Frei verfügbarer Nazi-Rock YouTube und die braunen Musikanten

Auf YouTube gibt sich die rechtsextreme Szene mit menschenverachtender Musik ein Stelldichein. Selbst Machwerke, die beschlagnahmt und aus dem Verkehr gezogen wurden, feiern Wiederauferstehung - zugänglich für jedermann. Doch Google sieht keinen Handlungsbedarf.

Indiziertes Störkraft-Album bei YouTube: Menschenverachtung, frei verfügbar
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Indiziertes Störkraft-Album bei YouTube: Menschenverachtung, frei verfügbar

Von Martin Bell


Hamburg - Fremdenhass gefällig? Ein paar Takte Volksverhetzung? Oder Loblieder aufs Arische? Ab zu YouTube. Rockgruppen aus der rechten Szene grölen da ihre Hymnen auf Gewalt und Menschenverachtung, zugänglich für jedermann, auch für Jugendliche. Ob "Kanake verrecke" (Landser), "Terror" (Störkraft) oder "Herrenrasse" (Macht und Ehre) - zuhauf finden sich Neonazi-Titel auf Googles Videoplattform: Aufnahmen indizierter, oft sogar beschlagnahmter Produktionen. Sie sind seit Monaten, teilweise auch seit Jahren, auf der Plattform vorhanden.

In einem Stichprobentest von SPIEGEL ONLINE fanden sich mehr als hundert Stücke aus indizierten Alben, viele zigfach dargeboten in selbstgefertigten Clips der Anhängerschaft. Statt Videos zeigen die YouTube-Fensterchen Albumcover, oft ebenfalls indiziert, oder Nazi-Symbolik.

Die Gruppe Landser etwa, 2005 als kriminelle Vereinigung eingestuft, ist prominent vertreten: "Deutsche Wut", "Republik der Strolche", "Nigger" - alles da. Auch "Die Lunikoff Verschwörung", Nachfolgeband des Landser-Sängers Michael Regener: Sämtliche Songs der 2012 indizierten CD "L-Kaida" hat YouTube parat. Dasselbe gilt für das Album "Dreckig, kahl und hundsgemein" von Störkraft, das 1993 bundesweit aus dem Verkehr gezogen wurde (Amtsgericht Mayen, Az.: 101 Js 6893/92 Jug. 3 Ls). Auf YouTube feiert es Wiederauferstehung.

"YouTube hat das anscheinend nicht wirklich im Griff"

Keine Einzelfälle. Wer die Indizierungsliste der Bonner Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien zur Hand nimmt, braucht nicht lange zu suchen: Sleipnir, Kraftschlag, Endlöser, Division Germania, Gigi und die braunen Stadtmusikanten - jeder Versuch ein Treffer. Veröffentlichungsverboten und -beschränkungen zum Trotz. "Das Problem hat sich seit dem vergangenen Jahr offenbar verschärft", stellt Jörn Menge ernüchtert fest, Vorsitzender des Hamburger Vereins "Laut gegen Nazis", der auf YouTube den Wettbewerb "361 Grad Respekt" initiierte. "YouTube hat das anscheinend noch nicht wirklich im Griff."

Eine Google-Sprecherin verweist auf Nutzungsbedingungen und Community-Richtlinien. Die nämlich untersagen "unmissverständlich" das Einstellen von "Hassbotschaften, Volksverhetzung, Gewaltverherrlichung", was "ebenso für verbotene rechtsextreme Musikstücke" gelte. Nutzer freilich scheren sich darum offenkundig wenig. Über ein Flaggensymbol unter den Videos lassen sich Inhalte melden, die fragwürdig erscheinen. Wie stark das in Anspruch genommen wird? Keine Angaben von YouTube. Bei vielen der Nazi-Songs haben Nutzer ihren Unmut mit einem Klick auf den Daumen-runter-Button kundgetan, ob sie die Videos auch gemeldet haben, bleibt unklar. Das Melden ist auch relativ mühsam: Wer angeben will, dass ein Titel in Deutschland indiziert ist, muss dafür dreimal Klicken und Text eingeben. Wer mehrere Videos hintereinander meldet, bekommt ab einem bestimmten Punkt ein sogenanntes Captcha zu sehen, muss also jedesmal Nonsens-Buchstabenreihen eintippen, bevor er melden darf.

72 Stunden Videomaterial pro Minute

In Googles Europa-Zentrale in Dublin prüft ein Team beanstandete Clips und sperrt sie bei Verstößen, gegebenenfalls auch den Account. Nutzer können sich aber unter anderem Namen erneut anmelden und dasselbe Video ohne Probleme wieder hochladen. Eine Vorabprüfung erfolgt nicht. Die sei wegen der schieren Menge "schon praktisch unmöglich". Nach eigenem Bekunden wächst YouTube derzeit weltweit um 72 Stunden Videomaterial pro Minute.

Tatsächlich jedoch verfügt Google durchaus über die Technik, Musik während des Hochladens zu identifizieren. Content-ID heißt das Verfahren. Mittels digitaler Fingerabdrücke sortiert YouTube automatisch Musik aus, deren Veröffentlichung Urheberrechte verletzen würde. Das sei aber mit Blick auf Nazirock ungeeignet, teilt YouTube mit, weil dort der Kontext zu beachten sei. Schließlich könnten rechtsextreme Titel auch in Aufklärungsvideos oder Dokumentationen stattfinden. Nur: Welche Art von Aufklärung ist von Nutzern zu erwarten, die sich Namen geben wie GloriousWaffenSS, TeutonicReich44 oder GermanicFront? Dass man darüber bei YouTube nicht Bescheid weiß, ist unwahrscheinlich - der Kanal von GermanicFront etwa ist in Deutschland gesperrt, die von diesem Account hochgeladenen Videos jedoch kann man sich sämtlich ansehen, nur eben einzeln. Darunter das komplette, in Deutschland 1993 eingezogene Störkraft-Album.

Rechtlich ist YouTube auf der sicheren Seite. Plattformbetreiber sind nicht haftbar zu machen für Unwesen, das Community-Mitglieder treiben. Es sei denn, sie erhalten darüber Kenntnis. Erst dann haben sie sich der Sache anzunehmen. Mit seinem Meldesystem tut YouTube dieser Pflicht Genüge. Aber auch nicht mehr als das. Das Laissez-faire hat dem Nazi-Rock offensichtlich neuen Auftrieb verschafft. Zumal die Plattform interessierten Besuchern erleichtert, in die braune Musikszene einzutauchen: Wer ein Video anklickt, erhält in der rechten Leiste reihenweise Vorschläge für weitere Clips, die zur Auswahl passen, hier Störkraft, da Landser, dort Macht und Ehre. Der Soundtrack der Kahlen und Hundsgemeinen. Ob YouTube damit nicht der Verbreitung rechtsextremer Ideologien Vorschub leiste? Das Unternehmen wehrt ab. Die Vorschläge, so eine Sprecherin, seien Ergebnis eines automatisierten Algorithmus. Die Technik ist schuld.

Statt auf Gesetzesinitiativen setzt Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) auf das Engagement der Bürger: "Protest hilft gegen die Gefahr von rechts am besten." Einen deutlichen Appell richtet Jörn Menge von "Laut gegen Nazis" an YouTube: "Hinschauen! Da muss gehandelt werden."

Anmerkung der Redaktion: Wir haben alle in diesem Artikel genannten Titel bei YouTube als "in Deutschland indiziert" gemeldet. Einige wurden seit Freitag gesperrt, andere sind weiterhin verfügbar.



insgesamt 79 Beiträge
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Seite 1
gatsue 11.03.2013
1. Aber wehe -
man sieht eine nackte Brust - oder lädt einen Cover Song hoch...
Zaunsfeld 11.03.2013
2.
Tja, liebe Regierung. Zwingt die Bands doch, GEMA-Mitglied zu werden. Dann sind die schneller von youtube wieder verschwunden, als sie gucken können. ;-)
LH526 11.03.2013
3.
Zitat von sysopYouTubeAuf YouTube gibt sich die rechtsextreme Szene mit menschenverachtender Musik ein Stelldichein. Selbst Machwerke, die beschlagnahmt und aus dem Verkehr gezogen wurden, feiern Wiederauferstehung - zugänglich für jedermann. Doch Google sieht keinen Handlungsbedarf. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/indizierter-nazi-rock-bei-youtube-a-887637.html
Ist jetzt Google/Youtube oder der hochladende Nutzer für den Inhalt verantwortlich?
nurmeinsenf 11.03.2013
4. Es geht nichts über gute Werbung?
Die Thematik hätte sich auch problematisieren lassen, ohne breite Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit für etwas zu schaffen, was bis dahin nur wenigen bekannt war. War es für den Artikel wirklich nötig, jede Band und jeden Titel aufzulisten, die/den der Autor auf seiner persönlichen Checkliste abgehakt hat? Viele Namen und Songs sagten mir bis jetzt gar nichts. Und wen es interessiert, der kann seinen persönlichen Bestand noch schnell ergänzen....
Jack Bauer 11.03.2013
5. Gema
Kann die GEMA nicht so einen Mist Sperren? Stattdessen wird die Spears geblockt! Verkehrte Welt!
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