Hackertreffen in Hamburg Enthüllungsjournalist Greenwald wirft US-Regierung Lügen vor

Dient die NSA-Überwachung nur der Terrorbekämpfung, wie die US-Regierung behauptet? Nichts weiter als eine Lüge, sagt der Snowden-Vertraute Glenn Greenwald auf dem Hacker-Kongress 30C3 - und kündigt neue Enthüllungen an.

Greenwald im Skype-Chat: Ansprache an Tausende Hacker in Hamburg
CCC/30C3, CC-Lizenz

Greenwald im Skype-Chat: Ansprache an Tausende Hacker in Hamburg

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Hamburg - Glenn Greenwald lacht. Er und auf einer Hackerkonferenz sprechen, im größten Saal, zur wichtigsten Zeit? Er verstehe doch viel zu wenig vom Programmieren und von Verschlüsselung. Am Freitagabend war es trotzdem soweit: Über Skype meldete sich der Enthüllungsjournalist aus Brasilien beim 30C3, dem Jahrestreffen des Chaos Computer Clubs in Hamburg.

Dann wird er ernst. Mehr als eine halbe Stunde redet Greenwald sich in Rage (hier im Video): Wie heldenhaft der NSA-Whistleblower Edward Snowden gehandelt habe, der mit ihm und der Filmemacherin Laura Poitras zusammen die Machenschaft der NSA öffentlich macht. Wie infam die US-Regierung sei, die Snowden "Jahrzehnte, wenn nicht für den Rest seines Lebens, in einen kleinen Käfig" sperren wolle.

Wie feige Länder wie Deutschland, Frankreich und Brasilien seien, die von den Enthüllungen profitieren würden, aber Snowden im Stich ließen. Der Preis, sich den USA zu widersetzen, sei hoch, sagt Greenwald. Edward Snowden habe aber einen noch höheren Preis dafür bezahlt, sich für die Rechte so vieler Menschen einzusetzen. "Europäische Regierungen sind moralisch verpflichtet, Snowden zu helfen, so wie er ihre Grundrechte verteidigt hat."

NSA "will Privatsphäre abschaffen"

"Das Ziel der NSA und der übrigen 'Five Eyes' ist es, weltweit Privatsphäre abzuschaffen", warnte Greenwald. "Five Eyes" bezeichnet die Spähallianz aus USA, Großbritannien, Australien, Kanada und Neuseeland. Für die NSA sei die Idee, dass Menschen auch nur für einen kurzen Moment unbeobachtet kommunizieren könnten, einfach nicht akzeptabel. "Sie zielen auf alle Kommunikation ab, die sie in die Finger bekommen können." Man müsse ihm nicht einfach glauben, so der Journalist: "Es steht alles in den Dokumenten."

Greenwald bezichtigt die US-Regierung der Lüge: Die weitreichende Überwachung des Internets, an deren Enthüllung er arbeitet, diene nicht allein dem Ziel der Terrorismusbekämpfung. Zahlreiche Dokumente würden belegen, dass die USA entgegen ständiger Versicherung sehr wohl Wirtschaftsspionage betreibe.

Freiwillig würde die US-Regierung nicht von der massenhaften Überwachung abrücken, selbst dann nicht, wenn fragwürdige Praktiken publik würden. "Wenn sie erwischt werden, dann tun sie so, als ob sie sich ändern, mit symbolischen Gesten", sagte Greenwald. Doch tatsächlich würde sich nichts ändern.

Hacker, Aktivisten, Whistleblower

Der große Saal des Congress Centrum Hamburg ist voll besetzt. Wer es nicht mehr hineingeschafft hat, verfolgt die Übertragung auf seinem Rechner oder in einem zweiten Saal. Die NSA-Affäre und die Antwort der Szene ist das beherrschende Thema des Hackertreffens. In Dutzenden Vorträgen geht es um die Macht der Geheimdienste und um Verschlüsselung, um doch noch sicher kommunizieren zu können.

Greenwald nutzt die Gelegenheit und erinnert an andere Whistleblower, an Daniel Ellsberg, der in den siebziger Jahren die Pentagon-Papiere an die Öffentlichkeit brachte. An die Soldatin Chelsea Manning (früher Bradley Manning), die dieses Jahr für die Weitergabe geheimer Dokumente an WikiLeaks verurteilt wurde. An Hacker und Aktivisten wie Jeremy Hammond und Barret Brown, die sich mit dem Staat angelegt haben, an Aaron Swartz, der sich kurz vor einem Prozess umbrachte. An Sarah Harrison von WikiLeaks, die Edward Snowden bei seiner Flucht vor den US-Behörden unterstützte.

"Eine Menge neuer Dokumente"

Seit sechs Monaten arbeiten Greenwald und Poitras an der Enthüllung der NSA-Überwachung. Kritik äußerte Greenwald an amerikanischen und britischen Medien. Deren Rolle sei es, ein Sprachrohr für die Mächtigen zu sein. Deswegen würden er und Mitstreiter nun eine neue Medienorganisation aufbauen.

Schließlich verteidigte der Journalist noch die häppchenweise Veröffentlichung der NSA-Dokumente: Das Material sei umfangreich und schwer zu verstehen. Die andere Seite würde nur darauf warten, dass Fehler gemacht würden. Greenwald versprach den Hackern aber: "Es werden noch eine Menge Geschichten kommen und eine Menge neuer Dokumente veröffentlicht werden."

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karend 27.12.2013
1. Ah, Wirtschaftsspionage
Aber Vertreter der US-Regierung haben Friedrich doch versichert, dass keine Wirtschaftsspionage stattfindet. Und das glaubt Frau Merkel doch auch (Ironie aus). Merken unsere Regierungsmitglieder noch etwas?
Finsternis 27.12.2013
2. optional
Das Problem, welches Greenwald, Snowden und Co offenbar nicht begreifen liegt doch in der Tatsache, dass sich trotz ihrer Worte die Welt immer noch dreht und zwar so wie bisher. Was willst du denn als Bürger machen, wenn die NSA dich ausspäht? Ein anderen Präsidenten wählen? Für diesen Humor ist mir selbst ein müdes Lächeln noch zu wertvoll. Also tut mir ein Gefallen und behaltet eure Enthüllungen für euch. Ich will nicht hören was ich schon weiß, ich will hören was ich dagegen tun kann!
nick adams 27.12.2013
3. Bedrückende Wahrheit
Man fühlt gerade in dieser nachdenklichen Zeit des Jahresüberganges, das Greenwood wohl ein Stück Recht hat. Während die Amerikaner beinah hemmungslos und bar jeder Einsicht (diesen Eindruck hat man zumindest) über Snowden die Unwahrheit sagen und sich dies auch noch von einem "braven" Gericht bestätigen lassen, hat kein Land den Mut, Snowden aufzunehmen. Ja, die Zeit großer Staatsmänner wie kennedy, Mandela oder auch Helmut Schmidt ist leider vorbei, stattdessen haben wir Obama, Merkel und Seehofer, für den letztgenannten ist ja die Maut ein "Lebensziel". Ob die NSA das Übersetzen kann?!
sachse_co 27.12.2013
4. Gegen USA ist Münchhausen ein Waisenknabe!!!!!!!!
Zitat von sysopCCC/30C3, CC-LizenzDient die NSA-Überwachung nur der Terrorbekämpfung, wie die US-Regierung behauptet? Nichts weiter als eine Lüge, sagt der Snowden-Vertraute Glenn Greenwald auf dem Hacker-Kongress 30C3 in Hamburg - und kündigt neue Enthüllungen an. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/journalist-greenwald-wirft-us-regierung-luegen-vor-a-941043.html
Wer diese fiesen hinterhältigen verlogenen Maschen der USA nach Edward Snowdens Enthüllungen noch immer nicht durchschaut hat,der ist entweder sehr-sehr naiv,hat von Politik & Co. 0,0, Ahnung oder will das erwiesene hinterhältige fiese verlogene der USA mit CIA-NSA als sich selbst ernannte Führungsmacht in der Welt einfach nicht wahrhaben.Leider fragt man sich bei der sehr großen Intelligenz der Medienberichterstatter in Deutschland ob sie auch nur hörige Marionetten der USA sind?
gmbr 27.12.2013
5. Liebe Leute...
das wissen wir alles. Hört auf diese sogenannten Enthüllungen zum Thema zu machen. Greenwald hat doch den Deal gemacht um sich zu bereichern. Nur weil er denkt jetzt muss er auch " enthüllen" muss man ihn ja nicht alles abkaufen und sich von längst bekanntem mitreissen lassen. Lächerluch!!!
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