Iron Blogger: Wer nicht schreiben will, muss zahlen

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Simple Regeln: Bloggen oder zahlen - Bier gibt es so oder so Zur Großansicht
Kathrin Kaufmann

Simple Regeln: Bloggen oder zahlen - Bier gibt es so oder so

Damit nicht so viele Blogs brach liegen, soll ein simples Konzept die Blogosphäre beleben: Wer ein Iron Blogger wird, muss einmal die Woche veröffentlichen - oder Strafe zahlen. Das funktioniert so gut, dass es sogar die Falschen anlockt.

Wer der Welt etwas zeigen oder sagen möchte, kann sich zum Beispiel ein Blog einrichten. Wenn das getan ist, verzichten allerdings viele darauf, der Welt etwas zu zeigen oder zu sagen - sie lassen ihr Blog brach liegen und wochen- bis monatelang nichts mehr von sich hören. Weil sie keine Zeit finden, einen Text zu schreiben. Weil sie nicht wissen, was oder wie sie es sagen sollen. Weil sie zu faul waren. Oder weil sie es schlicht vergessen haben. Bloghemmung nennen manche Blogger das, und um die zu überwinden, gibt es so etwas wie eine Selbsthilfegruppe: die Iron Blogger.

Eisernes Bloggen, das klingt nach Drill, und ein bisschen Disziplin wird den Teilnehmern auch abverlangt: Mindestens einmal pro Woche muss ein Blogbeitrag erscheinen. Passiert das nicht, sind fünf Euro fällig, die in eine Gemeinschaftskasse gezahlt werden. Schummeln können sie nicht: Es wird automatisch erfasst, wer wann was gebloggt hat oder wer stattdessen zahlen muss; die entsprechende Liste wird veröffentlicht.

Damit sich niemand durch seine eigene Trägheit ruiniert, werden Blogger mit 30 Euro Schulden erst einmal gesperrt und von der Erhebung ausgenommen - bis sie nachzahlen und wieder mitmachen dürfen. Ist die Kasse gut gefüllt, treffen sich die Iron Blogger in einer Kneipe und hauen das Geld dort auf den Kopf.

Bloggen wie früher

Die Idee kommt aus den USA und ist simpel: Der Gruppendruck sorgt für Schreibdisziplin, verwaiste Blogs werden wiederbelebt, und die Blogger vernetzen sich. Statt eigene Inhalte auf fremden Plattformen wie Facebook, Twitter oder Instagram in schnellen Häppchen zu teilen, sammelt man die Texte, Fotos oder Filme wieder auf der eigenen Plattform - wie in den Anfangsjahren des Bloggens.

Im Dezember 2011 gründete sich die erste deutsche Iron-Blogger-Runde in Berlin, derzeit hat sie 61 Mitglieder. Eines davon ist Christian Pfeiffer, als Blogger auch bekannt unter dem Namen Horax. Er hat sein Blog im Jahr 2009 eingerichtet, als er der Welt wirklich etwas sagen und zeigen wollte. Damals ging es um Netzpolitik: "Das war die Zeit, in der über Zensursula diskutiert wurde", sagte er, "da dachte ich, ich explodiere innerlich. Ich musste meinen Frust einfach rausschreiben." Das hat er auch getan, doch danach verwaiste das Blog über Monate.

Als ihn die Iron Blogger fragten, ob er mitmachen wolle, war er sofort begeistert. Seitdem bloggt er brav Woche für Woche, über Netzneutralität und Kochrezepte, über Restaurantbesuche und den Kölner Rosenmontagszug - was eben gerade so ansteht. "Bezahlen musste ich bisher kein einziges Mal", sagt er und klingt ein bisschen stolz.

Urlaub gibt es in Hamburg nicht

Mittlerweile gibt es solche Selbsthilfegruppen für Blogger auch in Hamburg, München, Köln, Leipzig, Karlsruhe, Bonn, Stuttgart, Kiel und Münster, oder auch in Franken, im Ruhrgebiet, am Bodensee und in der Schweiz. Die Regeln unterscheiden sich von Stadt zu Stadt nur im Detail, das Prinzip ist überall gleich: Ein Eintrag pro Woche, wer nichts schreibt, zahlt. Eine von den Mitbegründerinnen in Hamburg ist Kathrin Kaufmann. Ihr Blog ist ein persönliches, es spiegelt "ein bisschen mein Leben, meine Interessen", sagt sie. Themen habe sie immer genug im Kopf gehabt, aber sich oft nicht die Zeit genommen, auch zu schreiben.

Als Iron-Bloggerin habe sie jetzt Blogdisziplin gelernt, gerade "die Hamburger sind sehr strebsam, was das Bloggen angeht". Urlaub gebe es keinen, der technische Aufwand für solche Ausnahmen wäre zu hoch; wer für zwei Wochen verreisen will, könne die beiden Texte ja vorschreiben, schlägt Kaufmann vor. Zum Lohn für solche Mühen gibt es durch die Gruppe neue Leser für ihr eigenes Blog und neue Blogs von anderen zum Kennenlernen.

Aber Bloggen um des Bloggens Willen, regelmäßiges Schreiben unter Zwang - will man das überhaupt? "Wir bloggen ja grundsätzlich gern", sagt Kaufmann, "nur kann man auch gern Sport machen und es trotzdem nie schaffen, regelmäßig hinzugehen."

Falsche Freunde und fragwürdige Vorschläge

In der Gruppe geht es besser, glauben die Iron Blogger. Und weil ihr Konzept tatsächlich so gut aufgeht, werden auch Menschen darauf aufmerksam, die in dem privaten Clübchen gar nicht willkommen sind, etwa professionelle Vielblogger. Außerdem fanden einige Iron Blogger aus Berlin eine E-Mail in ihrem Postfach: "Wie steht es denn um eure Bierkasse in Berlin?", fragte da jemand höflich und machte dann den Vorschlag, "Blogger und Werbetreibende" zusammenzubringen, man biete "interessante Kampagnen und somit Inhalte" für die Blogs. Die Berliner Iron Blogger reagierten empört - wöchentlich schreiben ja, aber nicht um jeden Preis - und schon gar nicht für jeden Preis.

Statt sich auf solche Angebote einzulassen, haben sich die Hamburger übrigens etwas anderes ausgedacht: Sie verjubeln nicht das gesamte Geld, sondern spenden die Hälfte für einen guten Zweck. "Jedes Mitglied kann Vorschläge machen, dann stimmen wir ab. Letztes Mal haben wir der Opferhilfe Hamburg gespendet", sagt Kaufmann. Der Rest wird - wie auch bei den anderen Selbsthilfebloggern der Republik - für Bier investier. Das gemeinsame Motto ist schließlich: "Blogs und Bier, das lob ich mir!"

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insgesamt 1 Beitrag
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1. Hätte mal ein Blog
mbraun09 29.06.2013
bei der Plattform blogigo. Lief sehr gut. 80 Abonnenten und jeder Beitrag wurde dreistellig gelesen. Irgendwann sperrte der Anbieter den Zugriff von außen - noch nicht mehr lesbar. Ohne Nachricht oder Erklärung und nicht wiederherstellbar. Danach ist mir die Lust vergangen.
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