Google-Pläne: Netz-Gigant will das Zwei-Klassen-Internet

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Nun also doch: Internetriese Google gibt den Grundsatz auf, Datenverkehr müsse im Internet gleichbehandelt werden. Die seltsame Argumentation des Konzerns: Das Prinzip der Netzneutralität sei ein Segen für das kabelgebundene Netz - aber bei Funkverbindungen nicht.

Google-Chef Eric Schmidt: "Dem offenen Internet verpflichtet" - manchmal Zur Großansicht
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Google-Chef Eric Schmidt: "Dem offenen Internet verpflichtet" - manchmal

Google stellt die Gleichberechtigung der Datenströme im Internet in Frage. Diese ungewöhnliche Erklärung gab Google-Boss Eric Schmidt in einer Telefonkonferenz mit dem Chef des US-Telekommunikationsriesen Verizon ab. Die Begründung dieser Meinungsänderung liefert Google Chef-Lobbyist Alan Davidson im Firmenblog. Davidson lobt das Prinzip der Netzneutralität. Die Architekten der Internet-Infrastruktur hätten einiges richtig gemacht: "Indem sie das Netz offen gestalteten, haben sie den größten Marktplatz für Ideen in der Geschichte geschaffen."

Der hier ganz kurz mit "offen" angedeutete Grundsatz der bisherigen Netz-Infrastruktur bedeutet, dass Netzanbieter die Datenpakete zwischen allen Internetteilnehmern gleichberechtigt übermitteln, kein Anbieter bevorzugt wird und höhere Bandbreiten erhält. Wenn es eng wird, sinkt die Übertragungsgeschwindigkeit für alle. Dieses Prinzip wird als Netzneutralität bezeichnet.

Keine Netzneutralität für neue Dienste

Das solle auch alles so bleiben, argumentieren Google und Verizon - allerdings nur im kabelgebundenen Netz. Da solle sich kein Anbieter schnellere Übertragung erkaufen können. "Das nächste YouTube, das nächste soziale Netzwerk braucht ein offenes Internet", sagte Google-Chef Schmidt in der Telefonkonferenz. Nur dank der Gleichberechtigung aller Teilnehmer habe das Internet in der Vergangenheit überhaupt einen derartigen Erfolg haben können.

So weit, so gut. Für neue Dienste sollen diese Grundregeln, die laut Google und Verizon ja so wunderbar funktioniert haben, aber nicht gelten. Warum das bei neuen Diensten anders sein soll als bei bisherigen Angeboten im Internet, führen die Konzerne nicht aus. Sie formulieren in ihrem bizarrerweise "Ein gemeinsamer Regulierungsvorschlag für ein offenes Internet" betitelten Text aber zwei bedeutende Ausnahmen für diesen Grundsatz der Offenheit.

Zum einen sollen "zusätzliche Online-Dienste" von dem Prinzip der Gleichbehandlung ausgenommen sein. Bei solchen neuen Angeboten sollten die Telekommunikationsfirmen mit Inhalteanbietern zusammenarbeiten dürfen, um der "Innovation" willen. Zusammenarbeit kann hier auch Vorfahrt im Datennetz bedeuten. Welche Dienste das sein könnten? Da bleibt der Text vage, als Beispiele werden "neue Unterhaltungs- und Spielformate" erwähnt, aber natürlich auch "fortschrittliche Bildungsdienstleistungen, Gesundheitsdienste, intelligente Stromnetze ('smart grid')".

"Stellen Sie sich vor, die New Yorker Oper wollte alle ihre Aufführungen übers Internet übertragen, in 3D", versuchte Verizon-Chef Ivan Seidenberg bei der Telefonkonferenz mit Eric Schmidt ein Beispiel zu geben. Im Prinzip könnte in Zukunft also eigentlich alles vom Prinzip der Netzneutralität ausgenommen sein - natürlich sollten Regulierungsbehörden darüber wachen, dass diese Privilegien nicht zum Nachteil der Konsumenten missbraucht werden.

Im Funk-Internet sollen einige Anbieter Vorfahrt haben

Die zweite große Ausnahme vom Grundsatz der Netzneutralität wünschen sich Google und Verizon im Mobilfunkbereich. Immer wenn Daten nicht durch Kabel, sondern per Funk übertragen werden, sollten die Telekommunikationsanbieter entscheiden dürfen, was wie schnell wohin gelangt. Warum? Weil dieser Markt "heftiger umkämpft ist und sich schnell wandelt".

Sollten Google und Verizon mit diesem Vorschlag bei den Regulierern durchkommen, dürfte das die Internetnutzung mittelfristig erheblich beeinflussen. Schließlich verlagert sie sich immer mehr auf mobile Geräte wie Smartphones und Tablets. Google investiert in den Mobilmarkt, die Marktanteile des Google-Betriebssystems Android bei Smartphones steigen. Laut dem britischen Marktforschungsunternehmen Canalys wurden im zweiten Quartal 2010 weltweit 63 Millionen Smartphones verkauft - Android-Geräte haben Canalys zufolge daran einen Anteil von 17 Prozent und damit mehr als Apple (13 Prozent). Der Android-Anteil sei im Vergleich zum Vorjahr um 886 Prozent gewachsen.

Google ist auf dem Mobilmarkt also nicht nur ein reiner Inhalteanbieter. Wenn die Grundlagen der Netzneutralität beim Funknetz nicht gelten sollen, wird Google wohl kaum wollen, dass die eigenen Android-Geräte und Mobildienste zu den Benachteiligten gehören.

Welche Folgen die gemeinsame Erklärung von Google und Verizon für Kunden und das Netz hat, ist derzeit nicht abzuschätzen. Nur weil zwei große Unternehmen sich auf eine gemeinsame Linie verständigen, werden die Regulierungsbehörden diese Meinung nicht zwangsläufig übernehmen.

Ein Kompromiss der Netz-Giganten

Sollte der Grundsatz der Netzneutralität aber in Teilbereichen aufgeweicht werden, könnte das irgendwann ganz einfach bedeuten, dass bestimmte Angebote schneller sind - zum Beispiel Videos, die man über Mobiltelefon bei YouTube aufruft. Wie solche bevorzugten Anbieter die Telekommunikationsfirmen für diese Bevorzugung entschädigen, ist offen. Vielleicht mit einer Beteiligung an den Werbeeinnahmen? Vielleicht mit Zahlungen? Es könnte auch sein, dass Kunden für bestimmte Internetdienste zusätzlich zahlen müssen. In Deutschland müssen zum Beispiel Kunden, die den internetbasierten Telefonservice Skype auf ihrem Mobiltelefon im Netz der Telekom nutzen wollen, in den meisten Tarifen 15 Euro extra im Monat zahlen.

In Deutschland ist die Debatte noch nicht so akut wie in den Vereinigten Staaten. Die Bundesregierung setzt auf die Selbstregulierung des Marktes. So heißt es im Koalitionsvertrag: "Wir vertrauen darauf, dass der bestehende Wettbewerb die neutrale Datenübermittlung im Internet und anderen neuen Medien (Netzneutralität) sicherstellt, werden die Entwicklung aber sorgfältig beobachten und nötigenfalls mit dem Ziel der Wahrung der Netzneutralität gegensteuern."

Die Einigung zwischen Google und Verizon nutzt auf den ersten Blick vor allem dem Telekommunikationsunternehmen. Sollten die vorgeschlagenen Regulierungsgrundsätze angenommen werden, hat Verizon mehr Verhandlungsmacht gegenüber Inhalteanbietern. Bei den Anwendungen, wo Netzneutralität nicht gewährleistet sein muss, können die Telekom-Firmen neue Geschäftsmodelle erproben. Warum Google diese Position unterstützt, ist nicht so eindeutig zu erklären.

Womöglich sucht der Konzern einfach einen Kompromiss mit den mächtigen Telekommunikationskonzernen, auf die das Unternehmen angewiesen ist: In einigen Bereichen gilt Netzneutralität weiter. Das hilft Google, weil da für Dienste mit hohem Datenaufkommen wie YouTube keine Verhandlungen nötig sind. In anderen Bereichen wie Mobildiensten können im Gegenzug die Telekommunikationsfirmen ihre Interessen durchsetzen.

Wie Google-Chef Schmidt bei der Telefonkonferenz sagte. "Wir sind aufeinander angewiesen".

mit Material von apn und dpa

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Warum nur?
zdys 10.08.2010
Google dürfte sich da dem Zwang der Telekommunikaitonsunsternehmen beugen müssen die Ihre Pfründe davon schwimmen sehen - wer braucht schliesslich noch eine Telefonnummer wenn man das Gleiche via Skype umsonst erledigen kann - Flatrate Olé. Das Hindernis der Legitimität derlei Handelns dürfte in einem geheimen Zensurbeschluss mit den jeweiligen Staaten erreicht werden - Ihr dürft eure Bezahlinhalte priorisiert Streamen - sprich alles Andere leidet darunter oder geht gar nicht - und wir dürfen dafür bestimmen was auf gar keinen Fall über das Netz geht. Dieser Argumentationskette dürfte der Bürger nichts entgegenzusetzen haben - wie auch?
2.
Hador 10.08.2010
Man muss da IMO ganz klar zwischen den beiden Punkten unterscheiden. Der erste Punkt, dass neue Anwendungen nicht zwangsläufig gleiche Priorität bekommen wie alte ist in gewisserweise nachvollziehbar. Die immer weiter steigende Anzahl von Video- und inzwischen auch 3D-Anwendungen hat den Datenverkehr in den letzten Jahren explodieren lassen. Setzt sich dieser Trend fort (was fast zwangsläufig der Fall sein wird) dann werden die Netzbetreiber bald Probleme haben die aktuellen Übertragunsraten aufrechtzuhalten. Hier ist eine gewisse Regulierung fast unumgänglich. Beim zweiten Punkt trifft dies in gewisser Weise sicherlich auch zu, aber hier schielen Google und Verizon IMO deutlich mehr aufs Geld der Kunden als auf die schiere Notwendigkeit. Wenn man für Smartphones und WiFi-Verbindungen Prioritäten einführt lässt sich für Firmen wie Google und Verizon ganz einfach Geld verdienen. Die einfachste Methode wären hier Datentarife für den Mobilfunk, deren Preise nach Netz-Priorität gestaffelt sind.
3. Bevormundung der Kunden
bantam111 10.08.2010
Als Kunde für das Internet bezahle ich mit der Flatrate die entsprechende Nutzung. Was soll daran kundenfreundlich sein, wenn der Netzbetreiber mit einigen Anbietern Vorrangfunktionen einbaut? Ich bezahle, also möchte ich das was ich mir dafür angucken will auch schnell bekommen. Wenn ich mit dem Zug fahre, muß ja auch derjenige den ich besuche nicht dafür bezahlen, daß ich den ICE nehme und schneller da bin. Vielmehr entscheide ich mich ob ich den teureren ICE oder den billigen Regionalzug nehme. Genauso ist es mit dem Internetanschluß. Wenn ich einen schnellen Anschluß nehme (z.B. VDSL) sollte nicht irgendwer den Verkehr verlangsamen wenn ich an meinen Wunschinhalt herankommen will, nur weil derjenige nicht nochmal bezahlt. Ich hoffe die Kunden wechseln dann massenhaft zu einem anderen Provider, der die Drosselung nicht vornimmt.
4. Minimal transparenten
frank_lloyd_right 10.08.2010
Zitat von zdysGoogle dürfte sich da dem Zwang der Telekommunikaitonsunsternehmen beugen müssen die Ihre Pfründe davon schwimmen sehen - wer braucht schliesslich noch eine Telefonnummer wenn man das Gleiche via Skype umsonst erledigen kann - Flatrate.....
...Achtsilbern wie "Argumentationskette" hat der Bürger an sich schon kaum was entegenzusetzen. Klar machen die das, und endlich sind die ewigen Gratisinhalte aus dem Netz ! Eine Jubelrevolution für DIE GUTEN a la ÄppelGoogle. Und es ist relativ elegant gelöst - ist ja nicht so, als wenn die 5000 Topfsellerfirmen der Welt jetzt sagen - okay, wir kaufen das Netz einfach. Parallel dazu gibt es dann evtl. noch das gratischatnetz, in dem gar nichts angeboten wird, wo die Bürger sich nur so endlos anblahen, wie sie das sonst auch gewohnt sind. Der Bürger hatte ja auch nichrs einzuwenden, hat es nicht mal gemerkt, als all die kleinen Lebensmittelerzeuger aus den Läden verschwanden - die namen blieben ja gleich, und was eine Firma ist, weiß nur etwa jeder Vierte. und wer *hätte* schon etwas gesagt außer "Is micht doch egal !" Daß ein ehemaliges Familienunternehmen jetzt KraftNestleMasterfoods gehört, wer kriegt das mit ? So wird´s dann auch im Werbe-, äh, Web 3.0 sein.
5. Sucht
Europa! 10.08.2010
Den Internet-Usern wird es auf die Dauer wie allen Süchtigen ergehen: Erst werden sie angefixt, dann ausgebeutet.
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Netzneutralität - Gleiches Recht für alle Daten
Wofür steht Netzneutralität?

Ob YouTube-Video oder Nachrichten von SPIEGEL ONLINE, ob World of Warcraft oder BitTorrent: Neutrale Netze leiten alle Inhalte durch, ohne nach der Herkunft der Datenpakete zu fragen. Die Netzbetreiber, darunter vor allem die großen Telekommunikationsunternehmen, kontrollieren nicht, welche Inhalte unterwegs sind. Ebenso wenig bremsen sie bestimmte Daten aus - etwa Filme aus Tauschbörsen, die oft mehrere Gigabyte groß sind.

dpa
Was spricht für Netzneutralität?

Befürworter sehen in neutralen Netzen eine Voraussetzung für den Wettbewerb - und der dient dem Verbraucher. Das wird an einem Negativ-Szenario deutlich: Was wäre etwa, wenn ein Provider mit einem Online-Kaufhaus kooperiert und dessen Konkurrenten ausbremst? Oder wenn nur eine Suchmaschine zugelassen wäre? Außerdem gilt das Prinzip als Garant für Innovationen. Weil die Kosten für ein digitales Kaufhaus, Blog oder Web-2.0-Portal vergleichsweise niedrig sind, versuchen Jahr für Jahr Tausende Unternehmer ihr Glück. Viele scheitern, einige schaffen es. Auch heutige Größen wie Google, Amazon und Facebook fingen klein an.

dpa
Warum gibt es Bedenken?

Der Verkehr auf der Datenautobahn wächst durch Videos, Internet-TV und das Telefonieren im Netz (VoIP) rasant - so sehr, dass es ohne Regulierung bald einen Mega-Stau geben könnte. Schon heute betreiben Telekom, Vodafone und andere daher ein Netzwerkmanagement, um die verfügbare Bandbreite sinnvoll zu nutzen.

dpa
Wer ist gegen Netzneutralität?

Vor allem die Netzbetreiber fordern eine Abkehr vom Prinzip in seiner Reinform. Ihr Argument: Wer die Leitungen besonders stark in Anspruch nimmt, soll auch mehr zahlen. Bei der Deutschen Telekom und dem spanischen Pendant Telefónica ist etwa zu hören, dass sie beispielsweise den Internet-Giganten Google gerne zur Kasse bitten würden. Darüber hinaus böten sich ihnen neue Geschäftsmodelle, etwa durch differenzierte Tarife: Nutzer, die große Datenmengen saugen, zahlen mehr als Gelegenheitssurfer.

dpa
Gibt es schon nicht neutrale Netze?

Aber sicher: Das Paradebeispiel sind die Mobilfunknetze. So blockieren etliche Anbieter den Dienst Skype oder verlangen dafür einen Zuschlag - die Software für Internet-Telefonie schadet dem eigenen Geschäftsmodell.

dpa


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