Schengen-Informationssystem Kriminelle gelangten an europaweite Fahndungsdaten

Sind die Fahndungsdaten der Schengenstaaten sicher aufgehoben? Erst wurde ein Hacker-Angriff in Dänemark bekannt, nun nennt das Innenministerium Details zu einem Jahre alten Fall aus Belgien. Der Linken-Abgeordnete Andrej Hunko warnt deshalb vor dem Datenspeicher.

Polizei: Schengen-Mitgliedstaaten betreiben große Fahndungsdatenbank
DPA

Polizei: Schengen-Mitgliedstaaten betreiben große Fahndungsdatenbank


Wie sicher ist das Schengen-Informationssystem, die gemeinsame Fahndungsdatenbank europäischer Polizeibehörden? Im Januar musste das Innenministerium bestätigen, dass in Dänemark 1,2 Millionen der sensiblen Datensätze kopiert werden konnten. Eine Schweizer Zeitung hatte den Fall zuvor öffentlich gemacht.

Der Linken-Abgeordnete Andrej Hunko wollte daraufhin vom Innenministerium wissen, ob es in der Vergangenheit weitere Fälle von Datendiebstahl gab. Ole Schröder, parlamentarischer Staatssekretär, verwies in seiner Antwort auf einen länger zurückliegenden Fall aus Belgien.

Die knappe Antwort klang jedoch sehr nach dem, was in der Wikipedia stand. Auf erneute Nachfrage nannte Schröder nun Details. Nicht Hacker waren damals das Problem, sondern Mitarbeiter des Sirene-Büros in Belgien. Sirene werden die Verbindungsstellen in den Schengen-Mitgliedstaaten abgekürzt, für Supplementary Information Request at the National Entry.

Der Jurist des belgischen Sirene-Büros sowie zwei Mitarbeiter sollen sich mit Kriminellen eingelassen haben. Wer soll festgenommen und ausgeliefert werden, wer darf nicht in die Schengenländer einreisen, für solche Fahndungsdaten interessierte sich eine Gruppe niederländisch-chinesischer Rauschgifthändler.

Rauschgifthändler in Andorra gefasst

Außerdem sollen Informationen aus belgischen Kriminalakten weitergegeben worden sein. Auf die Spur kamen Ermittler dem illegalen Datenhandel, nachdem Fahndungslisten am Genfer Bahnhof aufgetaucht waren. Ob bei einer gezielten Kontrolle oder zufällig, wird nicht näher ausgeführt. Die drei belgischen Sirene-Mitarbeiter seien damals festgenommen, der Auftraggeber, ein niederländischer Rauschgifthändler, in Andorra gefasst worden.

Mittlerweile werden im Schengen-Informationssystem SIS II weitere Daten gespeichert. Auch Fingerabdrücke und Iris-Aufnahmen können die Ermittler in die Datenbank einspeisen und außerdem zusätzliche Hinweise geben. Hunko hält diese weitgehende Datensammlung für bedenklich, staatliche Informationssysteme seien niemals sicher.

"Die Enthüllungen über digitale Spionage westlicher Geheimdienste zeigen, dass geheimdienstliche Hackerabteilungen über weit mehr Fähigkeiten verfügen als die nun verdächtigten Netzaktivisten", so der Abgeordnete. Seine Fraktion lehne einen Ausbau des polizeilichen Datenapparates ab.

Am 4. Dezember 1997, schreibt Schröder nun aus dem Innenministerium, sei die Steuerungsgruppe des Schengen-Informationssystems und damit auch das deutsche Bundeskriminalamt von den Belgiern informiert worden. Daraufhin habe das Ministerium den Innenausschuss des Bundestags unterrichtet.

Ein kleiner Seitenhieb auf den Parlamentarier Hunko. Der saß damals zwar noch nicht im Bundestag, dafür aber seine Vorgänger der Linkspartei, die damals noch PDS hieß.

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.