SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

24. Oktober 2011, 14:25 Uhr

Geldsorgen

WikiLeaks stoppt Enthüllungen

Leere Kassen bremsen die Enthüller: WikiLeaks hat die Veröffentlichung von geheimen Dokumenten ausgesetzt. Das teilte Gründer Julian Assange mit. Man werde sich darauf konzentrieren, die eigenen Geldprobleme in den Griff zu bekommen.

London - Julian Assange wirkte nervös, verhaspelte sich. Seine Botschaft am Montag war kurz und ihm sichtlich unangenehm: Die Enthüllungsplattform WikiLeaks werde vorerst keine Geheimdokumente mehr veröffentlichen. Als Ursache nannte Assange Geldnöte, die man zunächst in den Griff bekommen müsse. Für die Geldprobleme machte er Finanzunternehmen wie Visa, PayPal, Mastercard und die Bank of America verantwortlich, die sich seit einem knappen Jahr weigern, Spenden an WikiLeaks weiterzuleiten.

Assange sprach vor Journalisten im Londoner Frontline Club, wo er bereits diverse Pressekonferenzen gegeben hat. Eigentlich steht er in England unter Hausarrest, während darüber befunden wird, ob er nach Schweden ausgeliefert wird. Dort liegen Vorwürfe gegen den WikiLeaks-Gründer vor, er habe zwei Frauen sexuell genötigt.

Assange zitierte Umfragen, denen zufolge WikiLeaks nach wie vor große Unterstützung genieße. Eine Handvoll Unternehmen in den USA würde jedoch 95 Prozent der weltweiten Spenden an die Plattform blockieren. Bis Mitte November erwarte er eine Antwort der Europäischen Kommission, bei der eine Beschwerde wegen der Spendenblockade eingereicht worden sei. Rechtliche Schritte gegen Unternehmen wie Mastercard, PayPal, Visa, Bank of America und andere sind derzeit nach Angaben von Assange in Island, Dänemark, Großbritannien, Brüssel, den USA und Australien im Gange. Diese Unternehmen hatten sich nach Veröffentlichung der ersten Botschaftsdepeschen aus Beständen des US-Außenministeriums geweigert, weiterhin Gelder an WikiLeaks weiterzureichen.

Derzeit ist WikiLeaks technisch gar nicht in der Lage, neue Einsendungen entgegenzunehmen. Das - angeblich - sichere Einsendungsssystem der Plattform soll der ehemalige WikiLeaks-Helfer Daniel Domscheit-Berg mitgenommen haben, als er im Streit von der Plattform schied. Assange kündigte nun an, am 28. November 2011 solle ein neues Einsendungssystem vorgestellt werden, das nicht auf sogenannte SSL-Verbindungen angewiesen sei. Diese seien "nicht sicher", die Sicherheitszertifikate ausstellenden Unternehmen "von Geheimdiensten unterwandert".

Optimistische Schätzungen über hypothetische Spenden

Man könne nur spekulieren, sagt der isländische Journalist und WikiLeaks-Aktivist Kristinn Hrafnsson, wie viele Spenden WikiLeaks einnehmen hätte können, hätte es die Blockade nicht gegeben. Nehme man den Tag nach der Veröffentlichung des "Collateral Murder"-Videos als Grundlage und multipliziere dies mit den 300 Tagen, die die Blockade schon andauere, kommen man auf eine Summe zwischen 40 und 50 Millionen Euro - eine äußerst optimistische Schätzung.

Assange sagte, wenn sich nicht neue Geldquellen erschließen ließen, werde man bei der derzeitigen Ausgabenlage höchstens noch bis Ende des Jahres weitermachen können. Per Überweisung kann man WikiLeaks nach wie vor Geld spenden - doch die Vertreter der Organisation sind der Meinung, dass der Wegfall anderer Möglichkeiten sie 95 Prozent aller möglichen Spendeneinkünfte gekostet habe.

WikiLeaks war in den vergangenen Monaten in erster Linie durch Skandale und Probleme aufgefallen. Assange und sein langjähriger Weggefährte Daniel Domscheit-Berg hatten sich schon im vergangenen Jahr zerstritten. Domscheit-Berg veröffentlichte später ein Buch, in dem er mit Assange hart ins Gericht ging, ihm Egomanie und mangelnde Sorgfalt im Umgang mit Daten und ihren Quellen vorwarf. Assange bezichtigte Domscheit-Berg im Gegenzug, mit Geheimdiensten und Polizeibehörden gemeinsame Sache zu machen.

Der Streit zwischen den beiden Männern führte auf Umwegen auch dazu, dass die gesamten Botschaftsdepeschen, die WikiLeaks aus den Beständen des US-Außenministeriums erhalten hatte, unredigiert an die Öffentlichkeit gelangten. Erst vor wenigen Tagen erschien eine "unautorisierte Autobiografie" Julian Assanges. Der schottische Verlag Canongate hatte das Buch gegen Assanges Willen veröffentlicht, nachdem er seine Zustimmung zu dem Projekt zurückgezogen hatte. Der Vorschuss in Höhe von angeblich über 400.000 Euro soll bereits in Honorare für Assanges Anwälte geflossen sein.

cis/ore/dapd

URL:

Mehr auf SPIEGEL ONLINE:


© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH