Freiheit im Netz: Warum Googles Facebook-Kritik scheinheilig ist

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China, Iran, Facebook, Apple: Sie alle zählt Sergey Brin als Feinde des freien Web auf. Doch der Google-Mitgründer verschweigt, dass auch sein Konzern Geld damit verdient, Wissen zu monopolisieren.

Sergey Brin: Der Google-Mitgründer (hier mit Datenbrille) sorgt sich um die Netzfreiheit Zur Großansicht
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Sergey Brin: Der Google-Mitgründer (hier mit Datenbrille) sorgt sich um die Netzfreiheit

Hamburg - Sergey Brin sorgt sich um die Freiheit im Netz. Der Google-Mitgünder fürchtet, so erzählt er dem britischen "Guardian" jene "sehr mächtigen Kräfte", die "weltweit gegen ein freies Internet" auftreten. Einige der bösen Mächte benennt Brin im Interview: China, Saudi-Arabien, Iran, aber auch Facebook und Apple.

China und Apple? Brins Argumentation ist gar nicht so abwegig. Genauso hat vor gut zwei Jahren der Erfinder des World Wide Web Tim Berners-Lee die Gefahren für das freie Netz beschrieben. Drei große Gegner der Netzfreiheit machte er damals aus: Regierungen, die das Nutzungsverhalten ihrer Bürger überwachen, Internetprovider, die bestimmte Daten bevorzugt transportieren wollen, und große soziale Netzwerke, die Informationen horten und streng abgeschirmt vom Rest des Web Datenmonopole pflegen.

Es stimmt, dass Facebook sich über Like-Buttons, Kommentarfunktionen und Empfehlungskästen überall im Netz und in Apps breit macht, dort Informationen über Meinungsäußerungen, Vorlieben und Nutzungsarten seiner Nutzer sammelt und in Datenbanken hortet, die Facebooks Hoheit unterliegen.

Es ist allerdings bemerkenswert, dass ausgerechnet der Google-Mitgründer vor den Daten-Silos seiner Wettbewerber warnt, ohne die Rolle seiner eigenen Firma bei der Umgestaltung des Web zu thematisieren. Er beklagt, dass die Informationen in Apps von "Suchmaschinen nicht indexiert werden können". Das ist richtig. Und richtig ist auch, dass man von Facebook nicht einfach so eine Liste seiner Freunde in einem Standard-Format herunterladen kann, wie es bei Google+ möglich ist.

Google-Modell: Freies Web und exklusive Nutzungsdatenbank

Dennoch misst Brin mit zweierlei Maß. Seit Jahren ist eine Veränderung im Netz zu beobachten. Wenige Anbieter konzentrieren und parzellieren das Internet und erfinden es dabei neu. Und einer dieser wenigen globalen Netz-Giganten ist Google. Denn Google zieht aus der Nutzung seiner Suchmaschine eine Menge Informationen, die der Konzern in Daten-Silos hortet und exklusiv zur Werbevermarktung nutzt. Googles Geschäftsmodell beruht auf einem freien Web, aber auch auf einer Google-exklusiven Datenbank über Nutzer und Nutzung dieses Web - eine Datenbank menschlicher Absichten und Netzwerke, wie "Wired"-Mitgründer John Battelle solche Daten-Silos einmal nannte.

Google erkennt beispielsweise über Cookies, welche angeschlossene Seiten in seinem Werbenetzwerk von einem bestimmten Computer, Smartphone oder Tablet aus abgerufen worden sind. Google sortiert auf Basis dieser Informationen die einzelnen Rechner konkreten Interessenkategorien zu und kann so den Anzeigenkunden wertvolle Exklusivinformationen bieten, mit denen sich Werbung gezielt schalten lässt. Die Informationen teilt Google mit niemandem. Ebenso wenig verrät Google anderen Firmen, wie oft Menschen bei Google-Suchen zu bestimmten Suchbegriffen einzelne Treffer aufrufen und wie viel Zeit sie dann auf diesen Seiten verbringen.

Google macht sich breit

Google nutzt andere Daten und subtilere Methoden bei der Monopolisierung seines Wissens über das Web, Nutzer und Nutzung - doch die Auswirkungen sind dieselben, wie Brin sie nun bei Facebook und Apple kritisiert. Der Google-Mitgründer beklagt, es wäre heute in einem von Facebook dominierten Web unmöglich, noch einmal etwas wie Google zu schaffen: "Man muss nach deren Regeln spielen und die sind sehr restriktiv. Wir haben Google in einem offenen Web entwickelt, deshalb war es möglich, eine Suchmaschine zu schaffen."

Man muss einmal ketzerisch fragen: Wäre Facebook derart erfolgreich gewesen, hätte das Unternehmen ein völlig offenes Angebot ins Netz gestellt? Brin erwähnt nicht, dass Google seine Dominanz bei der Web-Suche nutzt, um auf vielen anderen Gebieten zu expandieren und Start-up-Unternehmen Konkurrenz zu machen:

  • Zu Googles Geschäft gehören inzwischen Betriebssysteme für Smartphones und Computer, Vertriebsplattformen für Software und Musik, Bezahlsysteme für Web-Dienste, soziale Netzwerke und Infrastruktur für Web-Anwendungen wie App Engine.
  • Bisweilen drängt Google die eigenen Dienste in den Vordergrund - so sollen Entwickler bei ihren Android-Apps bald Verkäufe und Zahlungen einzig über den hauseigenen Bezahldienst Google Wallet abwickeln.
  • Google ist längst nicht mehr ein Vermittler von Aufmerksamkeit im Web, der Konzern will mehr und mehr Aufmerksamkeit der Suchenden auf eigene Produkte lenken. Profile aus dem Netzwerk Google+ tauchen bei einigen Suchanfragen prominent in den Trefferlisten auf. Und bei immer mehr Anfragen zeigt Google inzwischen selbst die Antworten (Börsenkurse, Wetter, Kinoprogramm) an und hält die Nutzer im eigenen Angebot.
  • Google protokolliert anonymisiert bestimmtes Nutzerverhalten bei Gratisdiensten. Zum Beispiel bei Google Voice: Wenn die Google-Spracherkennung falsch interpretiert, was man sagte, kann man sie korrigieren. Die Korrekturen nutzt Google, um seine Spracherkennungsalgorithmen zu verbessern. All diese Informationen hat Google exklusiv - je mehr Anklang Googles Dienste finden, umso größer ist das Wissen zum Verbessern dieser und zur Entwicklung neuer Dienste, desto attraktiver werden wiederum die Angebote - ein Netzwerkeffekt.

Was Brin zum Google-Datensilo nicht sagt, steht in Googles neuer Datenschutzerklärung. Die erlaubt es dem Konzern, Nutzerdaten aus allen Diensten zu einem Super-Profil zu verknüpfen. Zu allen möglichen Zwecken:

"Wir nutzen die im Rahmen unserer Dienste erhobenen Informationen zur Bereitstellung, zur Instandhaltung, zum Schutz sowie zur Verbesserung dieser Dienste, zur Entwicklung neuer Dienste und zum Schutz von Google und unseren Nutzern. Wir nutzen diese Informationen außerdem, um Ihnen maßgeschneiderte Inhalte anzubieten - beispielsweise um Ihnen relevantere Suchergebnisse und Werbung zur Verfügung zu stellen."

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insgesamt 19 Beiträge
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1. Leider nicht verstanden...
seiplanlos 16.04.2012
Zitat von sysopAPChina, Iran, Facebook, Apple: Sie alle zählt Sergey Brin als Feinde des freien Webs auf. Doch der Google-Mitgründer verschweigt, dass auch sein Konzern Geld damit verdient, Wissen zu monopolisieren. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,827706,00.html
Das Problem das ich bei Facebook sehe ist, das man nicht ohne weiteres auf ein anderes System umziehen kann. Ich kann z.B. nicht einfach von Facebook auf FreundeVZ oder Stayblue umziehen ohne dabei die vernetzung zu meinen Freunden zu verlieren. Wenn ich von einem Email Client auf einen anderen Wechsle geht so etwas. Keiner meiner Freunde merkt, das ich jetzt den Google Client im Browser nutze und nicht mehr Thunderbird. Die Schnittstelle dazwischen ist offen. Ein ähnliches Problem besteht übriegens auch bei Messangern jenseits von Jabber.
2. Facebook ist ein soziales Netzwerk
hk1963 16.04.2012
Google sieht das ganze Internet als soziales Netzwerk, aus dem sich Information destillieren läßt. Da gefällt es natürlich nicht, wenn sich immer mehr Daten und Benutzeraktivitäten Googles Zugriff entziehen.
3. Absurdistan - Einwohner: Konrad Lischka
Stelzi 16.04.2012
Wieso sollte Google die Daten die es sammelt mit anderen teilen? Jeder Konkurrent kann diese Daten selbst sammeln - und tut dies auch. Googles Arbeitsfeld ist das Web. Jeder Konkurrent beackert dasselbe Feld. Man muss sich auch nicht bei jedem Google Dienst anmelden um ihn zu nutzen. Und für jeden gibt es mehrere Alternativen. Auch muss ich als Webseitenbetreiber nicht mit Google AdSense werben. Auf meiner Seite kann ich tun was ich will. Dagegen ist Facebook ein Facebook Club - ich muss Facebook nutzen um Facebook zu nutzen - leuchtet doch ein. Sogar um nur die Seite eines Facebook Nutzer anzusehen. Andere Firmen dürfen nur Mehrwert für Facebook schaffen, aber nicht wirklich mitspielen.
4. Die offensichtliche...
Riipa 16.04.2012
Zitat von StelziWieso sollte Google die Daten die es sammelt mit anderen teilen? Jeder Konkurrent kann diese Daten selbst sammeln - und tut dies auch. Googles Arbeitsfeld ist das Web. Jeder Konkurrent beackert dasselbe Feld. Man muss sich auch nicht bei jedem Google Dienst anmelden um ihn zu nutzen. Und für jeden gibt es mehrere Alternativen. Auch muss ich als Webseitenbetreiber nicht mit Google AdSense werben. Auf meiner Seite kann ich tun was ich will. Dagegen ist Facebook ein Facebook Club - ich muss Facebook nutzen um Facebook zu nutzen - leuchtet doch ein. Sogar um nur die Seite eines Facebook Nutzer anzusehen. Andere Firmen dürfen nur Mehrwert für Facebook schaffen, aber nicht wirklich mitspielen.
Die offensichtliche Anti-Google-Agenda von SPON und Lischka kann man nur durch die Verlagsbrille nachvollziehen. Siehe auch: Google - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten (http://www.spiegel.de/thema/google/) Aber bei der allgemein etwas seichten Masse der Forennutzer kommt das ja offenbar gut an.
5.
wobbitwz 16.04.2012
Google verrät nicht, mit welchen Suchbegriffen Menschen auf bestimmten Webseiten landen? Klar machen die das. Jeder kann Googles Analytics Tool auf der eignen Webseite unterbringen und sieht dann sehr genau wer, wie und warum auf der Webseite landet. Das geht auch ausser dem Webadmin und Google niemand anderen etwas an...
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Suchfunktionen: So verleibt sich Google die Welt ein
Marktanteile der Tech-Riesen
Suchmaschinen (Desktop)
Google 75,68%
Baidu 11,95%
Yahoo 5,92%
Bing 4,24%
Stand: Februar 2012, Quelle: Net Applications
Suchmaschinen (Mobil)
Google 88,35%
Yahoo 6,63%
Baidu 3,34%
Bing 1,08%
Stand: Februar 2012, Quelle: Net Applications
Browser (Desktop)
Microsoft Internet Explorer 58,35%
Firefox 23,72%
Chrome (Google) 11,50%
Safari (Apple) 4,15%
*weltweiter Marktanteil, erhoben auf der Webbrowser-Angabe, Stand: Januar 2012, Quelle: Net Applications
Browser (Mobil)
Safari (Apple) 54,03%
Opera Mini 21,42%
Android Browser 12,74%
Symbian 6,89%
*weltweiter Marktanteil, erhoben auf der Webbrowser-Angabe, Stand: Januar 2012, Quelle: Net Applications
Betriebssysteme (Desktop)
Windows 91,92%
Mac 6,92%
Linux 1,16%
*weltweit, erhoben auf der Webbrowser-Angabe zum user-agent Stand: Februar 2012, Quelle: Net Applications
Betriebssysteme (Mobil)
Android (Google) 49,7
iOS (Apple) 30,1
Symbian 6,9
RIM 2,1
Nokia 1,8
andere 9,4
Marktanteil an Smartphone-Betriebsystemen im März 2011 in Deutschland (%). Quelle: InMob Mobile Insights, Basis der Auswertung sind 518,7 Millionen inMobi-Werbeeinblendungen auf Mobilgeräten in Deutschland im März 2011 und 470,3 Millionen Werbeeinblendungen im Januar
Werbung
Umsatz gesamt* Umsatz Google* Anteil Google (in %)
Internet 72,842 36,531 50,15
Magazine 43,122 0
TV 184,29 0
Zeitungen 91,495 0
gesamt 458,385 36,531 7,97
*Werbeumsätze 2011, weltweit in Mrd. Dollar, veröffentlicht von ZenithOptimedia 15. März 2012, Googles Werbeumsatz im Jahr 2011
Webnutzer
Angebot Unique Visitors (Mio.) Ø-Stunden
Webnutzer gesamt 366,8 26,75
Google 333,4 3.,14
Microsoft 270,8 3,22
Facebook 240,0 5,43
Wikimedia 161,3 0,22
Yahoo 141,0 1,23
eBay 107,6 0,99
Amazon 91,4 0,27
Top 30 Online Portale in Europa nach Gesamtzahl der Unique Visitors. Mai 2011, Internetnutzer in Europa, Alter 15+, Zuhause und am Arbeitsplatz; Quelle: comScore Media Metrix

Online-Nutzung in Deutschland (1997-2011)
Jahr 1997 2005 2006 2011
gelegentliche Onliner in Millionen 4,1 37,5 38,6 51,7
% der Bevölkerung 6,5 57,9 59,5 73,3
% der Männer 10 67,5 67,3 78,3
% der Frauen 3,3 49,1 52,4 68,5
Quelle: ARD/ZDF-Onlinestudien


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