Internetangriff So wurde die Attacke auf die Spam-Gegner organisiert

Die Spammer schlagen zurück: Eine Organisation zur Bekämpfung von Werbemüll im Internet steht unter massivem Beschuss, der komplette Internetverkehr ist gebremst. In einem Chat mit SPIEGEL ONLINE rechtfertigt der Sprecher der Angreifer die Selbstjustiz.

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Hacker (Symbolbild): Mutmaßliche Spammer schlagen zurück
picture alliance / dpa

Hacker (Symbolbild): Mutmaßliche Spammer schlagen zurück


Hamburg - Die "halbe russische und halbe chinesische Internetindustrie" macht angeblich mit: Über einen Chat-Raum haben sich Unbekannte zu einem der bisher wohl größten Cyberangriffe verabredet. Das Ziel des Überlastungsangriffs, der vor zwei Wochen begann und dessen Auswirkungen viele Internetnutzer zu spüren bekommen: Spamhaus, eine Organisation zur Bekämpfung von Spam.

Die Angreifer nennen sich selbst Stophaus. Wie die Attacke organisiert wurde, berichtet der "Sprecher" der Stophaus-Gruppe, Sven Olaf Kamphuis, am Mittwochabend in einem Chat mit SPIEGEL ONLINE. Kamphuis steckt hinter dem niederländischen Provider Cyberbunker, der seinen Kunden so ziemlich alles durchgehen lässt, solange es sich dabei nicht um Terrorismus oder Kinderpornografie handelt. Kamphuis hat gerade Berlin und Deutschland verlassen, nach eigenen Angaben wegen Problemen mit seiner Fahrerlaubnis.

Angeblich hat es sich so zugetragen: Ein Kunde des Cyberbunkers, so erzählt es Kamphuis, sei auf der Spamhaus-Liste gelandet. Angeblich, ohne selbst Spam verschickt zu haben. Daraufhin habe diese Person einen Skype-Chat eröffnet und alle Personen aus der Spamhaus-Datenbank hinzugefügt, die auf Skype aufzutreiben waren: eine Instant-Armee per Mausklick.

Selbstjustiz im Cyberspace

"Ich habe dann noch ein paar meiner Kunden dazugeholt, die in der Vergangenheit von Spamhaus erpresst wurden, und dann ging es los", sagt Kamphuis. In den Augen der mutmaßlichen Spammer ist Spamhaus eine Art selbsternannte Internetpolizei, die willkürlich in das Internet eingreift und entscheidet, welche Daten verschickt werden können. Ihr Vorwurf: Spamhaus blocke nicht einzelne Internetadressen, sondern gleich ganze Adressbereiche. Die vorgeworfene Erpressung: Wer nicht mit Spamhaus zusammenarbeite, gerate in Gefahr, selbst auf der Liste zu landen.

Andere Organisationen, die Listen zur Spambekämpfung führten, würden nicht ganze Adressbereiche blocken, sagt Kamphuis. Die Gruppe setzte ein Forum auf, um Informationen über Spamhaus zu sammeln. Schließlich seien Personen zu der Gruppe dazugestoßen, die DDoS-Angriffe ausführen können. "Wobei es ja nicht so ist, als könnte ich das nicht auch selbst", prahlt Kamphuis. Gemeint ist das Überlasten von Servern mit massenhaften Abfragen - in vielen Ländern eine Straftat.

Die Attacken starteten am 18. März und wurden mit der Zeit heftiger. Die US-Firma Cloudflare, die Spamhaus bei der Netzanbindung hilft, verzeichnet mittlerweile eine Paketflut von 300 Gigabit pro Sekunde auf verschiedene über die Welt verteilte Knotenpunkte. Das Ausmaß der bisher größten DDoS-Attacke verlangsamt schon jetzt das Netz.

Die Racheaktion der Stophaus-Gruppe ist bestenfalls Selbstjustiz. Vielleicht hat die Gruppe aber auch eine Art Cyberwar gestartet, für die Militärs gerade ihre Einsatzregeln neu schreiben. "Wir haben nicht beschlossen, das Internet kaputtzumachen", sagt Kamphuis. Der Gruppe gehörten Personen an, die am Aufbau und Betrieb von Teilen des Internets maßgeblich beteiligt seien, behauptet er. Auf der anderen Seite sind mächtige Internetunternehmen wie Google eingesprungen, um die Angriffe auf Spamhaus abzuwehren.

Jeder hat seine eigenen Interessen

Nach Angaben von Kamphuis haben die neuen Chatfreunde, die zum Teil nur mit Übersetzungsprogrammen miteinander kommunizieren können, ihre Angriffe am Dienstagmorgen wieder eingestellt. "Das ist nicht unbedingt ein demokratischer Prozess, jeder hat natürlich seine eigenen Interessen", sagt Kamphuis. Es seien aber keine neuen Attacken in dieser Form von der Gruppe zu erwarten - Spamhaus habe aber viele Feinde, die nun offenbar die Angriffe fortführen würden.

Fast eine Stunde chattet sich Kamphuis, der mit seinem Cyberbunker bereits der Torrent-Plattform The Pirate Bay half, in Rage: In seinen Augen ist Spamhaus eine Gefahr für das freie Internet, eine Organisation, die ihre Macht missbraucht. In seiner Version versuchen nicht Spammer, den weißen Ritterorden des Internets abzuschlachten, sondern stellt eine Bande Robin Hoods die Netzneutralität wieder her.

Einzelne Nutzer, nicht Provider hätten über den Einsatz von Filterlisten zu bestimmen, sagt Kamphuis. Zu 100 Prozent unterstütze er die Stophaus-Gruppe. Warum er sich als Sprecher exponiert? Das sei keine Straftat, sagt Kamphuis. Angst davor, verhaftet zu werden, habe er nicht. Es gebe genug Botschaften, in die er fliehen könne.

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insgesamt 99 Beiträge
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Seite 1
EvilGenius 27.03.2013
1. Verständnisprobleme
---Zitat--- Ein Kunde des Cyberbunkers, so erzählt es Kamphuis, sei auf der Spamhaus-Liste gelandet. Angeblich, ohne selbst Spam verschickt zu haben. Daraufhin habe diese Person einen Skype-Chat eröffnet und alle Personen aus der Spamhaus-Datenbank hinzugefügt, die auf Skype aufzutreiben waren: eine Instant-Armee per Mausklick. ---Zitatende--- Das hört sich irgendwie sehr unwahrscheinlich an. Wie kommt er von den e-mail-Adressen auf die entsprechenden Skype-Accounts, und wer lässt sich von Wildfremden in einen Skype-Chat einladen?
_Netizen 27.03.2013
2. Getroffene Hunde
Zitat von sysoppicture alliance / dpaDie Spammer schlagen zurück: Eine Organisation zur Bekämpfung von Werbemüll im Internet steht unter massivem Beschuss, der komplette Internet-Verkehr ist gebremst. In einem Chat mit SPIEGEL ONLINE rechtfertigt der Sprecher der Angreifer die Selbstjustiz. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/internet-angriff-so-wurde-die-attacke-auf-spamhaus-organisiert-a-891367.html
Es wäre interessant, sein verlogenes Gejammer zu hören, wenn die Provider den Cyberbunker abklemmen. Wenn der wehrte Herr seinen Saustall nicht im Griff hat und Verbrechern eine Plattform bietet, braucht er sich über Gegenwehr nicht zu beschweren. Getroffene Hunde und so. Und Spamhaus brauchen auch keine Ermächtigung für ihre Arbeit, da sie keinen Zwang ausüben. Sie führen lediglich eine Liste mit Parasiten und anderen Netzschädlingen. Es steht jedem frei, auf diese und ähnliche Listen zurückzugreifen, um Seuchen wie Spam Einhalt zu gebieten.
cicero_muc 27.03.2013
3. Bogen überspannt
Macht den CyperBunker dicht. Den CyberPunker sollte man wegen anklagen. Landesfriedensbruch ist das minimalste was man ihm zur Last legen kann. In meinen Augen hat Kamphuis einen Terroranschlag auf eine kritische Infrastruktur geplant und ausgeführt. Zudem sollte man seinem Unternehmen den Strom abklemmen, die Wasserversorgung noch dazu.
Newspeak 27.03.2013
4. ...
Für mich gehören beide Seiten aus dem Netz entfernt. Nerds, die mit ihrem Spam anderen Leuten auf die Nerven gehen genauso, wie selbsternannte Moralapostel.
observer2025 27.03.2013
5. Der Mann ist größenwahnsinnig
Für wen hält sich Kamphuis eingentlich. Ihm geht es um sein dubioses Geschäftsmodell und nicht um die Freiheit des Internets oder den Rechten enzelner User. Der Mann redet doch gequirlte Sch**ße.
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