Mozilla-Bericht zur Gesundheit des Internets Jede Menge WWWehchen

Wie geht es eigentlich dem Internet? Der Browser-Hersteller Mozilla will zeigen, wie es um unseren Online-Alltag steht. Die Ergebnisse stimmen nur zum Teil optimistisch.

Eine Welt mit Internet
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Das Internet ist einer dieser Typen, die auf den ersten Blick quicklebendig wirken, denen es aber nicht wirklich gut geht. Einer von denen, die eigentlich mal ins Fitnessstudio oder vielleicht sogar in die Reha müssten, damit es ihnen besser geht und ihrem Umfeld dann wohl auch.

Ungefähr so könnte man einen aktuellen Berichtsentwurf von Mozilla zusammenfassen. In ihrem "Internet Health Report" wollen die Macher des Browsers Firefox künftig regelmäßig den Gesundheitszustand des Internets abbilden - was allerdings zwangsläufig zu manch schiefem Bild führt. Denn Gesundsein wird hier nicht als "Alles funktioniert" definiert, sondern eher als "Alles funktioniert so gut wie nur möglich, und wie wir es uns wünschen" (und sicher nicht die Geheimdienste und die Konzerne, die möglichst viel Geld verdienen wollen).

Obwohl der finale erste Mozilla-Bericht erst zwischen Oktober und Dezember erscheinen soll, gibt bereits der nun verfügbare "Prototyp" einen Einblick, wie sich Mozilla seine Untersuchung vorstellt, an der sich auch Internetnutzer in Form eines Online-Feedbacks per Ferndiagnose beteiligen können.

Fünf Kategorien wie "Digitale Inklusion"

Die Gesundheit des Ökosystems Internet sei abhängig von all seinen Einzelteilen, heißt es in der Einleitung des Textes. "Wenn auch nur eines der Teile Anzeichen eines schlechten gesundheitlichen Zustandes aufweist, ist das ganze System betroffen. Wir sind alle miteinander verbunden."

In fünf Abschnitten wie "Digitale Inklusion" und "Datenschutz und Sicherheit" fasst die Autorin Solana Larsen anschließend den Stand der Dinge zusammen. Auf eine Einordnung von Beobachtungen in "Gesund" und "Ungesund" folgt stets eine kurze Prognose, wie es besser laufen könnte.

Das steht im Bericht

Beim Thema "Offene Innovation" freut sich Larsen zum Beispiel, dass es heute schätzungsweise eine Milliarde Arbeiten gibt, die mit einer Creative-Commons-Lizenz im Netz stehen und sich daher in der Regel gut wiederverwenden lassen, ohne dass Urheberrechts-Ärger droht. Ebenso würden Regierungen und Behörden zunehmend Open-Source-Software unterstützen und Informationen etwa zu Budgets und Statistiken online verfügbar machen.

In die Kategorie "Ungesund" dagegen fallen Gesetzesinitiativen, deren Ziel eher das Gegenteil eines offenen Internets zu sein scheint. Konkret erwähnt wird hier der Plan der EU-Kommission für ein europaweites Leistungsschutzrecht. Ebenso umtreibt Larsen die Sorge, dass Handelsabkommen wie TTIP die Offenheit des Internets und auch den dortigen Datenschutz schwächen könnten. Als weiteres Problem werden Patent-Trolle genannt, denen es weniger um Fortschritt als um Geldmacherei geht.

Im Abschnitt "Digitale Inklusion" geht es anschließend um Barrieren, die Nutzer daran hindern, online am Diskurs teilzunehmen - von Netzsperren durch Regierungen bis zu fehlender Technik. So hat dem Bericht zufolge nach wie vor nicht einmal die Hälfte der Weltbevölkerung einen Internetzugang. Zudem sei mehr als die Hälfte aller Internetinhalte auf Englisch.

Fast in allen Ländern dauere es bei Frauen länger, bis sie Internetzugang bekommen, heißt es weiter. Zudem hätten sie online - genau wie Minderheiten - eher mit Belästigungen zu kämpfen. Um mit Online-Hass umzugehen, brauche man eine "Kombination aus gemeinschaftlichen Maßnahmen und technischen Lösungen", schlussfolgert Larsen.

In Kapitel drei, "Dezentralisierung", warnt die Autorin davor, dass die Vorteile des prinzipiell dezentralen Internets langsam schwinden würden, vor allem, weil viele Nutzer sich auf Messenger-Apps oder soziale Netzwerke fokussieren. Unternehmen wie Apple, Google, Amazon und die chinesischen Konzerne Tencent und Alibaba würden die Internetbranche dominieren.

Problematisch erscheint Larsen besonders der Smartphone-Markt mit Google und Apple als Marktführer bei den Betriebssystemen: "Vom Betriebssystem der Telefone bis hin zu den Applikationen, die man in ihren App-Stores kaufen kann - alles wird letztendlich von den zwei Unternehmen kontrolliert." Im Messenger-Bereich habe Facebook mit WhatsApp, Instagram und seinem Messenger eine enorme Marktmacht.

Positiv sieht Larsen derweil, dass es in einigen Ländern Gesetze zum Schutz der Netzneutralität gibt und dass die US-Regierung 2016 die Kontrolle über das sogenannte Domain Name System, das Adressbuch-System des Internets, an die gemeinnützige ICANN abgegeben hat. Auch die Fortschritte bei der Digitalwährung Bitcoin lobt sie.

Im vierten Abschnitt klagt Larsen unter der Überschrift "Datenschutz und Sicherheit" über neue Überwachungsgesetze, wie es sie etwa in Großbritannien gibt. Sorgen machen ihr ebenso Datendiebstähle und der immer weiter verbreitete Einsatz von Erpressersoftware. Auch die zunehmende Vernetzung von Alltagsgegenständen zum "Internet der Dinge" sieht Larsen kritisch, da mit ihnen das Risiko der Überwachung und von Hackerangriffen steigen dürfte.

Zugleich beobachtet die Autorin, dass immer mehr Menschen bewusst wird, dass ihre Privatsphäre bedroht sein könnte. Bei Messenger-Apps wie WhatsApp lobt Larsen den Einsatz von Ende-zu-Ende-Verschlüsselung und auch beim World Wide Web freut sie sich über eine größere Verbreitung einer Verschlüsselung per HTTPS.

Im letzten Kapitel ihres Berichtsentwurfs heißt es schließlich, "Digitale Bildung" sei neben Lesen, Schreiben und Rechnen zur "vierten Grundkompetenz" geworden: Man habe in den vergangenen 20 Jahren zwar weltweit große Fortschritte in Sachen digitaler Kompetenzen gemacht. Trotzdem müsse man sich noch intensiver engagieren, "um zu gewährleisten, dass unsere Kenntnisse mit der Rolle des Internets in unseren Leben übereinstimmen." Vermutlich muss also nicht nur das Internet zum Fitnesstraining, sondern auch ein Großteil seiner Nutzer.

mbö

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