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30. Dezember 2012, 17:10 Uhr

Hardware-Ethik

Unfaire Tastaturen und blutige Smartphones

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Geeks lieben Gadgets - obwohl sie wissen, dass sie oft unter schlechten Bedingungen hergestellt werden. Auf dem Hacker-Kongress 29C3 sprachen sie über faire Elektronik und gaben Tipps, wie jeder Verbraucher helfen kann.

Hamburg - Ein typisches Bild bietet sich den Besuchern in Saal vier des Hackerkongresses 29C3: Die Zuhörer haben Laptops auf dem Schoß, spielen mit ihren Smartphones, streichen über Tablet-Rechner - Gadgets gehören hier einfach dazu. Für das technikaffine Publikum sind sie nicht bloß Spielzeug, Lebenshelfer oder Statussymbol, sondern vor allem Arbeitsgeräte, ohne die nichts geht.

Am Samstagabend sind die Nutzer in diesen Raum gekommen, um sich über die Schattenseiten der IT-Produktion zu informieren: über schlechte Arbeitsbedingungen bei der Herstellung dieser Geräte, bei der Gewinnung der Rohstoffe, beim Zusammenbauen am Fließband und später bei der Verschrottung.

Auf der Bühne steht Sebastian Jekutsch vom Fiff, dem Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung. Er fragt, ob faire Computer überhaupt möglich sind - und antwortet sich gleich selbst: Ja, faire Computer sind möglich. Was er dann aber erzählt, macht wenig Hoffnung. Er zeigt Bilder aus Minen im Kongo, in denen Kinder für den benötigten Lötzinn arbeiten, er zeigt Fließbänder in China, an denen Menschen für wenig Geld Tastaturen zusammenstecken, Fotos aus Bolivien vom Wolfram-Abbau für den Vibrationsalarm im Handy und Berge von Elektroschrott und Computergehäusen in Ghana.

"Fair" ist bisher kein Feature

"In China zum Beispiel sind zwar Arbeitsplätze entstanden, weil wir so viele Computer kaufen", sagt er, "aber aus meiner Sicht hätten die viel mehr verdient für ihre Arbeit." Die Geräte, Jekutsch nennt als Beispiel Apples iPhone, kosteten in der Herstellung nur einen Bruchteil von dem, was der Kunde am Ende dafür zahle. Ein Missverhältnis, findet er.

Jekutsch nennt die vielen Hürden auf dem Weg zu einem fair hergestellten Elektronikgerät: sehr viele Komponenten, viele beteiligte Firmen und Fertiger, verschiedene Länder mit unterschiedlichen Gesetzeslagen. Trotz dieser Widrigkeiten gebe es eine ganze Reihe an Organisationen und Projekten, die sich für eine fairere IT-Produktion einsetzten. Er nennt eine ganze Reihe, darunter GermanWatch, Weed oder Good Electronics.

Doch demgegenüber stehe kein einziger Anbieter, der derzeit ein komplett fair hergestelltes Gerät auf dem Markt anbiete. Zwar gebe es neuerdings zum Beispiel das Projekt Nager IT, das eine zumindest in Teilen fair hergestellte Computermaus anbietet - zum entsprechend stolzen Preis von 26,90 Euro plus Versand. Doch andere Geräte und große Hersteller? Fehlanzeige.

Aus der Elektronik läuft Blut

"Wir als Nutzer können also nicht wählen", sagt Jekutsch. Seine Zuhörer würden aber offenbar gern wählen können: Manche stehen nach dem Vortrag auf und sagen, dass sie durchaus mehr Geld für ihre Gadgets zahlen würden, wenn sie denn fairer produziert würden. Schließlich kauft gerade diese Szene ihre Technik nicht möglichst billig, sondern sucht sie ohnehin sehr sorgsam aus.

So passt der Vortrag auch zum Motto des 29C3: "Not my Department". Es soll die Hacker eigentlich daran erinnern, dass sie sich nicht aus der Verantwortung ziehen können, dass sie auch immer die gesellschaftlichen Folgen ihres Tuns im Blick behalten sollen. Das gilt nicht nur für ihre Arbeit, sondern genauso für den eigenen Konsum. Deshalb ist der Saal voll, und schon bei der Anmoderation des Vortrags freut sich der Ansager: "Schön, dass sich so viele von Euch dafür interessieren, wie viel Blut aus unserer Elektronik herausläuft."

Doch was kann man als Käufer und Nutzer denn überhaupt tun, wenn es noch keine entsprechenden Angebote gibt? "Darauf achten, Geräte zu kaufen, bei denen man möglichst viele Teile austauschen kann", sagt eine Zuhörerin, denn heute gebe es viele Geräte, bei denen sich nicht einmal mehr der Akku austauschen lasse - und dann fliege gleich das ganze Ding auf den Müll.

Neue Funktionen oder korrektes Smartphone?

Man sollte seine Geräte sowieso länger benutzen und nicht immer gleich dem neuesten Gadget hinterherrennen, schlägt jemand anderes aus dem Publikum vor. Aber ob sich die hardwareliebenden Hacker daran halten können? Jekutsch rät außerdem, bei den Firmen immer wieder nachzufragen, wie es um die Produktionsbedingungen steht: "Ihr seid schließlich Kunden!" Wenn viele nerven, könne sich vielleicht etwas ändern, denn "Nachfrage wird bedient".

Das Wichtigste sei, die fairen Produkte dann auch zu kaufen, wenn sie denn endlich auf den Markt kommen - obwohl sie wahrscheinlich teurer sein werden und womöglich nicht von einer bestimmten Marke kommen. Er nennt das Projekt FairPhone, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, eines Tages ein "gerechtes" Smartphone herzustellen. Im Jahr 2013 sollen die ersten 10.000 Geräte fertig sein. Das solle man unterstützen, sagt Jekutsch, nur sei er gespannt, ob es dann auch genug Abnehmer gebe: "Bei Smartphones habe ich mittlerweile meine Zweifel. Die Leute wollen doch die Technik und die neuesten Features."

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