S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine: Was Bettina Wulff mit Mettigeln verbindet

Eine Kolumne von Sascha Lobo

Aus "be" wird "bettina wulff prostituierte" - Googles Suchvorschläge beeinflussen das Weltbild seiner Nutzer. Spätestens mit Wulffs Klage gegen den Konzern wird deutlich: Wir brauchen Transparenz, was Suchergebnisse und Algorithmen angeht.

Im Jahr 2012 ist es an der Zeit, endlich einer digitalen Wahrheit ins Gesicht zu blicken, wie sie in dieser Form noch niemand ausgesprochen hat: Deutschland interessiert sich für Schmuck im Mettigel-Design. Genauer gesagt für Broschen im Mettigel-Design.

Dieser Umstand mag seltsam wirken, was daran liegt, dass er ausgesprochen seltsam ist - aber er entspricht der Realität. Jedenfalls dann, wenn man die Algorithmen von Google als Maßstab für die Realität betrachtet. Wenn ein Netznutzer in Deutschland in den Suchschlitz eingibt "mettigel b", dann ergänzt die Suchmaschine automatisch den Suchvorschlag "Mettigel Brosche". Diese selbsttätige Ergänzung (Autocomplete) seitens Google funktioniert nach Aussage des Unternehmens hauptsächlich durch die Beliebtheit eben dieser Suchanfrage - und das wiederum kann nur heißen, dass die Suche nach Mettigel-Broschen beliebt ist. Man muss kein vegan lebender Anhänger von Adolf Loos ("Ornament und Verbrechen") sein, um der von Google unterstellten Beliebtheit von Mettigel-Broschen kritisch gegenüberzustehen.

Die Suchergebnisse und Ergänzungsvorschläge von Google sind derzeit Gegenstand mehrerer unterschiedlicher Kontroversen um das Internet: Der Streit um das Leistungsschutzrecht handelt davon, es gibt eine schon länger schwelende Debatte um die Auffindbarkeit von urheberrechtsverletzenden Seiten und nun klagt Bettina Wulff gegen Googles Autocomplete-Funktion, die ihren Namen in herabwürdigender Weise ergänzt. Das Unternehmen selbst erklärt im Zusammenhang mit dem Fall Wulff die Autocomplete-Funktion als "das algorithmisch erzeugte Resultat mehrerer objektiver Faktoren". Konrad Lischka hat treffend ausgeführt, dass nicht nur angeblich objektive Faktoren dabei eine Rolle spielen, sondern auch Lobbyeinflüsse. Der Juraprofessor Henning Müller hat schon Anfang 2011 darüber geschrieben, wie Suchmaschinen eine Art Kriminalprävention betreiben, weil zum Beispiel das Wort "Bombe" nicht automatisch ergänzt wird.

Es gibt keine neutralen oder objektiven Suchergebnisse

Den entscheidenden Satz aber hat der Literaturwissenschaftler und Texttechnologe Benjamin Birkenhake geschrieben: "Hinter jeder Zeile Code steckt im Zweifel eine Agenda ." Technologie im Allgemeinen und das Netz im Besonderen sind vollständig ausgedacht. Das Internet hat keinen Naturzustand, es ist ein durch und durch menschliches Konstrukt. Jeder Pixel, jedes Bit ist an seiner Stelle, weil irgendjemand es so wollte (oder die technischen Konsequenzen nicht ganz überblickt hat). Deshalb gibt es schlicht keine neutralen oder objektiven Suchergebnisse - höchstens solche, deren Einflüsse selbst dem Schöpfer der Suchalgorithmen verborgen sind. Es ist aber ohnehin eine Unverschämtheit, von Objektivität zu sprechen, denn die Erschaffung der Suchalgorithmen basiert auf einer riesigen Anzahl völlig willkürlicher Annahmen darüber, was jemand wohl wollen könnte, der zum Beispiel "mettigel b" eintippt. Dabei wird kein digitales Abbild der Realität geschaffen. Vielmehr ist Google ein Unternehmen, das versucht, Informationswünsche zu erraten, eine Wunschmaschine, die die vermutete Wunschwirklichkeit der Massen in 0,28 Sekunden abzubilden versucht. Und zwar am besten so, dass dabei Umsätze entstehen. Googles Suchergebnisse sind eine profitmaximierte Melange aus Statistik, Küchenpsychologie und Populismus.

Die Argumentation mit einer vorgeblichen Objektivität könnte für Google in einer monumentalen Sackgasse, einem regelrechten Sackboulevard enden. Wenn schon ein willkürlicher, aber gesellschaftsprägender Ausschnitt der digitalen Sphäre als "neutral und objektiv" präsentiert wird, dann hat die Gesellschaft auch das Recht, die Auswahlkriterien zu erfahren: die algorithmischen Gesetze, nach denen die Suchrealität sortiert wird. Aber eine ganze Industrie hat sich auf Google-Manipulation spezialisiert. Der derzeitige Hauptgrund, weshalb man in der Suchmaschine nicht überall und ständig manipulierte und damit für den Nutzer oft wertlose Ergebnisse findet, ist das Geheimnis darum, wie genau Googles Algorithmen funktionieren. In den Vereinigten Staaten hat Google einen renommierten Rechtsgelehrten mit einer bezahlten Studie zum Thema beauftragt. Dessen Schlussfolgerung lautet, Suchergebnisse seien eine "Meinung" und daher durch die Meinungsfreiheit geschützt.

Algorithmische Transparenz wird zur Konzernpflicht

Dieses außerordentliche Herumgeeiere zwischen behaupteter Neutralität und offensiv vorgetragener Willkür sollte Folgen haben. Die öffentliche Diskussion darum, wie genau Suchergebnisse zustande kommen, ist essentiell, weil Google in Deutschland einen irrwitzigen Marktanteil von 96 Prozent hat. Die meisten Internetnutzer - und leider sogar viele mediale Multiplikatoren - halten für die Realität, was sich unter den ersten zehn Google-Ergebnissen findet. Erst recht, wenn Google selbst proaktiv Suchvarianten vorschlägt und mit den Informationsflüssen der Masse begründet. Das kann und sollte man beklagen, leider lässt es sich außerhalb von Einzelklagen nur langwierig mit politischen und edukativen Mitteln ändern, und Deutschland ist gerade noch mit der Diskussion beschäftigt, ob das Internet nur für die Lungenpest oder auch für Krebs und Fußpilz verantwortlich ist.

Die Frage aber, die hinter dieser Debatte steht, ist größer als Google. Sie lautet: Wie kommt das merkwürdige Konstrukt zustande, das man als digitale Realität empfindet und das deshalb enorme Wirkung auf die Welt hat? Die Antwort wird früher oder später zu erzwingen sein, vor Ort bei denjenigen Unternehmen, die für so viele Leute das Netz bedeuten: Im Internet wird algorithmische Transparenz zur Konzernpflicht. Wenn Googles Produkt dadurch beeinträchtigt wird (was wahrscheinlich ist), dann ist das der Preis, den ein Monopolist eben bezahlen muss. Vor allem, wenn er nicht bloß eine Suchmaschine anbietet - sondern die allgemeingültige Perspektive auf die digitale Welt, die ständig mit der Realität verwechselt wird. Was aber die digitale Realität genau sein soll und ob es sie überhaupt gibt, muss anderswo geklärt werden. Vielleicht sogar mit Hilfe einer dollhouse-Brosche "Kleiner Mett-Igel" (die im Moment aber leider vergriffen ist).

tl;dr

Es gibt keine neutralen und objektiven Suchergebnisse - weshalb hier Transparenz notwendig ist. Selbst wenn es Google schaden sollte.

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insgesamt 134 Beiträge
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    Seite 1    
1. Gut gesprochen Herr Lobo
sandboxer 11.09.2012
Google wird Sie nun vermutlich nicht als Berater buchen, das spricht aber nur für Sie.
2. suchvorschläge verstehen
Leser222 11.09.2012
Autoergänzte Suchvorschläge sind nicht notwendiger Weise so bei Google jemals angefragt worden. Und das ist auch völlig gleichgültig: Google erschafft und veröffentlicht bei der Autoergänzung einen Text, den sie halt irgendwie automatisch generieren. Der Text unterliegt wie jeder andere veröffentlichte Text auch den gesetzlichen Regeln. Wenn Sie eine Datenbank mit Prominentennamen anlegen und eine andere mit Schmähwörtern, das ganze in Ihre Internetseite einbinden, so dass jeweils bei Aufruf ein Name mit einem Schmähwort kombiniert wird, sind Sie als Betreiber der Seite für diese Schmähungen verantwortlich. Nichts anderes gilt auch für Google. Ob's in der Suchzeile auftaucht oder nicht.
3. Wir haben doch keinen Bettina Wulff Skandal !
mischpot 11.09.2012
wir hatten einen Bundespräsidenten Skandal, der trotzdem auf Lebenszeit 200.000 € Netto erhält, das ist der eigentliche Skandal den wir immer noch haben.
4.
josifi 11.09.2012
Zitat von sysopAus be wird bettina wulff prostituierte - Googles Suchvorschläge beeinflussen das Weltbild seiner Nutzer. Spätestens mit Wulffs Klage gegen den Konzern wird deutlich: Wir brauchen Transparenz, was Suchergebnisse und Algorithmen angeht. Google-Suchvorschläge: Was Bettina Wulff mit Mettigeln verbindet - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,855097,00.html)
Oh Mann... wie oft noch dieses Thema? Ich dachte, Sommerloch sei vorbei...
5. Wenn Häufigkeit entscheidend ist
laudato 11.09.2012
Dann müssten milionen von Internet und Google Besucher , den gleiche Satz worüber Frau Wulff sich beklagt , bei Google angegeben haben . Ist das überhaupt nachvollziehbar dass viele Menschen gleichzeitig die gleichen Bösen Absichten haben ?
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Was bedeutet tl;dr?
In Anerkennung der Ungeduld als Eigenschaft mit positiven Facetten soll fortan unter jeder Mensch-Maschine eine twitterfähige Zusammenfassung des Textes in 140 Zeichen stehen. Sie wird den Namen tl;dr tragen, eine Internetabkürzung für "too long; didn't read".

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