Glasfaser-Ausbau Netzagentur bremst Telekom-Konkurrenten aus

Die Bundesnetzagentur gewährt der Deutschen Telekom den bevorzugten Zugriff auf die Verkabelung in Häusern. Die Glasfaser-Konkurrenten wittern Sabotage und befürchten Verzögerungen bei Gigabit-Anschlüssen.

Leerrohre für Glasfaserkabel
DPA

Leerrohre für Glasfaserkabel

Von Torsten Kleinz


570 Seiten stark und im Tonfall staubtrocken gehalten ist die Entscheidung, die die Beschlusskammer 3 der Bundesnetzagentur über die Feiertage an mehr als 20 Internetprovider verschickte. Das Dokument, in dem es über Neuerungen im "Standardvertrag über den Zugang zur Teilnehmeranschlussleitung" geht, hat es jedoch in sich. So verschickten die Verbände der Telekom-Konkurrenten, Breko und Buglas, eine wütende Presseerklärung, in der es unter anderem heißt: "Der Regulierer räumt mit seiner Entscheidung der Vergangenheit Vorfahrt gegenüber der Zukunft ein". Die Telekom erhielte ein "Quasi-Monopol" über die Verkabelung in Mehrfamilienhäusern.

Wie eigentlich ständig dreht sich der Streit um das Vectoring, beziehungsweise das Super-Vectoring der Deutschen Telekom. Mit dieser Technik hatte es der Bonner Konzern geschafft, aus dem betagten Kupferkabel-Netz noch bis zu 250 MBit pro Sekunde herauszukitzeln - solche Übertragungsgeschwindigkeiten waren vorher Glasfaseranschlüssen und TV-Kabel-Anbietern vorbehalten. Nachteil: Die Vectoring-Technik verträgt sich nicht mit anderen Sendesignalen.

Datenturbo kollidiert mit Datenturbo

Um möglichst viele Haushalte mit schnellen Internetanschlüssen versorgen zu können, hatte die Bundesnetzagentur der Telekom bereits 2013 und 2016 bevorzugten Zugriff auf die Tausenden, auf Gehwegen stehenden Verteilerkästen gegeben, so dass Konkurrenten nicht mehr parallel ihre eigene DSL-Infrastruktur darüber betreiben konnten. Mit der neuen Entscheidung stellt die Behörde klar: Auch bei den Kupferleitungen in den Häusern habe die Telekom als "marktmächtiger Betreiber" die "Funktionsherrschaft".

Allerdings haben die Glasfaser-Betreiber ihren eigenen Datenturbo namens "G.Fast" entwickelt, der derzeit deutschlandweit in vielen Häusern installiert wird. Die Technik verspricht Datenraten von einem Gigabit pro Sekunde auch für Privatkunden, obwohl die eigentliche Glasfaserverbindung für gewöhnlich nur bis in den Keller reicht (siehe Infokasten).

Glasfaser ist nicht gleich Glasfaser
FTTB - "Fibre to the building"
Der Glasfaserausbau in Deutschland schreitet voran. Die neue Netzanbindung in den Haushalten sieht jedoch nicht überall gleich aus. Die bisher gebräuchlichste Technik nennt sich FTTB - "Fibre to the building". Dabei werden die Glasfasern bis zu einem Übergabepunkt im Gebäude verlegt, meist in einem Technikraum im Keller. Von dort aus werden die Signale über die im Gebäude vorhandenen Kupferkabel bis in die Wohnungen verteilt.
FTTH - "Fibre to the Home"
Die nächste Ausbaustufe ist FTTH - "Fibre to the Home". Hierbei ersetzen Glasfasern das Kupferkabel auch auf den letzten Metern, die Kupferkabel im Haus werden damit unnötig. Über die neuen Datenleitungen können auch Telefon und TV-Angebote verteilt werden. Anschlüsse mit Bandbreiten von mehreren Gigabit pro Sekunde sind damit technisch möglich.
FTTC - "Fibre to the Curb"
Theoretisch zählt auch VDSL zu den Glasfasertechniken. Bei FTTC - "Fibre to the Curb" - wird das Glasfaserkabel aber nur bis zu einem Kabelverzweiger gelegt, der mitunter ganze Straßenzüge versorgt. Auch Kabel-TV-Anbieter legen in der Regel Glasfasern nicht direkt bis in die Gebäude. Sie profitieren aber von der deutlich höheren Übertragungskapazität der von ihnen verwendeten Koaxial-Kabel.

Als die Provider noch Anschlüsse mit maximal 100 MBit pro Sekunde vertrieben, kamen sich Glasfaser und DSL nicht in die Quere und konnten zumindest auf den allerletzten Metern parallel über die gleichen Kupferleitungen versandt werden, indem sie auf unterschiedlichen Frequenzbereichen sendeten. Wenn jedoch G.Fast und Super-Vectoring gleichzeitig verwendet werden, kollidieren die beiden Techniken. Bei den Glasfaseranschlüssen werden die Verbindungen deutlich langsamer, bei den DSL-Anschlüssen kann die Störung sogar zum Leistungsabbruch führen.

Kompromisslose Linie

Nach der neuen Entscheidung der Bundesnetzagentur dürfte die Telekom im Konfliktfall die Leitungen der Konkurrenten kappen, um die eigenen Kunden störungsfrei zu versorgen. In der Praxis wird dies jedoch eher nicht passieren. Stattdessen werden die anderen Provider ihre Technik so einstellen müssen, dass der DSL-Frequenzbereich der Telekom bei der Datenübertragung ausgespart wird. Die Folge: Statt einem Gigabit pro Sekunde erreichen die Glasfaser-Anbieter dann nur noch geringere Übertragungsraten, im schlimmsten Fall ist bei 400 bis 600 Megabit pro Sekunde Schluss. Für die Unternehmen, die sich schon auf die prestigeträchtige Vermarktung von Gigabit-Anschlüssen vorbereitet haben, ist das ein Rückschlag.

Die Telekom stellt sich auf den Standpunkt, dass sie die Vorrechte an den alten Kupferleitungen hat. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE erklärte ein Sprecher: "Es steht jedem Wettbewerber frei, eine Glasfaserleitung bis in den Haushalt des Endkunden zu verlegen." Das heißt, obwohl Telekom-Chef Timotheus Höttges in den vergangenen Jahren von dem harten Konfrontationskurs abgewichen und sogar Kooperationen mit der Glasfaser-Konkurrenz angekündigt hat, wird es bei der Inhausverkabelung keine Kompromisse geben. Auch auf die Bundesnetzagentur setzen die Konkurrenten wenig Hoffnung. Zwar soll die Entscheidung noch bis April überprüft werden, in Sachen Inhausverkabelungen scheint der Kurs der Behörde jedoch eindeutig.

Von Wohnung zu Wohnung

Glasfaser bis in jede Wohnung zu verlegen, ist jedoch für die Konkurrenten ein teures Unterfangen. So müssten sie nicht nur alle Kabelschächte öffnen, sondern auch die Anschlüsse in den Wohnungen austauschen - und dazu müssten sie Termine mit jedem einzelnen Mieter machen. Der ohnehin langsam fortschreitende Glasfaserausbau würde nochmal verzögert.

Mit der Nutzung des bereits verlegten Kupferkabels hingegen können sich Provider und Bewohner viel Aufwand sparen. Die neue Technik wird gewöhnlich im Keller des Hauses montiert. Der Mieter bekommt ein neues Modem oder einen neuen Router zugeschickt und schließt diesen im Idealfall ohne weitere Hilfe an.

Die neue Regulierungsentscheidung kommt Lokalprovidern wie Netcologne in die Quere, die seit Jahren intensiv in die Glasfaserverkabelung investieren und bereits mit der Vermarktung von Anschlüssen mit 500 Megabit pro Sekunde begonnen haben. Sie sehen in der Entscheidung einen Bremsklotz für den Ausbau ultraschneller Internetanschlüsse. "Die Telekom müsste Super-Vectoring gar nicht nutzen, um ihre Kunden zu versorgen", sagt Netcologne-Sprecherin Verena Gummich. Stattdessen könne der Bonner Konzern sich auf die von Netcologne installierte Technik aufschalten und damit auch von den höheren Geschwindigkeiten von G.fast profitieren. Entsprechende Verträge gebe es bereits seit 2012. Doch in diesem Fall wäre die Deutsche Telekom nur Gast im Kupfernetz - was der Konzern auf keinen Fall akzeptieren will.



insgesamt 17 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
patriae. 18.01.2019
1. typisch..
War klar.. Telekom behindert weiterhin den Ausbau des Neulands in Deutschland im 21. Jahrhundert. Horrende Preise, schlechter Service, aber Hauptsache alternativlos. Die Regierung sollte da langsam mal echt jenen Leuten auf die Finger klopfen. Mit einem Vorschlaghammer. Mehrmals. Es kann nicht sein das ich im Jahr 2019 nur DSL6000 geschaltet bekommen kann, mit Entertain das ich nicht will für 45 Euro im Monat. In Schweden bekommt man für 30 Euro mtl 10GB.
RGM 18.01.2019
2. Gleiche Lebensverhältnisse haben Vorrang
Für mich, der mit e i n s t e l l i g e n Megabitbandbreiten seinem Onlinejob nachgehen muss, sind auch 250 Megabit okay. Die Telekom ist der einzige Provider, der auch in der Provinz etwas tut. Das Mobilfunknetz wird von der privaten Telekom-Konkurrenz ebenfalls nicht ausgebaut, obwohl das technisch möglich wäre! (Ich habe nicht mal LTE.) Meine Meinung: Bevor die Metropolen Gigabit-Anschlüsse bekommen, sollte erst mal ganz Deutschland mit dreistelliger Megabit-Bandbreite ins Internet können. Von mir aus kann die ganze Privatisierung rückabgewickelt werden, wenn ich dafür mit dem Rest Deutschlands gleich gestellt bin.
berndjag 18.01.2019
3. 800m vom Verteiler Kasten weg in dem Glasfaser liegt
Und wir (zusammen mit 9 anderen Familien) haben satte 550kb/s...Und letze Woche im Zug Koblenz Venlo Richtung Amsterdam waren keine Telefongespräche länger als 3 Minuten ohne Unterbrechung möglich...Emails brauchten 10 Minuten bis das sie ausgingen...bis zu dem Moment wo ich in Venlo innden niederländischenZug stieg..freies Wlan..super Mobilfunknetz....diese Gigabit Fantasieen und das Ausbaugeschwafel vonnwegen 5G bringen mich immer wieder nur zum lachen...die kommen mir vor wie ein Elternkreis von Neugeborenen die die Kinder zum Triathlon anmelden und schon das Fahrrad und die Turnschuhe im Katalog aussuchen dabei krabbelt das Kind nicht mal auf dem Boden rum ohne dauernd auf der Nase zu liegen
7eggert 18.01.2019
4.
Es ist eine massive Falschdarstellung, daß der Zugriff für die Telekom bevorzugt würde, es ist vielmehr ein reservierter Frequenzbereich, der für JEDEN VDSL-Anbieter ein Aufrechterhalten des Angebots ermöglicht, und zwar genau dann, wenn hausintern der gleiche Klingeldraht für den einen "Glasfaser"-Anschluß verwendet werden soll, wie fürs DSL der anderen Mieter.
AmyYma 18.01.2019
5. Warum ...
... gibt es kein Gesetz, dass die anderen Provider die Infrastruktur z.B. der Telekom mieten können? Bzw. dass auch die Telekom die Infrastruktur der anderen Provider mieten kann? Egal, wer dann welche Technologie verlegt, jeder Provider kann dann sein "Produkt" damit vermarkten. Unverständlich, dass das heutzutage nicht machbar sein soll. Sicherlich wäre so ein Vermieten eines Anschlusses nicht ganz so umsatzbringend, wie der Direktverkauf an einen Kunden. Andererseits spart sich ein Anschluss-Vermieter Marketingkosten. Wir können in den Weltraum fliegen, aber bekommen sowas nicht auf die Reihe?!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.