NSA-Skandal Handy-Überwachung auf dem ganzen Planeten

Sie erfassen Telefonnummern, Standortdaten, Gerätekennung und Sim-Karten-Codes. Die jetzt bekannt gewordenen Praktiken der NSA zeigen: Der US-Geheimdienst kann weltweit Bewegungsprofile erstellen. Die Spione könnten sogar Handys in Wanzen verwandeln.

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AP/dpa

In einer NSA-Präsentation, die der SPIEGEL im September veröffentlichte, erlaubten sich die Agenten der Spionageorganisation einen Scherz. "Wer hätte je gedacht", steht da auf einer Folie zu lesen, "dass das hier einmal Big Brother sein würde" - zu sehen war daneben ein Bild des inzwischen verstorbenen Apple-Chefs Steve Jobs, in der Hand ein iPhone. Auf der nächsten Folie ging der Text weiter: "...und dass die Zombies zahlende Kunden sein würden?"

Nun ist klar, wie ernst es den Spionen im Dienst der USA tatsächlich war mit der Big-Brother-Vision einer Totalüberwachung per Handy: Wie die "Washington Post" unter Berufung auf Dokumente aus dem Snowden-Fundus enthüllt, speichert die NSA die Bewegungen von vielen Millionen Handy-Nutzern weltweit, 24 Stunden am Tag. Es ist davon auszugehen, dass der Geheimdienst sich die Fähigkeit verschafft hat, jederzeit den Aufenthaltsort jedes Handy-Nutzers auf der Welt herauszufinden, jedermanns Bewegungen permanent zu verfolgen.

Gegen diese Art der Überwachung kann man sich nicht schützen, sofern man ein Mobiltelefon nutzen will. Der Mobilfunkexperte Philippe Langlois sagte SPIEGEL ONLINE vor einigen Wochen: "Wenn man sich an empfohlene Internet-Sicherheitsmaßnahmen hält, kann man seine Kommunikation absichern - aber nicht den eigenen Aufenthaltsort."

Der NSA-Chef ist solchen Fragen stets ausgewichen

Informationen über US-Bürger würden im Rahmen des nun enthüllten Programms nur "versehentlich" erfasst, beteuerten ungenannte Beamte gegenüber der "Washington Post". Gleichzeitig erklärte eine NSA-Sprecherin der Zeitung, es sei unmöglich anzugeben, wie viele US-Bürger betroffen seien. Klar ist, dass auch Amerikaner in diesem Schleppnetz hängenbleiben, für den überwachten Rest der Menschheit dürfte diese Frage aber ohnehin von untergeordneter Bedeutung sein. NSA-Chef Keith Alexander war Fragen nach Ortsdatenerfassungen durch die NSA immer wieder ausgewichen - nun ist klar, warum.

Fünf Milliarden Telefondatensätze pro Tag verleibt sich die NSA-Datenbank namens Fascia dem Bericht zufolge ein. Die Daten stammen demnach direkt aus den Kabeln, die die Rechenzentren großer Mobilfunkanbieter miteinander verbinden. Einige dieser Anbieter arbeiten offenbar mit dem Geheimdienst zusammen. Dass große US-Telekommunikationsunternehmen der NSA zuarbeiten und etwa Zugänge zu Unterseekabeln zur Verfügung stellen, ist bereits seit einiger Zeit bekannt. Unklar ist, ob der US-Dienst auch Hackerangriffe auf Mobilfunkunternehmen in anderen Ländern unternimmt, wie es etwa der britische Geheimdienst GCHQ tut.

Auch der Handy-Besitzer lässt sich leicht ermitteln

Die Organisation des internationalen Mobilfunkgeschäfts ermöglicht es, auch Daten und Bewegungen von Menschen zu erfassen, die in weit entfernten Netzen unterwegs sind. Die Netze sind zwangsläufig miteinander verbunden. Hinzu kommt, dass bestimmte Dienstleister Zugriff auf die Netze mehrerer Mobilfunkanbieter haben - etwa diejenigen, die für die internationalen Roaming-Abrechnungen für Handy-Nutzung im Ausland und für die technische Umsetzung des Roamings verantwortlich sind.

Wie der SPIEGEL berichtete, hackt sich der britische Geheimdienst GCHQ, ein enger Partner der NSA, gezielt in die Netzwerke solcher Unternehmen, etwa des belgischen Providers Belgacom, und von Abrechnungsdienstleistern wie Mach. Das Ziel der Briten: auf "jedes Gerät, jederzeit, überall" zugreifen zu können, wie es in Papieren aus dem Snowden-Fundus heißt.

Die Kollegen von der NSA sind da offenbar schon einen Schritt weiter: Sie können bereits jetzt wohl jedes Gerät auf dem Planeten verfolgen. In die Datenbank geht dem Bericht zufolge alles ein, was ein Handy dem jeweiligen Provider verrät, darunter:

  • die Telefonnummer
  • die aktuelle Funkzelle und damit der Ort
  • die eindeutige Gerätenummer, die jedes Handy identifizierbar macht
  • die eindeutige Nummer der Sim-Karte

Ein NSA-Dokument, das die "Washington Post" veröffentlichte, führt insgesamt 40 Erkennungsmerkmale für jeden Datenpunkt auf. Mit diesen Daten wäre es dem Geheimdienst ein Leichtes, nicht nur den Ort jedes Telefons jederzeit zu bestimmen, sondern auch herauszufinden, wer der Besitzer ist.

Die erfasste Datenmenge ist so groß, dass sie sogar die NSA mit ihren gewaltigen Rechenzentren vor Probleme stellt, berichtet die "Washington Post". Sie zitiert aus einem NSA-Papier aus dem Mai 2012, in dem davon die Rede ist, dass die Menge der Handy-Daten "unsere Fähigkeit zur Aufnahme, Verarbeitung und Speicherung übersteigt". Seitdem hat sich der Geheimdienst demzufolge Systeme mit noch mehr Kapazität zugelegt, um dem eigenen Datenhunger gerecht zu werden.

Handys können zu Abhörwanzen werden

Eine Software namens Co-Traveller soll dem "Washington Post"-Bericht zufolge dazu dienen, das soziale Umfeld von NSA-Zielpersonen zu kartieren. Sie erfasst, welche anderen Handys sich öfter am gleichen Ort befinden wie das Handy der jeweiligen Zielperson. Mit dieser Funktion begründet die NSA die Existenz dieses Programms: Es gehe darum, die Beziehungsnetzwerke von Terrorverdächtigen zu kartieren.

Gleichzeitig aber kartiert die NSA die Bewegungen von Hunderten von Millionen unschuldiger Menschen weltweit. Permanent. Mehr noch: Wer Zugriff auf diese Daten hat und gleichzeitig über die technischen Möglichkeiten der NSA oder des GCHQ verfügt, kann zumindest auf Smartphones auch gezielt Schadsoftware einschleusen, wie der Experte Philippe Langlois SPIEGEL ONLINE vor einigen Wochen erläuterte: "Man könnte heimlich Fotos oder Videos aufnehmen, Anrufe abhören und Gespräche in der Umgebung aufzeichnen, selbst dann, wenn das Handy gerade im 'Sleep Mode' ist."

Die NSA verfügt demnach nicht nur über die Möglichkeit, praktisch jeden Handy-Nutzer auf der Welt jederzeit zu orten, sie kann vermutlich auch viele Smartphones jederzeit in Abhörwanzen mit Mikrofon und Kamera verwandeln, wenn ihre Agenten das für nötig halten - und die Zielperson kein US-Bürger ist.

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insgesamt 348 Beiträge
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Seite 1
Pfaffenwinkel 05.12.2013
1. Wenn sich Handys in Wanzen umwandeln lassen,
werde ich nun mein Handy verschenken. Ging ja früher auch ohne.
ambulans 05.12.2013
2. unsere
"freunde" sind eben immer für uns da - da muss man sich freuen (dürfen), oder?
mathildesch. 05.12.2013
3. Steve Jobs als Big Brother
Steve Jobs als Big Brother? Nun, gut, seit Oktober 2012 ist Apple Prism-Partner (bzw. wird von der NSA so betrachtet - "joined Prism in Oct 2012). Eine Farce, dass das neue iPhone jetzt auch noch das automatisch und zwangsweise erledigt, wovon die NSA seit langem träumt: Eine weltweite Fingerabdruckerfassung mit Namen und Telefonummer, Emails und Fotos, etc. etc.
prisma-4d 05.12.2013
4. Ist das jetzt ein Boykotaufruf gegen Apple?
Oder verkauft Apple denen die "Erweiterungshardware"? Oder kann ich bei der NSA Anrufen wenn ich mein Händy verloren habe? Wenn ja, dann bin ich auch für die Weltweite 25Stunden/Tag überwachung!
braintainment 05.12.2013
5. Dr.
"Noch bevor man überhaupt weiß, was die Amerikaner da genau machen, regen sich alle auf, beschimpfen die Amerikaner, und diese Mischung aus Antiamerikanismus und Naivität geht mir gewaltig auf den Senkel." Das sagte "Bundesinnenminister" Hans-Peter Friedrich Ende Juni 2013, als die flächendeckende Überwachung des Internets offenbar geworden war. Fragt sich, wer da naiv war... Es geht mir nicht in den Kopf, wie eine Regierung, die von einer derartigen Ausspähung ihrer Bürger Kenntnis erlangt, zur Tagesordnung übergeht und schnellstmöglich ein Handeslabkommen mit den USA abschließen möchte.
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