Internet in Kuba Das Volk muss auf die Kriechspur

Kubas Internetzugang steckt in den Neunzigern fest. Hilfe aus Venezuela sollte die Insel endlich richtig ans Netz bringen. Nun liegt die Leitung, doch normale Kubaner surfen so lahm wie eh und je - dank der Korruption. Dafür dürfen sie einen ideologisch korrekten Facebook-Klon nutzen: "Red Social".

Nutzer mit kubanischer Suchmaschine "2x3": Eigene Wikipedia, eigenes Facebook
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Nutzer mit kubanischer Suchmaschine "2x3": Eigene Wikipedia, eigenes Facebook

Von Lukas Lauber


"Das ist unsere neue Internetleitung", erklärt der kubanische Reiseleiter mit Begeisterung in der Stimme. Ein gut daumendickes gelbes Kabel ist in einem Graben neben der Fahrbahn nahe der Kolonialstadt Trinidad zu sehen. Darin verlaufen zwei Paar Glasfaserkabel, die Kubas Auffahrt ins World Wide Web vom derzeitigen Schneckentempo auf Highspeed beschleunigen soll. Gleich dreitausend Mal schneller soll es werden, so hat die venezolanische Presse es im Februar 2011 vermeldet. Venezuela ist Partner und Sponsor der Leitung, die eigentlich im Juli 2011 im Beisein der Präsidenten Hugo Chávez und Raúl Castro eingeweiht werden sollte.

Wann nun eingeweiht wird, kann auch der begeisterte Reiseleiter nicht sagen. Um das revolutionäre Projekt, das Staatschef Raúl Castro als "Ende der technologischen Blockade" durch die USA rühmte, ist es still geworden. So bleibt es bei lahmen, stets und ständig überlasteten Satellitenverbindungen, mit denen sich gewöhnliche Kubaner genauso wie Geschäftsleute herumplagen müssen. 64 Kilobit (KB) transportieren die in der Regel pro Sekunde, das höchste der Gefühle in dem Land ist eine 512 KB-Leitung. "Die kostet allerdings schon 3000 US-Dollar im Monat und das ist der Grund, weshalb die meisten Unternehmen mit einer 64 KB-Leitung arbeiten", so Rigoberto González. Das kubanische Internet ist etwa so schnell wie zu den Zeiten fiepender Telefon-Modems.

"Das ist keine technische, sondern eine politische Entscheidung"

González ist kubanischer Manager eines internationalen Tourismusunternehmens. Fotos in hoher Auflösung oder größere Dokumente verschicken er und seine Kollegen nur nachts. "Sonst verstopft die Leitung", heißt es lapidar.

Wann sich daran etwas ändern wird, steht in den Sternen. Zwar ist das Kabel mit einer Kapazität von 320 Gigabit pro Sekunde weitgehend fertig verlegt und Technikern des kubanischen Telekommunikations-Monopolisten Etecsa zufolge soll es auch funktionieren, aber bei der Verlegung der Datenleitung ist es zu Korruption im großen Stil gekommen.

Zwei Vizeminister mussten schon ihre Sessel räumen, schrieb die "Granma", die Zeitung der kommunistischen Partei Kubas. Angeblich wurden rund 15 Millionen US-Dollar veruntreut, gegen fast zweihundert Mitarbeiter werde derzeit ermittelt, berichtet Iván García, ein unabhängiger Journalist mit guten Kontakten zum Staatsbetrieb. Der Blogger glaubt ohnehin nicht daran, dass es in absehbarer Zeit Highspeed-Internet für alle geben wird. "Das ist keine technische, sondern eine politische Entscheidung, und die fällt am Platz der Revolution".

Herausforderung Internet

Dort stehen die wichtigsten Ministerien und eventuell ist die Entscheidung schon gefallen. Außenminister Bruno Rodríguez erklärte Ende November in Havanna auf einer Konferenz über alternative Medien und soziale Netzwerke, dass sich Kuba Internet für alle schlicht nicht leisten könne. Ein Argument, aber kaum ein stichhaltiges. Ohne Netz geht auch in Kuba immer weniger. So argumentieren Experten, dass der neue Containerhafen, der derzeit mit brasilianischer Hilfe in Mariel, rund vierzig Kilometer von Havanna entfernt, entsteht, ohne schnellen Netz-Zugang kaum steuerbar sein werde.

"Kuba droht den Anschluss zu verlieren", mahnt auch Kubas international bekannter Schriftsteller Leonardo Padura. Er gehört zu den wenigen Privilegierten, die von zu Hause aus frei im Netz recherchieren können. Davon träumen unzählige Nutzer, in Kuba internautas genannt, die in Hotels und Internetcafés zwischen sechs und zwölf US-Dollar pro Zugangsstunde zahlen müssen.

Angesichts des Durchschnittslohns von umgerechnet weniger als 20 US-Dollar im Monat ist das eine stattliche Zugangshürde, die Zensurmaßnahmen und Filterprogramme schon fast überflüssig macht. Über den Preis haben auch andere Regime, etwa das in Burma, ihre Bürger von allzu regem und anregendem Internetgebrauch abgehalten.

Trotzdem gibt es auf Kuba, so Padura, einen schwunghaften Handel mit Zugangscodes. Angestellte von Ministerien, Krankenhäusern und Gesundheitseinrichtungen versuchen, so ein paar Pesos dazu zu verdienen. Das ist Alltag in Kuba, und die Regierung von Raúl Castro versucht, mit Kampagnen gegenzusteuern. Von der Verteidigung der "Radio-elektronischen Souveränität" ist derzeit in Havanna die Rede.

Ein kubanisches Facebook, eine kubanische Wikipedia

Doch der Reiz des Neuen und Verbotenen ist stärker. Das belegen nicht nur unzählige kritische Blogs, sondern auch die ständig steigende Zahl von Facebook-Nutzern von der Insel. Havanna stellt dem nun ein eigenes sozialistisches Facebook entgegen, das der computerbegeisterten Jugend eine Alternative anbieten soll. Auch eine kubanische Anti-Wikipedia gibt es, die EcuRed genannt wird und wie alle anderen kubanischen Websites unter der Kontrolle der Regierung steht. Das Online-Lexikon leidet aber daran, dass die freiwilligen Helfer, die Einträge verfassen sollen, allzu oft einfach gar nicht ins Netz kommen.

Ob Experimente wie EcuRed oder das Soziale Netzwerk "Red Social" funktionieren werden, bleibt abzuwarten. Auf Facebook bekommen Kubaner schließlich auch mit, wie Freunde und Verwandte in Miami, Madrid oder Barcelona leben - wenn die Leitung mitspielt. Doch Kubaner sind geduldig und gewitzt, wenn es darum geht, Kontakt zu halten. Ob über eine offizielle Leitung oder auf anderem Weg.



insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
Sankari66 16.01.2012
1. Bits und Bytes
"64 Kilobyte (KB) transportieren die in der Regel pro Sekunde, das höchste der Gefühle in dem Land ist eine 512 KB-Leitung. "Die kostet allerdings schon 3000 US-Dollar im Monat und das ist der Grund, weshalb die meisten Unternehmen mit einer 64 KB-Leitung arbeiten", so Rigoberto González. Das kubanische Internet ist etwa so schnell wie zu den Zeiten fiepender Telefon-Modems." Vielleicht sollten Sie sich erst nochmal den Unterschied von Bits und Bytes vergegenwärtigen. Mit den "fiependen Telefon-Modems" war eine Geschwindigkeit von bis zu 56 kbit/s (down) möglich. Dies sind 7 kB/s. Also ist das "in etwa so schnell" in Kuba nur knappe 9x schneller. Viele Gegenden in Deutschland bekommen nur DSL-Light und das hat in etwa die "kubanische Geschwindigkeit".
zeitmax 16.01.2012
2. Und kein einziger Link...
Zitat von sysopKubas Internetzugang*steckt in den Neunzigern fest.*Hilfe*aus Venezuela*sollte die Insel endlich richtig ans Netz bringen. Nun liegt die Leitung, doch normale Kubaner*surfen so lahm wie eh und je - dank*der Korruption. Dafür dürfen*sie einen ideologisch korrekten Facebook-Klon nutzen: "Red Social". http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,808770,00.html
...um mal die Regierungsserver in die Knie zu zwingen?
Billy Bob Winchester 16.01.2012
3.
Zitat von sysopKubas Internetzugang*steckt in den Neunzigern fest.*Hilfe*aus Venezuela*sollte die Insel endlich richtig ans Netz bringen. Nun liegt die Leitung, doch normale Kubaner*surfen so lahm wie eh und je - dank*der Korruption. Dafür dürfen*sie einen ideologisch korrekten Facebook-Klon nutzen: "Red Social". http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,808770,00.html
Vielleicht sollten Sie doch nochmal jemanden mit Techniksachverstand korrekturlesen und sich unter anderem den Unterschied zwischen Kilobit und Kilobyte erklären lassen.
EchoRomeo 16.01.2012
4. Hätte gut getan wenn Schreiber nicht nur Meinung hätte
Zitat von sysopKubas Internetzugang*steckt in den Neunzigern fest.*Hilfe*aus Venezuela*sollte die Insel endlich richtig ans Netz bringen. Nun liegt die Leitung, doch normale Kubaner*surfen so lahm wie eh und je - dank*der Korruption. Dafür dürfen*sie einen ideologisch korrekten Facebook-Klon nutzen: "Red Social". http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,808770,00.html
sondern auch ein wenig Ahnung von was er schreibt. Die Verbindungen auf Castros Insel geben wohl eher 64 Kilobit her (alte ISDN-Geschwindigkeit), denn die genannten 64 KByte würden immerhin bereits DSL1024/halbe entsprechen. Ein 512er Anschluß würde es auf die bei durchschnittlich bei uns in D benutzte Bandbreite von 4 MBit bringen.
La República 16.01.2012
5. USA erschweren Kubanern Internetzugang
Alles klar, Kuba-Bashing findet immer noch Leser. Wenn Redakteure erst einmal auch über die restlichen Länder Lateinamerikas mit so viel "Sorgfalt" berichten, sieht die Welt bestimmt viel besser aus. Denn erstens haben auch in Nicaragua oder Guatemala nur die wenigsten Menschen Zugang zum Internet, da sie dafür kein Geld und keine Computer besitzen und zweitens können im Gegensatz zu Kuba in Lateinamerika viele Millionen Menschen nicht lesen und schreiben, da die kapitalistischen Demokratien der dritten Welt diesen Luxus, in dessen Genuss alle Kubaner kommen, ihren Bevölkerungen nicht zukommen lassen. D.h. Kubaner können mehrheitlich wenigstens theoretisch ins Internet, andere Lateinamerikaner können dies mehrheitlich nicht. Wenn man aber praktisch in Kuba ins Netz geht, erlebt man Überraschungen. Z.B kann es verwundern, dass es offensichtlich keine Zensur gibt, denn wenigstens die Homepages namhafter Dissidenten wie Zoé Valdes oder Yoani Sánchez sind in Kuba abrufbar. Nicht abrufbar sind Gmail, Hotmail oder privat Mailkonten auf US-amerikanischen Servern. Skypen und Messenger ist verboten, nicht von kubanischer Seite aus, sondern aufgrund des Embargos.
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