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Handy-Sperre wegen Sexting: China liest Milliarden SMS mit

Ausweitung der Zensurmaßnahmen in China: Offenbar haben die großen Mobilfunkanbieter des Landes damit begonnen, Handy-Kurznachrichten per Filter-Software mitzulesen und melden anstößige Inhalte den Behörden. Wer Verbotenes schreibt, wird vom Handy-Netz ausgesperrt.

China-Mobile-Filiale in Shanghai: 1,7 Milliarden SMS pro Tag werden mitgelesen Zur Großansicht
AFP

China-Mobile-Filiale in Shanghai: 1,7 Milliarden SMS pro Tag werden mitgelesen

Handy-Nutzer in China müssen die Worte, die sie in Textnachrichten (SMS) benutzen, künftig offenbar besonders vorsichtig auswählen. Wie der britische "Telegraph" und die staatliche chinesische "Global Times" melden, werden viele der von chinesischen Handys verschickten Kurznachrichten ab sofort mitgelesen. Demnach durchsuchen sowohl der größte Mobilfunkanbieter der Welt, China Mobile, als auch dessen Mitbewerber China Unicom ab sofort alle SMS-Nachrichten, die über ihre Netze verschickt werden.

Werden dabei bestimmte, als illegal eingestufte Schlüsselbegriffe gefunden, wird die jeweilige Nachricht an die Polizeibehörden weitergeleitet, erklärte ein nicht namentlich genannter Mitarbeiter von China Mobile in Shanghai der "Global Times". "Wir werden zunächst den Versand und Empfang von Textnachrichten für den jeweiligen Handy-Nutzer sperren während die Polizei den Sachverhalt beurteilt", erläuterte der Mann das Vorgehen weiter. Würde die Polizei dabei feststellen, dass die Nachricht beispielsweise schlüpfrige Worte enthält, würde die Telefonnummer des Anwenders gelöscht, er damit aus dem Mobilfunknetz ausgesperrt werden.

Dem "Telegraph" zufolge ist genau das einem Mann aus dem südchinesischen Dongguan bereits passiert. Der Kundendienst von China Mobile habe den Handy-Nutzer darüber informiert, dass ihre Computer unzüchtige Worte in seinen Textnachrichten entdeckt hätten. Um wieder Zugriff auf das Mobilfunknetz zu bekommen, solle er beim nächsten Polizeirevier vorstellig werden. Zudem müsse er schriftlich garantieren, zukünftig keine derartigen Nachrichten mehr zu verschicken.

Eine halbe Milliarde Kunden

Sollte China Mobile künftig tatsächlich alle von ihren Kunden verschickten Textnachrichten nach Begriffen, die auf Pornografie, Gewaltverherrlichung oder Terrorismus hindeuten, analysieren wollen, steht das Unternehmen einer gewaltigen Aufgabe gegenüber. Derzeit zählt der Konzern mehr als eine halbe Milliarde Menschen zu seinen Kunden, die etwa 1,7 Milliarden SMS pro Tag verschicken.

Beobachter werten die Maßnahme als neuerliche Ausweitung der ohnehin schon strikten Maßnahmen zur Internetzensur in China. Erst Mitte Januar hatte Google wegen staatlicher Zensurauflagen sehr werbewirksam mit einem Rückzug aus dem bevölkerungsreichsten Land der Erde gedroht. Unterdessen meldeten chinesische Regierungsmitarbeiter am Wochenende, dass die seit Juli 2009 vom Internet und den Mobilfunknetzen abgeschnittene westchinesische Provinzhauptstadt Ürümqi wieder Kontakt zu den modernen Datennetzen habe.

In Ürümqui war es im Juli 2009 zu ethnischen Auseinandersetzungen gekommen, bei denen mindestens 200 Menschen starben. Die Regierung hatte damals Mobilfunknetze abgeschaltet und den Internetzugang gesperrt, weil sie vermutete, die Aufständischen hätten sich über Textnachrichten und Internetforen organisiert.

Vollkommen wiederhergestellt ist der Netzzugang in der Region allerdings nicht. So wird Internetnutzern lediglich Zugriff auf einige Regierungsinternetseiten und regierungstreue Nachrichtenseiten gewährt. Handy-Nutzer dürfen Kurznachrichten nur innerhalb des Landes verschicken. Zudem müsste man sich in einem örtlichen Büro der Telefongesellschaft persönlich anmelden, um Auslandsgespräche führen zu können. Ein Sprecher von China Mobile erklärte zudem, dass nicht mehr als 20 Textnachrichten pro Tag und Person verschickt werden dürften.

mak

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 35 Beiträge
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1. Wer es glaubt.
SuPo, 18.01.2010
Zitat von sysopAusweitung der Zensurmaßnahmen in China: Offenbar haben die großen Mobilfunkanbieter des Landes damit begonnen, Handy-Kurznachrichten per Filter-Software mitzulesen und melden anstößige Inhalte den Behörden. Wer Verbotenes schreibt, wird vom Handynetz ausgesperrt. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,672474,00.html
Hier gehts doch wieder mal um nur darum politisch nicht im Gleichschritt marschierende in Reih und Glied zu zwingen. Die Machthaber Chinas lassen nichts aus um ihre Macht zu sichern. Da ist jedes noch so unmoralische Argument Recht.
2. "Der große Bruder liest dich."
Porgy, 18.01.2010
Vermutlich wird sich eine Art "Ersatzcode" für die "verbotenen" Wörter entwickeln. Etwas albern ist das Ganze ja schon. Ich meine, wozu soll das gut sein?
3. Big Brother ....
dramaniac 18.01.2010
Zitat von sysopAusweitung der Zensurmaßnahmen in China: Offenbar haben die großen Mobilfunkanbieter des Landes damit begonnen, Handy-Kurznachrichten per Filter-Software mitzulesen und melden anstößige Inhalte den Behörden. Wer Verbotenes schreibt, wird vom Handynetz ausgesperrt. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,672474,00.html
...is reading your SMS. Die Idee eines Orwell´schen Überwachungsstaats wird dort wohl zur Realität.
4. lachhaft
herrbausa 18.01.2010
Da die allermeisten chinesischen Handy-Nutzer anonyme Prepaid-SIM-Karten nutzen, die man an jeder Ecke kaufen kann ohne dabei irgendwelche Dokumente vorlegen zu müssen, dürften sich nur Wenige finden, die nach Sperrung ihrer Rufnummer brav mit ihrer ID-Karte zum nächsten Polizeirevier zockeln und eine schriftliche Selbstkritik an den Netzbetreiber schicken. Kritisch ist die Situation nur für Chinesen, die denselben Nachnamen wie der von der Global Times zitierte Offizielle haben: "cao" bedeutet unter anderem, ähem, "den Liebesakt vollziehen", und dieses Wort wird (zumindest im Internet) mittlerweile in allen möglichen Schreibweisen zensiert ;-)
5. Der Anfang vom Ende
zielweg, 18.01.2010
Die Diktatur beginnt sich langsam selbst zu zerstören indem sie immer mehr Bürger verärgert. Dauert aber noch Jahre bis sie gestürzt wird. Noch sind zu viele Chinesen unkritisch.
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