Gunnar Bender Facebook ernennt Chef-Lobbyisten für Berlin

Facebook ist aufgewacht: Die Kritik am fehlenden Datenschutz reißt nicht ab, das Unternehmen verstärkt deswegen seine Lobbytruppe. Erst in Brüssel, nun auch in Berlin. Dort soll Gunnar Bender Politik machen.

Von Anna Sauerbrey

Gunnar Bender: Ab April für Facebook in Berlin unterwegs
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Gunnar Bender: Ab April für Facebook in Berlin unterwegs


Gestern noch checkte Gunnar Bender in Düsseldorf ein. "Ich bin bei der E-Plus-Gruppe, Unternehmenszentrale", twitterte der 40 Jahre alte PR-Stratege. Vielleicht sprach er ein letztes Mal mit seinen Vorgesetzten bei E-Plus die Kommunikation seines Abschieds durch. Denn am Mittwoch wurde bekannt, dass Bender ab April dieses Jahres für Facebook arbeiten wird, als "Director Policy", als Cheflobbyist für Deutschland.

Damit hat die monatelange Suche des sozialen Netzwerkes nach einem Repräsentanten, der in Berlin die Kontakte zu Politik, Datenschützern und zivilgesellschaftlichen Organisationen pflegt, ein Ende gefunden. Noch steht Gunnar Bender nicht für Gespräche zur Verfügung, ab April aber soll er den datenschutzsensiblen Deutschen und den Medien Facebook erklären.

Bender eröffnete das "Base-Camp"

Zumindest sein Lebenslauf lässt ihn als geeigneten Kandidaten erscheinen. Bender ist studierter Jurist. Er spezialisierte sich auf das Informations- und Medienrecht und arbeitete zuvor für Bertelsmann, AOL, Time Warner und zuletzt E-Plus. Für E-Plus habe er die Disziplin "Digital Public Affairs" entwickelt, bewirbt Facebook-Sprecherin Tina Kulow den Kandidaten. Und tatsächlich, unter Benders Ägide suchte E-Plus die Nähe zur Netzgemeinde. Im "Base-Camp", das Gunnar Bender im vergangenen Jahr Unter den Linden eröffnete, war das Unternehmen immer wieder Gastgeber für Debatten und Veranstaltungen zu netzpolitischen Themen. Google und andere mieteten sich ein und pflegten den Dialog mit Abgeordneten und Bloggern.

Das passt hervorragend in Facebooks neue Strategie, die verstärkt auf weiche politische Kommunikation setzt. Bislang versuchte der Brite Richard Allan, oberster europäischer Lobbyist des Unternehmens, den Dialog mit Politik und Verwaltung auch in Deutschland zu stemmen. Allan kam wiederholt nach Berlin, traf sich mit dem Bundesbeauftragten für Datenschutz, Peter Schaar, und den aktiveren unter den Landesdatenschutzbeauftragten, etwa mit Thilo Weichert aus Schleswig-Holstein. Er stand im Bundestag als Sachverständiger zur Verfügung und traf Vertreter des Innenministeriums zum Datenschutzdialog.

Letztlich zu viele Aufgaben für eine Person.

In Berlin arbeitet bereits seit dem Frühjahr des vergangenen Jahres Eva Maria Kirschsieper als Facebook-Lobbyistin, doch das Unternehmen suchte außer der vergleichsweise jungen Kirschsieper noch jemand mit mehr Erfahrung, "der auch auf Ministerebene sprechen kann", wie es hieß.

Verstärkte Lobbyarbeit in Brüssel

Für den mindestens ebenso wichtigen Politikstandort Brüssel hat das Unternehmen bereits seit Oktober 2011 Verstärkung für die Lobbyarbeit - die ehemalige SPD-Europaabgeordnete Erika Mann. Die kam damit zwar zu spät, um noch wesentlichen Einfluss auf den vergangene Woche von Innen- und Rechtskommissarin Viviane Reding vorgestellten Entwurf einer europäischen Datenschutznovelle Einfluss zu nehmen. Doch noch ist die Verordnung, die wesentlich strengere Regeln für soziale Netzwerke vorsieht, noch längst nicht verabschiedet.

Erika Mann saß bis 2009 im Europäischen Parlament, wo sie sich vor allem mit der Telekommunikationsgesetzgebung befasste und sich für Patente auf Software aussprach. 2009 wurde sie nicht wiedergewählt und arbeitete stattdessen für einen amerikanischen IT-Verband in Brüssel. Dort erinnern sich viele noch an die Deutsche. Sie gilt auch außerhalb ihrer eigenen Fraktion als ausgesprochene Europakennerin und als sehr kompetent.

Facebook habe eine sehr gute Entscheidung getroffen, sagt eine Fraktionsmitarbeiterin. "Sie ist sehr klug, und ihr Adressbuch muss unglaublich sein. Ihre Gegner haben es sehr schwer." Erika Mann hat damit einen ähnlichen Werdegang wie Richard Allan, das bislang bekannteste Gesicht von Facebook in Europa. Auch Allan ist Ex-Parlamentarier, er saß von 1997 bis 2005 für die Liberaldemokraten im britischen Parlament und spezialisierte sich wie Erika Mann auf Technologiefragen.

Facebook will trotz der personellen Veränderungen in Deutschland und Europa nicht von einer Lobbyoffensive sprechen. "Wir haben nichts verändert", sagt Tina Kulow Ende vergangenen Jahres. Sie betont, dass ihr Unternehmen im Vergleich zu anderen Branchen sehr wenige Mitarbeiter in Public-Policy- und Öffentlichkeitsarbeit beschäftige, was Europaabgeordnete bestätigen.

Facebook ist aufgewacht

Den betroffenen Politikern und Datenschützern ist allerdings sehr wohl eine Veränderung in Facebooks Kommunikation aufgefallen. "Die Datenschutzreform ist ein großes Thema hier in Brüssel", berichtet Ralf Bendrath aus dem Büro des grünen Abgeordneten Jan Philipp Albrecht. Das soziale Netzwerk habe zwar relativ spät reagiert, heißt es aus anderen Fraktionen. "Nun ist Facebook aber aufgewacht, was Lobbyarbeit angeht", sagt eine Mitarbeiterin aus Kreisen des Innen- und Rechtsausschusses.

Verwunderlich sind die Bemühungen nicht, denn das Unternehmen steht unter Druck. Der Streit um den "Gefällt mir"-Button ist noch nicht beendet, auch die automatische Gesichtserkennungsfunktion steht weiter in der Kritik, und die Timeline, die ältere Beiträge wieder sichtbar macht, ist in Deutschland nicht gerade positiv aufgenommen worden.

Peter Schaar protestierte, Altbischof Wolfgang Huber löschte sein Profil, und auch das Ministerium von Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner erklärte, dies sei ein weiterer Schritt zum "gläsernen Nutzer". Ilse Aigner hat Facebook schon im Juni 2010 verlassen.

Ob mit Facebooks neuer Gesprächsbereitschaft Bewegung in die Fragen kommt, sehen zumindest deutsche Datenschutzbeauftragte skeptisch. "Das Gespräch ist häufig unverbindlicher Natur", sagen sie unter der Hand, "wenn man versucht, Sachverhalte aufzuklären, kommt wenig." Der Datenschutzbeauftragte aus Hamburg, Johannes Caspar, bewertete Facebooks neue Kommunikationsstrategie Ende vergangenen Jahres sogar als Verzögerungstaktik. Über eine Funktion zur Gesichtserkennung habe man insgesamt fünf Monate mit Vertretern des Unternehmens verhandelt - ohne Ergebnis.



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Seite 1
peter234 01.02.2012
1. .
Zitat von sysopFacebookFacebook ist aufgewacht: Die Kritik am fehlenden Datenschutz reißt nicht ab, das Unternehmen verstärkt deswegen seine Lobbytruppe. Erst in Brüssel, nun auch in Berlin. Dort soll Gunnar Bender Politik machen. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,812773,00.html
Lobbyismus ist legalisierte Korruption. Lobbyisten sind Verbrecher und hebeln die Demokratie aus.
jayram 02.02.2012
2. Lobby der Geschwätzigen
Zitat von sysopFacebookFacebook ist aufgewacht: Die Kritik am fehlenden Datenschutz reißt nicht ab, das Unternehmen verstärkt deswegen seine Lobbytruppe. Erst in Brüssel, nun auch in Berlin. Dort soll Gunnar Bender Politik machen. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,812773,00.html
Es ist wohl ein Spiegelbild unserer Zeit, das Facebook so einflussreich zu werden scheint. Die Menschen werden dort zu Geschwätzigkeit annimiert und vergessen dabei die tatsächlichen Probleme dieser Zeit anzunehmen und zu verändern. So kann man die Leute von dem was wesentlich ist fernhalten, nach dem Motto: Gehirn ausschalten und bei Facebook einloggen. Wer mit seiner Zeit nichts besseres anzustellen weiss, kann einem nur leid tun. Der Vertreter oder der Lobbyist von Facebook in Berlin, muß ja eigentlich die Krönung die geistigen Verarmung sein oder verdient verdammt gut, nach dem Motto: We're only in it for the money.
knewfield 02.02.2012
3. Eine Frage des Standpunkts
Zitat von peter234Lobbyismus ist legalisierte Korruption. Lobbyisten sind Verbrecher und hebeln die Demokratie aus.
Das kommt immer auf den Standpunkt an. Ein Gunnar Bender hat z.B. als Lobbyist für Bertelsmann/AOL gegen das wettbewerbsverhindernde Netzmonopol der Telekom gekämpft - in erster Linie für AOL, aber sicher nicht zum Schaden des Wettbewerbs und damit letztlich für alle Verbraucher. Die Lobbyisten der Telekom haben natürlich dagegen gearbeitet - und waren sehr erfolgreich.
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