Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Geodatengesetz: Sammler, über die noch keiner spricht

Von und

Wer darf wann erfassen, wo man sich aufhält, wie man wohnt? Vertreter von Wirtschaft und Politik diskutieren in Berlin den Umgang mit Geodaten. Die beteiligten Minister sprechen vor allem über Street View - und verwechseln dabei allerhand.

Google Street View: Wie stark muss der Umgang mit Geodaten reglementiert werden? Zur Großansicht
DPA

Google Street View: Wie stark muss der Umgang mit Geodaten reglementiert werden?

Selten ist sich die Politik so einig wie beim Thema Geodaten. Im Streit über den Internetdienst Google Street View will die Bundesregierung vorerst nur besonders schwerwiegende Eingriffe in die Privatsphäre per Gesetz verbieten. Dazu zähle etwa die zielgerichtete Erstellung von Bewegungs- und Persönlichkeitsprofilen, sagte Bundesinnenminister Thomas de Maiziere nach dem Geodaten-Gipfel in Berlin. "Dann wäre die rote Linie überschritten." Einen Gesetzentwurf will der Minister bis zum IT-Gipfel am 7. Dezember vorlegen.

Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) verlangt im Interview mit dem Fachdienst "Legal Tribune Online", man müsse im Hinblick auf die Geodaten "schnellstmöglich zu einer umfassenden Reform des Bundesdatenschutzgesetzes kommen". Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) fordert im "Tagesspiegel": "Eine Selbstverpflichtung der Wirtschaft reicht aus meiner Sicht nicht aus".

"Es müssen auch Ergebnisse kommen"

Anlass für den Geodaten-Gipfel war die anhaltenden Diskussion über Googles Straßenbilderdienst Street View. Der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar mahnte im Vorfeld, das Treffen müsse konkrete Ergebnisse bringen. "Es darf nicht dabei bleiben, dass nur geredet wird", sagte Schaar der Nachrichtenagentur dpa. Leutheusser-Schnarrenberger warnte allerdings, eine gesetzliche Regelung dürfe "das enorme innovative Potenzial der digitalen Welt" nicht ersticken, müsse jedoch dem modernen Grundrechtsverständnis gerecht werden.

Sind Geodaten generell böse?

Aber was meinen die Minister eigentlich mit Geodaten? Die Aussagen klingen alle so, als sei ein Geodatendienst eine Landkarte mit Straßenfotos - Street View eben. Dabei gibt es eine Reihe neuer, nicht ganz so plakativ zu kritisierender Dienste, über die jeder nachdenken sollte, den Straßenpanoramen schockieren. Im Interview mit "Legal Tribune Online" deutet die Justizministerin das auch an. Google Street View sei sicher nicht das größte datenschutzrechtliches Problem, das größte Problem sei "die mögliche Verknüpfung der Datenberge, die Geodatendienste wie Google Street View anhäufen", erklärt sie.

Nun kann Google mit Street View gar nicht die Aufenthaltsorte einzelner Personen erfassen. Das wäre aber sehr wohl mit anderen Diensten möglich. Hier einige der Angebote, über die vor dem sogenannten Geodatendienste-Gipfel niemand spricht:

  • Apple nutzt über eine Funktion im iPhone-Betriebssystem die Telefone aller Kunden, um die Positionen von W-Lan-Hotspots und Mobilfunkmasten zu ermitteln und in einer Datenbank zu erfassen. Das Gerät überträgt die erfassten Positionsdaten alle zwölf Stunden an Apple, wenn eine verschlüsselte W-Lan-Verbindung aktiv ist. Die Software versieht die Daten laut Apple mit einer per Zufallsgenerator alle 24 Stunden neu erstellten Identifizierungsnummer, so dass sie nicht zu einem bestimmten Gerät oder Nutzer zurückverfolgt werden können. Gespeichert würden sie dann in einer sicheren Datenbank, auf die nur Apple zurückgreifen könne.

  • Mobilfunkunternehmen werten die Datenspuren von Handys schon lange aus - anonymisiert. Der Mobilfunkanbieter Vodafone übermittelt zum Beispiel in Deutschland und anderen EU-Staaten ständig Bewegungsprofile aus seinem Netz an den Navi-Hersteller TomTom zur Verbesserung des Stauprognose-Dienstes "HD Traffic". Persönliche Daten werden nicht weitergegeben. Für die Stauprognose ist es unwichtig, wer sich wo befindet. Wichtig ist allein die Information: Wo sich Handys auf den Straßen kaum bewegen, gibt es ein Problem.

  • Facebook wird wahrscheinlich noch irgendwann in diesem Jahr seinen Lokalisierungsdienst Places auch in Deutschland anbieten, der schon in Großbritannien und den Vereinigten Staaten verfügbar ist. Das Grundprinzip des Angebots ist nicht neu. US-Mitglieder von Facebook (und bald auch die anderen) können bei vielen Aktionen in der Community ab sofort ihren Standort mit angeben. Der Dienst ist zwar standardmäßig aktiviert - passieren kann dadurch aber nichts. Denn der Nutzer muss die Lokalisierungsfunktion aktiv bedienen. Wenn er das nicht macht, wird Facebook keine Standortinformation veröffentlichen. Hier steckt die Tücke im Detail: Wie muss Facebook diese Daten sichern? Wie müssen Menschen zustimmen, dass Dritte sie verorten? Sollte geregelt werden, ob jemand veröffentlichen darf, dass an einem bestimmten Ort eine private Feier stattfindet, ohne dass der Veranstalter zugestimmt hat?

Experten weisen schon seit langem darauf hin, dass die Politik sich Gedanken über die Ansprüche an die Anonymisierung von Handy-Bewegungsdaten machen müsse. Mobilfunkexperte Michael May, der am Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme (IAIS) neue Verfahren und Anonymisierung von Mobilfunkdaten untersucht, erklärte zum Beispiel im Sommer SPIEGEL ONLINE: "Die Hürden für eine genaue Verfolgung einzelner Nutzer und Nutzergruppen von Mobilgeräten werden in Zukunft nicht technische sein. Die Politik muss entscheiden, welche Auswertung zulässig und gesellschaftlich erwünscht ist."

Das Problem bei der Anonymisierung: Je größer die Datensätze sind, desto leichter kann man die Identität des Nutzers rekonstruieren. Wenn nur Name oder Gerätenummer durch Pseudonyme ausgetauscht werden, lässt sich anhand der Bewegungsmuster schnell herausfinden, wo der Nutzer arbeitet, lebt, wann und wo er Urlaub macht - das kann genügen, um einen Namen zuzuordnen.

Das alles ist ungleich komplizierter zu erklären als Googles Straßenpanoramen. Wahrscheinlich waren deshalb beim Spitzengespräch zu Geodatendiensten auch nur bebilderte Landkarten ein Thema - nicht die Umgebungsscanner, zu denen sich Smartphones inzwischen entwickelt haben. Was Street View mit "der zielgerichteten Erstellung von Bewegungs- und Persönlichkeitsprofilen" zu tun hat, wird das Geheimnis des Bundesinnenministers bleiben.

Mit Material von dpa/AFP/Reuters

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 34 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Wer kennt den Begriff noch: "vornehme Blässe"?
2cv 20.09.2010
War es vor Jahrhunderten noch Erkennungszeichen, die aristokratische oder vornehme Blässe als Zeichen der Trennung der arbeitenden Klasse von der elitären zu zeigen, so wird zukünftig die "digitale Blässe", also das Nicht-Sichtbar-Sein ein Gut sein, was teuer bezahlt werden will - und wird. Sich dieser aufkommenden digitalen Transparenz zu entziehen, wird nahezu unmöglich sein, oder einen solchen Aufwand bedeuten, der mit normalen Mitteln beinahe nicht zu machen ist.
2.
Marshmallowmann 20.09.2010
Bitte gesetzlich verbieten. Davon hat der Nutzer nämlich in 99,9% der Fälle nichts.
3. digitale Blässe
ginda 20.09.2010
Zitat von 2cvWar es vor Jahrhunderten noch Erkennungszeichen, die aristokratische oder vornehme Blässe als Zeichen der Trennung der arbeitenden Klasse von der elitären zu zeigen, so wird zukünftig die "digitale Blässe", also das Nicht-Sichtbar-Sein ein Gut sein, was teuer bezahlt werden will - und wird. Sich dieser aufkommenden digitalen Transparenz zu entziehen, wird nahezu unmöglich sein, oder einen solchen Aufwand bedeuten, der mit normalen Mitteln beinahe nicht zu machen ist.
Wenn Sie ihr Handy ausmachen, kein Internet aufrufen usw.. Also entweder im australischen Outback* oder in einem Keller hausen, dann könnte das was werden -- *Vorsicht, wenn Sie im australischen Outback von einem Touristen fotographiert werden. Die Bilder/Gesichterkennung in den Online-Fotoalben verknüpft sie sofort mit dem Klassenfoto das ein Bekannter von euch beiden hochgeladen hat.
4. Volksmusik
ginda 20.09.2010
Zitat von MarshmallowmannBitte gesetzlich verbieten. Davon hat der Nutzer nämlich in 99,9% der Fälle nichts.
@Marshmallowmann: Genau, bitte Volksmusik verbieten, und nur weil Sie nicht nutzen denken Sie das sowas nicht praktisch ist? Würden Sie zB nicht gerne wissen wo genau nochmal die Brücke auf ihrem Urlaubsfoto ist. Genau: Brücke auch verbieten.
5. Gesetzlich verbieten?
DrStrang3love 20.09.2010
Zitat von MarshmallowmannBitte gesetzlich verbieten. Davon hat der Nutzer nämlich in 99,9% der Fälle nichts.
Millionen Nutzer von Navigationsgeräten (s. das Vodafone-Beispiel im Artikel) werden vehement widersprechen. Ob man solche Dienste wie den von Facebook braucht - gut, das ist diskussionswürdig. Solange aber der Benutzer hier ausdrücklich auf das Sammeln solcher (in diesem Fall ja nicht anonymisierter) Daten hingewiesen wird und das Ganze unterbinden kann, sehe ich da kein wirkliches Problem. Ein Punkt im Artikel hat mich aber sehr gestört, weil er einen falschen Eindruck vermittelt: Das würde nur zutreffen, wenn der Benutzer immer dasselbe Pseudonym hat - was aber (wie beim Apple-Beispiel sogar explizit beschrieben) ausdrücklich nicht der Fall ist. Wenn das "Pseudonym" regelmäßig gewechselt wird, hat man auch bei noch so großen Datensätzen nur eine wirre Sammlung von Daten, die sich kaum in keinen sinnvollen Zusammenhang stellen lassen. Ergo lassen sich auch keine Rückschlüsse auf spezifische Benutzer ziehen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



W-Lan-Verschlüsselung
Warum verschlüsseln?
Da die Reichweite eines W-Lan-Netzes meist über den Bereich der eigenen Wohnung hinausgeht, ist eine Sicherung des drahtlosen Internetzugangs (Wireless Local Area Network, WLAN) unerlässlich. In einem Grundsatzurteil vom 12. Mai 2010 entschied der Bundesgerichtshof, dass Internetnutzer ihren W-Lan-Anschluss mit einem eigenen Passwort sichern müssen. Denn über ein ungesichertes Netzwerk können zum einen Unbefugte an die Daten und Dateien auf dem Computer des W-Lan-Besitzers gelangen - oder aber den drahtlosen Internetzugang nutzen, um damit Illegales zu tun, etwa urheberrechtsgeschützte Musik oder Filme herunterladen.
Veraltete WEP-Verschlüsselung
WEP steht für Wired Equivalent Privacy, wird manchmal fälschlicherweise auch mit Wireless Encryption Protocol übersetzt. Der Verschlüsselungsstandard stammt aus dem Jahr 1997 und gilt als hoffnungslos veraltet. Schon seit dem Jahr 2001 ist bekannt, wie sich WEP-Verschlüsselungen überwinden lassen, heute gibt es spezielle Software, mit der sich WEP-gesicherte Netze in Minuten knacken lassen.
WPA1 und WPA2
WPA steht für Wi-fi Protected Access. Der Verschlüsselungsstandard wurde eingeführt, um die wertlos gewordene WEP-Verschlüsselung abzulösen. Seit 2006 müssen neue Geräte mit Wi-fi-Zertifikat den Standard WPA2 beherrschen, weil auch WPA1 nicht mehr als sicher gilt. Heimanwender verwenden in der Regel den sogenannten Pre-Shared-Key-Modus (PSK). Dabei kommt ein 256 Bit langer Schlüssel zum Einsatz, der entweder in Form von 64 hexadezimalen Stellen oder in Form eines Passwortes mit einer Länge von 8 bis 63 ASCII-Zeichen eingegeben wird. Letzere Variante birgt eine Gefahr: Wird ein schwaches Passwort verwendet, kann auch eine WPA2-Verschlüsselung durch einfaches Ausprobieren geknackt werden. Ein gutes Passwort enthält möglichst viele unterschiedliche Zeichenarten, also Groß- und Kleinbuchstaben, Sonderzeichen und Ziffern. Regelmäßiges Wechseln der Passwörter erhöht die Sicherheit zusätzlich.
Weitere Schutzmaßnahmen
Zu empfehlen ist nebem dem Einsatz einer aktuellen Verschlüsselungs-Software auch, die Netzwerk-Identifikation des eigenen Routers zu ändern. Die sogenannte SSID ist bei vielen Router-Herstellern ein Standard-Begriff, es empfiehlt sich, Netzwerknamen (SSID) und das vorgegebene Verschlüsselungs-Passwort beim Einrichten zu ändern. Eine weitere Sicherungsmöglichkeit ist, dem Router genau anzugeben, welche Geräte über ihn online gehen dürfen. Dazu müssen die sogenannten MAC-Adressen aller Geräte im Haushalt im Router-Menü eingegeben und die entsprechende Beschränkung eingestellt werden.


Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Bei Amazon kaufen.
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: