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Debatte um Glenn Greenwald: Warum ein Journalist eine Haltung haben darf

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Ist das noch Journalismus - oder ist die Grenze zum Aktivismus bereits überschritten? Nach dem Auftritt von Glenn Greenwald auf dem Hackertreffen 30C3 in Hamburg ist um diese Frage eine Debatte entbrannt.

Enthüllungsjournalist Glenn Greenwald: "Nicht alle Aktivisten sind Journalisten, aber alle richtigen Journalisten sind Aktivisten" Zur Großansicht
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Enthüllungsjournalist Glenn Greenwald: "Nicht alle Aktivisten sind Journalisten, aber alle richtigen Journalisten sind Aktivisten"

Hamburg - Glenn Greenwald hat am Freitagabend in einer Rede auf dem Jahrestreffen des Chaos Computer Clubs in Hamburg die US-Regierung und den Geheimdienst NSA kritisiert. Nun gibt es eine Debatte. Aber nicht die NSA-Affäre steht im Mittelpunkt, nicht die US-Regierung, sondern Greenwald selbst.

Bei seinem Auftritt vor Tausenden Hackern habe der Enthüllungsjournalist "eine Grenze überschritten", meint "Zeit Online": "Er hat sich mit den anwesenden Hackern gemein gemacht, mit den Aktivisten und Bürgerrechtlern. Er sieht sich als einer von ihnen." Glenn Greenwald als Freiheitskämpfer, der nicht trennt zwischen Journalismus und Aktivismus.

Greenwald antwortete auf Twitter: Die Einteilung sei falsch, wer zwischen Journalisten und Aktivisten unterscheide, könne die angesetzten Standards selbst nicht erfüllen. Juliane Leopold von "Zeit Online" entgegnete, dass Journalisten Fakten prüfen und informieren, sich aber nicht auf eine Seite stellen und selbst zur Tat schreiten.

"Richtige Journalisten sind Aktivisten"

Die Frage, wie engagiert ein Journalist sein darf, begleitet Glenn Greenwald nicht erst seit der NSA-Affäre, an deren Aufdeckung er maßgeblich beteiligt ist. Seine Karriere begann Greenwald als Anwalt für Bürgerrechte. 2005 startete er ein Blog über Geheimdienste und Grundrechte, dann schrieb er für "Salon" und anschließend den "Guardian": immer engagiert, immer klar Position beziehend.

Nach den ersten Snowden-Enthüllungen im Juni sagte Greenwald der "New York Times": "Nicht alle Aktivisten sind Journalisten, aber alle richtigen Journalisten sind Aktivisten." Journalismus habe einen Wert, ein Ziel: die Mächtigen zu kontrollieren. Darin sieht Greenwald seine Aufgabe: Untermauert mit akribisch recherchierten Fakten greift er die US-Regierung an und wirft sich in die Bresche für Bürgerrechte. Nicht nur in eigenen Artikeln, sondern als Gast im Fernsehen, als Redner auf Veranstaltungen und nicht zuletzt auf Twitter.

Im Oktober folgte eine lange Auseinandersetzung in der "New York Times" mit Bill Keller, dem ehemaligen Chefredakteur der Zeitung. Reporter sollten ihre eigene Meinung zurückstellen und Fakten sprechen lassen, schrieb Keller. Das helfe dabei, die eigenen Überzeugungen stets zu hinterfragen. Dann seien Leser aber im Unklaren über die verheimlichten Ansichten dieses Reporters, antwortete Greenwald, und könnten den Artikel nicht vor diesem Hintergrund prüfen.

Erst Fairness, dann Haltung

Greenwald kritisiert das bloße Abbilden von Widersprüchen: Die eine Seite sagt dieses, die andere jenes, und der Journalist hält sich mit der Bewertung zurück, damit sich die Leser ihre eigene Meinung bilden können. Eine Form des Journalismus, die vor allem in den USA eine lange Tradition hat. Greenwald will beide Seiten abbilden, aber auch klar benennen, wenn eine davon die Fakten verdreht.

Im Prinzip sagt Greenwald nur, was heute jeder Journalistenschüler lernt: Niemand ist völlig neutral, immer spielt der eigene Hintergrund und die eigenen Erfahrungen eine Rolle bei den Entscheidungen darüber, was in welcher Form berichtet wird. Greenwald geht damit offensiver um als viele seiner Kollegen: Nachdem er die Fakten geprüft hat, in aller Fairness, entwickelt er eine klare Haltung.

Die Autorin und Kriegsreporterin Carolin Emcke hat im vergangenen Jahr zu diesem Thema gesagt: "Es ist unsere Aufgabe, Unrecht auch als Unrecht zu benennen. Ich stelle mich gerne hin und sage, dass ich mich selbstverständlich mit einer Sache gemein mache: mit Menschenrechten, internationalen Verträgen und Normen."

Journalisten als vierte Gewalt

Der SPIEGEL-Reporter Christoph Reuter bat vor Weihnachten eindringlich um Spenden für Syrien, das vom Bürgerkrieg zerrüttete Land, aus dem er berichtete, und in dem neun Millionen Menschen auf der Flucht vor der eigenen Regierung sind. Sich einmischen, Position beziehen, um Spenden werben und die Zivilgesellschaft unterstützen: Wenn es um Krieg geht, um Menschenleben, liegt das auf der Hand.

Greenwald hat es schwerer: Was er anprangert - die Verletzung der Privatsphäre, das massenhafte Ausspähen persönlicher Daten -, ist weniger konkret als blutüberströmte Körper. Aber wenn ein Journalist Haltung zeigen darf oder nach Greenwald sogar muss, dann darf er sich auch entsprechend in die öffentliche Debatte einmischen.

Letztendlich geht es um die Frage, ob Journalisten bloß abbilden sollen, was um sie herum geschieht. Oder ob sie sich als Anwalt verstehen, für Menschen und Menschenrechte, als vierte Gewalt, die Amtsinhabern und Politikern auf die Finger schaut. Beides gibt es, und viele Medien nehmen für sich in Anspruch, kritischen Journalismus zu betreiben. Nur mal angenommen, der SPIEGEL würde der Kanzlerin eine verfehlte Politik ankreiden: "Zeit Online" würde vermutlich nicht von einer "Grenzüberschreitung" sprechen.

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insgesamt 33 Beiträge
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    Seite 1    
1. Wurscht,ob Aktivist ist oder nicht
a.peanuts 28.12.2013
Ich mag den bissiger Greenwald. Angepassten BLA BLA Jounalismus wird demnächst sowieso niemand mehr konsumieren, und sich im Netz nach Alternativen umsehen. Mir ist wurscht,ob er zusätzlich noch Aktivist ist oder nicht.
2. Aufgepasst ist besser als Angepasst
robert.c.jesse 28.12.2013
Der investigative Journalismus hat sich schon fast aufgelöst. Die ängstlichen Kritiker und gesponserten Schönschreiber beherrschen die Medien. Der Joberhalt ist wichtiger als die eigene Meinung und ehrliche Kritik. Vielleicht hilft eine NEUE Bezeichnung für Leute wie Greenwald und hoffentlich einigen mehr, welche leider von dem Staats-System der Lüge verfolgt und bedroht werden. In nicht wenigen Ländern sogar um ihr Leben fürchten müssen: "journalREALismus"
3. Darf man
HoBu59 28.12.2013
in diesen ach so schlimmen Zeiten Journalisten wie Hanns Joachim Friedrichs eigentlich noch zitieren? >>Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache.
4. Debatte um Glenn Greenwald I
adubil 28.12.2013
Zitat von robert.c.jesseDer investigative Journalismus hat sich schon fast aufgelöst. Die ängstlichen Kritiker und gesponserten Schönschreiber beherrschen die Medien. Der Joberhalt ist wichtiger als die eigene Meinung und ehrliche Kritik. Vielleicht hilft eine NEUE Bezeichnung für Leute wie Greenwald und hoffentlich einigen mehr, welche leider von dem Staats-System der Lüge verfolgt und bedroht werden. In nicht wenigen Ländern sogar um ihr Leben fürchten müssen: "journalREALismus"
"(...) Nur mal angenommen, der SPIEGEL würde der Kanzlerin eine verfehlte Politik ankreiden: "Zeit Online" würde vermutlich nicht von einer "Grenzüberschreitung" sprechen." Eben...nur mal angenommen ;-) Ein Journalist MUSS eine Haltung haben. Keine vorgefertigte Meinung, keine parteipolitschen Scheuklappen...aber eine Haltung bitte schön schon. Und er muss sie offensiv haben, damit der Leser weiß woran er ist.
5. Es sollten ja nicht alle Embedded-Journalisten werden
mielforte 28.12.2013
aber die derzeitige Quote treibt ja selbst jedem Falken der Rechtskonservativen in den USA die Schamröte ins Gesicht. Es ist zu spüren allenthalben. Auch dieser Beitrag wird nicht freigeschaltet.
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