Fake-Profil auf Instagram: Kim Jong Uns deutscher Botschafter

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Fake-Account auf Instagram: Nordkorea-Impressionen aus dem Ländle Fotos

Lady Gaga hat es, Barack Obama hat es - Kim Jong Un auch? Ein "offizielles" Profil bei Instagram zeigt den Alltag des nordkoreanischen Diktators, seiner Frau, Propaganda und Waffenparaden in Pjöngjang. Tatsächlich steckt ein deutscher Schüler aus einem Dorf bei Stuttgart dahinter.

Auf den ersten Blick wirkt alles wie gewöhnliche Propaganda: Eine Sammlung mit Fotos über den Alltag in Nordkorea, über den jungen Führer Kim Jong Un, Monumente und Paraden. Erschienen sind die Bilder auf der Foto- und Videoplattform Instagram, "Offizielle Seite der Demokratischen Volksrepublik Nordkorea" steht darüber. Das Profil ziert ein Porträt von Staatsgründer Kim Il Sung, der in Nordkorea wie ein Gott verehrt wird. Eine perfekte Inszenierung des abgeschotteten Staates?

Doch der Account ist alles andere als offiziell. Kein Mitarbeiter in Pjöngjang betreut ihn, sondern ein 18-jähriger Schüler aus einem Dorf bei Stuttgart. Seit Mai 2012 füttert Moritz Kotheder das Profil beständig mit Fotos. Mal gibt er vor, für die staatliche Nachrichtenagentur aktiv zu sein, mal für die Botschaft in Berlin. "Ich habe Deutsch in Nordkorea in der Universität gelernt und ich arbeite derzeit in Deutschland für mein Land", hat er ein Bild kommentiert. Und viele Nutzer fallen auf seine Täuschung herein.

Rund 7500 Menschen folgen dem Account, auf den Kotheder inzwischen mehr als tausend Fotos hochgeladen hat. Jedes davon versehen mit einem englischen Kommentar, der an die offizielle Rhetorik des Regimes erinnert. Penibel achtet der Schüler auf korrekte Beschreibungen, Namen und Titel. Die Informationen dafür entnimmt er staatlichen Seiten und Meldungen.

"Unser öffentliches Bild von Nordkorea ist sehr negativ"

Schon seit 2006 interessiert sich Kotheder für Nordkorea. Er liest online die englischen Ausgaben des Parteiblatts "Rodong Sinmun" und der offiziellen Seite "Naenara". "Unser öffentliches Bild von Nordkorea ist sehr negativ", sagt er, "ich will zeigen, dass es auch eine andere Seite gibt." Mehrmals habe er sogar versucht, die Behörden im Land direkt zu erreichen - ohne Erfolg.

Irgendwann fragte er sich: "Wenn Nordkorea keinen Kontakt will, warum kann ich nicht selbst Informationen verbreiten?" Also richtete er den Instagram-Account ein und begann, Fotos im Netz zu sammeln. Sie stammen von den offiziellen Seiten und der Nachrichtenagentur "Korean Central News Agency". Er wolle damit "Hilfestellung für Nordkorea anbieten", erzählt Kotheder. Auch deshalb wählte er den offiziellen Titel.

Dass häufig Kim Jong Un zu sehen ist, liegt nahe: Sein Konterfei veröffentlichen die staatlichen Quellen besonders gern. Denn Fotos sind ein wichtiges Werkzeug der Propaganda, das Regime setzt sie gezielt ein: Geburtstage und Trauerfeiern etwa werden pompös inszeniert. Kotheder gibt diese Bilder ohne kritischen Kommentar auf seiner Seite weiter. "Aber", wirft er ein, "welches Land würde sich schon selbst in ein schlechtes Licht rücken?"

Er wisse, dass Nordkorea Menschenrechte verletzt. Dass nach Angaben der Vereinten Nationen etwa 16 Millionen Menschen hungern. Dass sogar Kinder zur Zwangsarbeit in Straflager gesteckt werden. Doch gerade weil darüber ohnehin berichtet werde, will Kotheder eine Seite des Landes zeigen, die man nur selten sieht: Sportler beim Tischtennis und Basketball, Angler an einem Flussufer und Kinder, die im Schnee spielen.

Er lud ein Foto von sich selbst hoch

Doch was als fixe Idee begann, ist mit der Zeit auch zu einer Rolle geworden: Der Schüler dachte sich neue Identitäten aus, "Tarngeschichten", wie er sie selbst nennt. Eine davon war die Botschaft in Berlin. Und er ging sogar noch einen Schritt weiter: Bei seiner Arbeit in der Botschaft habe ihm vor allem ein treuer Freund aus Deutschland geholfen, schrieb er im Januar unter ein Foto. Darauf zu sehen ist - er selbst.

Monatelang bemerkte niemand den Hinweis, bis jüngst der britische Fotograf Chris Barrett von der Fachseite "NK News" stutzig wurde. Für sein aktuelles Projekt untersucht er Nordkoreas Aktivität in sozialen Medien. Und das Bild des jungen Mannes passte so gar nicht zu allen anderen Fotos, die er bisher gesehen hatte. Als Barrett eine E-Mail an Kotheder schreibt, zögert dieser zunächst ein paar Tage, bis er antwortet.

"Meine Seite ist provokativ"

Denn der Schüler sucht nicht die Aufmerksamkeit - aber er macht auch kein Geheimnis um sein Hobby. Seine Freunde kennen seine Begeisterung für Asien. Einen anderen Ton schlagen hingegen die Kommentatoren der Fotos an: "Die meisten beleidigen einfach." Am Anfang habe er noch versucht, auf alle zu reagieren. Inzwischen aber nehme er sich nur noch für jene Zeit, die ein echtes Interesse an Nordkorea zeigten.

Sein eigenes Wissen will er nach dem Abitur im Studium vertiefen, vielleicht mit Koreanistik. Und er möchte endlich einmal selbst Nordkorea bereisen. Falls dann noch genug Zeit bleibt, werde er auch künftig neue Fotos hochladen.

Einen Grund, den offiziellen Titel zu löschen, sieht er aber nicht. "Meine Seite ist provokativ" - und erreiche damit mehr Menschen. "Aber sollte sich die nordkoreanische Regierung beschweren, ändere ich es natürlich."

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insgesamt 18 Beiträge
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1.
Oberleerer 28.06.2013
Das sowas ewig nicht auffällt. Daran sieht man, wie überbewertet solche Profile sind. Außer in der Presse hört man nie etwas von Instagram oder Twitter. Und entsprechend fällt das nur einem Journalisten auf. Die 7500 Follower wären mal interessant zu veröffentlichen. Ich vermute opportunistische Firmen, die auf einen exklusiven Auftrag hoffen, und Geheimdienste. Wenn der Schüler in das Land reist wird er entweder sofort weggehaftet, oder als "Freund der Welt" in die Propagandamaschine gesteckt und anschließend bei der Rückreise verhaftet.
2. Ein wirklich bemerkenswerter
kwifte 28.06.2013
Zitat von sysopLady Gaga hat es, Barack Obama hat es - Kim Jong Un auch? Ein "offizielles" Profil bei Instagram zeigt den Alltag des nordkoreanischen Diktators, seiner Frau, Propaganda und Waffenparaden in Pyöngyang. Tatsächlich steckt ein deutscher Schüler aus einem Dorf bei Stuttgart dahinter. Instagram: Deutscher Schüler betreibt Fake-Account mit Nordkorea-Fotos - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/instagram-deutscher-schueler-betreibt-fake-account-mit-nordkorea-fotos-a-908238.html)
junger Mann ist dieser Moritz K. Er schafft, was 90% der Deutschen nicht vermögen. Nämlich sich respektvoll und neugierig mit einem fremden Land zu beschäftigen. Er gibt sich nicht mit dem Konsum zumeist dümmlicher, arroganter und herabwürdigender Berichte der meisten westlichen Medien über Nordkorea zufrieden, sondern informiert sich selbst. Chapeau!
3. Ich liebe so etwas!
Freiberufler 28.06.2013
Ich liebe auch Kunstfälscher! Ausserdem sind die sogar oft besser als die "Original"-künstler. Marcel D. mit dem Flaschentrockner lässt grüssen! ----- Gruss vom Freiberufler
4. An Freiberufler
bilgeno 28.06.2013
Sie lieben Kunstfälscher ? Dann kaufen Sie doch mal einen Picasso für 1 Million Euros, der nur die Farbe und Leinwand wert ist. Mal sehen, ob Sie das immer noch lieben.
5. naja
kaynchill 28.06.2013
Wer darauf reinfällt uckt oder liest aber auch nie Nachrichten oder was o.O Einerseits finde ich die Intention des jungen Mannes bewundernswert, aber andererseits verfehlt er irgendwie das Ziel wenn nunmal der Großteil der Fotos Propaganda-Bidler zeigt (denn nur sowas bekommt man auf der staatlichen Seite..). @bilgeno zum Thema Kunstfälscher: Sie sind wohl so ein Mensch der sich nur für den Künstler und nicht die Kunst interessiert. Wenn ein Gemälde 1 zu 1 wie das Original aussieht, ist es dann so viel schlechter? Dann geben sie lieber 1 Million Euro für die Unterschrift eines großen Künstlers aus. Kunst ist Kunst und ein Künstler is ein Künstler. Der Künstler beeinflusst die Kunst, aber Kunst ist nicht wertlos ohne die Unterschrift eines bestimmten Künstlers.
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Fläche: 122.762 km²

Bevölkerung: 24,346 Mio.

Hauptstadt: Pjöngjang

Staatsoberhaupt:
Kim Il Sung (obwohl bereits 1994 verstorben);
Protokollarisches Staatsoberhaupt: Kim Yong Nam;
"Oberster Führer": Kim Jong Un

Regierungschef: Pak Pong Ju

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