Terrororganisation IS hat angeblich eigene Messaging-App

Verfügt der "Islamische Staat" über eine eigene, verschlüsselte Messaging-App? Das berichten Anti-IS-Hacker. Geheimdienstforderungen nach verordneten Hintertüren in kommerzieller Software hätten damit wenig Sinn.

Aufmarsch von IS-Kämpfern in Syrien: Kommunikation mit einer App ohne Hintertüren
DPA

Aufmarsch von IS-Kämpfern in Syrien: Kommunikation mit einer App ohne Hintertüren


WhatsApp, Telegram, Twitter: Lange hat der "Islamische Staat" (IS) auf die Produkte westlicher Tech-Konzerne gesetzt, um zu kommunizieren. Jetzt hat die Terrororganisation offenbar ihre eigene, verschlüsselte Messaging-App mit dem Namen "Alrawi" gebaut.

Das zumindest berichtet die Gruppe Ghost Security, kurz GhostSec, der Seite "DefenseOne". GhostSec ist aus Anonymous-Aktivisten hervorgegangenen, tritt aber professioneller auf als das Hacker-Kollektiv. GhostSec attackiert eigenen Angaben zufolge Rekrutierungs-Webseiten des IS und anderer Gruppen.

Der Fall "Alrawi" würde offenbaren, wie absurd es ist, wenn Geheimdienste Hintertüren in kommerzielle Softwareprodukte einbauen wollen. Die Terroristen ziehen einfach weiter, bauen ihre eigene, Hintertüren-freie App - und lassen den Westen zurück mit seinem durchlöcherten, angreifbaren Code.

Geheimdienste fordern seit den Anschlägen von Paris wieder verstärkt, Hintertüren in Software einzubauen. Sie wollen Verschlüsselungsstandards in Produkten aufweichen, die viele Millionen Menschen nutzen. Begründet wird das stets mit der Terrorabwehr. Einen Höhepunkt erreichte das geheimdienstliche Streben nach mehr Überwachungsmöglichkeiten, als CIA-Chef John Brennan ohne jeden Beleg behauptete, ohne die Enthüllungen von Whistleblower Edward Snowden über den Spähapparat der NSA und ihrer Verbündeten wären die Anschläge von Paris nicht passiert. Verschlüsselte Kommunikation habe die Suche nach den Tätern erschwert.

Katz-und-Maus-Spiel mit den App-Anbietern

Der ehemalige CIA-Vizechef Michael Morell beklagte in einem Interview kommerzielle Verschlüsselung, "die für Regierungsbehörden sehr schwer, wenn nicht unmöglich zu knacken ist". Vorerst soll es zwar kein US-Gesetz geben, das Firmen zum Hintertüren-Einbau verpflichtet. Man wolle aber weiter mit den Tech-Firmen im Gespräch bleiben, sagte FBI-Chef James Comey bei einer Senatsanhörung im Oktober.

Dass der IS Kommunikationskanäle wie Twitter und Telegram tatsächlich nutzt, ist unbestritten. Versuche, den IS dauerhaft aus diesen Netzwerken zu vertreiben, gleichen einem Katz-und-Maus-Spiel.

Die Sicherheit der Android-basierten "Alrawi"-App reicht nicht an die von Telegram oder WhatsApp heran, zitiert die Seite "DefenseOne" ihren GhostSec-Kontakt. Aber zumindest könne der IS sicher sein, dass er die Kontrolle über den Code hat.

Die App gibt es nicht über den Google Play Store, man muss schon in dunkleren Ecken des Netzes danach suchen, so "Fortune": Nutzer seien per privater Nachricht auf Telegram oder Twitter auf eine mittlerweile wieder verschwundene Seite weitergeleitet worden. Dort hätten sie die App der "Amaq Agency", die in Verbindung zum IS stehen soll, herunterladen können. Kurz danach sei diese App verschwunden und stattdessen eine App mit dem Namen "Alrawi.apk" aufgetaucht.

Sie habe ähnliche Features wie die App der "Amaq Agency", sei aber ergänzt um verschlüsselte Kommunikationsmöglichkeiten.

Finanzrat Medienrat Geheimrat Militärrat Hilfsrat für Kämpfer Sicherheitsrat Rechtsrat Schurarat

Für weitere Information zu den neun Räten: Fahren Sie mit dem Mauszeiger über die Boxen in der Grafik.

Führungsrat:

Das Gremium trifft alle wichtigen Entscheidungen im "Islamischen Staat". Alle Beschlüsse des Führungsrats müssen von IS-Chef Baghdadi abgesegnet werden. Zumindest theoretisch können die Mitglieder des Führungsrats den "Kalifen" absetzen.

Schura-Rat:

Besteht aus neun Männern, die in islamischem Recht bewandert sind. Sie beraten den Führungsrat in allen wichtigen militärischen und religiösen Fragen.

Geheimdienstrat:

Sammelt Informationen über innere und äußere Gegner des IS.

Finanzrat:

Ist das Finanzministerium des IS und verfügt über Hunderte Millionen US-Dollar. Der Rat koordiniert den Verkauf von Erdöl und fädelt Waffengeschäfte ein.

Militärrat:

Ist so etwas wie das Verteidigungsministerium des "Islamischen Staats". Der Rat koordiniert den militärischen Vormarsch und die Sicherung des eroberten Territoriums.

Hilfsrat für Kämpfer:

Organisiert die Schleusung ausländischer Kämpfer in den "Islamischen Staat". Der Rat unterstützt die ausländischen Dschihadisten, hilft ihnen unter anderem dabei, Unterkünfte zu finden.

Rechtsrat:

Regelt Familienstreitigkeiten und Verletzungen des islamischen Rechts. Das Gremium entscheidet auch über die Tötung von Geiseln.

Medienrat:

Gibt die offiziellen Mitteilungen des IS heraus. Koordiniert die Propagandakampagnen in den sozialen Netzwerken.

Sicherheitsrat:

Koordiniert die Kontrolle über die eroberten Gebiete, entscheidet über die Errichtung von Checkpoints. Mitglieder des Rats sind auch an der Tötung von Geiseln beteiligt.

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