Gehackter Mailserver NPD-Datenleck verärgert die Parteibasis

Mitglieder der rechtsextremen NPD sind entsetzt über eine neue Sicherheitslücke: 100.000 interne E-Mails wurden öffentlich. Sie zeigen, wie desolat die Finanzlage der Partei vielerorts ist - und dass sie es mit dem Deutschtum nicht so genau nimmt, wenn sich Geld sparen lässt.

NPD-Bundesvorsitzender Voigt in Berlin: "Nicht mehr sicher fühlen"
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NPD-Bundesvorsitzender Voigt in Berlin: "Nicht mehr sicher fühlen"


Berlin - Die Nachricht erwischte die rechtsextremistische NPD am Vorabend der Berliner Landtagswahl: Unbekannte Computeraktivisten hatten eigenen Angaben zufolge einen wichtigen Server gehackt, mehr als drei Gigabyte interne NPD-Daten abgesaugt und diversen Medien zugespielt. Der Cyber-Angriff auf die NPD war bereits der dritte in diesem Jahr und brachte die Rechtsextremisten, die von einem "Überfall" sprachen, in erhebliche Erklärungsnot.

An der rechten Basis sorgte das neue NPD-Leck für Entsetzen und Unverständnis. "Scheinbar haben unsere Gegner sehr leichtes Spiel im Abfangen unserer Daten", kommentierte ein User auf der Homepage des NPD-Bundesverbands. Ihn irritiere zudem der "verharmlosende Umgang" mit diesem "erneuten Skandal". Enttäuscht fragt er sich, "wie viele Austritte wir diesmal haben, weil sich unsere Mitglieder nicht mehr sicher verwaltet fühlen." Ein anderer schreibt empört: "Wenn es einmal gelingt, NPD-Seiten zu hacken, hat man noch Verständnis, passiert dies aber zum Xten Mal, wächst langsam der Ärger über so viel Fahrlässigkeit!"

Auch in anderen, einschlägigen Neonazi-Foren hagelte es wütende Kommentare über die "Inkompetenz" der NPD-Verantwortlichen. "Wer dieser Partei irgendwas glaubt" oder ihr "seine Daten anvertraut, muss leider erst persönlich auf die Nase fallen", heißt es da. Oder: "Das ist keine Trotteligkeit mehr", sondern "eine Gefährdung von Mitgliedern/Sympathisanten/Spendern". Ein Gesinnungsgenosse fragt sich ernüchtert: "Mal sehen, was da wieder ans Tageslicht befördert wird".

"Viel Glück und Sieg Heil!"

In der Tat ermöglichen die Mails mitunter tiefe Einblicke in das Innenleben der Partei. Annähernd 100.000 E-Mails, darunter allerdings auch etliche Spam-Nachrichten, fanden ihren Weg in die Öffentlichkeit. Die Datensätze aus den vergangenen drei Monaten liefern nicht nur Informationen über parteiinterne Planungen, sondern enthalten neben Korrespondenzen mit Darlehensgebern auch Spenderlisten und Protokolle von Treffen verschiedener NPD-Gliederungen. Betroffen von dem Datendiebstahl sind vor allem die Landesverbände Baden-Württemberg, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg sowie unzählige regionale Verbände aus Bayern. Volksverhetzende oder rassistische Ausfälle leisten sich die Funktionäre und Verbände - so legt eine erste Sichtung nahe - nicht. Deutlicher wird die Basis, so wünschte ein Sympathisant der Partei für die Wahlen in Berlin, "Viel Glück und Sieg Heil!".

Die Gefahr des ungeschützten Datenverkehrs - so geht aus den geleakten Mails hervor - war zumindest einigen braunen Kameraden durchaus bewusst. "Da der Server der Partei nicht sicher ist", so empfahl ein Rechtsextremist einem Gesinnungsgenossen, sei es "angebracht, die Korrespondenz nicht darüber zu führen". Auch in Sachsen-Anhalt sorgte der unbeschwerte Umgang mit einer internen NPD-Vorstandsliste, die genaue Angaben zu Funktionären des Bundeslandes enthält, für Ärger. "Ich finde es erschreckend, dass private Daten einfach so offen und unverschlüsselt rumgeschickt werden", monierte noch im Juli ein nationaler Funktionär. Ein anderer pöbelte: "Was denken die sich nur dabei - da können wir ja gleich jeder linken Sau einen Steckbrief von uns verpassen (...) Wenn überall so mit unseren Daten umgegangen wird, dann Prost Mahlzeit". Einsichtig zeigte sich am Ende die Verursacherin. "Ist mir schon klar, mach ich auch nicht wieder so (…) Zum Glück sind bisher von mir noch nie Mails geknackt worden, meine Mail-Adresse liegt auf einem anderen Server."

"Familie Rieger will 30.000 Euro plus Zinsen"

Einmal mehr beleuchten die E-Mails auch die offenbar desolate Finanzsituation der Partei. "Wir sind eigentlich pleite", heißt es in einer internen E-Mail aus dem Umfeld des thüringischen NPD-Landesverbands aus dem Juli 2011, "Familie Rieger sitzt uns im Nacken und will 30.000 Euro plus Zinsen haben".

Hintergrund ist ein Darlehen, das der im Oktober 2009 verstorbene NPD-Bundesvize einst für den Thüringer Landesverband besorgt hatte. Doch die Rückzahlung des Geldes, das offenbar gar nicht von Rieger selbst, sondern von Dritten stammte, bereitet den Rechtsextremisten anscheinend erhebliche Probleme. Da man 2009 den Einzug in den Erfurter Landtag verpasst habe, so schrieb der thüringische NPD-Landeschef Frank Schwerdt an ein Familienmitglied Riegers, schlage er nunmehr vor, dass "das Darlehen bis zum Februar 2015 zurückgezahlt wird". Das Mitglied der Familie Rieger mailte zurück, dass die von Schwerdt vorgeschlagenen Ratenzahlungen "für unsere Darlehensgeber leider nicht akzeptabel" seien. Schwerdt bestätigte gegenüber SPIEGEL ONLINE den Inhalt der Korrespondenz mit Riegers Familie. Inzwischen habe man sich jedoch auf eine Ratenzahlungslösung einigen können.

Doch auch kleinere Probleme - wie die Wartung eines verrosteten NPD-Parteibusses - ringen den Parteifunktionären mitunter Entscheidungen ab, die nicht so ganz zu ihrer offiziell vertretenen deutsch-nationalen Linie passen wollen. Für die Instandsetzung des Gefährts wählte man nämlich anscheinend keine deutsche Werkstatt, sondern wich kostengünstig in die Tschechische Republik aus. "Ich habe heute unseren Parteibus aus der Tschechei abgeholt", heißt es in einer NPD-Mail von Anfang August, "er sieht wieder richtig gut aus!"

Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE erklärte NPD-Sprecher Klaus Beier, dass die Partei sich "generell nicht zu Inhalten äußern" wolle, die "mit krimineller Energie entwendet" wurden. Auch, so Beier, könne man gegenwärtig "nicht beurteilen, ob alle Nachrichten authentisch" seien. Man werde Strafanzeige gegen unbekannt stellen und prüfen, wie die Sicherheitsvorkehrungen gegebenenfalls verbessert werden könnten. "Hundertprozentige Sicherheit", so Beier, könne jedoch "nicht gewährleistet" werden. Bereits am Wochenende hatte die NPD in einer Erklärung auf ihrer Homepage von "Angriffen linksextremistischer Krimineller" gesprochen und das Datenleck eingeräumt.

Die E-Mails zeichnen das Bild einer Partei, in der sich Auseinandersetzungen häufig um finanzielle Angelegenheiten drehen und normale Abläufe innerhalb einer politischen Organisation, wie das einfache Erstellen von Rechenschaftsberichten, immer wieder von der Parteispitze angemahnt werden müssen. In ihrer zuletzt veröffentlichten Vermögensbilanz für das Jahr 2009 wies die Partei ein Minus von 650.000 Euro aus.



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cosmo72 19.09.2011
1. Das war der Heribert Rech!
der hat der NPD (vorm Abgang wohl noch die laufende Fortzahlung) Mittel für die IT-Berater in Sachen Datensicherheit gestrichen! Er hatte ja sowas angekündigt: Bei einer CDU-Veranstaltung im Kreis Calw hatte Rech laut dem Schwarzwälder Boten gesagt: *"Wenn ich alle meine verdeckten Ermittler aus den NPD-Gremien abziehen würde, dann würde die NPD in sich zusammenfallen." * http://www.badische-zeitung.de/suedwest-1/npd-droht-der-finanzielle-ruin-x1x--12490997.html *Nu isches paschiert ...*
Heinz-und-Kunz 19.09.2011
2.
Zitat von sysopMitglieder der rechtsextremen NPD sind entsetzt über*eine neue Sicherheitslücke: 100.000 interne*E-Mails wurden öffentlich. Sie zeigen, wie desolat die Finanzlage der Partei vielerorts ist - und dass sie es mit dem Deutschtum nicht so genau nimmt, wenn sich Geld sparen lässt. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,787178,00.html
W wa was? Die böse NPD ist am Ende doch nur noch eine Partei die Wasser predigt und Wein trinkt? Ich bin erschüttert! Naja, zumindest ums Parteiverbot müssen die sich jetzt keine Sorge mehr machen. *lol*
Demosthenes, 19.09.2011
3. Vice Versa
Zitat von Heinz-und-KunzW wa was? Die böse NPD ist am Ende doch nur noch eine Partei die Wasser predigt und Wein trinkt? Ich bin erschüttert! Naja, zumindest ums Parteiverbot müssen die sich jetzt keine Sorge mehr machen. *lol*
Klingt hier eher umgekehrt: Wein Predigen und kaum Wasser zum Trinken. So scheint's!
Zavi85 19.09.2011
4. .
So so so. Da wird der Parteibus also in Tschechien repariert. Und was ist mit den deutschen Arbeitsplätzen die durch solche Aufträge verloren gehen. Das ist kein deutscher Zusammenhalt! p.s. Wer Sarkasmuss findet darf ihn behalten.
frankgraf 19.09.2011
5. Verharmlosung einer Straftat
Es ist interessant, daß hier eine Straftat verharmlost wird. Diebe haben der NPD Daten gestohlen und es wird nicht etwa eine Bestrafung des Diebes gefordert, wie es in einem wirklichen Rechtsstaat der Fall wäre. Es wird das Opfer - in dem Fall die NPD - auch noch verhöhnt und SPON macht sich zum Hehler, indem aus den gestohlenen Daten zitiert wird. Ist das seriöser Journalismus in der BRD? Ich fühle mich an den "Schwarzen Kanal" und die "Aktuelle Kamera" erinnert. Ferner werden Annahmen über die Reaktion der NPD-Basis getroffen. Kann SPON die Annahmen etwa durch eine Mitgliederbefragung belegen? Mir ist keine bekannt. Die Aussage, daß die NPD-Basis das Datenleck verärgert, kann höchstens auf die Diebe und die Systemmedien bezogen werden. Wann werden die Diebe eigentlich rechtmäßig bestraft?
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