Freiheitsindex 2014 Todesstrafe hat mehr Fans als Vorratsdatenspeicherung

Eine repräsentative Umfrage zeigt die paradoxe Wirkung der Digitalisierung auf die Deutschen: Die Angst vor Datensammlern wächst - aber auch die Bereitschaft, sich überwachen zu lassen.

Demonstrant vor dem Brandenburger Tor (Archiv): Die Deutschen sehen die Überwachung durch Geheimdienste als eine der größten Gefahren im Netz
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Demonstrant vor dem Brandenburger Tor (Archiv): Die Deutschen sehen die Überwachung durch Geheimdienste als eine der größten Gefahren im Netz

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Berlin - Nur elf Prozent der Deutschen fänden es in Ordnung, wenn der Staat die Telefon- und Internetdaten der Bürger über mehrere Monate speichern würde, um seine Bürger möglichst gut zu schützen. Zum Vergleich: Mit verpflichtenden Gentests bei allen Bürgern, um Verbrecher schneller zu identifizieren, wären 15 Prozent einverstanden. Dass die Staatsmacht auf der Straße die Personalien von Bürgern kontrolliert, die "verdächtig aussehen", würden 20 Prozent hinnehmen. Und knapp ein Viertel der Bevölkerung findet, der Staat dürfe die Todesstrafe für Schwerverbrecher einführen, um seine Bürger besser zu schützen. Doch die Vorratsdatenspeicherung ist als Mittel offenbar verpönt.

Das geht aus dem Freiheitsindex 2014 hervor, den das John Stuart Mill Institut für Freiheitsforschung jetzt vorgelegt hat. "Wie halten es die Deutschen mit der Freiheit?" ist die Grundfrage, die der Bericht seit vier Jahren zu beantworten versucht. Das Papier basiert unter anderem auf einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage durch das Institut für Demoskopie Allensbach (IfD).

In diesem Jahr ging es vor allem darum, wie sich das Freiheitsverständnis der Bürger im Zuge der digitalen Revolution verändert - also welche Haltung die Deutschen zur Balance zwischen Freiheit und Sicherheit im Internet haben.

Dass im Netz Gefahren für die Freiheit drohen, ist den meisten demnach bewusst: Als größte Gefahr wird die Überwachung durch ausländische Geheimdienste genannt (67 Prozent), gefolgt von Unternehmen, die im Netz Daten sammeln, speichern und entweder an andere Unternehmen oder an den Staat weitergeben (61 Prozent) und vom weltweiten Terrorismus (60 Prozent).

Überwachung ist nur problematisch, bis das Wort "Kinderpornografie" fällt

Die Enthüllungen Edward Snowdens über die Machenschaften der NSA und die mittlerweile mehr als ein Jahr andauernde Überwachungsaffäre haben also Spuren hinterlassen. Trotz des Wissens um umfassende Geheimdienstüberwachung traut die Mehrheit der Bevölkerung jedoch dem Staat laut der Umfrage immer noch mehr als privaten Firmen. Einzige Ausnahme ist die jüngste befragte Generation: Die Unter-30-Jährigen misstrauen Unternehmen den Ergebnissen zufolge etwas weniger als dem Staat. In dieser Generation ist Edward Snowdens Botschaft offenbar am lautesten gehört worden, in den USA ist das ähnlich.

Das Allensbacher Institut hat die Bürger außerdem gefragt, was der Staat denn - online oder offline - tun dürfe, um die Bürger besser zu schützen. Behält man die geringe Begeisterung für die Vorratsdatenspeicherung im Kopf, überraschen die Antworten: 68 Prozent wären damit einverstanden, wenn der Staat Internetseiten mit radikalen Inhalten sperren würde; 45 Prozent fänden es vertretbar, wenn der Staat die Internetaktivitäten seiner Bürger überwachen würde, um die Verbreitung von Kinderpornografie zu verhindern. Und das, obwohl die Überwachung des eigenen Surfverhaltens durch den Staat nur wenige Fragen vorher als eine der größten Bedrohungen für die Freiheit in Deutschland genannt wurde (45 Prozent).

Eine diffuse Beunruhigung und Orientierungslosigkeit

Und so verhält es sich auch mit weiteren Antworten: Zwar fürchten die meisten Datensammelei durch Firmen im Internet, auf der anderen Seite haben nur 17 Prozent eigenen Angaben zufolge schon einmal ihre Daten bei Unternehmen löschen lassen. Nur sechs Prozent haben demnach überhaupt einmal bei Firmen nachgefragt, welche Daten über sie dort gespeichert sind. Lediglich 29 Prozent lesen die AGB der von ihnen im Internet abgeschlossenen Verträge durch, dafür steigt immer noch der Anteil derer, die Bonus- und Rabattkarten nutzen.

Ambivalent bleiben auch die Antworten mit Bezug zur Spähaffäre: Die Mehrheit der Befragten sieht sich etwa von Geheimdienstüberwachung bedroht, aber nur 23 Prozent verschlüsseln ihren Angaben zufolge ihre Daten und E-Mails, nur 39 Prozent ändern regelmäßig ihre Passwörter.

"Insgesamt ergab die repräsentative Umfrage eine diffuse Beunruhigung und Orientierungslosigkeit der Bevölkerung gegenüber dem digitalen Netz", heißt es auch in der Zusammenfassung des John Stuart Mill Instituts. Es werde zwar auf der einen Seite strenger Datenschutz gefordert, auf der anderen Seite gingen die Bürger "äußerst leichtfertig mit denen eigenen Daten um".

Zur sorglos mit den eigenen Daten sind vor allem "die Anderen"

Dieses Problem wiederum sehen die befragten Internetnutzer vor allem bei den anderen. Auf die Frage, ob manche Angebote im Netz, die man gern und oft nutzt, dazu führen, dass man zu sorglos mit persönlichen Daten umgehe und zu viel von sich preisgebe, antworteten die meisten: Bei Ihnen selbst sei das nicht der Fall (54 Prozent). Aber bei "vielen Nutzern" konnten das 79 Prozent der Befragten durchaus beobachten.

1550 Einzelinterviews hat das Allensbacher Institut geführt, die Fragen zur Netznutzung gingen allerdings lediglich an die 78 Prozent der Befragten, die das Internet überhaupt nutzten.

Es sei bemerkenswert, heißt es in dem Bericht, dass die Sorge um die persönliche Freiheit umso größer werde, je häufiger und intensiver jemand das Internet nutzt und sich mit dem Thema befasst. Das sei bei früheren Diskussionen um den Datenschutz anders genau umgekehrt gewesen: "Hier wurden die Sorgen umso geringer, je mehr sich jemand mit dem Gegenstand beschäftigt hatte."



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an°n 07.10.2014
1.
68% wären mit Internetzensur einverstanden? Das ist wirklich erschreckend. Es ist nicht so, dass man über im Netz über Kinderpornographie stolpert wo man auch geht und steht. Außerdem ist der Begriff "radikal" sehr weit dehnbar. Einfach gesagt: Wer sucht, der findet. Wer nicht sucht, der findet nicht. Und ich bezweifle, dass es möglich wäre, 4chan,, 8chan, reddit, das Dark Web im Allgemeinen und co auf ewig zu sperren, ohne dass sich jemand doch Zutritt verschafft und sei es über einen verschlüsselten Proxy Server oder sonst wie. Wieder einmal: Wer sucht, der findet. Die anderen Sachen sind relativ typisch: Überwachung nein, wenn's gegen Terrorismus ist, dann ja, blabla Einzig und allein die Einführung der Todesstrafe wäre interessant. Lebenslänglich ist (sofern nicht mit Sicherheitsverwahrung gebunden) nicht wirklich lebenslang. Bei guter Führung kommt ein Verbrecher schneller raus als gedacht. Kurzum: Es spart Platz und massiv Steuergelder. Aus wirtschaftlicher Sicht ein logischer Schritt. Aus moralischer mMn auch.
hemtech 07.10.2014
2. Die hohe Zustimmung
für die Todesstrafe wird wohl ihre Ursache in der Tatsache haben, daß selbst schwerste Verbrechen bei uns nur lächerliche Strafen nach sich ziehen. Wenn die Strafe der Tat nicht angemessen ist wie bei uns oft der Fall, kommt solch ein Ergebnis heraus. Hinzu kommt die Tatsache, daß die Justizvollzugsanstalten oft eher einem Ferienlager mit Radio und TV, Ausbildungsmöglichkeiten usw. gleichen als einer wirklichen Strafe.
Lanek 07.10.2014
3.
@hemtech: Die (Jugend-)strafen sind schon bewusst so gehalten, dass man den Häftlingen trotz allem die Chance gibt, sich zu rehabilitieren. Besonders bei den Jugendstrafen ist das auch sehr sinnvoll, wenn man den Kurs in deren Leben lieber korrigiert anstatt 50-60 weitere Jahre Kriminalität und (bedingt duch fehlende Ausbildung) Arbeitslosigkeit herbeizuzaubern. Wie es dort wirklich ist? Ich weiß es nicht, ganz ehrlich. Ich denke persönlich, der Mix aus Strafe und Rehabilitation macht es. Die Todesstrafe ist einfach nur ekelhaft und ein Niveau, auf das sich keine Gesellschaft herablassen sollte. Vor allem, weil es auch immer wieder Unschuldige trifft. Dass viele Leute gegenüber Zensur und Demokratieunterwanderung taub geworden sind, finde ich absolut erschreckend...
mini-max12 07.10.2014
4. Zustimmung zur Todesstrafe? Ja, ...
da die deutsche Justiz überführte Straftäter bei schwersten Verbrechen wie Geiselnahme, Entführung, Vergewaltigung und Mord zu gering bestraft. In den USA, wo seit den letzten Jahrzehnten in vielen Staaten die Todesstrafe bereits abgeschafft bzw. ausgesetzt wurde, muss ein Mörder zumindest damit rechnen, bis zu seinem Lebensende in Haft zu bleiben. Hier in Deutschland ist damit zu rechnen, dass die Hinterbliebenen von Mordopfern den Täter nach spätestens 15 Jahren Freiheitsentzug auf der Straße treffen können. Das ist gegenübern den Opfern bzw. Hinterbliebenen als unerträglich zu betrachten. Ich nehme an, dass sich die hohe Zustimmung zur Todesstrafe aus der zurückhaltenden Bestrafung von Schwerstkriminellen durch die Justiz ergibt.
hemtech 07.10.2014
5. @Lanek
Zitat von Lanek@hemtech: Die (Jugend-)strafen sind schon bewusst so gehalten, dass man den Häftlingen trotz allem die Chance gibt, sich zu rehabilitieren. Besonders bei den Jugendstrafen ist das auch sehr sinnvoll, wenn man den Kurs in deren Leben lieber korrigiert anstatt 50-60 weitere Jahre Kriminalität und (bedingt duch fehlende Ausbildung) Arbeitslosigkeit herbeizuzaubern. Wie es dort wirklich ist? Ich weiß es nicht, ganz ehrlich. Ich denke persönlich, der Mix aus Strafe und Rehabilitation macht es. Die Todesstrafe ist einfach nur ekelhaft und ein Niveau, auf das sich keine Gesellschaft herablassen sollte. Vor allem, weil es auch immer wieder Unschuldige trifft. Dass viele Leute gegenüber Zensur und Demokratieunterwanderung taub geworden sind, finde ich absolut erschreckend...
Bei jugendlichen Straftätern stimme ich voll zu, allerdings kann es nicht angehen, daß zuweilen erwachsene Täter von z.B. 24 Jahren, voll geschäftsfähig, wahlberechtigt und alles andere, nach Jugendstrafrecht behandelt werden. Was die Todesstrafe angeht, kann ich Ihnen nur teilweise folgen. Für mache unglaubliche Taten kann es keine andere Strafe geben, als mit dem eigenen Leben zu bezahlen. Man stellt sich damit nicht auf das selbe Niveau des Täters, sondern handelt verantwortlich und vermeidet womöglich weitere Morde. Denn wie oft haben Mörder ihre Freiheit benutzt, um wieder zu morden? Wie wollen Sie den Angehörigen das erklären? Der einzige für mich nachvollziehbare Grund für die Ablehnung kann nur sein, daß zuweilen auch Unschuldige verurteilt wurden. Und zuallererst sollte unser Justizsystem alles aus Sicht der Opfer beurteilen, nicht aus der Sicht der armen Täter.
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