Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine: Die Macht der Metadaten

Eine Kolumne von

Als wegweisend feiern Beobachter das Google-Urteil. Doch die EuGH-Entscheidung ändert wenig an den massiven Konflikten zwischen Suchkonzernen und Privatsphäre.

Es ist einer dieser Momente, in denen eine von Spezialisten mit Millionenaufwand aufgebaute Maske fällt. In einer Diskussion an der John-Hopkins-Universität am 14. April 2014 lässt Michael Hayden, Ex-Chef von CIA und NSA, aus Versehen einen perversen Stolz aufblitzen, als er die Macht der Metadaten beschreiben will. Sein Gegenüber, ein Professor für Verfassungsrecht, erklärt, dass mit der ausreichenden Menge Metadaten die Inhalte von Kommunikation praktisch irrelevant werden. Hayden stimmt freudig zu und lässt sich zur Illustration dieser Macht zu dem Satz hinreißen: "Wir töten Menschen basierend auf Metadaten."

Zwei Sekunden Stille. Das Gesicht Haydens verzerrt sich kaum merklich, er erkennt die Tragweite des rausgerutschten Satzes - und wählt die Flucht nach vorn. Die Rede war zuvor von den Metadaten US-amerikanischer Bürger, daher fügt er an: "Aber das ist natürlich nicht das, was wir mit diesen Metadaten tun." Mit dem Gelächter des Publikums rettet sich Hayden aus dem Moment, er schließt eine endlose Zahlenkolonne mit den üblichen NSA-Zahlenverwirrspielen an.

Aber boom, da war die bisher kristallklarste Bestätigung für die Funktionsweise der US-Exekutionsprogramme per Drohne: Metadaten als Todesurteil ohne lästige Umwege über Gerichte oder ähnlichen Unfug.

Es ist notwendig, sich diese unfassbare Macht der Metadaten vor Augen zu halten, um die Diskussion um das "Recht auf Vergessenwerden" nach dem aktuellen Google-Urteil des Europäischen Gerichtshofs einzuordnen. Dessen wichtigste Konsequenz ist die Festschreibung, dass europäisches Recht zu gelten hat, wenn eine Suchmaschine in Europa tätig ist, egal wo die Server stehen.

Aus den Suchaugen, aus dem Sinn?

Die weitere Diskussion aber läuft auf mehreren Ebenen schief. Es beginnt mit der Wendung "Recht auf Vergessenwerden", die im Urteil auftaucht. In den Köpfen des Publikums erzeugt diese Wendung ein falsches Bild und weckt kaum erfüllbare Hoffnungen. Vergessen ist etwas, was Personen tun. Maschinen vergessen Daten nicht, außer man löscht sie. Der Unterschied ist essenziell. Denn konkret wird Google auf diese Weise gerichtsoffiziell zum Gedächtnis der Öffentlichkeit erklärt. Mehr noch: Der EuGH unterscheidet zwischen "breiter Öffentlichkeit", die nur per Google entsteht, und der bloßen Veröffentlichung, die normale Öffentlichkeit.

Selbst, wenn bei mehr als 90 Prozent Marktanteil von Google diese Sichtweise inoffiziell naheliegen mag, ist die Unterscheidung von offizieller Seite hochproblematisch. Schon weil in einer Demokratie die "Öffentlichkeit" eine essenzielle politische Funktion hat. Und die soll einer allein durch Google bestimmten "breiten Öffentlichkeit" irgendwie untergeordnet werden? Für die zukünftige Entwicklung von Datenschutz und Privatsphäre könnte diese merkwürdige Unterscheidung - im Gegensatz zur positiven Absicht des Gerichts - sogar fatal wirken.

Denn es handelt sich um das Gegenteil der anzustrebenden Datensouveränität. Das Urteil handelt nicht - wie man anhand des Begriffs "Recht auf Vergessenwerden" denken muss - von der Löschung persönlicher Daten. Sondern nur von der Auffindbarkeit via Suchmaschine anhand eines Namens.

Laut Gericht reicht es für die Wahrung der Grundrechte aus, wenn persönliche Informationen nicht mehr mit der derzeit beliebtesten Methode per Namenssuche auffindbar sind: Aus den Suchaugen, aus dem Sinn. Der Gerichtshof offizialisiert damit die Ergebnisliste von Google zur digitalen Realität, egal was anderswo im Netz stattfindet. An den schwerwiegenden Konflikten zwischen Suchkonzern und Privatsphäre ändert das wenig.

Bizarre Dämonisierung der Google-Suche

Wie sehr selbst Fachleute nicht begreifen, worum es bei der Datenauswertung wirklich geht, lässt sich an einer katastrophal missglückten Einschätzung der "Süddeutschen Zeitung" ablesen, wo ernsthaft geschrieben stand: "Google funktionierte bisher wie eine NSA für jedermann."

Ein solcher Satz im Kontext der Suchergebnisse ist für die gesamte Internetdiskussion so hilfreich wie ein Schrotschuss ins Knie für den Marathonlauf. Das "jedermann" darin ist sogar gefährlich, weil es NSA und Drohnenmorde per Datensammlung übel verharmlost. Diese Aussage verzerrt die Debatte durch eine bizarre Dämonisierung der Google-Suche - wo es eigentlich um eine harte, sachliche Diskussion um die Datenauswertung von Google gehen müsste.

Denn die Probleme, die sich aus Googles Datensammlung ergeben, haben nur zu einem kleinen Teil mit dem Gerichtsurteil zu tun. Sie liegen auf einer übergeordneten Ebene und betreffen die gesamte digitale Sphäre, Digitalkonzerne, Geheimdienste, Staaten. Die Zusammenführung und Auswertung von persönlichen Daten, insbesondere Metadaten, sind ein neuer Machtfaktor von nie gekannter Tiefe.

Dieser politisch und juristisch zu bändigende Machtfaktor aber spielt sich im Hintergrund ab. Ein substanzieller Fortschritt hin zu mehr Datensouveränität müsste sich auf diese den Nutzern verborgene Datenverarbeitung beziehen. Und nicht nur auf die Auffindbarkeit der Ergebnisse für die Öffentlichkeit. In der Datenpolitik geht es um Macht. Und Macht hat, wer Metadaten hat - unabhängig davon, ob sie der Öffentlichkeit zugänglich sind oder nicht.

tl;dr

Machtfülle durch Metadaten ist der eigentliche Konflikt zwischen Privatsphäre und digitaler Vernetzung. Die Auffindbarkeit ist nur die Oberfläche.

S.P.O.N. - Die Kolumnisten
Liebe Leser,
die Kolumnentage haben sich geändert. Es gilt künftig folgende Reihenfolge:

Montag: Wolfgang Münchau - Die Spur des Geldes
Dienstag: Jan Fleischhauer - Der Schwarze Kanal
Mittwoch: Sascha Lobo - Die Mensch-Maschine
Donnerstag: Jakob Augstein - Im Zweifel links
Freitag: Georg Diez - Der Kritiker
Samstag: Sibylle Berg - Fragen Sie Frau Sibylle

Newsletter
Kolumne - Die Mensch-Maschine
Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 38 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Der Krieg ist verloren!
sapereaude! 14.05.2014
Zitat von sysopAls wegweisend feiern Beobachter das Google-Urteil. Doch die EuGH-Entscheidung ändert wenig an den massiven Konflikten zwischen Suchkonzernen und Privatsphäre. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/google-urteil-eugh-entscheidung-zu-suchmaschinen-a-969302.html
Wieder einmal stimme ich Ihnen 100%ig zu. Ich rede mir den Mund fusselig, um meinen Freunden zu erklären, dass mit dem Urteil mehr Schaden als Nutzen angerichtet wurde. Aber keiner versteht mich. Oder es interessiert sie nicht. So allmählich resigniere ich: Den Internet-Ausdruckern ist die (Meta-) Datenschutzproblematik entweder völlig gleichgültig oder einfach nicht begreiflich zu machen. Aber auch auf die meisten interessierten und relativ gut informierten Laien scheint das zuzutreffen. Selbst bei ausgewiesenen Fachleuten stößt man oft genug auf das gleiche Problem. Es wird wohl oder übel auf einen langfristigen, nachhaltigen Sieg von NSA, Google und Co hinauslaufen.
2.
licht77 14.05.2014
Lieber Herr Lobo - diesen Satz muss man sich auf der Zunge zergehen lassen :-) Wann ist denn eine Suchmaschine in Europa tätig?
3. Fordern
silverhair 14.05.2014
Zitat von sysopAls wegweisend feiern Beobachter das Google-Urteil. Doch die EuGH-Entscheidung ändert wenig an den massiven Konflikten zwischen Suchkonzernen und Privatsphäre. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/google-urteil-eugh-entscheidung-zu-suchmaschinen-a-969302.html
Sacha Lobo hat natürlich recht - Google und NSA , Datenverarbeitung "intern" in Behörden, Firmen sind dort eigentlich nicht betroffen , und eine ganz andere Ebene! Aber das Urteil selber ist für die Demokratie selber ein tödlicher Schritt! So wie der Antragsteller haben viele Leute sehr dunkle Punkte in ihrem Leben - und eine Menge die sie am liebsten nie wieder lesen würden! Und die können sich jetzt "reinwaschen". Aber demokratie , besonders dieses Konstrukt "parlamentarisch" funktioniert nur über Vertrauen .. aber wenn man nur noch die weisse Weste findet? Wie ist das mit Steinmeier? Werden wir beim nächsten Mal sein "Kassieren für Vorträge" noch im Internet finden, Wullfs Nähe zur Hanoveranischen Connection? Und wie ist es wenn der nächste Anwärter in der Politik mal eben seine vorherigen Betrügereien verschwinden läßt? Wie ist es mit dem Gammelfleisch Produzenten .. darf der wieder produzieren? Der Bankvertreter der vielleicht schon mal geholfen hat "Schrott Immobilien" zu vertreiben? Wenn man nur noch weisse Westen sieht, dann ist das alles nicht mehr transparent, den wir sind natürlich auf Vertrauen aufgrund der Historie einer Person angewiesen! Wie ist das mit dem Verbot des Holocaust leugnens .. das ist doch eingeführt worden damit die Personen und ihre Handlungen für alle Zeiten "nicht geleugnet werden dürfen" .. Und dann ein EuGH der das Leugnen der Vergangenheit für jedermann sogar festschreibt? Dieses Urteil ist eine Steilvorlage für jedermann der ein Verbrechen begangen hat, gelogen , betrogen - der eben keine "reine Weste" hat , aber der EuGH wäscht ihn jetzt rein .. und - was wissen wir eigentlich über die Personen die dort sitzen? Heute vielleicht noch rausfindbar, morgen? Das Recht auf Privatsphäre mit dem Recht auf "Verstecken der eigenen Historie gleichzusetzen" ist ein Verbrechen an den Menschen selber , an der Basis des Vertrauens , in die Historie des Menschen! Wir wundern uns über Internet Kriminalität .. wir werden ab jetzt noch mehr erleben , den wer jetzt in Chats kleine Kinder anspricht, Eheversprechen oder ähnliches abgibt, der darf sich sicher sein das Google - folgen sie diesem Urteil seine schon aufgeflogenen Handlungen wieder verschwinden läßt! Man kann da nur hoffen, das Google nicht nur die speziellen Einträge löscht, sondern die Person genau dann ganz und gar aus dem Internet entfernt in seinen Suchanfragen .. dann wissen wir wenigstens noch das diese Personen irgendwas zu verheimlichen, Verstecken und Unterdrücken wollen!
4. optional
thomas.b 14.05.2014
Ich hab tatsächlich den YT-Link geklickt und mir das angehört. Und musste wirklich schlucken. "We kill people based on metadata." Wow. Hätte er gesagt "We identify terrorists based on metadata.", das hätte wenigstens noch den Anschein von Recht gehabt.
5. Die Feinabstimmung des Vergessens ist genauso gefährlich.
Robert Kathmann 14.05.2014
Die Macht der Entscheidung über Veröffentlichung, auch in Form der Gestaltung der Filter und die Positionierung in den Trefferlisten, darf nicht unterschätzt werden. Dies wird im Umkehrschluss zur Möglichkeit indirekten Zensur. Es ist eine Frage der Netz-"Neutralität" und die Überprüfung dieser Algorithmen und Filter auf "Neutralität "gehört ebenfalls einklagbar. Hier besteht bereits die Macht, Anteile der Öffentlichkeit zu werten, zu geben oder zu verweigern. Bei dem Marktanteil von Google ist dies eine Macht, die unbeschreiblich ist. Wann etwas vergessen wird oder unwichtig ist oder unpassend oder bedeutend sollte nicht in den Ermessensspielraum eines Suchinfo-Giganten und seinen Interessen liegen. Hier braucht es Kontrolle, und die Suche nach der Form dieser ist mit dem Recht auf Vergessen nicht zu Ende.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Sascha Lobo
Was bedeutet tl;dr?
In Anerkennung der Ungeduld als Eigenschaft mit positiven Facetten soll fortan unter jeder Mensch-Maschine eine twitterfähige Zusammenfassung des Textes in 140 Zeichen stehen. Sie wird den Namen tl;dr tragen, eine Internetabkürzung für "too long; didn't read".

Facebook


Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Bei Amazon kaufen.
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: