Netz-Spähsystem Tempora: Der ganz große britische Bruder

Mehr als 200 Glasfaserkabel sollen die Briten angezapft haben Zur Großansicht
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Mehr als 200 Glasfaserkabel sollen die Briten angezapft haben

Das umstrittene US-Spähprogramm Prism? Ist harmlos im Vergleich dazu, in welchem Umfang ein britischer Geheimdienst unter dem Codenamen Tempora weltweit das Internet ausspioniert - und damit auch deutsche Nutzer. Doch selbst Datenschutzaktivisten halten das Vorgehen für legal.

Hamburg/London - Die Aufregung war riesig, als bekannt wurde, dass die National Security Agency (NSA) im Rahmen ihres unter US-Präsident Barack Obama initiierten Spähprogramms Prism die Kunden von Telefon- und Internetfirmen ausleuchtet - Big Barack is watching you. Doch Brit Brother tut genau dies auch. Und in mancher Hinsicht scheint die Überwachung durch die britischen Netzspione viel umfassender zu sein als die der Amerikaner.

Der britische Geheimdienst Government Communications Headquarters (GCHQ) mit Hauptsitz in Cheltenham späht - so ein Bericht der Zeitung "Guardian" - im ganz großen Stil den weltweiten Telefon- und Internetverkehr aus. Er zapft dafür die Glasfaserkabel an, durch die der transatlantische Datenverkehr abgewickelt wird.

Ob ein Telefonat mit Freund oder Freundin, eine Stippvisite auf Facebook oder eine E-Mail an den Chef: Die Briten hören und lesen mit. Und zwar in einem Ausmaß, das Edward Snowden zu dem Urteil kommen lässt, sie seien "schlimmer als die USA". Er nannte die Spähaktion, die unter dem Codenamen Tempora läuft, "das größte verdachtslose Überwachungsprogramm in der Geschichte der Menschheit".

192-mal die British Library

Der US-Amerikaner dürfte eine Ahnung davon haben, denn er hatte vor einigen Wochen weltweit für Aufregung gesorgt, als er dem "Guardian" und der "Washington Post" Informationen über Prism zuspielte und sich deswegen nun offenbar in Hongkong versteckt hält, um der Strafverfolgung der US-Behörden zu entgehen. Ihm wird unter anderem Diebstahl von Regierungseigentum und der Verrat von Informationen über die Landesverteidigung vorgeworfen. Und nun fütterte er den "Guardian" auch mit dem Material zu Tempora.

Wie Snowden zu seiner Einschätzung kommen mag, machen einige Zahlen deutlich: Mehr als 200 der wichtigen Glasfaserverbindungen sollen die Briten angezapft haben, um den Datenstrom von mindestens 46 davon gleichzeitig überwachen zu können. Insgesamt gebe es 1600 solcher Verbindungen, die GCHQ plane, sich Zugriff auf 1500 davon zu verschaffen.

Die Kommunikation von Hunderten Millionen Menschen ist davon betroffen, auch die deutscher Internetnutzer. Inhalte würden bis zu drei Tage lang gespeichert, Metadaten - also etwa IP-Adressen, Telefonnummern, Verbindungen und Verbindungszeiten - bis zu 30 Tage. Die bisher angezapften Kabel hätten laut "Guardian" theoretisch die Kapazität, 21 Petabyte am Tag zu übermitteln - was hieße, die geschätzt 150 Millionen in der British Library versammelten Bücher 192-mal am Tag durch die Kabel zu jagen.

Stolze Spione

Demgegenüber nimmt sich das US-amerikanische Spähprogramm Prism fast bescheiden aus: Die US-Unternehmen Microsoft, Apple, Facebook und Yahoo haben vor kurzem grobe Angaben über die Zahl von Behördenanfragen im Rahmen von Prism veröffentlicht. Der iPhone-Konzern Apple zählte in den sechs Monaten von Dezember 2012 bis Ende Mai dieses Jahres zwischen 4000 und 5000 solcher Anträge, Yahoo erreichten in dieser Zeit zwischen 12.000 und 13.000 Anfragen. Und Facebook kam auf 9000 bis 10.000 Anfragen im zweiten Halbjahr 2012, Microsoft meldet zwischen 6000 und 7000 Anfragen im selben Zeitraum.

Während die NSA mit Prism also relativ gezielt gegen - aus ihrer Sicht - mögliche Verdächtige vorgeht, ist Tempora eher eine Art gigantischer Datenstaubsauger, der alles schlucken will. Das britische Programm ist zudem älter: Der GCHQ begann offenbar bereits vor fünf Jahren mit dem Anzapfen der Transatlantikkabel, wie der "Guardian" berichtet.

Entsprechend groß ist das Selbstbewusstsein der Briten: Zwei Jahre später brüstete sich der GCHQ bereits damit, den größten Internetzugang der "Five Eyes" zu haben, der Spionageallianz zwischen Australien, Großbritannien, Kanada, Neuseeland und den USA. Nicht einmal der US-Dienst NSA würde derart viele Verbindungsdaten sammeln, die laut "Guardian" seit etwa 18 Monaten nun auch gezielt ausgewertet werden.

Die Schnüffler kontrollieren sich selbst

Ein vom "Guardian" nicht namentlich genannter hochrangiger Jurist des GCHQ soll, als er US-amerikanische Geheimdienstkollegen von der NSA zur Nutzung der gewonnenen Daten instruierte, betont haben: "Wir haben ein leichtes Kontrollsystem im Vergleich zu den USA." Was er damit gemeint haben könnte, erschließt sich, wenn man bedenkt, dass der Datenverkehr inhaltlich kaum in Gänze mitgelesen werden kann, die Netzspione also sowohl aus pragmatischen als auch aus gesetzlichen Gründen anhand definierter Suchkriterien die Datenmengen durchforsten.

Eine anonyme Quelle berichtet dem "Guardian", dass der Fokus dabei auf vier Themenkomplexen liegt: "Sicherheit, Terror, Organisiertes Verbrechen. Und wirtschaftliches Wohlergehen." Zumindest der letztgenannte Punkt aber wirkt reichlich weit interpretierbar; mit etwas Kreativität dürfte es den Geheimdienstlern im Zweifel nicht sonderlich schwerfallen, sich unter Bezug auf diese Kategorie weitreichende Befugnisse herbeizudefinieren.

Erschwerend kommt hinzu, dass der GCHQ zwar alle sechs Monate zu erneuernde, sogenannte Certificates des britischen Außenministeriums benötigt, um das Netz zu scannen - inwieweit sich der Geheimdienst aber an eben diese Certificates hält, bewertet nur eine interne Kontrollinstanz des Geheimdiensts. Deren diesbezügliche Bewertungen sind ebenfalls geheim.

Die britische Regierung hält laut Außenminister William Hague das Tempora-Programm dennoch für legal - der "Guardian" beschreibt en détail, welche "juristischen Schlupflöcher" genutzt werden, um die gewaltige Überwachungsmaßnahme zu rechtfertigen. Offenbar scheint sich zumindest innenpolitisch auch wenig Widerspruch gegen diese Lesart des britischen Rechts zu regen.

Britische Datenschutzaktivisten reagierten zwar schockiert, scheinen aber ebenfalls von der grundsätzlichen Legalität überzeugt - und forderten daher eine Überarbeitung der entsprechenden Paragrafen. Shami Chakrabarti von der Menschenrechtsorganisation Liberty warf dem GCHQ in der BBC immerhin vor, sich selber eine "sehr großzügige Auslegung der Gesetze" zu erlauben. Und Nick Pickles von der Gruppe Big Brother Watch sagte, Großbritannien komme einer "zentralen Datenbank all unserer Internetkommunikation" gefährlich nahe; dies müsse "dringend im Parlament diskutiert werden".

Ob die Briten oder die Amerikaner die übleren Netzschnüffler sind, ist letztlich aber wohl eher eine sportliche Frage, da beide Staaten im Rahmen der "Five Eyes"-Kooperation zusammenarbeiten. Im Falle von Tempora bedeutet das: Von den 550 Analysten, die damit beschäftigt sein sollen, in dem riesigen Datenwust nach nützlichen Informationen zu suchen, sollen 250 vom US-Geheimdienst NSA stammen.

tdo/dpa/Reuters

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insgesamt 189 Beiträge
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1. Von wegen legal
theprestige86 22.06.2013
In einem demokratischen Staat, in dem Menschenrechte gelten ist dieses Vorgehen sicherlich nicht legal. Privatheit ist ein grundlegendes Menschenrecht und die Grundlage der individuellen Freiheit. Wendet sich eine Regierung gegen diese Prinzipien, verliert er seine Legitimation als "Volksvertreter".
2. was sonst.....
unwichtig23 22.06.2013
Jedem sollte klar sein, das heute, wo auch immer, ein armseeliger Penner alles mitliest und fein säuberlich protokolliert, wenn man was "in dem ganz neuem internet" schreibt. Stasi 2.0....oder höher!!! Es geht dich nicht um Terroristen....es geht um uns: sind wir alle systemkonform...oder nicht....?!?! Aufwachen...Freunde!!!!
3.
hierundjetzt59 22.06.2013
Zitat von sysopDPA/ obs/ VKU/ regentaucher.comDas umstrittene US-Spähprogramm Prism? Ist harmlos im Vergleich dazu, in welchem Umfang ein britischer Geheimdienst unter dem Codenamen Tempora weltweit das Internet ausspioniert - und damit auch deutsche Nutzer. Doch selbst Datenschutz-Aktivisten halten das Vorgehen für legal. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/internetueberwachung-tempora-ist-schlimmer-als-prism-a-907337.html
Ich las jetzt mal die Alarmglocken klingeln. C4, Al Kaida, Bahnhof, Rucksack, Zünder, Kabel, Ammoniumnitrat, Ammoniumnitromethan, Rohrbombe,...... hmmm noch was vergessen ? Ma kucken wie lange es dauer bis der britische Secrect service oder das FBI hier klingelt.:D gruss
4. Britischer Pudel
expat62 22.06.2013
So ist es nun mal. Die Wirtschaft ist kaputt. Produktion nahezu null. Bankenkrise. Aber zum Spioniern hat man Geld. Was fuer eine Travestie Show: Der Oberspion bezichtigt einen seiner ehemeligen Mitarbeiter der Spionage und verlangt die Auslieferung aus China. Russland biete Asyl an.
5. interessant wäre ob die auch private Telefonate angezapft werden
Spiegelleserin57 22.06.2013
jedenfalls ist diese Aktion schon ein Grund die Internettelefonie zu kündigen. Da freut sich sicher die Telekom Kunden zu verlieren oder die Kunden wechseln in andere zu dem billigere Tarife. Es wird schon eine Reaktion im Volk darauf geben und es ist wohl auch sicher dass die Leute die wirklich eine Gefahr darstellen würden sich längst anderer Methoden bedienen. Es gibt doch die guten alten Brieftauben die sicher ihren Dienst erledigen ohne Schnüffler oder? Wurden schon in Kriegen erfolgreich eingesetzt.
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