Hardware-Ethik: Unfaire Tastaturen und blutige Smartphones

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Geeks lieben Gadgets - obwohl sie wissen, dass sie oft unter schlechten Bedingungen hergestellt werden. Auf dem Hacker-Kongress 29C3 sprachen sie über faire Elektronik und gaben Tipps, wie jeder Verbraucher helfen kann.

Netzwerktechnik auf dem 29C3: Herstellung kostet einen Bruchteil des Preises Zur Großansicht
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Netzwerktechnik auf dem 29C3: Herstellung kostet einen Bruchteil des Preises

Hamburg - Ein typisches Bild bietet sich den Besuchern in Saal vier des Hackerkongresses 29C3: Die Zuhörer haben Laptops auf dem Schoß, spielen mit ihren Smartphones, streichen über Tablet-Rechner - Gadgets gehören hier einfach dazu. Für das technikaffine Publikum sind sie nicht bloß Spielzeug, Lebenshelfer oder Statussymbol, sondern vor allem Arbeitsgeräte, ohne die nichts geht.

Am Samstagabend sind die Nutzer in diesen Raum gekommen, um sich über die Schattenseiten der IT-Produktion zu informieren: über schlechte Arbeitsbedingungen bei der Herstellung dieser Geräte, bei der Gewinnung der Rohstoffe, beim Zusammenbauen am Fließband und später bei der Verschrottung.

Auf der Bühne steht Sebastian Jekutsch vom Fiff, dem Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung. Er fragt, ob faire Computer überhaupt möglich sind - und antwortet sich gleich selbst: Ja, faire Computer sind möglich. Was er dann aber erzählt, macht wenig Hoffnung. Er zeigt Bilder aus Minen im Kongo, in denen Kinder für den benötigten Lötzinn arbeiten, er zeigt Fließbänder in China, an denen Menschen für wenig Geld Tastaturen zusammenstecken, Fotos aus Bolivien vom Wolfram-Abbau für den Vibrationsalarm im Handy und Berge von Elektroschrott und Computergehäusen in Ghana.

"Fair" ist bisher kein Feature

"In China zum Beispiel sind zwar Arbeitsplätze entstanden, weil wir so viele Computer kaufen", sagt er, "aber aus meiner Sicht hätten die viel mehr verdient für ihre Arbeit." Die Geräte, Jekutsch nennt als Beispiel Apples iPhone, kosteten in der Herstellung nur einen Bruchteil von dem, was der Kunde am Ende dafür zahle. Ein Missverhältnis, findet er.

Sebastian Jekutsch: Fordert faire Löhne bei der Gadget-Herstellung Zur Großansicht
Sebastian Jekutsch

Sebastian Jekutsch: Fordert faire Löhne bei der Gadget-Herstellung

Jekutsch nennt die vielen Hürden auf dem Weg zu einem fair hergestellten Elektronikgerät: sehr viele Komponenten, viele beteiligte Firmen und Fertiger, verschiedene Länder mit unterschiedlichen Gesetzeslagen. Trotz dieser Widrigkeiten gebe es eine ganze Reihe an Organisationen und Projekten, die sich für eine fairere IT-Produktion einsetzten. Er nennt eine ganze Reihe, darunter GermanWatch, Weed oder Good Electronics.

Doch demgegenüber stehe kein einziger Anbieter, der derzeit ein komplett fair hergestelltes Gerät auf dem Markt anbiete. Zwar gebe es neuerdings zum Beispiel das Projekt Nager IT, das eine zumindest in Teilen fair hergestellte Computermaus anbietet - zum entsprechend stolzen Preis von 26,90 Euro plus Versand. Doch andere Geräte und große Hersteller? Fehlanzeige.

Aus der Elektronik läuft Blut

"Wir als Nutzer können also nicht wählen", sagt Jekutsch. Seine Zuhörer würden aber offenbar gern wählen können: Manche stehen nach dem Vortrag auf und sagen, dass sie durchaus mehr Geld für ihre Gadgets zahlen würden, wenn sie denn fairer produziert würden. Schließlich kauft gerade diese Szene ihre Technik nicht möglichst billig, sondern sucht sie ohnehin sehr sorgsam aus.

So passt der Vortrag auch zum Motto des 29C3: "Not my Department". Es soll die Hacker eigentlich daran erinnern, dass sie sich nicht aus der Verantwortung ziehen können, dass sie auch immer die gesellschaftlichen Folgen ihres Tuns im Blick behalten sollen. Das gilt nicht nur für ihre Arbeit, sondern genauso für den eigenen Konsum. Deshalb ist der Saal voll, und schon bei der Anmoderation des Vortrags freut sich der Ansager: "Schön, dass sich so viele von Euch dafür interessieren, wie viel Blut aus unserer Elektronik herausläuft."

Doch was kann man als Käufer und Nutzer denn überhaupt tun, wenn es noch keine entsprechenden Angebote gibt? "Darauf achten, Geräte zu kaufen, bei denen man möglichst viele Teile austauschen kann", sagt eine Zuhörerin, denn heute gebe es viele Geräte, bei denen sich nicht einmal mehr der Akku austauschen lasse - und dann fliege gleich das ganze Ding auf den Müll.

Neue Funktionen oder korrektes Smartphone?

Man sollte seine Geräte sowieso länger benutzen und nicht immer gleich dem neuesten Gadget hinterherrennen, schlägt jemand anderes aus dem Publikum vor. Aber ob sich die hardwareliebenden Hacker daran halten können? Jekutsch rät außerdem, bei den Firmen immer wieder nachzufragen, wie es um die Produktionsbedingungen steht: "Ihr seid schließlich Kunden!" Wenn viele nerven, könne sich vielleicht etwas ändern, denn "Nachfrage wird bedient".

Das Wichtigste sei, die fairen Produkte dann auch zu kaufen, wenn sie denn endlich auf den Markt kommen - obwohl sie wahrscheinlich teurer sein werden und womöglich nicht von einer bestimmten Marke kommen. Er nennt das Projekt FairPhone, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, eines Tages ein "gerechtes" Smartphone herzustellen. Im Jahr 2013 sollen die ersten 10.000 Geräte fertig sein. Das solle man unterstützen, sagt Jekutsch, nur sei er gespannt, ob es dann auch genug Abnehmer gebe: "Bei Smartphones habe ich mittlerweile meine Zweifel. Die Leute wollen doch die Technik und die neuesten Features."

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29C3 in Hamburg: Hacken, Basteln, Spielen

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1.
Atheist_Crusader 30.12.2012
Zitat von sysopMan sollte seine Geräte sowieso länger benutzen und nicht immer gleich dem neuesten Gadget hinterher rennen, schlägt jemand anders aus dem Publikum vor. Aber ob sich die hardwareliebenden Hacker daran halten können?
Auch "hardwareliebende Hacker" (ich vermute mal, das sollte bloß eine Aliteration sein und war nicht ernst gemeint) haben irgendwo finanzielle Grenzen. Das ist ja mit das Perverse an iPhone und Konsorten: Die Arbeiter sehen kaum einen Cent für ihre Mühe und die Kunden zahlen trotzdem ein Heidengeld dafür. Normalerweise würde man doch erwarten, dass man die Wahl hat: entweder man ist ein Egoist und zahlt dafür weniger, oder man gibt etwas mehr aus und hat dafür kein schlechtes Gewissen. Aber das ist es nicht. Das ist eine Illusion, die auch ganz bewusst aufrechterhalten wird. Höhere Preise schaffen nicht automatisch bessere Arbeitsbedingungen, höhere Löhne oder weniger Kündigungen. All das passiert nur dann, wenn die Konzerne es auch wollen. Momentan werden beide Enden der Kette ausgeblutet, Arbeiter wie Kunden. Dass eine Seite so massiv verarscht wird ist schon verwerflich (und historisch leider höchst gebräuchlich), aber gleich beide? Und der Schuldige dabei ist klar: Gier. Nicht bloß die Gier der Manager nach immer höheren Profiten, auch die Gier der Kunden nach immer neuen Waren, die diese geisteskranke Praxis noch unterstützt. Nur da kann man ansetzen. Den Gedanken "Das brauchst Du doch gar nicht!" aus den Klaune der Rentnergeneration entreißen und ihn wieder salonfähig machen.
2. Naja
bluemetal 30.12.2012
Das Problem ist doch wohl kaum ausgerechnet der transparente Kleinhersteller Apple als all die abermillionen billig Windows PCs und Android Smartphones, Bauteile und PC Zubehör wo null Kontrolle vorhanden ist, man weiß weder von wem noch wo all der Medion/Mediamarkt Ramsch überhaupt gebaut wird. Das wäre wie Ferrari für Mängel in der weltweiten Autoproduktion an den Pranger zu stellen. Billigste Polemik...wie üblich. Gähn
3. Soso
Lurchfreund 30.12.2012
Zitat von bluemetalDas Problem ist doch wohl kaum ausgerechnet der transparente Kleinhersteller Apple als all die abermillionen billig Windows PCs und Android Smartphones, Bauteile und PC Zubehör wo null Kontrolle vorhanden ist, man weiß weder von wem noch wo all der Medion/Mediamarkt Ramsch überhaupt gebaut wird.
Der "Kleinhersteller" Apple lässt genauso bei Foxconn produzieren wie die Hersteller von "Billig-Windows-PCs". Der Windows-PC kommt mit einer Gewinnmarge von 3-5% auf den Markt, dass Appleprodukt mit einer Gewinnmarge von 20-50%. Gerade in diesem Fall wäre es absurd, moralisch abseitig und geradezu boshaft, Apple freisprechen zu wollen. Gerade Apple könnte es sich leisten, den Arbeitern, die seine Produkte herstellen und/oder hinterher auch wieder verschrotten, mehr zu zahlen. Ein halbes Prozent weniger Gewinn bei den Margen, die Apple einfährt, wären betriebswirtschaftlich kein Problem. Zumal Apple dies dann auch gerne als Werbeargument anführen könnte (Stichwort: Fairtrade und Co.). Stattdessen werden die die Arbeiter, die Apples "Premiumprodukte" herstellen genauso ausgebeutet wie die armen Teufel, die den billigen Medion-PC oder Mediamarkt-Laptop zusammenbauen. Applefans stört dieses allerdings schon traditionell nicht sonderlich. Die stören sich nicht an den absurd hohen Gewinnspannen, die Apple ansetzt. Die störten sich auch nicht daran, dass Apple als letzter großer Hersteller RoHs-konform wurde (ein Jahr nach allen anderen großen...) und auf PVC sowie diverse andere problematische Chemikalien verzichtete ( "green my apple"-Kampagne von Greenpeace, 2006). Das in Ghana Kinder Schrottberge mit Apple-Produkten verbrennen (Gehäuse bzw. alle Kunststoffteile, um an die Metalle zu kommen, hat Applenutzer ebenfalls nie gestört. Warum also sollten miese Arbeitsbedingungen für Applenutzer von Interesse sein? Bezüglich der moralischen Verantwortung von Verbrauchern, ganz besonders bei Apple-affinen Menschen, habe ich schon vor geraumer Zeit jegliche Hoffnung verloren. Nein, wäre es nicht. Es wäre wie wenn Ferrari seine Arbeiter ebenso entlohnen würde wie Lada in Russland und die Sportwagen aus den gleichen Teilen hergestellt würden wie ein Lada, aber eben zum Preis eines Ferrari 599 GTO. Damit haben Sie immerhin recht. Ihr Beitrag ist wirklich billigste Polemik.
4. @ bluemetal...
michaelkaloff 30.12.2012
... ach der liebe, kleine und herzensgute Hersteller Apple, dagegen die böböse Firma MS und jetzt auch noch Samsung und überhaupt das schlimme Android. Hallo liebes Apple-Schaf, diese Argumentation stinkt so was von dermaßen nach den 90ern... Sorry, aber .... Bitte mal mit den Fakten vertraut machen Nichts für ungut.
5. Länger nutzen oder ...
peeka 30.12.2012
...Hardware gebraucht kaufen. Ich nutze im Büro (immerhin Softwareentwicklung, aber nur Büroanwendungen ohne zeitkritischen Faktor) und auch beim handy ausschließlich Hardware aus zweiter Hand. Das ist deutlich billiger und belastet mit Sicherheit die Umwelt weniger als Neuware. Eigentlich könnten hier Piratens mal mit gutem Beispiel voran gehen... Ansonsten könnte zumindest im Bereich der Teile, die nichts mit der Elektronik zu tun haben, mehr Wert auf Wiederverwertbarkeit gelegt werden.
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