Internet-Zensur in China USA verlangen von Peking Erklärung zu Attacken auf Google

Der Fall Google wird zum Politikum: Nach Hacker-Angriffen auf E-Mail-Konten von Menschenrechtlern hat der Suchmaschinengigant seine Kooperation mit den chinesischen Behörden aufgekündigt. US-Außenministerin Clinton verlangt von Peking eine Stellungnahme zu den Cyber-Attacken.

REUTERS

Washington - Der Fall Google wird zum Politikum: Das amerikanische Unternehmen hat angekündigt, sich wegen Zensur und Hacker-Angriffen auf E-Mail-Konten von Menschenrechtsaktivisten möglicherweise aus China zurückzuziehen - nun hat sich das US-Außenministerium eingeschaltet. "Wir warten auf eine Erklärung der chinesischen Regierung", sagt US-Außenministerin Hillary Clinton. Die Vorwürfe riefen "sehr ernste Besorgnis und Fragen" hervor.

Die demokratische Kongressabgeordnete Anna Eshoo nannte die Cyber-Attacken auf Google und weitere Unternehmen sogar eine ernstzunehmende Gefahr für die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten. Die Geheimdienstexpertin zeigte sich "tief besorgt, dass erneut eine Welle von Angriffen von China ausgehe". Derartige Attacken seien nicht akzeptabel und würden das Vertrauen in die Weltwirtschaft beeinträchtigen.

Noch ist nicht klar, wer hinter den Angriffen steckt. Es habe eine gezielte Attacke auf die eigene Server-Infrastruktur gegeben, erklärte Google-Justitiar David Drummond im Firmen-Blog. Dieser habe sich gegen die Server von mindestens 20 Unternehmen gerichtet. Bei Google sei unter anderem versucht worden, den E-Mail-Dienst Gmail zu knacken und an die E-Mail-Konten chinesischer Menschenrechtler zu gelangen.

Ausgangspunkt der Attacke seien Computer in China gewesen. Bei zwei E-Mails hätten die Angreifer das Absendedatum und die Betreffzeile sehen können, nicht aber den Inhalt, erklärte das Unternehmen. Bei der Untersuchung der jüngsten Vorfälle habe man weitere Angriffe entdeckt. Demnach wurden durch Phishing-Attacken die Zugangsdaten zu Dutzenden E-Mail-Konten chinesischer Regimekritiker in den USA, Europa und China abgefangen. Unberechtigte sollen so über einen längeren Zeitraum E-Mails mitgelesen haben. Dabei sei jedoch kein Google-Server geknackt worden.

Google stellt China-Engagement in Frage

Google kündigte deswegen überraschend die Kooperation mit den chinesischen Behörden auf. "Wir haben entschieden, dass wir nicht länger willens sind, unsere Suchergebnisse auf Google.cn zu zensieren", teilte der Konzern mit.

"Wir sind uns bewusst, dass dies zum Abschalten von google.cn und zur Schließung unserer Büros in China führen kann", erklärte Drummond. Diese Entscheidung sei vom Management in den USA getroffen worden, ohne dass die Google-Beschäftigten in China davon gewusst hätten oder in die Entscheidung einbezogen worden seien.

Um die Genehmigung für eine chinesische Website mit der Adresse ".cn" zu erhalten, hatte sich Google 2005 verpflichtet, für diesen Dienst Adressen aus seiner Datenbank zu entfernen, die von der Regierung als anstößig betrachtet werden. Zu solchen verbotenen Themen gehören etwa Diskussionen über eine Unabhängigkeit von Taiwan oder die gewaltsame Niederschlagung der Demokratiebewegung von 1989.

Mehrere Menschenrechtsorganisationen begrüßten die Entscheidung von Google, die Internetsuche in China nicht länger zu filtern. "Google hat einen mutigen und schwierigen Schritt für die Internetfreiheit unternommen, um grundlegende Menschenrechte zu unterstützen", sagte die Präsidentin des Zentrums für Demokratie und Technologie in Washington, Leslie Harris.

Das amerikanische Blog Techcrunch mutmaßt, dass Google sich von seinem bisher wenig erfolgreichen China-Geschäft schon verabschiedet habe. Zu groß sei der jetzige Affront gegen die chinesische Regierung, die Zensur abzulehnen und dies öffentlich zu machen, als dass eine Einigung mit den Behörden noch möglich sei. Der öffentliche Einsatz für die Menschenrechte sei womöglich auch ein PR-Coup - der Konzern sieht sich in seinen Kernmärkten verstärkt der Kritik von Datenschützern ausgesetzt (mehr dazu im aktuellen SPIEGEL).

Auch Baidu wurde gehackt

Auch die größte chinesische Suchmaschine Baidu ist offenbar Opfer von Hackern geworden - und musste am Dienstag vier Stunden vom Netz. Die Angreifer nannten sich "Iranische Cyber-Armee". Ihnen gelang es, die Homepage zu verändern und eine Botschaft in Farsi zu hinterlassen - ein Protest gegen ausländische Einmischung in die inneren Angelegenheiten Irans und die "Verbreitung falscher Nachrichten". Ab 7.40 Uhr morgens zeigte die Seite neben der Botschaft die Iranische Nationalfahne und eine zerrissene israelische Fahne.

"So etwas ist noch nicht vorgekommen", erklärte der Gründer von Baidu, Li Yanhong. Der Angriff richtete sich gegen das Domainnamen-Register Baidus in den USA. Die DNS-Daten werden von Register.com in New York verwaltet. Offenbar gelang es den Hackern, die DNS-Daten zu verändern und die Nutzer zu einem anderen Server umzuleiten.

China stellt weltweit die größte Zahl von Internet-Nutzern, mehr als 300 Millionen Menschen sind in dem Land online. Bei der Suche nach Informationen im Web hat Google in China einen Marktanteil von weniger als 30 Prozent.

ore/AP/Reuters/dpa/AFP



Forum - Google - bloß ein PR-Coup oder echtes Engagement?
insgesamt 385 Beiträge
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Meckermann 13.01.2010
1. Konzern mit Prinzipien?
Wenn Google hier wirklich mal konsequent wäre: respekt! Dann würde der Datenkraken auch in meiner Gunst wieder steigen - was noch nicht heißt, dass ich ihm noch mehr von mir preisgebe, als ich ohnehin schon tue...
jupol, 13.01.2010
2. Super Idee
Vielleicht kann ja AOL Deutschland in die Bresche springen!
quibus48 13.01.2010
3. Google versus China
Na, da steht ja dann Big Brother gegen Big Brother. Siehe Titelgeschichte des SPIEGEL: "Google - Der Konzern, der mehr über Sie weiß als Sie Selbst"
stormking, 13.01.2010
4.
Zitat von sysopGoogle droht China mit Rückzug, beugt sich den chinesischen Zensurvorschriften nicht mehr. Welche Folgen wird die Aktion haben? Sollen andere Firmen Googles Beispiel folgen?
Wenn sie das wirklich durchziehen, dann Respekt! Der Deal mit China war bisher der einzige wirkliche Fleck auf Googles doch ziemlich weißer Weste. Man hat ja seinerzeit schon versprochen, die Geschäftsbedingungen regelmäßig zu überdenken, das habe ich aber - wie viele andere wahrscheinlich auch - als bloßen Beschwichtigungsversuch angesehen. Man kann sich nur wünschen - wie gesagt, vorausgesetzt die ziehen das durch - daß auch andere Firmen sowie unsere Regierung eine derartige Konsequenz beweisen würden.
rrbbkim 13.01.2010
5.
Ich hoffe, dass das mal extrem eskaliert. Die Welt darf sich von China nicht mehr so an der Nase herumführen lassen. Danke, Google!
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