Icann USA wollen Kontrolle über Internet-Verwaltung lockern

Es ist ein entscheidender Schritt zur Reform der Internet-Verwaltung: Die US-Regierung hat angekündigt, die Kontrolle über die Organisation Icann aufzugeben, die unter anderem für die Vergabe von Domain-Namen zuständig ist.

Logo der Icann: Kampf um die Unabhängigkeit des Internets
AP

Logo der Icann: Kampf um die Unabhängigkeit des Internets


Washington - Wer kontrolliert das Internet? Wer sorgt für Ordnung, wer hat den meisten Einfluss? Diese Fragen beschäftigen Netzpolitiker nicht erst seit dem Skandal um den US-Geheimdienst NSA, doch die Abhöraffäre hat die Diskussion neu entfacht. Auch die US-Regierung bemüht sich um moderate Töne. Sie kündigte nun an, die Kontrolle über die Internet-Verwaltung Icann aufgeben zu wollen. Die Organisation, 1998 gegründet, steht seit dem Tod ihres Initiators Jon Postel unter Aufsicht des amerikanischen Handelsministeriums. Eine Tatsache, die in der Vergangenheit aus Sorge um zu viel staatliche Einflussnahme immer wieder kritisiert wurde.

Mit allen Beteiligten solle ein Plan für den Übergang der Aufsicht ausgearbeitet werden, erklärte das Ministerium am Freitagabend. Der Startschuss dafür solle bereits Ende März bei der Icann-Konferenz in Singapur erfolgen, kündigte die NGO an. Nationale Regierungen ebenso wie privatwirtschaftliche Unternehmen und die Öffentlichkeit seien zur Teilnahme an dem Prozess eingeladen, erklärte der Icann-Vorsitzende Fadi Chehadé. Eine neue, international organisierte Struktur soll bis September 2015 ausgearbeitet sein, zu diesem Zeitpunkt läuft der aktuelle Vertrag mit der US-Regierung aus. Die betonte in ihrem Statement, es sei von Beginn an geplant gewesen, ihre Aufseherrolle zeitlich zu beschränken.

Das Thema ist nicht ohne Brisanz, denn bei der Regierung des Internets prallen ideologische, politische und ökonomische Interessen aufeinander. Die in den USA ansässige Icann (Internet Corporation for Assigned Names and Numbers) ist eine von mehreren Organisationen und Gremien, die über das Netz wachen, sie regelt unter anderem die Vergabe von Adressen und Domain-Namen. Zu ihrem Gremium gehören vor allem Internetexperten, von denen die meisten zwangsläufig aus der Industrie stammen. Traditionell libertär denkende Netzaktivisten vermuten hinter dem Konstrukt der Icann folglich einen Komplex aus staatlicher und wirtschaftlicher Kontrolle und fürchten, dass die Kontrolle des Netzes bei Großkonzernen wie Google, Amazon und Facebook liegt.

Anderen Interessengruppen, vor allem diktatorisch organisierten Staaten wie Russland und China, ist an mehr repressiver Kontrolle gelegen, sie fordern seit langem mehr Einfluss der Nationalstaaten in der Netz-Verwaltung. Ein entsprechender Vorstoß war 2012 unter anderem nach Druck der Internet-Wirtschaft abgewehrt worden. Doch nach dem NSA-Skandal forderte jüngst auch die EU-Kommission eine Neuordnung der Icann-Aufsicht.

Der konservative frühere US-Parlamentssprecher Newt Gingrich äußerte sich nach der Ankündigung des US-Handelsministeriums kritisch: "Wer ist diese globale Internet-Community, der Obama das Internet übergeben will? Damit riskieren wir, dass ausländische Diktaturen das Internet prägen werden", schrieb er beim Kurznachrichtendienst Twitter.

Die für Digital-Politik zuständige EU-Kommissarin Neelie Kroes zeigte sich hingegen zufrieden: Die Kommission werde eng an der Übergangslösung mitarbeiten, kündigte sie an.

bor/dpa



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insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
mariameiernrw 15.03.2014
1. Sehr schlecht
Ich halte das Vorgehen der USA hier für sehr fragwürdig. Es ist nun einmal so, dass die meisten Länder auf der Welt nicht sehr demokratisch und nicht sehr frei sind. Das Internet darf nicht unter internationale Kontrolle kommen, sonst wird geschehen, was die Internationale Telekommunikationsunion mit der Merheit von Russland, China, den arabischen Staaten, den sozialistischen und vielen afrikanischen Staaten fordert: Eine weltweite Zensurinfrastruktur zur Unterdrückung von kritischen Meinungen wie sie z.B. bereits in China und Russland geschieht, Das Internet ist bei den USA in sehr guten Händen. Es gibt vermutlich kein Land der Welt, in dem die Redefreiheit so viel zählt. Dies ist aber extrem wichtig für das Internet.
fuenfringe 15.03.2014
2. Wieso eigentlich
Zitat von sysopAPEs ist ein entscheidender Schritt zur Reform der Internet-Verwaltung: Die US-Regierung hat angekündigt, die Kontrolle über die Organisation Icann aufzugeben, die unter anderem für die Vergabe von Domain-Namen zuständig ist. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/icann-usa-wollen-kontrolle-ueber-internet-verwaltung-lockern-a-958786.html
"zwangsläufig"? Das scheint mir nicht so... Das ist eher kontingent.
WernerT 15.03.2014
3. War da nicht was?
Richtig die US Geheimdienste überwachen den Senat, nicht umgekehrt. Das ist ein Kennzeichen einer Diktatur, die uneingeschränkte Herrschaft der Geheimdienst
stasilaus 15.03.2014
4. "Kontrolle über die Organisation Icann"
Mir ist die noch als gemeinnützige Organisation der Selbstverwaltung des Internets verkauft worden. Die wollten nämlich mal 50 Mark für eine Domain abkassieren. Über Israel. Und so sieht´s dann in Wirklichkeit aus: ICANN ist Dependance der NSA zur totalen Überwachung des Internets. Die Geheimdienste der USA sind niemals von den Nutzern des Internets zur Verwaltung des Internets legitimiert worden. Soviel zum demokratischen Bewusstsein dieses Landes, dass man wohl als neofaschistischen in seinem völlig absurden Weltherrschaftsstreben bezeichnen muss. Das war eine weitere Okkupation der USA. Mit der Idee des Internets als gemeinsame Wissensbasis der Menschheit nicht zu vereinbaren. Wenn die UN sich nicht ebenfalls völlig von den USA abhängig gemacht hätte, wäre die als Träger von ICANN geeignet. Aber die ist ja auch völlig versottet.
nitroclaus 15.03.2014
5. umgekehrt
während die Menschen in der "freien Welt" durch das Internet immer mehr Freiheit aufgeben (weil durch ihr sorgloses Verhalten leicht kontrollierbar) gibt die hohe Verfügbarkeit und vehältnismäßig freie Kommunikation des Internets den Menschen in den "unfreien Ländern eine Chance sich zu organisieren. Nur so ein Denkansatz...
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