Journalismus-Ikone Seymour Hersh Das Internet muss "unkontrolliert" bleiben

Seymour Hersh ist einer der berühmtesten Investigativjournalisten der Welt: Der Pulitzerpreisträger machte das Massaker von My Lai öffentlich, die Folterungen von Abu Ghuraib. Im Internet entdeckt Hersh vor allem Chancen - und plädiert leidenschaftlich dafür, es als Freiraum zu bewahren.

Seymour Hersh: Investigativjournalist und Web-Fan
dapd

Seymour Hersh: Investigativjournalist und Web-Fan


Leipzig - Auch unter Journalisten gibt es einen Generationenkonflikt, der sich am Internet festmacht: Die einen singen das Loblied neuer Möglichkeiten, Recherche- und Verbreitungswege für Informationen. Die anderen mahnen und warnen vor Bequemlichkeit vor dem Bildschirm, der zu oft eigene Recherche ersetze, vor unsicheren, unzuverlässigen Quellen und dem unüberschaubaren Gemenge von echten Informationen, PR und Propaganda. Am Alter macht sich dieser Konflikt jedoch nicht unbedingt fest: Der Pulitzerpreisträger Seymour Hersh ist mittlerweile 73 Jahre alt - und ein begeisterter Advokat der neuen journalistischen Möglichkeiten, die das Internet bietet.

Für den investigativen Journalisten sind schnelle Kommunikationsmittel im Internet wie Twitter, Blogs oder WikiLeaks eine große Errungenschaft. "Diese ganze 'Explosion' der Medien ist kompliziert, aber gut" , sagte Hersh am Rande des 1. Leipziger Medienkongresses im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. "Je mehr du über eine Sache weißt, desto besser kannst du dir eine Meinung darüber bilden. Langfristig wird dieser konstante Informationsfluss sehr nützlich sein."

Der langjährige Autor der "New York Times" wurde weltbekannt durch seine Enthüllungen zum Massaker von My Lai während des Vietnamkrieges. 2004 brachte er den US-Folterskandal im irakischen Gefängnis Abu Ghuraib ans Tageslicht. Die frühen Jahre der internetlosen Recherche wünscht sich der 73-Jährige aber nicht zurück. "Ich habe auch einiges an Google auszusetzen, aber wenn ich heute etwas schreibe, google ich tatsächlich die ganze Zeit. Es gibt so vieles, was ich damit tun kann, was es vorher nicht gab."

Hersh: Regierungen fürchten die Freiheit des Netzes

Mit dem neuen Informationszeitalter änderten sich aber natürlich auch die Anforderungen an Journalisten: Recherche werde dadurch nicht leichter. "Du kannst viel mehr Informationen erhalten, die dich in die Irre führen." Dennoch: Vieles im Netz sei zwar ungeprüft, doch das Internet ist dem Enthüllungsautoren zufolge einer der letzten Plätze in der Welt, die frei sind und niemandem gehören - und genau das fürchteten viele Regierungen. "Das Militär in Amerika will mehr Kontrolle über das Internet erlangen. Sie sagen, wegen der nationalen Sicherheit, weil Terroristen das Netz nutzen könnten."

Auch Konzerne wie Google, die online zu mächtig würden, seien eine Gefahr. Er sieht eine große Aufgabe der Zukunft darin, dafür zu sorgen, dass das Internet so bleibt wie es jetzt ist: "unkontrolliert".

So biete das Internet den Raum, um investigative Recherche weiter betreiben zu können. "Was die Idee des Internets so schön macht, ist, dass es keinen Herausgeber braucht, um Geschichten zu veröffentlichen." So sieht er auch in WikiLeaks, jener Internetplattform, die unter anderem streng geheime Dokumente über den Afghanistankrieg für jedermann einsehbar machte, eine neue journalistische Form. Kriege würden stets im Verborgenen geführt, doch es gebe immer jemanden, der Informationen über diese Kriege geben wolle. Und WikiLeaks sei eine Plattform für solche Leute, "die Zugriff auf Dokumente haben und hassen, was dort vor sich geht".

In seiner eigenen Arbeit hat sich Seymour Hersh immer auf die Freiheit berufen, jedes Dokument publizieren zu können, dass er in die Hände bekommt. "Vier- oder fünfmal riefen ich oder mein Verleger von der 'New York Times' bei der Regierung an, um ihr mitzuteilen, dass wir Informationen rausbringen, die sie in große Schwierigkeiten bringen wird", erzählt er. "Und manchmal rief der Präsident an und bat uns, nicht zu veröffentlichen, weil es zu gefährlich sei und die nationale Sicherheit bedrohe." In zehn Jahren bei der Zeitung hätten sie fast jede Geschichte schließlich gedruckt, sagte er. "Und raten Sie mal: Das war mitten im Kalten Krieg. Und die Russen sind am nächsten Tag nicht eingefallen."

pat/dpa



insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
nrw_waehler2010 12.10.2010
1. Gut so!
Ich hoffe, dass das noch möglichst lange so bleibt. Aber wie ich die Wirtschaft und unsere Staaten einschätze dauert es nicht mehr lange, bis auch das Internet komplett under der Kontrolle stehen.
henningr 12.10.2010
2. .
Zitat von sysopSeymour Hersh*ist einer der*berühmtesten Investigativjournalisten der Welt: Der Pulitzerpreisträger machte das Massaker von My Lai öffentlich, die Folterungen von Abu Ghureib.*Im Internet entdeckt*entdeckt Hersh vor allem Chancen - und plädiert leidenschaftlich dafür, es als Freiraum zu bewahren. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,722693,00.html
Hersh ist einer der letzten verbliebenen journalisten unter den Anzeigenumfeldgestaltern...
Newspeak, 12.10.2010
3. ...
Zitat von nrw_waehler2010Ich hoffe, dass das noch möglichst lange so bleibt. Aber wie ich die Wirtschaft und unsere Staaten einschätze dauert es nicht mehr lange, bis auch das Internet komplett under der Kontrolle stehen.
Ich hoffe, daß es eine kritische Größe der internationalen Vernetzung gibt, die man einfach nicht mehr unter Kontrolle halten kann. So ähnlich als ob man eine kritische Masse Uran von der Explosion abhalten wollte. Das geht nur noch mit massivsten Eingriffen. Und selbst China, das über die "Great Firewall" verfügt, schafft es nicht mehr z.B. die Information über den diesjährigen Friedensnobelpreisträger zu unterdrücken. Es gibt genug Informationskanäle, genug Menschen, die soviel Wissen besitzen, um technische Barrieren zu umgehen, genug, die es selbst bei Androhung von Todesstrafe weitererzählen. Selbst Nordkorea ist sicher nicht so abgeschottet, wie Kim Yong Il es gerne hätte. Keine Diktatur hat in der Menschheitsgeschichte auf Dauer Bestand gehabt. Das subversive Element ist langfristig stärker. Auch China wird nicht die führende Macht der Zukunft, vorher fliegt das ganze System auseinander.
christoph. 12.10.2010
4. Hat er recht, der Hersh
Gerade das Unkontrollierte des Internet, dass fast jeder Mensch ungestört publizieren kann und gehört wird, das passt den Mächtigen der Welt nicht, die ihre Interessen vertreten. Nicht nur in Saudi-Arabien und weit weg, sondern auch in der westlichen Welt. Bei den momentanen Anstrengungen, das Internet mit einer Kontroll-Infrastruktur zu versehen, geht es genau darum. Darum, wirtschaftlichen Interessen Vorfahrt zu gewähren und, über Vorratsdatenspeicherung und andere Maßnahmen, unliebsame Inhalte zu kontrollieren bzw. Druck auf diejenigen auszuüben, die Dinge aussprechen wollen. Die missbrauchten Kinder, um deren Wohl es vorgeblich in erster Linie geht, werden ein weiteres Mal benutzt.
RTS 12.10.2010
5. Das Recht auf Wissen und freie Meinungsäußerung!
Recht hat der Herr. Das Internet ist diesbezüglich eine unserer letzten Kerzen und ist ein weiteres Fenster zur Welt, das nicht wie das Fernsehen von privaten Interessen gelenkt werden kann und vor allem niemals darf. Das Internet ist chaotisch, riesig und jeder kann etwas publizieren - sei es eine einfache Äußerung, eine Kolumne, einen ganzen Blog, ein Buch, Bilder, Videos, Podcasts etc etc etc. Eigentlich gehört ein neues Grundrecht in die Grundgesetze, nämlich, dass das freie Internet zu schützen ist, sofern die publizierten Inhalte nicht juristische Gesetze verletzen. So viel Wissen so nah, das ist einfach revolutionär für die gesamte Weltgemeinschaft und die Selbstverständlichkeit, die wir an den Tag legen, wenn wir Informationen und Antworten suchen, ist schon fast unheimlich, aber sehr schön.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.