Streit über Staatsregulierung: USA boykottieren internationales Netz-Abkommen
Im Streit über die Zukunft des Internets verschärft sich die Konfrontation des Westens mit Ländern wie China und Russland. Die USA wollen einen neuen Vertrag der zuständigen Uno-Organisation ablehnen - er bedrohe die Web-Freiheit. Trotzdem will eine Mehrheit der Staaten das Dokument unterzeichnen.
Dubai - Die Weltkonferenz zur Telekommunikation in Dubai ist noch nicht zu Ende. Erst gegen Freitagmittag deutscher Zeit soll dort die Abschlussveranstaltung beginnen, bei der ein neues internationales Abkommen der Uno-Organisation ITU unterschrieben wird. Es geht um die Frage, ob offiziell anerkannt wird, dass alle Nationalstaaten gleichberechtigt das Netz regulieren dürfen - und darum, ob die ITU überhaupt der richtige Ort ist, um über die Regulierung des Internets zu diskutieren. Doch das Weiße Haus hat schon einmal schriftlich begründet, warum die USA ein Abkommen wahrscheinlich nicht ratifizieren werden: Man stehe für den "freien Informationsfluss" - und den gefährde das geplante Abkommen.
In der Erklärung führt die US-Regierung aus, dass man "Telekommunikationsinfrastruktur", nicht aber die darüber verbreiteten Informationen regulieren solle. Das nun in Dubai ausgehandelte Abkommen würde "mehr staatliche Kontrolle über Online-Inhalte" legitimieren. Einem solchen Vertrag würden die USA nicht zustimmen. "Schweren Herzens und mit einem Gefühl, dass Chancen verpasst wurden, müssen die USA mitteilen, dass sie die Vereinbarung in ihrer gegenwärtigen Form nicht unterzeichen können", teilte US-Delegationsleiter Terry Kramer mit.
Der von den USA abgelehnte Entwurf ist allerdings eine erheblich entschärfte Version im Vergleich zu den vorangegangenen Vorschlägen, die eine Koalition um Russland, China und Saudi-Arabien vorantrieb. Diese Staaten wünschen sich mehr Einfluss auf die Internet-Regulierung und die Anerkennung ihrer vollen Souveränität über sogenannte "nationale Internet-Segmente".
Abschlussdokument entschärft
Diese Formulierung findet sich nicht im Abschlussdokument. Den Text hat die ITU bereits veröffentlicht, laut Heise hat eine Mehrheit der Staatsvertreter vor Ort das Dokument verabschiedet. Laut ITU sind Abstimmungen nach Mehrheitsprinzip "möglich, aber ungewöhnlich". Ohnehin steht es laut ITU jedem Staat frei, den so angenommenen Vertragstext zu unterzeichnen, zu ratifizieren (also unter Parlamentsbeteiligung anzunehmen) oder eben nicht. Die Unterzeichnung findet am Freitagnachmittag in Dubai statt. Laut ITU-Generalsekretär Hamadoun Touré haben gut 20 Staaten angekündigt, nicht zu unterzeichnen.
Ein Absatz im Anhang des Abschlussdokuments lässt sich als Anerkennung staatlicher Eingriffe in Telekommunikationsinhalte im Netz interpretieren. Alle Regierungen sollten "gleichberechtigt" Einfluss auf und Verantwortung für die "internationale Internet-Regulierung" haben und "Stabilität, Sicherheit und Kontinuität" garantieren. Eine "Beteiligung" anderer bei diesem Prozess sieht das Dokument zwar vor, doch es ist klar, dass Nationalstaaten das Sagen haben. Und dass die ITU sich mit dem Internet befassen soll. Für dieses Abschlussdokument gibt es in den Reihen der bei der ITU-Konferenz vertretenen Staaten offenbar eine Mehrheit - diverse Länder aber wollen ihre Zustimmung verweigern, neben den USA etwa Kanada und Großbritannien.
Bislang verwaltet die US-Nichtregierungsorganisation Icann Adressen und Namen im Netz. In den Organisationen und Gremien, die sich auf technische Standards im Netz verständigen, haben vor allem Experten das Sagen, viele kommen aus der Industrie. In den USA haben viele Unternehmen ihren Hauptsitz, die wichtige Aspekte der Internet-Infrastruktur verwalten. Dies nutzten US-Behörden. So hat zum Beispiel die zum US-Heimatschutzministerium gehörende Einwanderungs- und Zollbehörde (ICE) mehrmals Domains von ausländischen Web-Angeboten beschlagnahmt, die in den Vereinigten Staaten registriert waren.
Das Netz ist längst fragmentiert
Ein Sprecher der russischen Delegation beim ITU-Gipfel kritisierte die US-Entscheidung. Andrey Mukhanov vom russischen Telekommunikationsministerium sagte der Nachrichtenagentur Reuters: "Womöglich kommen wir nun in der Zukunft zu einem fragmentierten Netz."
Das allerdings existiert seit Jahren. China, Russland, Saudi-Arabien und andere autoritäre Staaten filtern Internet-Inhalte, blockieren Abrufe unerwünschter, ausländischer Online-Angebote und regieren de facto längst über ihre "nationalen Internet-Segmente". In China hat diese Abschottungspolitik den Nebeneffekt, dass einheimische Online-Konzerne ohne Konkurrenz von Facebook, Google und anderen wachsen können.
lis
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- Freitag, 14.12.2012 – 10:52 Uhr
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Die aktuellen Vereinbarungen der ITU, die sogenannten International Telecommunication Regulations (ITRs), stammen von 1988. Darin wird etwa festgelegt, wie Ferngespräche über die Welt geschickt und abgerechnet werden. Auf der Konferenz geht es um eine Neufassung dieser Regeln - die dann auch den Internetverkehr berücksichtigen könnte.
Die USA, Europa und Deutschland lehnen eine Ausweitung der ITU-Kompetenzen auf das Internet öffentlich ab. Derzeit sind viele Vorschläge noch unter Verschluss. Die Plattform WCITLeaks hat es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, alle Dokumente an die Öffentlichkeit zu bringen. So wurde bekannt, wie Russland sich die Netzzukunft vorstellt: fest in der Hand von ITU und somit kontrolliert von Nationalstaaten.
Außerdem könnten die Beispiele China und Iran Schule machen: Die Länder kontrollieren, was für Daten über das Internet in ihr Land gelangen. Auf dem ITU-Gipfel könnten solche Maßnahmen über technische Standards Anerkennung finden. Die USA haben sich deshalb gegen eine Internet-Regulierung durch die ITU ausgesprochen, sie fürchten um die Meinungsfreiheit im Netz.
Tatsächlich dürfte der ITU-Apparat auch nach neuen Aufgaben suchen. Seit 1988 ist viel passiert. Statt über klassische Telefon-Ferngespräche findet weltweite Kommunikation zunehmend über Programme wie Skype oder Plattformen wie Facebook statt. Der Medienwandel nagt an der Bedeutung der ITU. Generell lässt sich sagen: Bevor sich eine Bürokratie selbst auflöst, sucht sie sich neue Aufgaben.
Damit International Telecommunication Regulations (ITRs) funktionieren, müssen sie von möglichst allen Mitgliedstaaten mitgetragen werden. Gegebenenfalls müssen die ITRs dann noch in den einzelnen Staaten ratifiziert werden. Wohin umstrittene internationale Internetverträge führen können, haben dieses Jahr die Acta-Proteste gezeigt.
- Netz-Gipfel: Autoritäre Staaten drängen auf Internet-Kontrolle (09.12.2012)
- ITU-Konferenz: Deutschland schickt Rüstungsexperten zum Internet-Gipfel (04.12.2012)
- ITU-Gipfel in Dubai: Kalter Krieg ums Internet (03.12.2012)
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- Copyright-Abkommen: Das steckt hinter dem Acta-Streit (13.02.2012)
- wcitleaks.org
- Heise über ITU-Konferenz
- Regulierungs-Vorschlag von Russland, VAE, Saudi-Arabien
- ITU-Abschlussdokument
- US-Erklärung
- Heise
- ITU-Unterlagen zu Abstimmungsmodalitäten
für die Inhalte externer Internetseiten.
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