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Soziale Netzwerke: Schulleiterin tappt in Facebook-Falle

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Keine Facebook-Fotos, keine Teilnahme: Eine Grundschule hat sechs Schüler von einer Erzählstunde ausgeschlossen, weil deren Eltern Wert auf Privatsphäre legen. Nun bedauert die Schulleiterin den Vorfall.

Vorlesestunde (Symbolbild): "Nie gedacht, dass das so eine Welle macht" Zur Großansicht
Corbis

Vorlesestunde (Symbolbild): "Nie gedacht, dass das so eine Welle macht"

Es begann harmlos und endete harmlos, trotzdem ist die Aufregung groß. In 40 Worten meldete die "Goslarsche Zeitung" am Montag: Die Wurmbergschule in Braunlage hatte sechs Schüler von einer Schulstunde mit einem Geschichtenerzähler ausgeschlossen, weil deren Eltern nicht wollten, dass Fotos von ihren Kindern womöglich bei Facebook veröffentlicht werden. Die betroffenen Schüler wurden in dieser Zeit in anderen Klassen unterrichtet.

Die Notiz sorgt nun für Empörung im Netz. In einem Text auf Golem.de wird beispielsweise der schleswig-holsteinische Landesdatenschützer Thilo Weichert zitiert, er sei "entsetzt" vom Ausschluss der Schüler.

"Ich hätte nie gedacht, dass das so eine Welle macht", sagt Schulleiterin Ina Wöhler SPIEGEL ONLINE. "Ich habe einen Fehler gemacht, das war ein Versehen, und wir bedauern diesen Vorfall sehr."

Was war geschehen? So erzählt Wöhler die Geschichte: Eine Versicherung sei als Sponsor an die Schule herangetreten und habe angeboten, einen Geschichtenerzähler zu buchen. Ein Glücksfall für die Schule, dachte Wöhler. So etwas passiere nicht oft, die Schule sei in einem ländlichen Gebiet, da freue man sich über jedes zusätzliche Angebot, das man den insgesamt 97 Kindern bieten könne. Noch dazu Kultur!

Allerdings sei das Angebot des Sponsors mit Auflagen verbunden gewesen: Die Gruppe der teilnehmenden Schüler sollte überschaubar bleiben, und es würden womöglich Fotos gemacht, die zum Beispiel auf Facebook veröffentlicht werden könnten.

Für die Veröffentlichung von Kinderfotos braucht eine Schule (oder wer auch immer) eine Einverständniserklärung der Eltern. Die dürfen entscheiden, ob und zu welchem Zweck ein Bild ihres Kindes in die Öffentlichkeit gelangen darf. Manche Eltern zeigen die Fotos ihrer Kinder stolz auf sozialen Netzwerken herum, einige betreiben sogar einen Account für ihr Kleinkind, obwohl Facebook-Nutzer offiziell mindestens 13 Jahre alt sein müssen. Andere Eltern kämpfen dafür, dass die Bilder von Kindern geschützt werden - zum Beispiel mit der Gruppe "Keine Kinderfotos im Social Web", ausgerechnet auf Facebook selbst.

Die Schulleiterin schrieb also einen Brief an die Eltern; wer einverstanden war, durfte teilnehmen, wer das nicht wünschte, sollte sicherheitshalber draußen bleiben. In anderen Fällen, zum Beispiel bei einer Fernsehaufzeichnung, würde das wohl ähnlich laufen, eine Empörungswelle gäbe es in so einem Fall womöglich nicht.

"Es liegt nur an einem einzigen Wort, es liegt an Facebook", erklärt sich die Schulleiterin die Aufregung. Sie habe "nicht richtig nachgedacht", sagt Wöhler. "Ich wollte auf Nummer sicher gehen, Facebook ist für mich ein hochsensibles Medium. Wir nehmen das ja auch bei anderen Bildern sehr genau. Ich wollte die Kinder schützen." So tappte die Schulleiterin in die Social-Media-Falle.

Bei Facebook läuten die Alarmglocken

Tatsächlich ist die Wurmbergschule bisher alles andere als netzaffin. Ein Blick auf die Homepage der Schule verrät das. Vor türkisfarbenem Hintergrund sieht man hier nur das Nötigste: Schülerzahl, Unterrichtszeiten und Termine werden genannt - sowie ein paar Fotos von einem Zirkusprojekt und die Kontaktdaten der Schule, mit einer E-Mail-Adresse von T-Online. Viel mehr ist nicht zu sehen, vor allem nichts von Facebook.

Die Schulleiterin hat selbst keinen Facebook-Account. "Auch die Schule tritt dort nicht auf und würde dort nie Bilder veröffentlichen", sagt sie, und formuliert eine erste zaghafte Social-Media-Strategie, irgendwie zumindest: "Eigentlich sind wir dagegen."

Eine Stunde in einer Provinzschule, sechs Schüler, die diese eine Stunde in einer anderen Klasse verbracht haben. Das reicht, um zu zeigen, wie viel Unsicherheit bei Eltern und Schulen im Umgang mit den neuen Medien besteht. Für Eltern gibt es mittlerweile entsprechende Ratgeber. An vielen weiterführenden Schulen wird debattiert, wie Lehrer und Schüler als Facebook-Freunde funktionieren - doch gleichzeitig weiß manches Kollegium noch gar nicht, wie ihm geschieht.

Als Wöhler im Schreiben das Wort Facebook gelesen habe, seien bei ihr zwar die Alarmglocken angegangen - nur äußerte sie ihre Bedenken nicht gegenüber dem Sponsor, der ihr das Schreiben vorgelegt hatte. "Ich habe gar nicht daran gedacht, noch einmal nachzufragen, damit die Kinder doch irgendwie teilnehmen können", sagt Wöhler. Es sei eine Standardvereinbarung gewesen, die auch andere Kindereinrichtungen für die Veranstaltung hätten unterschreiben müssen - und auch da hätten Kinder draußen bleiben müssen.

Zur Lesung sei letztendlich gar kein Fotograf gekommen, sagt die Rektorin. Veröffentlicht wurde auch nichts.

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1. ...
gestandeneFrau 21.06.2012
Zitat von sysopCorbisKeine Facebook-Fotos, keine Teilnahme: Eine Grundschule hat sechs Schüler von einer Erzählstunde ausgeschlossen, weil deren Eltern Wert auf Privatsphäre legen. Nun bedauert die Schulleiterin den Vorfall. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,840150,00.html
Wenn die Eltern das nicht wollten, ist es doch völlig richtig, daß die Kinder nicht teilgenommen haben. Wenn ich mein Kind nicht zum Wandertag mitschicken möchte, geht es auch in eine andere Klasse. Hab ich da was mißverstanden? MfG
2. ich vermute mal
AndyDaWiz 21.06.2012
die Schulleiterin hat hier mal alles richtig gemacht. Ein Lehrbesipiel, wie man aus einer Muecke einen Elefanten machen kann. SPON auf Bild-Niveau. Facebook BRAUCHT kein Mensch.
3. .
Jule25 21.06.2012
Hä? Was ist den nun passiert? Aufregung? Bei keinem Beteiligten dürfte der Pulsschlag messbar gestiegen sein. Also welche Aufregung? An einer Veranstaltung, wo Fotos für die Öffentlichkeit gemacht werden könnten, nehmen Kinder nicht teil weil ihre Eltern es nicht wollen. Kein Schaden für die Schule, die Eltern, für Facebook und erst recht nicht für den Sponsor. Also noch mal: Was ist überhaupt passiert dass SPON sich dazu erblödet darüber zu berichten?
4. .
markus_wienken 21.06.2012
Zitat von gestandeneFrauWenn die Eltern das nicht wollten, ist es doch völlig richtig, daß die Kinder nicht teilgenommen haben. Wenn ich mein Kind nicht zum Wandertag mitschicken möchte, geht es auch in eine andere Klasse. Hab ich da was mißverstanden? MfG
Ja, das haben Sie eindeutig!
5. und wo ist jetzt das Problem ?
Masterchalk 21.06.2012
Die Eltern haben das Recht, die Abwägung zu treffen und keine Pflicht, Ihre Kinder für eine ( wohl schon freundlich gemeinte ) PR - Aktion " auszustellen. Wo ist also die Falle ?
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Soziale Netzwerke
Facebook
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Facebook ging Anfang 2004 als soziales Netzwerk für Harvard-Studenten online. Zunächst konnten nur Menschen mit E-Mail-Adressen ausgewählter US-Hochschulen Mitglieder werden, seit 2006 ist die Seite für alle Über-13-Jährigen offen. Nach eigenen Angaben hat Facebook 845 Millionen aktive Mitglieder weltweit (Dezember 2011). Mehr zu Facebook auf der Themenseite.
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Google+ ist der Versuch, den sozialen Funktionen von Facebook und Twitter etwas entgegenzusetzen. Das soziale Netzwerk wurde im Juni 2011 gestartet und hat nach Firmenangaben rund 170 Millionen Nutzer (April 2012). Der Funktionsumfang ist rein aus Nutzersicht vergleichbar mit Facebook, Schnittstellen für externe Entwickler sind allerdings eingeschränkt. Google animiert seine Nutzer, das Netzwerk als zentralen Hub für seine Dienste zu nutzen. Mehr zu Google+ auf der Themenseite.
Twitter
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Der auf kurze Textnachrichten spezilalisierte Dienst Twitter wurde im Juli 2006 gegründet. Populär wurde der Dienst als Verteilnetzwerk für Links, Fotos und Videos. Twitter zählt nach eigenen Angaben mehr als 140 Millionen Nutzer (März 2012). Mehr zu Twitter auf der Themenseite.
Xing
Xing (früher OpenBC) wurde 2003 von Lars Hinrichs gegründet. Nach eigenen Angaben hat Xing über 11,7 Millionen Mitglieder (Stand: Dezember 2011), etwa acht Prozent haben einen kostenpflichtigen Premium Account. Bei Xing geht es vor allem um berufliche Kontaktaufnahme. Mehr zu Xing auf der Themenseite...
StudiVZ
Ehssan Dariani hat die Studenten-Community StudiVZ 2005 gegründet. Zuerst investierten Lukasz Gadowski und Matthias Spiess in StudiVZ, später finanzierten es vor allem die Gebrüder Samwer - bekannt für die Klingeltonfirma Jamba - und der Venture-Capital-Arm des Holtzbrinck-Verlags ("Die Zeit", "Handelsblatt"). Im Januar 2007 übernahm Holtzbrinck StudiVZ. Derzeit haben die Plattformen studiVZ.net, schuelerVZ.net und meinVZ.net nach eigenen Angaben rund 17,4 Millionen Nutzer (Stand: Januar 2011). Mehr zu StudiVZ auf der Themenseite...
Lokalisten
Im Mai 2005 gegründet, hat das Netzwerk Lokalisten nach eigenen Angaben (Stand Juli 2010) inzwischen 3,6 Millionen Nutzer. Mehr zu Lokalisten bei Wikipedia...
Spin.de
Das 1996 in Regensburg gegründete Unternehmen Spin betreibt ein eigenes soziales Netzwerk, aber auch integrierte Unter-Communitys mit regionalem Fokus, die mit Partnern vor Ort (Lokalradios vor allem) betrieben werden. Nach eigenen Angaben (Stand Februar 2011) hat Spin.de eine Million aktive Mitglieder. Mehr zu Spin.de bei Wikipedia...
Wer kennt wen
Wer-kennt-wen wurde von den beiden Studenten Fabian Jager und Patrick Ohler gegründet. Seit Februar 2009 gehört das Netzwerk vollständig RTL Interactiv, die Gründer schieden Ende August 2010 aus. Das Netzwerk hat laut Betreiber über 9,5 Millionen Nutzer (Stand: Januar 2012). Mehr zu Wer-kennt-wen bei Wikipedia...
MySpace
MySpace war 2006 das populärste soziale Netzwerk in den USA. Ein Jahr zuvor war es von Rupert Murdochs News Corporation gekauft worden. Bekannt wurde es durch die Möglichkeit, Musik einzubinden. Künstler und Bands nutzten die Plattform als Marketingplattform. Zeitweise hatte MySpace mehr als 220 Millionen Nutzer, nach Berechnungen von Google rund 30 Millionen Nutzer (Dezember 2011). Mehr zu MySpace auf der Themenseite...

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