Internet-Zensur Langsamer surfen in Irans Islam-Web

Verabschiedet sich Iran aus der digitalen Welt? Das Regime will sich komplett vom Internet abkoppeln, arbeitet an der Einrichtung eines "sauberen", nationalen Web - hat dabei aber große technische Probleme. Nutzer im Land fürchten eine noch rigidere Zensur und noch längere Ladezeiten.

Von Mohammad Reza Kazemi

REUTERS

Wenn Sie bei Google eine Bildersuche starten und anstelle von Fotos oder Grafiken zum Großteil einfach nur leere Kästchen zu Gesicht bekommen, können Sie sicher sein: Sie befinden sich im Lande der Mullahs.

Denn anders als in Deutschland, wo man für jede Suche Tausende Ergebnisse bekommt, sehen die Internetnutzer in der Islamischen Republik Iran nur rund ein Fünftel aller Treffer. Der Rest? Ist von der Regierung zensiert worden. Ähnlich bei der Textsuche: Man sieht zwar die Vorschau für die Treffer, öffnen lassen sie sich aber meist nicht. Dafür erscheint folgende Meldung auf Persisch: "Nach dem Computer-Strafrecht ist der Zugang zu der gewünschten Web-Seite nicht möglich."

Von der Zensur betroffen sind sowohl "unsittliche" Websites als auch "politisch-feindliche". Diese Begriffe sind für Irans Netzwächter schöne große Töpfe, in die sie die meisten Web-Inhalte hineinwerfen können. Seiten von westlichen Schauspielern, Models und Sängern verdammen die Mullahs als genauso "unsittlich" wie richtige Pornografie.

Selbst wissenschaftliche Seiten, die Begriffe wie Sex, Erotik oder die Bezeichnung von Geschlechtsorganen beinhalten, sind in Iran gesperrt. In die Kategorie "politisch-feindlich" fallen sowohl die Web-Seiten der Opposition als auch internationale Nachrichtenseiten wie SPIEGEL ONLINE, bbc.co.uk, cnn.com und soziale Netzwerke wie Facebook und YouTube.

"Früher war das nicht so schlimm. Man hatte zu den meisten Seiten Zugang. Aber seit den Präsidentschaftswahlen vor zwei Jahren zensiert die Regierung das Internet massiv. Deshalb nutzen fast alle Internetnutzer in Iran ein Anti-Filtering-Programm", sagt Arzhang, ein 30-jähriger Computer-Ingenieur aus Teheran.

Gegen die umstrittene Wiederwahl von Präsident Mahmud Ahmadinedschad im Sommer 2009 protestierten Millionen von Wählern, die von Manipulation ausgingen. Sie nutzten das Internet als Mobilisierungsinstrument, hielten das Regime über ein Jahr lang in Atem und informierten die Welt durch Videos, Bilder und Augenzeugenberichte über die Ereignisse in Iran. Seitdem hat die Kontrolle des freien Web für die Regierung eine hohe Priorität. Wie wichtig diese Angelegenheit ist, zeigt eine Nachricht, die kürzlich weltweit Schlagzeilen machte: Die iranische Regierung habe durch ein gefälschtes Google-Zertifikat die iranischen Nutzer von Gmail und anderen Google-Diensten wochenlang ausspioniert.

"Schwarzer Fleck, der das Internet beschmutzt"

Zwar ist dies für das repressive Regime in Teheran ein Erfolg. Experten zweifeln allerdings, dass man solche Aktionen langfristig und effektiv durchführen kann. Die Verfälschung der digitalen Sicherheitszertifikate werde zu einem regelrechten Cyber-Krieg zwischen Iran und dem Rest der Welt führen, meint Nima Rashedan, ein in der Schweiz lebender iranischer Experte in einem Kommentar für Radio Farda, den persischen Dienst von Radio Free Europe. Dank der Attacke der Islamischen Republik überdächten die Experten im Westen bereits jetzt eine Verbesserung der Netzsicherheit, schreibt Rashedan.

Dieser Schwierigkeiten ist sich wohl auch das Mullah-Regime bewusst, es entwickelt daher seit längerer Zeit größere Pläne: ein "nationales Internet" beziehungsweise "Halal" ("islamisch-zulässig") oder "reines" Internet, wie die Verantwortlichen es auch nennen. Dafür stellte die Regierung Mitte 2007 mehr als 350 Millionen Euro zur Verfügung. Früchte haben die üppig fließenden Mittel aber noch nicht getragen, wohl aus Mangel an Know-how und technischer Infrastruktur.

Nachdem der Start des Projekts in den vergangenen Jahren mehrmals verschoben wurde, gab der iranische Telekommunikationsminister Reza Taghipur gegen Ende 2010 bekannt, die Regierung verfolge den Plan ernsthaft. Ohne das weiter auszuführen, sprach er von einem "schwarzen Fleck, der das Internet beschmutzt und die internationale Gemeinschaft besorgt hat". Daher solle man das "reine" Internet vom "unreinen" trennen, forderte er.

Kurz danach verkündete Taghipur die Errichtung von Denkfabriken zur Verwirklichung der Idee des "reinen" Netzes. Und schließlich zitierten ihn einige iranische Web-Seiten im April mit den Worten, dass ab dem 23. August 2011 das "nationale Internet" das World Wide Web "ersetzen" werde. Die Nachricht wurde jedoch unmittelbar darauf dementiert, und bis dato hat die Regierung keinen neuen Termin für die Inbetriebnahme genannt.

Iranische E-Post im Schneckentempo

Nicht nur über den Startzeitpunkt herrscht zur Zeit Verwirrung. Einige sagen, dass es sich beim Halal-Internet um ein Netzwerk parallel zum globalen handeln soll; andere meinen, es ist ein noch stärker zensiertes WWW; die User fürchten allerdings, dass die Einführung so oder so ihren Abschied von der digitalen Welt bedeutet.

Obwohl das Projekt noch in der Luft hängt, hat die Regierung bereits die Vermarktung gestartet. "Die elektronische Post Irans ist ein zuverlässiger Weg für den Informationsaustausch", verspricht etwa eine Reklame für Iran.ir, die "nationale E-Mail" Irans.

"Das ist wohl ein Scherz. Keiner wird glauben, dass ein E-Mail-Anbieter, der vom iranischen Geheimdienst und von der Revolutionsgarde kontrolliert wird, ein zuverlässiger Weg für den E-Mail-Austausch ist", sagt der Teheraner Computerfachmann Arzahng höhnisch. "Ich bin mir sicher, dass sogar die iranischen Regierungsverantwortlichen E-Mail-Dienste von Google und Yahoo nutzen, weil sie technisch viel besser sind. Nur wenn die Regierung den Zugang zu allen anderen Anbietern sperrt, werden die Iraner vielleicht den einheimischen Dienst in Anspruch nehmen."

Ein Vorgeschmack für die Geschwindigkeit von Irans digitalen Projekten bietet bereits die Web-Seite der sogenannten iranischen "National-E-Mail". Ruft man sie auf, antwortet sie erst nach einigen Minuten - oder auch gar nicht.



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insgesamt 55 Beiträge
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mischamai 08.09.2011
1. die Freiheit ist in Sichtweite
Auch diese Menschen werden in naher Zeit befreit sein von Unrecht und Diktatur.Alternativlos ist nur die Freiheit,was die nordafrikanischen Länder geschafft haben wird auch bald im Unrechtsstaat Iran passieren.
ford_fairlane 08.09.2011
2. Unser Regime
Nachem Hans-Peter Uhl diesen Artikel gelesen hat, wird er wohl ganz kribbelig werden. „Was die Chinesen können, sollten wir auch können. Da bin ich gern obrigkeitsstaatlich“. Warum nicht auch von Iran lernen. Für die iranische Regierung ist die Sauberkeit im Netz nur ein zu begrüßender Nebeneffekt, im Wesentlichen geht es doch um Zensur. Die Zahl der Unzufriedenen ist in den letzten Jahren gestiegen. Ist irgendwie lustig, dass bei Ländern wie Iran von Regime gesprochen wird und wenn deutsche Politiker Zensuren fordern, machen fast alle "Qualitätsmedien" reflexartig einen auf Jubelperser. Mit dem Finger auf andere zeigen ist auch wirklich einfacher.
EuroStar2011 08.09.2011
3. titles are for monarchs
Zitat von sysopVerabschiedet sich Iran aus der digitalen Welt? Das Regime will sich komplett vom Internet abkoppeln, arbeitet an der Einrichtung eines "sauberen", nationalen Webs - hat dabei aber große technische Probleme. Nutzer im Land fürchten eine noch rigidere Zensur und noch längere Ladezeiten. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,784237,00.html
wenn man hoert was die "Experten mit Anzug und Krawatte" in Berlin und den Landeshauptstaedten von sich geben (Vorratsdatenspeicherung, Kill Switch, YouTube Zensur, Klarnamenzwang, Impressumszwang, Bundestrojaner, IP block etc) geht es in die selbe Richtung wie im Iran. Warum sollten unmuendige Buerger mehr Information als noetig erhalten ist die Devise.
legria 08.09.2011
4. lernen
die araber haben nicht begriffen das sie vom rest der welt auch etwas lernen können. sie sind immer noch der meinung sie könnten lehren. aus humanistischer sicht haben sie fast nichts zu bieten.
0395neubrandenburg 08.09.2011
5. Uhl
Wo ist der Unterschied zu CDU/CSU? Wenn ich die laufenden Äußerungen von Uhl, Kauder, etc. höre, sehe ich keinen nennenswerten Unterschied http://www.rentner-news.de/content/Erich-Mieke-lebt-unter-dem-Pseudonym-Uhl . Bei uns sind die Töpfe "Kinderporno" und "Pseudonym" bereits gut gefüllt.
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