Fehlalarm auf Hawaii Liebe Leserin, lieber Leser,

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Es ist Montag, suchen Sie umgehend Schutz! Dies ist keine Übung!

In dieser digitalen Welt mit ihren Buttons und Menüs ist Fingerspitzengefühl gefragt. Eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat das am Samstagmorgen ein Mitarbeiter der Hawaii Emergency Management Agency, der versehentlich einen Raketenalarm auslöste. "Drohende ballistische Rakete. Sofort Zuflucht suchen. Das ist keine Übung" lautet der Text, den Hunderttausende Hawaiianer an ihre Smartphones gesendet bekamen.

Kauai, eine der hawaiianischen Inseln
AP / Kauai Visitors Bureau

Kauai, eine der hawaiianischen Inseln

Der Mitarbeiter hatte bei der routinemäßigen Überprüfung des Systems den falschen Eintrag in einem Drop-down-Menü gewählt: "Raketenalarm" statt "Test-Raketenalarm". Mausgerutscht-Königin Beatrix von Storch ist damit entthront.

Wo das NetzDG versagt

Die AfD und rechte Trolle haben ein neues Lieblingsspielzeug, das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG). Weil sie sich damit schon sehr genau, die Betreiber der sozialen Netzwerke hingegen noch nicht so gut auskennen, wird uns das Gesetz diese Woche weiterhin beschäftigen.

Wie dringend nötig gesetzlicher Druck auf die Unternehmen ist, beschreibt der Journalist Richard Gutjahr auf seiner Website. "Unter Beschuss" heißt sein eindrücklicher Erfahrungsbericht. Er schildert darin, wie er und seine Familie seit 18 Monaten im Netz attackiert und bedroht werden, wie dreist YouTube, Facebook und Twitter jede Verantwortung zurückweisen und wie frustrierend die juristische Gegenwehr ist. Das NetzDG, schreibt Gutjahr, hilft Opfern in seiner derzeitigen Ausgestaltung jedenfalls kaum.

Gigabitter

Mit welchen weiteren Internetgesetzen uns die mögliche neue Große Koalition beglücken wird, geht aus ihrem Sondierungspapier höchstens indirekt hervor. Aber die Sozialdemokraten - allen voran ihr netzaffiner Generalsekretär Lars Klingbeil - dürfen meinetwegen gerne laut darüber nachdenken, ob ihnen die paar warmen Worte zum Internet fürs Erste ausreichen und wie man sie im Koalitionsvertrag noch ergänzen könnte.

Einen flächendeckenden Gigabit-Ausbau bis 2025 zu versprechen, also zum Ende der nächsten, nicht der laufenden Legislaturperiode, ist zum Beispiel nichts, was irgendwen im Land vom Hocker hauen dürfte. Der Satz "Die Sicherheitsbehörden brauchen gleichwertige Befugnisse im Umgang mit dem Internet wie außerhalb des Internets" klingt nicht gerade nach Bürgerrechtsfestspielen. Und dass sich in den 28 Seiten des Papiers kein einziger Satz zum Thema Digitale Bildung findet, ist mehr als bitter. Das ist Gigabitter.

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Seltsame Digitalwelt:

Die Sendungsverfolgung im Internet hat der Teufel gemacht. Ich habe eine Bohrmaschine im Internet bestellt und wurde dann von dem Zustelldienst, der mit D anfängt, aber nicht mit HL aufhört, eingeladen, einen Wunschtermin für die Lieferung anzugeben. Im "Paket Navigator" oder der App des Zustelldienstes. Ich habe dankend angenommen, denn ich bin im Moment unter der Woche beruflich in Hamburg eingespannt und kann Pakete in meiner Berliner Wohnung deshalb nur am Samstag entgegennehmen.

Ich bekam eine Bestätigung, eine Sendungsnummer für die Echtzeitverfolgung, aber keine Bohrmaschine. Am Samstag, das konnte ich jede Stunde aufs Neue überprüfen, wurde mein Paket nicht eingeladen und nicht ausgeliefert. Einen neuen Termin oder eine andere Option konnte ich aber auch nicht mehr ausmachen. Nichts im Internet symbolisiert Hilflosigkeit so gut wie ausgegraute Buttons.

Die Bohrmaschine soll heute Mittag geliefert werden. Ich hätte jetzt gerne eine App, die dem Zusteller eine Empfängerverfolgung ermöglicht, sodass er jederzeit sehen kann, wo ich gerade bin.

App der Woche: "Bridge Constructor Portal"
getestet von Sebastian Meineck

Google

Die Premium-App "Bridge Constructor Portal" verbindet das Spielprinzip von "Bridge Constructor" mit der Spielewelt von "Portal". In einer 2D-Welt baut der Spieler Brücken, um Fahrzeuge unfallfrei von A nach B zu bringen. Von Level zu Level wird das Material knapper, und die Konstruktionen werden trickreicher. Um ans Ziel zu kommen, müssen Spieler geschickt Portale, Katapulte und Sprungschanzen einplanen. Das Spiel ist auch für den PC erschienen, eine Version für die Konsole soll Anfang 2018 folgen.

Für 5,49 Euro von Headup Games, ohne In-App-Käufe: iOS, Android

Fremdlink: Drei Tipps aus dem Internet

  • Turning Design Mockups Into Code With Deep Learning (Englisch)
    Der Schwede Emil Wallner beschreibt, wie er einem künstlichen neuronalen Netzwerk beigebracht hat, Designvorlagen für Websites in HTML nachzubauen. Was Wallner da geschaffen hat, ist praktisch ein künstlicher Programmierer.
  • Team HODL - Der Crypto Podcast (Deutsch, 85 Minuten)
    Philipp Steuer und Robbie Bouschery haben einen unterhaltsamen Podcast über Kryptowährungen wie Bitcoin gestartet. In Folge 1 reden sie über Kodaks Coin-Idee, die japanische Girlband Kasotsuka Shojo (Virtuelle Währungsmädchen) und über Altcoins, also vergleichsweise wenig bekannte bis schlichtweg absurde Alternativen zu Bitcoin

Ich wünsche Ihnen allen eine Woche ohne Alarm,

Patrick Beuth

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
ayumu 15.01.2018
1.
Seit wann legen wir eigentlich die Arbeit der Justiz in die Hände von Firmen? Woher sollen die Mitarbeiter der jeweiligen Firma wissen, was strafbare Aussagen sind und was nicht? Werden dafür Anwälte und Richter eingestellt, oder löscht die studentische Hilfskraft nach Gutdünken jeden Kommentar, der irgendwie anstößig sein könnte nur damit es keinen Ärger vom Chef gibt? Ich finde das Gesetz ist ein Armutszeugnis für unser Justizsystem - jetzt wird auch noch die Rechtsprechung privatisiert. Und die löschen natürlich nicht nur die Kommentare die wirklich gegen Gesetze verstoßen, sondern einfach mal alles mögliche, wie man ja schon an einigen harmlosen Fällen sehen konnte.
kumi-ori 15.01.2018
2.
Man sollte um den Atomalarm nicht so viel Aufhebens machen. Internet-Pannen sind an der Tagesordnung, und ich denke, das wird nicht die letzte sein.
peterpretscher 15.01.2018
3. Es gibt doch Bier auf Hawaii, aber....
....keine Bunker! Empfehlung an Mr. Trump: Statt Mauer in den USA, Bunker auf Hawaii bauen!
Zahlenfresser 15.01.2018
4. Quick and Dirty
Nicht der Mitarbeiter hat versagt, sondern der Programmierer, wenn man mit einem einfachen Mausrutscher solche Panik auslösen kann. Dazu gehören weitere Sicherheitsabfragen à la "Are you sure?", "Are you really sure" usw., und Signalfarben in den Abfrageboxen, also knallroter Hintergrund bei der echten Meldung und blassgrün oder gelb bei der Testmeldung. Programmieraufwand: weniger als 5 Minuten. Stressersparnis: Unbezahlbar.
redneck 16.01.2018
5.
Zitat von ZahlenfresserNicht der Mitarbeiter hat versagt, sondern der Programmierer, wenn man mit einem einfachen Mausrutscher solche Panik auslösen kann. Dazu gehören weitere Sicherheitsabfragen à la "Are you sure?", "Are you really sure" usw., und Signalfarben in den Abfrageboxen, also knallroter Hintergrund bei der echten Meldung und blassgrün oder gelb bei der Testmeldung. Programmieraufwand: weniger als 5 Minuten. Stressersparnis: Unbezahlbar.
War ein kleiner Fehler mit grossen Auswirkungen. Hab den Alarm sofort als falsch erkannt - Kim hat keine Interkontinental Rakete. Viele meiner Freunde hier hats aber ziemlich geschockt. Etwas Politik- und Technikwissen hilft ;-). Software bunt zu machen ist keine Lösung.
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