Internet-Exhibitionisten "Spackeria" "Privatsphäre ist so was von Eighties"

Wir müssen uns von der Idee privater Daten im Internet verabschieden, sagt Julia Schramm. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt die Mitgründerin der "datenschutzkritischen Spackeria", warum der Datenschutz nicht mehr funktioniert und was es mit Post-Privacy auf sich hat.

Wiki der datenschutzkritischen Spackeria: "Keine Macht den Datenschützern"

Wiki der datenschutzkritischen Spackeria: "Keine Macht den Datenschützern"


SPIEGEL ONLINE: Der Datenschutz muss verbessert werden, darüber waren sich bisher Internetaktivisten und Politiker grundsätzlich einig. Alles Quatsch, sagt eine neue Gruppe, die Sie mitbegründet haben - private Daten lassen sich ohnehin nicht mehr schützen. Was will die "datenschutzkritische Spackeria"?

Schramm: Keine Macht den Datenschützern. Wir finden, dass die aktuelle Diskussion um den Schutz von Daten an der Realität vorbeigeht. Wir leben in einer vernetzten Welt, wo Privatsphäre durch das Internet nicht mehr möglich ist. Nun müssen wir sehen, wie wir damit umgehen.

SPIEGEL ONLINE: Der Grundsatz "Meine Daten gehören mir" gilt nicht mehr?

Schramm: Das ist zwar ein schöner Anspruch, aber meine Daten können mir nicht mehr gehören. Wir haben längst die Kontrolle darüber verloren. Ob wir es nun gut finden oder nicht: Privatsphäre ist so was von Eighties. (lacht)

SPIEGEL ONLINE: Warum holen wir uns dann nicht die Kontrolle zurück und stärken den Datenschutz?

Schramm: Wie denn? Der Aufwand, private Daten zu kontrollieren und zurückzuhalten, ist mittlerweile unverhältnismäßig hoch. Im Endeffekt können wir uns nicht dagegen wehren. Deswegen wollen wir eine Diskussion über Post-Privacy anstoßen, als Flucht nach vorne.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie mit Post-Privacy?

Schramm: Das ist erst mal eine Zustandsbeschreibung, wie der Begriff schon sagt, nach der Privatsphäre. Gleichzeitig ist es auch eine Utopie, die Idealvorstellung einer Gesellschaft, die Privatsphäre nicht mehr nötig hat, weil es keine Diskriminierung mehr gibt.

SPIEGEL ONLINE: Aber warum wird Privatsphäre dann überflüssig?

Schramm: Es mag dann zwar immer noch Platz für Privatspähre geben, im Sinne der Trennung Hannah Arendts von öffentlichem und privatem Raum. Aber sie wird nicht mehr als Schutz notwendig. Viele Datenschützer argumentieren ja mit wirtschaftlichen und staatlichen Repressionen, die drohen, wenn die eigenen Daten nicht genug geschützt sind. Außerdem glaube ich, dass der Wunsch nach dem Schutz der Privatsphäre eine Reaktion auf eine unsichere und potentiell gefährliche Umgebung ist.

SPIEGEL ONLINE: Tatsächlich sammeln Unternehmen vielfach persönliche Daten und forschen uns aus. Das sollen wir uns gefallen lassen?

Schramm: Wir lehnen es jedenfalls ab, das mit Gewalt zu verhindern. Natürlich ist die Dominanz von einigen wenigen großen Internetfirmen wie Google oder Facebook bedenklich. Deswegen plädieren wir dafür, dass Menschen bewusst mit ihren Daten und dem Internet umgehen: Dort gibt es einfach keine Privatsphäre mehr. Aber das heißt noch lange nicht, dass Datenschutzgesetzte aus der analogen Zeit das Internet einschränken müssen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist denn das für eine Gewalt, von der sie sprechen?

Schramm: Ein Beispiel: Der Datenschützer in Niedersachsen hat dem Betreiber einer Website verboten, Google-Werbung auf seinen Seiten zu schalten. Die Begründung war, dass die IP-Adressen der Nutzer ungefragt an einen weiteren Server übertragen werden. Dabei ist das im Internet die Regel, sehr viele Seiten nutzen solche Dienste - und die Nutzer wissen das auch. Die Entscheidung dagegen ist eine Form von Staatsgewalt.

SPIEGEL ONLINE: Der Staat soll sich aus der Regulierung des Internets weitgehend raushalten?

Schramm: Ja! Nehmen wir zum Beispiel die Idee mit dem Radiergummi. Politiker diskutieren derzeit, wie man einen Mechanismus des Vergessens ins Internet einbauen kann. Das sind gewalttätige Versuche, die Struktur des Internets zu beeinflussen.

SPIEGEL ONLINE: Ohne staatliche Regeln sind die Internetnutzer den Datenkraken ausgeliefert. Ist das nicht ein Widerspruch zum bewussten Umgang mit den persönlichen Daten?

Schramm: Im Internet ist es eben vorbei mit der Privatsphäre, darüber sollte man sich klar sein. Schon der Begriff Datenschutz gaukelt eine falsche Sicherheit vor, die es praktisch nicht mehr gibt. Die einzige Alternative ist, anonym zu surfen.

SPIEGEL ONLINE: Sie geben viel von sich im Internet preis, unter anderem auf Twitter und in ihrem Blog. Gibt es da Grenzen?

Schramm: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich im Gegenzug auch viel zurückbekomme, neue Freundschaften, Anregungen, Unterstützung. Einige Freunde haben mir gesagt, dass ich nicht über sie schreiben soll, das respektiere ich natürlich. Und ich muss mit den Konsequenzen rechnen: Wenn ich mich irgendwo bewerbe, kann mein Chef mit Google sofort herausfinden, dass ich für die Piratenpartei bei einer Wahl angetreten bin.

SPIEGEL ONLINE: Ohne Privatsphäre gibt es kaum noch Geheimnisse. Ist das nicht eine schreckliche Vorstellung?

Schramm: Privatsphäre ist auch der Ort, wo Ehemänner ihre Frauen schlagen. Aber wir wollen auch keinen anarchistischen Zustand, in dem es überhaupt keine Privatsphäre mehr gibt. Es muss schon noch Einschränkungen geben.

SPIEGEL ONLINE: Und zwar?

Schramm: Grundsätzlich muss der Verbraucherschutz umgesetzt werden - Schutz vor Betrug ist aber wahrlich nicht nur im Internet relevant. Da müssen Standards eingehalten werden. Beim Datenschutz von Kindern, die ins Netz "hochgeladen" werden, bin ich noch unschlüssig - da fehlt eine Debatte. Und natürlich gilt: Post-Privacy ist kein normativer Anspruch, sondern, neben der Zustandsbeschreibung, ein persönlicher Anspruch, dem man niemandem aufzwingen kann.

SPIEGEL ONLINE: Wie also soll der neue Datenschutz aussehen?

Schramm: Genau darüber wollen wir jetzt diskutieren, eine Antwort haben wir noch nicht. Nur so viel ist klar: Wir müssen den Begriff neu definieren. Was sind überhaupt schützenswerte Daten - und wie kann man sie schützen? Mit einem digitalen Radiergummi doch ganz sicher nicht.

Interview: Ole Reißmann

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Heramano 10.03.2011
1. Ha, ha
25 Jahre alt, Politikwissenschaft, Berlin. Na ja, immerhin hat's in ihrem Leben für ein S.P.O.N. Interview gereicht.
Fritz Dongbert 10.03.2011
2. "Privatsphäre ist sowas von Eighties"...
und Utopa ist sowas von Sixties... die Dame hat ja wohl keine Ahnung von Datenschutz oder?
dreamtimer 10.03.2011
3. Das Spiel beginnt erst
Ach, Frau Schramm. Glauben Sie denn nicht, dass dieselben Techniken, die zur Identifizierung von über hundert Plagiatsstellen in Guttenbergs Dissertation geführt haben, nicht auch genutzt werden können, Daten über Sie und mich zu identifizieren - und ggfs zu entfernen? Wir haben nicht die Kontrolle über unsere Daten verloren, nur weil sie weil Sie und andere sich auf Facebook oder anderswo exhibitionieren. Das Spiel ist noch nicht vorbei. Im Gegenteil. Es geht jetzt erst los. Eine andere Frage ist, ob es uns bekümmert, was wir über uns finden. Das muss jeder für sich entscheiden. Sie jedenfalls entscheiden das für uns nicht.
Hans Guckindieluft 10.03.2011
4. Was fuer ein...
...Bullsh*t. Einen negativen, selbstherbeigefuehrten Zustand mit Ohnmacht begruenden und dann gutheissen und forcieren? Vermutlich ist dies fuer den duckmaeuserischen deutschen Michel stellvertretend. *kopfschuettel*
SkwMueller, 10.03.2011
5. Sie hat ja recht...
Zitat von sysopWir müssen uns von der Idee privater Daten im Internet verabschieden, sagt Julia Schramm. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt die Mitgründerin der "datenschutzkritischen Spackeria", warum der Datenschutz nicht mehr funktioniert und was es mit Post-Privacy auf sich hat. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,749831,00.html
Genau. Stellt halt keine privaten Daten ins Internet. Oder zumindest nicht in Dienste wie Facebook etc. Bestellt nicht im Internet, zahlt nicht über PayPal. Die Einbußen an "Bequemlichkeit" sind eher gering, sollte also machbar sein. Ach ja - könnte man einfach mal den Begriff "Staat" weglassen und vielleicht durch "Gesellschaft" ersetzen? Denn Gesetze (Datenschutz, Nichtraucherschutz etc ) werden meines Wissens nicht vom "Staat" gemacht, sondern von unseren Vertretern im Bundes- oder Landtag und damit letztlich von uns.
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