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Gaza-Hilfsflotte: Propaganda-Satire blamiert Israels Regierung

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Peinlicher Propaganda-Lapsus: Das Presseamt der israelischen Regierung hat an Journalisten den Link zu einem Satirevideo verschickt, das sich über die Besatzung der attackierten Hilfsflotte für Gaza lustig macht. Finanziert wurde der Clip von einem konservativen Think-Tank in den USA.

Screenshot aus Latma.tv-Video: "Die 'Israel Defence Force' ist Jack the Ripper" Zur Großansicht

Screenshot aus Latma.tv-Video: "Die 'Israel Defence Force' ist Jack the Ripper"

Schon Stunden nach dem Angriff israelischer Soldaten auf die Schiffe der "Gaza Freedom"-Flotte, bei dem neun Passagiere starben, begann der Propaganda-Krieg. Sowohl arabische TV-Sender und propalästinensische Aktivisten als auch Israels Armee sind seitdem damit beschäftigt, ihre Sicht der Ereignisse bei YouTube und anderswo zu präsentieren. Nun wurde der Kanon der Propaganda-Videos um ein reichlich geschmackloses Stück Satire erweitert - und Israels Regierungspresseamt blamierte sich international, indem es einen Link zu dem Spottlied an Journalisten verschickte.

Begonnen hatte die Propaganda-Schlacht mit vielfältigem Videomaterial von der Militäraktion selbst. Die israelische Seite veröffentlichte Videos, die zeigen sollen, wie die Passagiere der Schiffe die Soldaten mit Eisenstangen und anderen Schlag- und Stichwaffen attackierten - die Soldaten hätten in Notwehr gehandelt, betont die Armeeführung immer wieder. Die Gegenseite präsentierte derweil Bilder von verwundeten Passagieren und bewaffneten israelischen Soldaten.

Israels Militär betreibt ein eigenes Weblog, in dem regelmäßig neue Videos von den Aktionen im Mittelmeer vor der Küste Gazas veröffentlicht werden - das jüngste zeigte am Samstag die Besetzung eines weiteren Schiffes vor Gazas Küste, die diesmal augenscheinlich friedlich verlief.

"Den größten Bluff aller Zeiten schaffen"

Bereits am Freitag aber machte ein anderes Video die Runde, das das Presseamt der Regierung Israels nun in eine höchst peinliche Lage bringt. Der Clip ist ein satirisch gemeintes Musikvideo, produziert für die Website Latma.tv. Er zeigt albern verkleidete Darsteller, die zur Melodie von "We are the World, we are the Children" von Michael Jackson und Lionel Richie einen ganz anderen Text singen, zum Teil mit schlecht nachgemachtem arabischen Akzent: "Es kommt die Zeit", schmettern mit Palästinensertüchern und falschen Bärten verkleideten Darsteller auf Englisch ins Mikrofon, "da wir für die Welt, das Web und CNN eine Show abziehen müssen." Später heißt es: "Das Beste, was wir tun können, ist, den größten Bluff aller Zeiten zu schaffen."

Der Refrain wurde umgedichtet in: "Wir werden dafür sorgen, dass die Welt die Vernunft über Bord wirft, wir werden sie überzeugen, dass die Hamas Mama Theresa ist." In Gaza gebe es keine humanitäre Krise und auch keine Toten, "also bleibt uns nichts übrig, als den größten Bluff aller Zeiten zu inszenieren". Zwischen die Bilder der singenden Darsteller sind Ausschnitte aus den Videos von Bord der besetzten Schiffe zu sehen, die zeigen sollen, wie Israels Soldaten angegriffen wurden. Gegen Ende des Clips schwenken die Darsteller selbst Messer, Pistolen, Knüppel, Eisenstangen und Sägen. Bei YouTube wurde das Video bis Samstagnachmittag in unterschiedlichen Versionen insgesamt etwa 600.000-mal abgespielt.

Das Filmchen war am Donnerstag ins Netz gestellt worden. Am Freitag verschickte das Presseamt der israelischen Regierung den Link zum Video an einen Verteiler mit den Adressen von Journalisten. Die niederländische Nachrichtenagentur BNO berichtet, auch an ihre Adresse sei der Link gegangen. Fast drei Stunden später habe die Pressestelle eine weiter E-Mail hinterhergeschickt. Man würde die E-Mail mit der Betreffzeile "Caroline Glick und die Flotilla Band" gerne zurückrufen, hieß es darin laut BNO News.

"In keiner Weise die offizielle Politik des Staates Israel"

Weitere 20 Minuten später habe ein Mitglied des israelischen Presseamtes eine Stellungnahme veröffentlicht: "Wir haben heute versehentlich einen Videolink veröffentlicht, den wir erhalten hatten, der aber nur für unseren persönlichen Gebrauch und nicht für die allgemeine Veröffentlichung bestimmt war", hieß es darin laut BNO News. Regierungssprecher Efraim Roseman habe in der Stellungnahme betont, dass "der Inhalt des Videos in keiner Weise die offizielle Politik des Staates Israel, des Presseamtes oder irgendeiner anderen Regierungsbehörde widerspiegelt".

Pikant ist nicht nur die Tatsache, dass dem Presseamt dieser äußerst peinliche Lapsus passierte - pikant ist auch, welche Finanziers hinter Latma.tv stehen. Die Website, die regelmäßig ätzende Kritik an allem übt, was ihre Chefredakteurin Caroline Glick als "links" oder "antiisraelisch" betrachtet, wird von einem US-amerikanischen Think-Tank finanziert. Das "Center for Security Policy" (CSP) ist eine erzkonservative Organisation, die im eigenen Land beständig vor der "Bedrohung der USA durch die Scharia" warnt, vor "unangemessener internationaler Beeinflussung" der US-Politik und vor den Gefahren nuklearer Abrüstung.

Caroline Glick selbst eröffnet einen autobiografischen Abriss in ihrem Blog so: "Ich wuchs in Chicagos ultraliberaler, antiamerikanischer und antiisraelischer Hochburg Hyde Park auf. Hyde Parks neuester berühmter Bewohner ist Barack Obama. Er passt genau in dieses Viertel, das zu verlassen ich nicht erwarten konnte."

Glick zog Anfang der Neunziger aus den USA nach Israel, diente dort jahrelang in der Armee und war während dessen erster Amtszeit auch eine Zeitlang außenpolitische Beraterin von Premierminister Benjamin Netanjahu. Heute schreibt sie Kolumnen für die konservative "Jerusalem Post". Für das Center for Security Policy ist sie eigenen Angaben zufolge als "Forschungsbeauftragte für den mittleren Osten" tätig.

Die Aktion des israelischen Militärs gegen die Schiffe, die in internationalen Gewässern stattfand und bei der neun Passagiere der "Gaza Freedom Flotilla" ums Leben kamen, wurde von der internationalen Gemeinschaft mit Bestürzung aufgenommen. Israel begründet die Blockade mit dem Schutz vor Waffenschmuggel und Attentätern, die aus Gaza nach Israel kommen könnten. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon forderte Israel am Mittwoch auf, die Blockade des Gaza-Streifens umgehend aufzuheben. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich bereits ähnlich geäußert.

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Die Streitpunkte zwischen Israelis und Palästinensern
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Grenzen
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Palästinensische Politiker fordern, dass Israel sich aus den seit 1967 besetzten palästinensischen Gebieten zurückzieht. Das Westjordanland und Gaza sollen Staatsgebiet des unabhängigen Staates Palästina sein - mit der Hauptstadt Jerusalem.

Israel wäre wohl bereit, sich aus mehr als 90 Prozent des Westjordanlands zurückzuziehen und einen Kompromiss einzugehen: Israel behält die großen Siedlungsblöcke und entschädigt die Palästinenser dafür mit Land in der Wüste Negev, das an Gaza grenzt.
Rückkehrrecht der Flüchtlinge
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Israel soll das Recht auf Rückkehr der palästinensischen Flüchtlinge anerkennen, so wie es die Resolution 194 der Vollversammlung der Vereinten Nationen beschreibt. Wie das Recht praktisch umgesetzt wird, soll in einem bilateralen Abkommen geregelt werden.

Israel will das Recht auf Rückkehr nur für die Gebiete eines zukünftigen Staates Palästina in die Praxis umsetzen. Es soll keine Rückkehr in israelisches Territorium geben.
Verbindung zwischen Gaza und dem Westjordanland
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Die Palästinenser fordern einen Landweg zwischen den räumlich getrennten Territorien des Gaza-Streifens und des Westjordanlands, der vom Staat Palästina verwaltet und gesichert wird.

Israel will das Westjordanland und Gaza durch hohe Brücken oder Tunnel miteinander verbinden. Israel verwaltet und sichert den Verbindungsweg.
Jerusalem
REUTERS
Die Palästinenser wollen Ost-Jerusalem als Hauptstadt des zu gründenden palästinensischen Staates. Der gesamte Tempelberg würde dann vom Staat Palästina kontrolliert, nur die Klagemauer stünde weiterhin unter israelischer Hoheit.

Israel will die Mehrheit der palästinensischen Viertel Jerusalems vom Staat Palästina verwalten lassen, die jüdischen Enklaven in Ost-Jerusalem stehen unter israelischer Verwaltung. Beide Staaten kontrollieren den Tempelberg gemeinsam, möglicherweise mit internationaler Beteiligung.
Die Hilfsorganisation Free Gaza
Die Ziele
Die internationale Organisation Free Gaza will mit Hilfsgütern die palästinensische Bevölkerung des Gaza-Streifens unterstützen. Solidaritätsfahrten von Schiffen sollen auch öffentlichkeitswirksam auf die Blockade des Gebiets durch Israel hinweisen. "Wir wollen der Strangulation und dem Aushungern einer Bevölkerung von 1,5 Millionen Menschen nicht tatenlos zusehen", heißt es von der Organisation dazu.
Die Helfer
Free-Gaza-Spendensammlungen werden in Deutschland unter anderem unterstützt von der Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft, die kirchliche Friedensorganisation Pax Christi und dem Verein Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW). Mehrfach wurden Fahrten von "Solidaritätskonvois" mit Dutzenden bis Hunderten Aktivisten an Bord und prominenten Unterstützern organisiert.
Die Konvois
Im August 2008 erreichten laut Free Gaza zwei Schiffe mit Hilfsgütern im Wert von 200.000 Euro von Griechenland über Zypern Gaza. Im Oktober 2008 brachten 26 Aktivisten auf einem weiteren Schiff medizinische Hilfsgüter nach Gaza. Während des Gaza-Krieges endete eine Solidaritätsfahrt Ende Dezember 2008 kurz vor der Küste. Nach Angaben der Aktivisten wurde ihr Boot nach Schüssen vor den Bug von einem israelischen Kriegsschiff gerammt und zum Abdrehen gezwungen. Bei einem weiteren Versuch im Juni 2009 wurde ein Hilfsschiff vor Gaza abgefangen und in den israelischen Hafen Aschdod gezwungen.
Leben im Gaza-Streifen
Der Alltag der rund 1,5 Millionen Palästinenser in dem dicht bevölkerten Küstenstreifen am Mittelmeer ist seit Jahren von Gewalt und sozialer Not bestimmt. Die meisten Menschen sind auf internationale Hilfe angewiesen. Seit 2007 kontrolliert die radikal-islamische Hamas den Gaza-Streifen. Nach einem massiven Raketenbeschuss aus Gaza startete Israel im Dezember 2008 die dreiwöchige Militäroffensive "Gegossenes Blei", bei der nach palästinensischen Angaben mehr als 1400 Palästinenser getötet wurden. Israel erklärte den Gaza-Streifen zum "feindlichen Gebiet" und sperrte alle Zufahrten zu Lande und zu Wasser, was das Wirtschaftsleben weitgehend zusammenbrechen ließ.

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