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BKA untersucht Hacktivismus: Cyberangriff statt Sitzstreik

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Anonymous-Aktivist: Polizei sucht Unterschied zwischen Hacktivisten und Hackern Zur Großansicht
REUTERS

Anonymous-Aktivist: Polizei sucht Unterschied zwischen Hacktivisten und Hackern

Wenn der Webserver streikt, können fiese Hacker am Werk sein - oder politisch motivierte Bürger. Das Bundeskriminalamt will mehr über diesen Unterschied herausfinden - und erforscht den "Hacktivismus".

Der Online-Protest gegen die Gema hatte Erfolg: Vor drei Jahren bombardierten Anhänger aus dem Anonymous-Umfeld die Webseite der Musikrechte-Organisation. Wer die Gema-Seite besuchen wollten, bekam nur noch eine Fehlermeldung. Ein paar Medienberichte später war die Webseite dann wieder erreichbar.

Damit könnte die Geschichte zu Ende sein. Doch ein halbes Jahr später rückte die Polizei aus, mit Durchsuchungsbeschlüssen. Gegen 106 Verdächtige hatte die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt ermittelt. Der Vorwurf: Computersabotage. Schon der Versuch ist strafbar, im Extremfall droht eine jahrelange Haftstrafe.

Bei den frühmorgendlichen Hausdurchsuchungen trafen die Beamten zum Teil auf Jugendliche und junge Erwachsene, die den Anschluss ihrer Eltern genutzt hatten. Statt kriminellen Hackern handelte es sich um Aktivisten oder bloße Mitläufer. Bei anderen Verdächtigen war wohl eher der Computer mit einem Trojaner infiziert und ferngesteuert worden.

BKA will Trends erkennen und Täter-Typologien erstellen

Die Polizei vollstreckte trotzdem, kassierte Computer, Telefone und externe Festplatten. So als würde es sich beim zeitweisen Blockieren einer Website um den ganz großen Cyberangriff handeln. Künftig könnten Behörden maßvoller vorgehen: Das Bundeskriminalamt forscht zumindest seit Anfang des vergangenen Jahres zum "Hacktivismus".

Die Polizisten wollen den Unterschied zwischen Cyberkriminellen und politischen Aktivisten erkunden. "Hacktivistische Taten zielen nicht darauf ab, illegal materielle und finanzielle Gewinne zu erzielen", so die Bundesregierung in einer offiziellen Antwort (PDF-Datei). Der Linken-Abgeordnete Hubertus Zdebel hatte sich nach dem Forschungsprojekt erkundigt.

Das Bundeskriminalamt will wissen, wie Hacktivisten vorgehen. Dazu gehören die Zeitplanung, Verschleierungstechniken sowie Kommunikations- und Logistikinfrastruktur. Außerdem sollen Szenetrends erkannt und Täter-Typologien erstellt werden. Noch bis Mitte 2015 soll das Projekt laufen.

Die erste Phase, eine Bestandsaufnahme zum Phänomen Hacktivismus, ist bereits abgeschlossen. Geholfen hat dabei auch das nationale Cyber-Abwehrzentrum NCAZ. Als nächstes befassen sich die Ermittler mit dem Dunkelfeld, also den Fällen von Hacktivismus, die nicht zur Anzeige gebracht werden. Dazu sollen unter anderem Unternehmen befragt werden. Dann soll es auch Handlungsempfehlungen geben.

Sitzstreik vor der Webseite

Ulf Buermeyer, Richter am Landgericht Berlin und Verfassungsrechtler, begrüßt eine Unterscheidung zwischen kriminellen Hackern und Hacktivisten. "Ich finde es gut, wenn Behörden jetzt lernen, dass nicht jede Meinungsäußerung gleich Cyberkriminalität ist." Bisher fehle es in der Praxis oft am Fingerspitzengefühl, so der Richter.

Buermeyer vergleicht das zeitweise Lahmlegen einer Website mit einem Sitzstreik im öffentlichen Raum. "Was wir heute noch für einen Cyberangriff halten, könnte morgen schon freie Meinungsäußerung sein." Natürlich könne das nicht gelten, wenn zwei Personen mit genügend Geld eine Armee von ferngesteuerten Rechnern bezahlten. "Aber was ist, wenn tausend Leute eine Website aufrufen, um sie zu blockieren?"

Der Linken-Politiker Andrej Hunko glaubt jedoch nicht, dass das "Projekt Hacktivismus" für mehr Milde sorgt. Gegen politische Formen des Hacktivismus sind in der Vergangenheit bereits Interpol und Europol vorgegangen. Ziel der Ermittlungen waren Anonymous-Anhänger. "Deutsche Kriminalämter haben bei ähnlichen Razzien sogar Minderjährige wie Schwerverbrecher behandelt", so Hunko.

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Begriffsfindung: Wer sind eigentlich Hacker?

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1. Politischer Aktivismus
schamot 19.10.2014
der auch denen weh tut, die es treffen soll wird mit harter Linie bekämpft. Ziel ist eine Herde an Dummköpfen, die abnicken und arbeiten FÜR das System damit jene Nutznießer nicht IHR leben mit Arbeiten verbringen müssen.
2. Legaler Sitzstreik?
jewiberg 19.10.2014
Kenn ich noch gar nicht. Aber ein Angriff auf eine Website durch tausende von Bürgern, ist vergleichbar mit einer unangemeldeten Demo vor einer Firmenzentrale.
3. Recht auf Verteidigung bürgerlicher Rechte auch mit unkonventionellen Mitteln.
famd 19.10.2014
Man solle bei solchen "Forschungsprojekten" eher die Frage klären, was sind die Ursachen und warum? Der Bürger wird immer mehr aus dem Meinungs- & Protestrecht heraus zensiert oder als kriminell abgestempelt. Wasserwerfer und Knüppel, Straßensperren, IT-Spionage gegen normale Bürgerechte. Ich spreche nicht von den Erlebnisorientierten, die krankhaft Krawall machen wollen. Ich rede über die zunehmende Einschränkung demokratischer Handlungsmöglichkeiten der Bürger diese werden immer mehr auf raffinierte Weise eingeschränkt - die Polizeirechte verschärft. Die Bürger werden von den "Gewählten" nicht mehr erhört, einfach ignoriert - eben, weil diese Abgeordneten nur noch die Interessen der Wirtschaftsmacht, den Konzernen per Polizeieinsatz verteidigen und ihre Diäten und Wahl sichern wollen. Dann muss man sich nicht wundern, dass die Leute sich irgendein anderes Ventil suchen. Ein Hase-Igel Spiel - verlieren tut immer der Bürger, weil Staat die Telefone abhört, das SEK in die Wohnung hetzen und die Leute in Haft nehmen können, nur, weil z.B. jemand ein Plakat gedruckt oder auf andere Weise gegen die Abzocke und Willkür des Staates protestiert? Merkwürdig ist auch, für normale Polizeipräsens auf den Strassen oder Plätzen nach 21.00Uhr sind keine Beamten zu sehen - da wird erstochen, geprügelt oder vergewaltigt. Aber bei Protestaktionen gegen Bürger sieht man eine hochgerüstete mit allen Rechten versehene Truppe wie im Science Fiction. Fazit: Die Ursachen der Zerstörung des sozialen Gleichgewichtes sollte beseitigt werden. Aber dazu haben unsere MdBs ja keinen Auftrag! Und die Situation wird schlimmer, denn wir werden immer mehr bedroht! Zwangsgebühren, Lebensmittel, Energie, Preise, Mieten u.a.
4. Milde?
der-denker 19.10.2014
Man kann nur hoffen nicht versehentlich ins Visier dieser wildgewordenen Cybercops zu geraten. Ein Aktivist ist für die im Zweifel eher noch gefährlicher als ein Krimineller. Da kommen Ahnungslosigkeit, Paranoia und Aversion gegen alles was links, subversiv oder aufmüpfig sein könnte zusammen. Bestimmte Denkmuster verändern sich nie.
5. Beschlagnahmen
Bernd.Brincken 19.10.2014
Es ist ja erfreulich, dass man diese Leute nicht gleich mit alten RAF- und jungen IS-Terroristen in eine Hochsicherheits-Zelle sperrt. So ganz am Rande darf auch einmal die im Artikel erwähnte Praxis der Beschlagnahmungen hinterfragt werden: Hier werden offenbar gerade bei Mangel an Beweisen gerne Rechner-Systeme sichergestellt mit dem einzigen Ergebnis, dass der Betroffene wirtschaftlich geschädigt wird. Das Kalkül scheint zu sein: Diesen Typen ist schwer beizukommen, dann nutzen wir wenigstens diese Möglichkeit, ihre Aktivitäten einzudämmen. Wenn es den Falschen traf, wird er schon nicht daran eingehen. Rechtsstaat würde irgendwie anders gehen...
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