Beliebteste Messenger-App im Land Iran will Telegram sperren

Mehr als 40 Millionen Iraner nutzen Telegram - nun soll die Messenger-App offenbar verboten werden. Deren zentrale Rolle bei den jüngsten Protesten hat Klerus und Hardliner erzürnt.

Proteste an der Universität Teheran Ende Dezember 2017
AP

Proteste an der Universität Teheran Ende Dezember 2017


Iran will offenbar die im Land beliebte und viel genutzte Messenger-App Telegram sperren. "Es wurde auf höchster politischer Ebene entschieden, dass Telegram demnächst abgeschafft und durch einen lokalen Dienst ersetzt wird", sagte der Leiter des Sicherheitsausschusses im Parlament, Alaeddin Borudscherdi.

Das Thema sei "aus Sicht der nationalen Sicherheit" für das Land enorm wichtig, da Telegram bei den jüngsten politischen Krisen "eine destruktive Rolle" gespielt habe, sagte der Abgeordnete laut der Nachrichtenagentur Mehr. Telegram ist die beliebteste Messaging-App in Iran und hat mehr als 40 Millionen Benutzer.

Konkret geht es um die regimekritischen Proteste Ende 2017 und Anfang 2018. Die Demonstranten nutzten soziale Medien als Kommunikationsmittel, das wichtigste war Telegram. Videos und Bilder der Proteste wurden über den Dienst im In- und Ausland verbreitet.

Seitdem gibt es im Land hitzige Diskussionen über das Thema zwischen Reformern und Hardlinern. Die Hardliner und der Klerus wollen das Internet voll und ganz kontrollieren und fordern die Einführung eines staatlich kontrollierten Netzwerks.

Die Regierung von Hassan Rohani, insbesondere sein Kommunikationsministerium, ist jedoch strikt dagegen. Dies verletzte die elementaren Rechte der Bürger. Rohani sagte, es könne ja auch nicht ein Buch verboten werden, nur weil einigen der Inhalt nicht gefalle. Kurzfristig konnte der Präsident sich damit auch gegen die Hardliner durchsetzen.

Verbot wahrscheinlich nicht effektiv

Nach Angaben von Borudscherdi soll Telegram aber nun bis Mitte April durch die hiesige App Sorusch ersetzt werden, die Schätzungen zufolge aber nur drei Millionen Benutzer hat. Die Mehrheit der Iraner befürchtet, dass ihre Daten in einem staatlichen Kommunikationsdienst gespeichert und kontrolliert werden.

Telegram dient in Iran zudem nicht nur zur Kommunikation, sondern auch zur Abwicklung von Geschäften. Ärzte sollen ihren Patienten sogar Laborergebnisse via Telegram schicken.

Ohnehin ist fraglich, wie wirkungsvoll ein Verbot sein würde. Seit Jahren benutzen Millionen von ihnen verbotene Webseiten und soziale Medien wie Facebook oder Twitter über sogenannte Virtual Private Networks (VPN). Neue Gesetze diesbezüglich wurden nicht sehr ernst genommen, da auch die politischen Führung des Landes gegen sie verstößt.

So begann sogar der erzkonservative Ajatollah Ahmad Chatami im November zu twittern. Er und andere Kleriker hatten dabei selbst für die Twitter-Sperre gesorgt.

fdi/dpa

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