Auftritt in London Assanges verzweifelte Offensive

Kommt er raus? Seit zwei Jahren sitzt WikiLeaks-Gründer Assange in der Londoner Botschaft von Ecuador fest, nun spricht er vom "baldigen" Ende seines Zwangsexils. Nur, wie will er das anstellen?

Von , London


Julian Assange ist zurück. Mit einem einzigen Satz schaffte er es am Montag, die Aufmerksamkeit der Weltmedien zu wecken. Er könne bestätigen, dass er die Botschaft bald verlassen werde, sagte Assange bei einer Pressekonferenz in der Botschaft von Ecuador in London. Über das Wann und Wie hüllte er sich lächelnd in Schweigen.

Damit hatte der WikiLeaks-Gründer sein Ziel erreicht: Die Welt redet wieder über sein Schicksal. Seit zwei Jahren wohnt Assange bereits auf engstem Raum in der Botschaft. Er hatte im Sommer 2012 politisches Asyl beim Staat Ecuador beantragt, um der Auslieferung von Großbritannien nach Schweden zu entgehen. Dort sollte er zu Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs zweier Frauen befragt werden.

Die Nachricht, dass sein Zwangsexil nun nach zwei Jahren ein Ende haben könnte, elektrisierte die Medien. Am Morgen hatte der TV-Sender Sky News bereits berichtet, dass Assange sich womöglich der britischen Polizei stellen wolle, weil er gesundheitliche Probleme habe. Daraufhin machten sich Dutzende Reporter auf den Weg zu dem Botschaftsgebäude direkt neben dem Luxuskaufhaus Harrods, um die Festnahme vor dem Eingang mitzuerleben.

Die Lage ist unverändert festgefahren

Doch sie wurden enttäuscht. Assange erschien nicht auf den Stufen, er gab nur im Innern eine Pressekonferenz vor einigen ausgewählten Journalisten. Zusammen mit dem ecuadorianischen Außenminister Ricardo Patino forderte er erneut eine "politische Lösung" seiner Lage. Europa gelte als Ort, an dem die Menschenrechte geachtet würden, sagte Assange. Und doch werde er von seiner Familie ferngehalten, ohne dass eine Anklage gegen ihn vorliege.

Der Auftritt warf mehr Fragen auf, als er beantwortete. Assange machte nicht den Eindruck, als wolle er sich der britischen Polizei stellen. Ein WikiLeaks-Sprecher bestätigte, Assange werde die Botschaft erst verlassen, wenn die "lächerliche Belagerung" vor der Tür aufhöre. Da die britische Regierung dem Australier kein freies Geleit gewähren will, sondern seine Festnahme droht, sobald er einen Fuß vor die Tür setzt, scheint die Lage unverändert festgefahren.

Eine von Großbritannien und Ecuador eingesetzte Arbeitsgruppe konnte sich in den vergangenen Monaten ebenfalls nicht auf einen Ausweg verständigen. Patino klagte, die Briten hätten ihnen nur die hiesige Rechtslage noch einmal erklärt, jedoch nicht über eine politische Lösung reden wollen. Man habe keine Fortschritte gemacht, er sprach von "zwei verlorenen Jahren". Der Außenminister würde Assange gern nach Ecuador ausfliegen lassen.

Patino erhebt Vorwürfe gegen Schweden

Mit der Pressekonferenz wollten Assange und Patino den öffentlichen Druck auf Großbritannien und Schweden erhöhen. Der WikiLeaks-Mann erinnerte daran, dass die Bewachung der Botschaft den britischen Steuerzahler bereits sieben Millionen Pfund gekostet habe.

Patino warf der schwedischen Justiz Nichtstun vor. Die schwedische Staatsanwaltschaft, die 2010 einen internationalen Haftbefehl gegen Assange erwirkt hatte, könne dessen Aussage jederzeit in der Botschaft oder per Videoschalte aufnehmen, sagte er. Dies sei nach schwedischem Recht möglich, und Ecuador habe dies angeboten. Doch Schweden habe abgelehnt. Assange sitze in der Botschaft fest. "Wie lange will die schwedische Justiz das noch zulassen?", fragte der Außenminister. "Fünf Jahre, zehn Jahre?"

Die Nerven bei der ecuadorianischen Regierung liegen offenbar blank. "Diese Situation muss ein Ende haben", sagte Patino. Er versicherte jedoch, dass man Assange weiterhin Schutz bieten werde.

Inzwischen macht auch die Gesundheit des berühmten Asylanten seinen Gastgebern Sorgen. Weil er sich nur in geschlossenen Räumen aufhält, soll er unter anderem unter Vitamin-D-Mangel leiden. Auch von Lungen- und Herzproblemen wird berichtet. Assange selbst wollte sich dazu nicht äußern. Er sagte nur, jeder Mensch würde in dieser Umgebung "gewisse Schwierigkeiten" haben.

Das Tauziehen geht also weiter, keine der beiden Seiten scheint bereit nachzugeben. Patino kündigte an, er wolle in den kommenden Wochen erneut das Gespräch mit seinem britischen Kollegen Philip Hammond suchen. Auf viel Verständnis kann er nicht hoffen: Die Briten sehen Assange als Flüchtling, der sich ihrer Justiz entzogen hat.



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insgesamt 123 Beiträge
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Seite 1
schmusel 18.08.2014
1. Wie jetzt?
Hat die Botschaft keinen Garten? Keine Balkons? Aufs Dach gehts auch nicht? Die Ärzte in Ecuador kennen keine Vitamin-D Tropfen bzw. Injektionen? Herrje!
diavid 18.08.2014
2.
Die Botschaft ist zu seinem Gefängnis geworden.
chinataxi 18.08.2014
3. die Medien sind schon komisch
Monate lang hat man mit assanges Enthüllungen Schlagzeilen und Kasse gemacht. Und nun? Etwas Dankbarkeit in Form von Druck auf unsere Politiker wäre das mindeste.
PLudwig 18.08.2014
4. Aussagen der Frauen
Schaut man sich die Aussagen der beiden Frauen an, die er missbraucht haben soll, tauchen etliche Fragen auf. Warum z.B. gibt jemand im Anschluss an eine Vergewaltigung eine Party für den Täter? Warum sollte er absichtlich ein Kondom zum Platzen bringen und wie bitte macht man das? Usw. Und was hat die Staatsanwaltschaft in Schweden in den letzten zwei Jahren getan? Hat man ermittelt? Geht es überhaupt um eine Ermittlung? Sorry, aber diese Anschuldigungen sind absurd. Und wir wissen, wer ein Interesse an einer Inhaftierung hat. Möge Assange entkommen.
MartinS3052 18.08.2014
5. Gruselig...
Da kämpft der Mann angeblich dafür, dass sich Politiker nicht über Gesetz und Recht hinwegsetzen dürfen, um es ihnen anschließend völlig schamlos und unreflektiert gleich zu tun. Einen Moralischen Standard aufzustellen ist scheinbar sehr viel einfacher als ihn selbst einzuhalten. Er sollte endlich nach Schweden überführt werden, und sich dort in einem Verfahren seiner Verantwortung stellen. Einen mutmaßlichen Vergewaltiger als Moralapostel hat diese Welt hoffentlich noch nicht nötig. Ach ich vergaß, es ist ja alles nur ein Politikum...
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