doch auch der Fall von "Schockemöhles Pferd" enthält ein Körnchen Wahrheit: Ebenfalls 2013 wurde ein Pferd, an dem Schockemöhle Anteile hielt, zeitweilig gestohlen gemeldet. Das Tier hatte sich in den Putzmittelraum des Gestüts verirrt, wurde dort gefunden und gerettet.

Typ 4: Bevorzugung von Flüchtlingen
Behauptung: Flüchtlinge würden Privilegien eingeräumt, die Deutsche nicht gewährt würden. Oder Deutschen würde etwas genommen, um es Flüchtlingen zu geben

Verbreitung: Häufig, in vielen Varianten. Legenden über die Finanzierung von Handykarten, überhöhte Geldzuwendungen, Versorgung mit Designermode gehören dazu. Fast ein Klassiker ist aber dieses Muster, das im Juli 2015 im rheinischen Euskirchen umging: Da wurde angeblich eine Kindertagesstätte geräumt, um Platz für Asylbewerber zu machen. Ein perfides Spiel mit dem Körnchen Wahrheit: Die Kindertagesstätte war übergangsweise in einer leerstehenden Schule untergebracht worden. Die Kitaleitung selbst empfand die Unterbringung dort als nicht geeignet und begrüßte die Auslagerung in moderne Container, als die Stadt Raum für rund 300 Flüchtlinge suchte - es war die preiswertere und bessere Möglichkeit für alle Beteiligten. Im Sommer 2016 zieht die Kita wieder um, in einen eigens erbauten Neubau. Ähnliche Gerüchte gibt es über Hotels (angeblicher Luxus) und Obdachlosenunterkünfte (fiktiv), wo sozial schwache Deutsche Flüchtlingen weichen müssten.

Wahrheitsgehalt: Minimal. Hotelunterbringungen gibt es, aber mit Luxus hat das sehr selten etwas zu tun - für die Besitzer schwach frequentierter, einfacher Hotels ist es eine willkommene Einkommensquelle. Die meisten Gerüchte sind frei erfunden.

Typ 5: Warum wir von all dem nichts erfahren
Behauptung: Polizei und Medien lügen, wenn es um Verbrechen von Flüchtlingen geht

Verbreitung: Auf jeder Pegida-Demonstration, im Kontext jeder Desinformation.

Das Perfide daran: Widerspruch ist zwecklos. Behauptet wird, die Politik lenke Polizei und Medien. Die berichteten nicht, weil sie nicht dürften. Und wenn sie etwas dementierten, dann wohl weil sie müssten. Selbst wenn sie wollten, könnten sie nicht. Und wenn sie doch berichteten, dann sei das gelogen. Außer, es nützt den Demagogen, dann stimmt es. Als hochgradig kontraproduktiv erwies sich das Verhalten von Polizei und Medien im Fall der Kölner Silvesternacht: Dass hier so spät und zögerlich berichtet wurde, befeuerte solche Verschwörungstheorien.

Wahrheitsgehalt: Es gibt sowohl bei Polizei als auch den Medien eine Zurückhaltung, wenn es um die Nennung von Ethnien und Nationalitäten geht, wenn diese mit dem Fall oder Geschehen nichts zu tun haben. Es soll Vorverurteilungen vermeiden. Ein "Schweigekartell" von Polizei und Medien gibt es so wenig wie eine wie auch immer geartete Lenkung. Wer so etwas glaubt, will es glauben.

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