Bilanz der T-City: Schöner Strand, Glasfaser für alle
Was macht eigentlich die T-City? Arztvisiten am Bildschirm, E-Learning, intelligente Stromzähler - fünf Jahre lang hat die Telekom in Friedrichshafen Technologien für die "Smart City" erprobt. Das Fazit des weltweit einmaligen Projekts fällt zwiespältig aus.
Wer die Zauberformel der Stadtentwicklung sucht, wird bei Google fast vier Millionen Mal fündig. "Smart City" heißt das Schlagwort. Die Hoffnung: Mit Hilfe von Informations- und Kommunikationstechnologien soll in Städten alles besser werden, demografischer Wandel, Energiewende, Bürgerbeteiligung. Im Frühjahr hat Google selbst ein solches Projekt in Kansas City begonnen. Doch der weltweite Pionier auf diesem Gebiet ist die Deutsche Telekom. Im Februar 2007 hatte der Konzern als Ort für sein Versuchslabor Friedrichshafen am Bodensee auserkoren.
Im August 2007 lief das Projekt "T-City" an. Nach fünf Jahren fällt das Fazit der Forscher der Universität Bonn auf den ersten Blick ernüchternd aus: 36 Prozent der Bürger glauben, "dass sich die Lebensqualität in Friedrichshafen zukünftig durch T-City verbessern wird" - exakt der gleiche Wert wie bei der ersten Umfrage 2008. Viel Geld für nichts also?
Millionen fürs Glasfaser-Netz
Schließlich hatte die Telekom allein in eine Breitband-Infrastruktur, in Glasfaser- und Mobilfunknetze einen zweistelligen Millionenbetrag investiert - sensationell für eine 60.000-Einwohner-Stadt am südlichen Zipfel der Republik. Das vollmundige Ziel der Public-Private-Partnership: "das tägliche Leben erleichtern und einen spürbaren Nutzen in allen Lebensbereichen schaffen".
Daran haperte es bei vielen der 31 Einzelprojekte. Doch es gibt auch Erfolgsgeschichten. Beispiel Medizin: Dass die Ärzte des Brustzentrums Bodensee für ihre Tumorkonferenzen nicht mehr wöchentlich zwischen Konstanz und Friedrichshafen hin- und her pendeln müssen, sondern an Bildschirmen Röntgenbilder diskutieren können, spart Zeit, die den Patienten zugutekommt. Gleiches gilt für die "mobile Visite", ein tele-medizinisches System zur Versorgung chronisch Herzkranker.
Die Lernplattform floppt
Ein Fehlschlag mit Ansage war hingehen die interaktive Lernplattform Edunex: Die verantwortlichen Landespolitiker vertrauten wie die Lehrer lieber einer etablierten Open-Source-Lösung. Dass im Projekt "Smart Metering" ein ganzer Stadtteil mit intelligenten Stromzählern ausgestattet wurde, war eine wegweisende Idee - doch solange die Stromkonzerne keine individuellen Tarife anbieten, bleiben die Einspareffekte bescheiden.
Genial einfach schien schließlich das Projekt "Kindergarten online", versprach es Eltern doch eine bequeme Kita-Anmeldung im Web und den Einrichtungen eine leichtere Planung. Doch abgesehen von technischen Problemen (im Selbstversuch klappte die Anmeldung nicht) zeigte sich hier, wie schwer es fällt, allen Akteuren der Smart City gerecht zu werden. Was bei einer Erzieherin als "tolle Hilfe" ankam, empfand die andere als "Kontrollinstrument".
Hinzu kamen Verunsicherung und lokale Besonderheiten. "Alle sollten alles anders machen", sagt Forscher Michael Lobeck. In der Praxis jedoch traf das Prinzip Open Innovation auf schwäbische Skepsis. Zudem ist Friedrichshafen dank des Autozulieferers ZF, des Motorenherstellers Tognum und EADS zwar eine Patenthochburg. Doch die Konzerne brauchten T-City nicht, und die Technikleidenschaft der Bevölkerung endet an den Werkstoren: tagsüber Weltklasse, abends provinziell - wieso auch nicht, angesichts von Wohlstand und Alpenpanorama? Ausgerechnet hier mehr Lebensqualität zu schaffen war ein kühnes Unterfangen. Wäre das Projekt vielleicht in Gelsenkirchen oder Cottbus anders aufgenommen worden?
Die Bürger wollen ihren Strand behalten
So bleibt als Lehre von T-City, abseits der Warnung vor übertriebenen Erwartungen, vor allem die Einsicht in die Paradoxien der unsichtbaren Helfer: Erst persönliche Kommunikation vor Ort sorgt dafür, dass technische Potentiale umgesetzt werden; Unternehmen müssen dem Kunden Produkte schmackhaft machen, die der Bürger erst wertschätzt, wenn er anderswo nicht die gleiche Infrastruktur vorfindet; und Politiker werden künftig Investitionen in Daten-Highways verteidigen müssen, obwohl sich damit nicht so leicht Wahlen gewinnen lassen wie mit dem Versprechen auf neue Straßen.
Von daher ist es mehr als eine ironische Randnotiz, dass derzeit ein sichtbares Erbe von T-City am meisten diskutiert wird, das nur als PR-Gag gedacht war. Zum 200-Jährigen Stadtjubiläum 2011 hatte die Telekom der Stadt einen Strand an der Uferpromenade geschenkt - temporär, denn es gibt Verträge mit Pächtern. Für den Erhalt des Strands kämpft nun eine Facebook-Gruppe, die innerhalb eines Monats gut 4000 Fans gewonnen hat. Wie geht man mit diesem Protest um? "Die Stadt ist auf so etwas mental noch gar nicht vorbereitet", bekennt Oberbürgermeister Andreas Brand - ein erfreulich offenes Eingeständnis, wie weit der Weg zur Smart City noch ist.
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- Dienstag, 24.07.2012 – 15:45 Uhr
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- Die Abschlusspublikation der Forscher
- Das Google-Projekt
- Facebook-Gruppe "Rettet unseren Stadtrand in Friedrichshafen"
- Smart City
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