Internet-Pionier Kljosow Genosse Online

Als der KGB sogar Faxgeräte für Kapitalistenzeug hielt, ging er online: Anatolij Kljosow war in den Achtzigern der erste Sowjet-Wissenschafter, der sich ins Internet einwählen durfte. Schon bald wurde er von Bürokraten ausgebremst. Heute ist er ausgewandert - und Millionär.

A.Klyosov

Der Ort, an dem die Sowjetunion endgültig das Rennen gegen den kapitalistischen Klassenfeind verlor, liegt in einer Gasse unweit des Kreml. Heute ist sie bekannt für den nahen McDonald's, in den achtziger Jahren aber stand sie für die Künstler, die dort wohnten - und für das "Institut Automatisierter Steuerungssysteme".

Dort saß im Winter 1982/83 ein Biochemiker mit Hornbrille vor einem Rechner. Anatolij Kljosow war der erste Bürger, dem das allmächtige Zentralkomitee der Kommunistischen Partei etwas Unerhörtes erlaubte. Als einziger Mensch im Ostblock durfte er über Monate und mit Auslandskontakt mit dem arbeiten, was heute als Internet bekannt ist. Seine Mission: Er sollte Moskau bei einer internationalen Online-Konferenz vertreten, bei der Forscher sich über Computer austauschen wollten. Amerika beherrschte die Technik, Moskau hinkte hinterher. Kljosow hatte den Befehl, die Ehre der Sowjetunion zu retten.

Er trat an gegen eine Zeit, in der Misstrauen das Land regierte. Der ewig siechende Generalsekretär Leonid Breschnew war gerade gestorben, KGB-Chef Jurij Andropow gerade an die Macht gekommen. Selbst Faxgeräte und Kopierer galten als subversiv.

"Unbeschreibliche Freiheit"

Im Westen eroberten Rechner die Haushalte, in der Sowjetunion hingegen waren Computer ausschließlich Militärs und Forschern zugänglich. Rechnernetze sollten allenfalls die schwächelnde Planwirtschaft optimieren oder helfen, andere Staaten auszuspionieren. Telefongespräche ins Ausland mussten umständlich angemeldet werden.

Welch Privileg war es da, dass Kljosow sich vom Institutsrechner aus ins weltweite Netz einwählen durfte. "Eine unbeschreibliche Freiheit", schwärmt er, "es war ein Gefühl, als flöge ich als Kosmonaut ins Weltall." In einem Forum diskutierte er über Ronald Reagans Krieg-der-Sterne-Programm. Was aber sollte er antworten, als aus Schweden die Frage auf seinem Bildschirm erschien, was denn Sowjetbürger darüber dächten, dass ein russisches U-Boot fremde Hoheitsgewässer verletzt hatte?

Wie hätte er erklären können, dass die Menschen hinter dem Eisernen Vorhang von dem Skandal nichts wussten, dass keine Zeitung auch nur eine Zeile darüber berichtet hatte?

Ohnehin haftete ihm der Ruch eines Landesverräters an. Als jahrgangsbester Biochemiker seiner Moskauer Universität war Kljosow in den siebziger Jahren nach Amerika geschickt worden - ein Kulturschock. Geschäfte mit Dutzenden Käsesorten, Autofahrer, die höflich für Fußgänger anhielten, Uni-Bibliotheken, in denen die werke des Dissidenten Alexander Solschenizyn frei zugänglich im Regal standen. All das erschütterte seinen Glauben an die Überlegenheit des Sozialismus.

"Das ist kein Wissen für die Massen"

Kljosow arbeitet an der Harvard-Universität, die ihm einen Fünfjahres-Vertrag anbot. Er flog nach Moskau zurück, will seine Familie nachholen. Das KGB aber ließ ihn nicht mehr ausreisen. Kljosow arbeitete als Professor, als er für die Online-Konferenz gebraucht wurde. Zu dieser schaltete man sich im Dezember 1983 zusammen. Wissenschaftler aus der DDR, den Philippinen und Thailand konnten nur über Telefon teilnehmen. Einzig die Sowjetunion durfte sich dank Kljosow auf Augenhöhe mit den Amerikanern sehen. Seither ließ ihn das Internet nicht mehr los. In der Zeitschrift "Wissenschaft in der UdSSR" wollte er für die Möglichkeiten der neuen Technik werben. Der Zensor bremste ihn aus. "Das ist kein Wissen für die Massen." Heute sagt Kljosow: "Wir hätten die Chance gehabt, in einer Kraftanstrengung zum Westen aufzuschließen wie bei der Weltraumtechnik."

"Der Plan war schon überholt, wenn seine Umsetzung begann"

Kljosows Leben steht für die technische Rückständigkeit des Riesenreichs, das gute Forscher hervorbrachte, deren Potential aber nicht nutzte. Zehntausende Wissenschaftler wanderten ab.

1985 begann Michail Gorbatschow die Sowjetgesellschaft zu öffnen. Kljosows Artikel durfte doch noch erscheinen. Bei der Akademie der Wissenschaften erstellte er Fünf-Jahres-Pläne. "Die Entwicklung aber war so schnell, dass der Plan schon überholt war, als seine Umsetzung begann", sagt Kljosow. "Ich verstand, dass ich in meiner Heimat keinen Blumentopf gewinnen konnte." Der Forscher wanderte nach Amerika aus, veröffentlichte beachtete Fachartikel und Bücher, forschte an Krebsmedikamenten und wurde Millionär.

Sein Haus in Boston ist vollgestopft mit Werken russischer Maler, er verfolgt die russischen Fernsehnachrichten aufmerksamer als die amerikanischen. Nur zurück nach Moskau möchte er nicht.

Einmal wollte er mit russischen Forschern zusammenarbeiten. Er schickte ihnen Dosen mit Test-Granulat. "Der Materialwert lag bei einem Dollar, der Zoll verlangte umgerechnet 300 Dollar Gebühr", sagt Kljosow. "Das Land ist überbürokratisiert."

In Kljosows altes Moskauer Institut ist eine Tochterfirma des Oligarchen Wiktor Wexelberg eingezogen. Ihn hat Präsident Dmitrij Medwedew beauftragt, vor den Toren der Hauptstadt ein russisches Silicon Valley zu schaffen. "Das Ziel ist richtig, der Weg falsch", sagt Kljosow. Wieder hänge beinahe alles an der Regierung, immer noch werde private Initiative erstickt. So wie damals bei ihm.



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