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FinFisher-Software: Kundendienst half bei Überwachung in Bahrain

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Interne Gamma-Unterlagen: Trojaner und andere Überwachungstechnik Fotos
REUTERS

Die Gamma-Firmengruppe verkauft Spähwerkzeuge für Regierungen - offenbar auch an autoritäre Regime wie Bahrain. Nun wurden der Firma selbst 40 Gigabyte Daten gestohlen. Sie bieten Einblicke in ein höchst fragwürdiges Geschäft.

"Bitte schauen Sie sich das Problem schnellstmöglich an, damit wir weitermachen können", so meldete sich jemand aus dem arabischen Inselstaat Bahrain beim Kundendienst der Gamma-Gruppe, die Überwachungstechnik verkauft. Das geht aus einer internen Datenbank hervor, die Hacker offenbar kopieren konnten und die SPIEGEL ONLINE vorliegt. Nächster Eintrag: "Problem wurde gelöst, mit einem unserer Entwickler."

Der Fall ereignete sich im Februar 2012. Das Königreich Bahrain war damals bereits seit einem Jahr damit beschäftigt, Proteste im Land niederzuschlagen und einen Arabischen Frühling zu verhindern. Offenbar half dabei auch die britische Firma Gamma International mit ihrer Überwachungssoftware FinFisher.

Angehängt an die Support-Anfrage: Eine Liste mit Dutzenden Computern, die offenbar mit FinFisher überwacht wurden. Die Oppositionsgruppe "Bahrain Watch" hat nach eigenen Angaben einige der vermeintlich Betroffenen identifizieren können. Es soll sich um prominente Regimekritiker, Anwälte und Politiker handeln, von denen einige im Gefängnis landeten.

Überwachung in autoritären Staaten

Hinweise auf die Ausspionierung von Bürgerrechtlern aus Bahrain mit Gamma-Software, die womöglich auch in Deutschland entwickelt wurde, gibt es schon seit einiger Zeit. Die Kundendienst-Daten sehen aber wie handfeste Beweise aus.

In der Vergangenheit hat Gamma immer wieder betont, die Spähwerkzeuge aus dem eigenen Angebot nur an Regierungen zu verkaufen: "lawful interception". Aber was heißt das schon in einem Land wie Bahrain? Heute sieht es so aus: Eine europäische Firma verkauft Hackerwerkzeuge, mit deren Hilfe die Opposition in einem autoritären Regime niedergeschlagen wird.

Nun wurde Gamma offenbar selbst Opfer eines Hackerangriffs. Rund 40 Gigabyte Daten konnten unbekannte Angreifer offenbar von einem Server kopieren. Darunter sind Kundenlisten, Produktpräsentationen und offenbar auch Spionage-Software. Ein großer Teil des sensiblen Materials ist verschlüsselt. Die Anfragen an den Kundendienst aber, so wie oben zitiert, liegen im Klartext vor.

China, Russland, Vereinigte Arabische Emirate

Ebenso die Besucherstatistik der Supportseite. Darin verzeichnet sind Zugriffe aus diversen Ländern, darunter Deutschland und andere europäische Staaten, aber auch China, Russland oder die Vereinigten Arabischen Emirate. Kunden von Gamma? Auf eine Anfrage hat das Unternehmen bisher nicht reagiert.

Produkte von FinFisher: Zugriff auch schon an der Quelle Zur Großansicht

Produkte von FinFisher: Zugriff auch schon an der Quelle

Der Verdacht liegt aber nahe, dass hier Überwachungstechnik von Regierungen gekauft wird, die keinen so gut ausgestatteten Geheimdienst wie die amerikanische National Security Agency haben und solche Software nicht selbst entwickeln können. Zumindest in Ansätzen erinnern die internen Prospekte der Gamma-Gruppe an die geheimen Präsentationen der NSA.

Das Portfolio der Gamma-Gruppe reicht von versteckt tragbaren Geräten, mit denen Handygespräche abgefangen werden können, bis hin zu Staatstrojanern. In Schulungsunterlagen zeigt das Unternehmen seinen potenziellen Kunden, was Software wie FinSpy alles können soll: Schon der Besuch einer präparierten Website soll ausreichen, damit sich ein Rechner den Trojaner einfängt.

Blackberrys und Windows-Rechner

Die Spähprogramme sollen sich auch als Update für den Flashplayer oder auf einer Spieledisk von "World of Warcraft" tarnen können. Einmal installiert, sollen die Webcam aktiviert, E-Mails mitgelesen und Skype-Gespräche belauscht werden können. Außer Windows- und Apple-Computer sollen Smartphones ausgeforscht werden können, auch die des Herstellers Blackberry.

Vorschlag von FinFisher: Trojaner in "World of Warcraft" verstecken Zur Großansicht

Vorschlag von FinFisher: Trojaner in "World of Warcraft" verstecken

Für die Überwachung direkt an der Quelle werden offenbar bisher unbekannte Sicherheitslücken genutzt, sogenannte Zero-Day-Exploits, die Gamma von anderen Unternehmen zukauft. So sollen Daten abgefangen werden, noch bevor sie verschlüsselt werden können. Die Logos von Skype, TrueCrypt, PGP und des Tor-Netzwerks sind in einer FinFisher-Präsentation zu sehen. Überwacher stünden vor neuen Herausforderungen, heißt es da, die nur mithilfe von Einbruchswerkzeugen, "IT Intrusion solutions", gelöst werden könnten.

Auch deutsche Behörden interessieren sich für den IT-Einbruch mithilfe von Trojanern. Vor drei Jahren hatte der Chaos Computer Club einen Staatstrojaner der Firma DigiTask enthüllt, mit dessen Hilfe mindestens ein Verdächtiger ausgeforscht worden war. In der Folge war bekannt geworden, dass der stümperhaft programmierte Trojaner von diversen Behörden angeschafft worden war.

Export von Überwachungstechnik

Der weitgehende Zugriff auf private Daten rief damals Kritik hervor - nun interessiert sich das Bundeskriminalamt alternativ offenbar für Software von Gamma, zumindest, bis Staatshacker ein eigenes Überwachungsprogramm entwickelt haben.

Erst nach dem Arabischen Frühling gab es jedoch eine öffentliche Debatte darüber, ob darart mächtige Spähtechnik in autoritäre Regime exportiert werden sollte. Als klar wurde, dass westliche Unternehmen sich nur zu gern zu Helfern der Unterdrücker gemacht hatten. Als Werbeprospekte der britischen Gamma International in Ägypten entdeckt worden waren.

Aber erst in diesem Jahr hat Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel Exporte von Überwachungstechnik aus Deutschland gestoppt, per Verfügung, denn ein Gesetz dazu fehlt immer noch. Auch eine EU-weite Regelung ist nach wie vor im Planungsstadium. Das liegt auch daran, dass Technik sich oft für diverse Zwecke einsetzen lässt - und Überwachung nur einer von vielen Einsatzzwecken ist.

Ob man mit Exportverboten jedoch weiterkommt, ist fraglich: In einer internen Präsentation der Gamma-Gruppe ist von neun Büros auf fünf Kontinenten die Rede.

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insgesamt 5 Beiträge
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1. Wenn nicht so, dann anders
konbaum 08.08.2014
Da man schon diesen Schnüffelwahn scheinbar nicht mehr unter Kontrolle bekommt, müssen wenigstens zugleich per Gesetz die Bürger besser vor dem Staat geschützt werden. Die Hürden für Festnahmen etc. müssen erheblich höher werden. Wenn sich herausstellt, dass jemand zu Unrecht festgenommen wurde, muss es empfindliche Entschädigungen geben, die dem Staat richtig weh tun. So kann man zwar die Überwachung nicht abstellen, aber sie bliebe großteils ohne Folgen.
2. Recherche in den geleakten Dokumenten
InvestigateIX 09.08.2014
Wer die vielen Dokumente selbst durchsehen und durchsuchen möchte, kann mit InvestigateIX eine datenschutzfreundliche Suchmaschine hierfür einrichten. Einfach die Archive entpacken, die darin enthaltenen Dateien und Dokumente indexieren lassen und dann mit explorativer Suche schauen, was da so drin ist oder nach Suchworten recherchieren. Der Download der Open-Source Software ist unter http://www.mandalka.name/investigateix/ möglich. Solche datenschutzfreundliche Suche sendet beim Recherchieren keine Suchbegriffen an Clouddienste.
3. Kriminelle
Benko 09.08.2014
Hab das Material seit Veröffentlichung geladen und weitestgehend durchgegangen. Es handelt sich bei Gamma und vor allem Martin J. Münch letztlich um staatlich geschützte, aber dennoch stinknormale kriminelle Malware-Entwickler, denen man sogar mit bestehenden Gesetzen Einhalt gebieten könnte, wenn man es den wollte. Unglaublich wie einige mal wieder mehr dürfen als Andere.
4.
bloub 09.08.2014
Zitat von BenkoHab das Material seit Veröffentlichung geladen und weitestgehend durchgegangen. Es handelt sich bei Gamma und vor allem Martin J. Münch letztlich um staatlich geschützte, aber dennoch stinknormale kriminelle Malware-Entwickler, denen man sogar mit bestehenden Gesetzen Einhalt gebieten könnte, wenn man es den wollte. Unglaublich wie einige mal wieder mehr dürfen als Andere.
versteh ich auch nicht, warum die firma noch existiert. der hackerparagraf ist recht eindeutig, da sollte für es für jeden staatsanwalt keine probleme geben, die verantwortlichen der firma dafür in den knast zu bringen.
5. hm.
teilnehmer heini 09.08.2014
Man könnte die gesamte Produktphilosophie völkerrechtlich bannen.
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Schad- und Spähsoftware
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Trojaner
Wie das Trojanische Pferd in der griechischen Mythologie verbergen Computer-Trojaner ihre eigentliche Aufgabe (und Schädlichkeit!) hinter einer Verkleidung. Meist treten sie als harmlose Software auf: Bildschirmschoner, Videodatei, Zugangsprogramm. Sie werden zum Beispiel als E-Mail-Anhang verbreitet. Wer das Programm startet, setzt damit immer eine verborgene Schadfunktion ein: Meist besteht diese aus der Öffnung einer sogenannten Backdoor , einer Hintertür, die das Computersystem gegenüber dem Internet öffnet und durch die weitere Schadprogramme nachgeladen werden.
Virus
Computerviren befallen vorhandene Dateien auf den Computern ihrer Opfer. Die Wirtsdateien funktionieren – zumindest eine Zeit lang - weiterhin wie zuvor. Denn Viren sollen nicht entdeckt werden. Sie verbreiten sich nicht selbständig, sondern sind darauf angewiesen, dass Computernutzer infizierte Dateien weitergeben, sie per E-Mail verschicken, auf USB-Sticks kopieren oder in Tauschbörsen einstellen. Von den anderen Schad- und Spähprogrammen unterscheidet sich ein Virus allein durch die Verbreitungsmethode. Welche Schäden er anrichtet, hängt allein vom Willen seiner Schöpfer ab.
Rootkit
Das kleine Kompositum führt die Worte "Wurzel" und "Bausatz" zusammen: "Root" ist bei Unix-Systemen der Benutzer mit den Administratorenrechten, der auch in die Tiefen des Systems eingreifen darf. Ein "Kit" ist eine Zusammenstellung von Werkzeugen. Ein Rootkit ist folglich ein Satz von Programmen, die mit vollem Zugriff auf das System eines Computers ausgestattet sind. Das ermöglicht dem Rootkit weitgehende Manipulationen, ohne dass diese beispielsweise von Virenscannern noch wahrgenommen werden können. Entweder das Rootkit enthält Software, die beispielsweise Sicherheitsscanner deaktiviert, oder es baut eine sogenannte Shell auf, die als eine Art Mini-Betriebssystem im Betriebssystem alle verdächtigen Vorgänge vor dem Rechner verbirgt. Das Gros der im Umlauf befindlichen Rootkits wird genutzt, um Trojaner , Viren und andere zusätzliche Schadsoftware über das Internet nachzuladen. Rootkits gehören zu den am schwersten aufspürbaren Kompromittierungen eines Rechners.
Wurm
Computerwürmer sind in der Praxis die getunte, tiefergelegte Variante der Viren und Trojaner. Im strengen Sinn wird mit dem Begriff nur ein Programm beschrieben, das für seine eigene Verbreitung sorgt - und der Programme, die es transportiert. Würmer enthalten als Kern ein Schadprogramm , das beispielsweise durch Initiierung eines eigenen E-Mail-Programms für die Weiterverbreitung von einem befallenen Rechner aus sorgt. Ihr Hauptverbreitungsweg sind folglich die kommunikativen Wege des Webs: E-Mails, Chats, AIMs , P2P-Börsen und andere. In der Praxis werden sie oft als Vehikel für die Verbreitung verschiedener anderer Schadprogramme genutzt.
Drive-by
Unter einem Drive-by versteht man die Beeinflussung eines Rechners oder sogar die Infizierung des PC durch den bloßen Besuch einer verseuchten Web-Seite. Die Methode liegt seit einigen Jahren sehr im Trend: Unter Ausnutzung aktueller Sicherheitslücken in Browsern und unter Einsatz von Scripten nimmt ein auf einer Web-Seite hinterlegter Schadcode Einfluss auf einen Rechner. So werden zum Beispiel Viren verbreitet, Schnüffelprogramme installiert, Browseranfragen zu Web-Seiten umgelenkt, die dafür bezahlen und anderes. Drive-bys sind besonders perfide, weil sie vom PC-Nutzer keine Aktivität (wie das Öffnen einer E-Mail) verlangen, sondern nur Unvorsichtigkeit. Opfer sind zumeist Nutzer, die ihre Software nicht durch regelmäßige Updates aktuell halten - also potenziell so gut wie jeder.
Botnetz
Botnets sind Netzwerke gekidnappter Rechner - den Bots. Mit Hilfe von Trojaner-Programmen, die sie beispielsweise durch manipulierte Web-Seiten oder fingierte E-Mails auf die Rechner einschleusen, erlangen die Botnet-Betreiber Zugriff auf die fremden PC und können sie via Web steuern. Solche Botnets zu vermieten, kann ein einträgliches Geschäft sein. Die Zombiearmeen werden unter anderem genutzt, um millionenfache Spam-Mails zu versenden, durch eine Vielzahl gleichzeitiger Anfragen Web-Seiten in die Knie zu zwingen oder in großem Stile Passwörter abzugrasen. (mehr bei SPIEGEL ONLINE)
Fakeware, Ransomware
Das Wort setzt sich aus "Fake", also "Fälschung", und "Ware", der Kurzform für Software zusammen: Es geht also um "falsche Software" . Gemeint sind Programme, die vorgeben, eine bestimmte Leistung zu erbringen, in Wahrheit aber etwas ganz anderes tun. Häufigste Form: angebliche IT-Sicherheitsprogramme oder Virenscanner. In ihrer harmlosesten Variante sind sie nutzlos, aber nervig: Sie warnen ständig vor irgendwelchen nicht existenten Viren und versuchen, den PC-Nutzer zu einem Kauf zu bewegen. Als Adware-Programme belästigen sie den Nutzer mit Werbung.

Die perfideste Form aber ist Ransomware : Sie kidnappt den Rechner regelrecht, macht ihn zur Geisel. Sie behindert oder verhindert das normale Arbeiten, lädt Viren aus dem Netz und stellt Forderungen auf eine "Reinigungsgebühr" oder Freigabegebühr, die nichts anderes ist als ein Lösegeld: Erst, wenn man zahlt, kann man mit dem Rechner wieder arbeiten. War 2006/2007 häufig, ist seitdem aber zurückgegangen.
Zero-Day-Exploits
Ein Zero-Day-Exploit nutzt eine Software-Sicherheitslücke bereits an dem Tag aus, an dem das Risiko überhaupt bemerkt wird. Normalerweise liefern sich Hersteller von Schutzsoftware und die Autoren von Schadprogrammen ein Kopf-an-Kopf-Rennen beim Stopfen, Abdichten und Ausnutzen bekanntgewordener Lücken.
Risiko Nummer eins: Nutzer
Das größte Sicherheitsrisiko in der Welt der Computer sitzt vor dem Rechner. Nicht nur mangelnde Disziplin bei nötigen Software-Updates machen den Nutzer gefährlich: Er hat auch eine große Vorliebe für kostenlose Musik aus obskuren Quellen, lustige Datei-Anhänge in E-Mails und eine große Kommunikationsfreude im ach so informellen Plauderraum des Webs. Die meisten Schäden in der IT dürften von Nutzer-Fingern auf Maustasten verursacht werden.
DDoS-Attacken
Sogenannte distribuierte Denial-of-Service-Attacken (DDoS) sind Angriffe, bei denen einzelne Server oder Netzwerke mit einer Flut von Anfragen anderer Rechner so lange überlastet werden, bis sie nicht mehr erreichbar sind. Üblicherweise werden für solche verteilten Attacken heutzutage sogenannte Botnetze verwendet, zusammengeschaltete Rechner, oft Tausende oder gar Zehntausende, die von einem Hacker oder einer Organisation ferngesteuert werden.


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