Kalifornien: Lokalbahn kappt Handynetz, Anonymous greift an

Ohne Handyempfang kein Protest? Um Demonstrationen zu unterbinden, kappt die Regionalbahn in San Francisco das Mobilfunknetz in den Stationen - und bringt damit Anonymous gegen sich auf. Die Web-Guerilla attackiert nun das Unternehmen, mit Netz-Attacken und Offline-Protesten.

Gegen Zensur: Anonymous hackt Lokalbahn-Seite Fotos
AP/ myBART.org

Anonymous hat seine Drohung wahrgemacht und eine Internetseite des kalifornischen Bay Area Rapid Transit (Bart) lahmgelegt. Die Netz-Attacke ist eine Reaktion darauf, dass in den Bahnstationen im kalifornischen San Francisco vorübergehend das Handynetz abgeschaltet wurde - aus Sicherheitsgründen, wie der Betreiber mitteilte. Anonymous-Aktivisten dagegen sind überzeugt, dass durch den Handy-Blackout Demonstrationen gegen die Sicherheitspolizei des staatlichen Transportunternehmens aufgehalten werden sollen. Denn die ist seit dem gewaltsamen Tod eines Passagiers im Juli massiv in der Kritik.

"Die Unterbrechung des Mobilkfunkservices am Donnerstag sollte eine mögliche gefährliche Situation verhindern", sagte Bart-Sprecher Jim Allison. Den Handyempfang zu unterbrechen sei eine von diversen Möglichkeiten, die Sicherheit der Passagiere zu gewährleisten, heißt es in einer Mitteilung des Betreibers. Per Handy organisierte Demonstrationen hätten zu "überfüllten Bahnsteigen und damit unsicheren Bedingungen für Bart-Kunden, Angestellte und auch Demonstranten führen können".

Nachdem ein Bart-Polizist Anfang Juli einen 45-Jährigen in einer U-Bahn-Station erschossen hatte, waren wegen gewalttätiger Proteste drei Stationen geschlossen worden. Um weitere Proteste zu verhindern, legte Bart am vergangenen Donnerstag den Handyempfang in vier Stationen in San Francisco für drei Stunden lahm. Zensur und einen Verstoß gegen die Meinungs- und Versammlungsfreiheit sahen die Anonymous-Aktivisten darin.

Die Webguerilla kündigte in einer Mitteilung an, die Seite BART.gov für sechs Stunden unzugänglich zu machen und rief Internetnutzer auf, das Transportunternehmen mit E-Mails und Faxen zu bombardieren. Die Kontaktdaten dazu lieferte Anonymous auf einer Web-Seite.

Zusätzlich veröffentlichte Anonymous 2001 Namen und Passwörter von der Kundenplattform mybart.gov, sowie in vielen Fällen Adressen und Telefonnummern. Das Anonymous-Logo mit Guy-Fawkes-Maske und zwei gekreuzten Schwertern prangte auf mybart.gov - inzwischen ist die Kundenplattform offline.

Blutbefleckte T-Shirts

"Wir dulden keine Unterdrückung durch Behörden", erklärten die Aktivisten. "Bart hat schon mehrfach bewiesen, dass sie kein Problem mit der Ausbeutung und dem Missbrauch von Menschen haben."

Auf den U- und S-Bahnverkehr hatte der Anonymous-Angriff indes keinen Einfluss. Bart ließ verlauten, dass die Webseite nicht an das Computernetzwerk des Bahnsystems gekoppelt sei.

Auch kalifornische Politiker kritisierten die Mobilfunksperre. "Ich bin schockiert darüber, dass man bei Bart glaubt, solche autoritären Kontrolltaktiken einsetzen zu können", sagt der demokratische Senator Leland Yee und sieht die Meinungs- und Redefreiheit verletzt.

Nun ruft Anonymous zum friedlichen Offline-Protest am Montagabend in der U-Bahn-Station vor dem Rathaus von San Francisco auf. Erkennungszeichen der Demonstranten: blutbefleckte T-Shirts.

isb

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Die Web-Guerilla Anonymous
Die Namenlosen
Anonymous ist eine lose Gruppierung, die ihren Ursprung einst im anarchischen Bilderforum 4Chan hatte. Zunächst konzentrierten sich Aktivisten auf Aktionen gegen Scientology. Inzwischen werden DDoS-Attacken, bei denen Websites durch massenhafte Anfragen überlastet werden, gegen eine Vielzahl von Zielen durchgeführt. Die Gruppe erklärte sich solidarisch mit den Aufständischen in Ägypten, Libyen, Syrien und anderswo, sie verteidigt WikiLeaks und bekämpft die Branchenverbände der Musik- und Filmbranche. Freie Information und das Recht auf Anonymität gehören zu den wenigen geteilten Zielen der zahlreichen Netznutzer weltweit, die sich zu Anonymous zählen.
Masken und Anzüge
Die Maske kommt aus Alan Moores Kultcomic "V wie Vendetta" und steht dort als Symbol für den Kampf gegen Unterdrückung, Überwachung und Zensur: Man erkennt die Gruppenzugehörigkeit, nicht aber den anynomen Träger. Angelehnt ist die Maske an Guy Fawkers, einen englischen Offizier, der 1605 den König und das Parlament in die Luft sprengen wollte, um die Verfolgung der Katholiken anzuprangern. Der Mann im Anzug ohne Kopf, das Logo der Bewegung, steht für eine Organisation ohne Anführer: Jeder kann Anonymous sein. Eine Vielzahl von Websites und Foren, Social-Network-Profilen und YouTube-Angeboten propagiert die Grundideen und -ziele der Bewegung.
Dauerfeuer aus Ionenkanonen
Anonymous setzt häufig auf Distributed-Denial-of-Service- oder kurz DDoS-Attacken. Darunter versteht man Angriffe über das Internet, bei der eine Vielzahl von Rechnern für so massenhafte Seitenaufrufe sorgt, dass die angegriffenen Server mit der Überlast nicht mehr fertig werden und kollabieren. Meist sind sie Stunden später aber wieder am Netz. Die "Niederorbit-Ionenkanone" ist ein Tool, das DDoS-Attacken für jedermann ermöglicht - und den freiwilligen Anschluss an ein Botnetz. Klingt cool, ist bei Einsatz aber kriminell. Anonymous hat mehrere zehntausend dieser DDoS-Tools für sogenannte Raids in Umlauf gebracht.
Anonymous gegen Scientology
Anlass zur Gründung der Bewegung waren 2008 Versuche von Scientologen, das Internet zensieren zu lassen: Ein ganz besonders wirres Video, in dem der Schauspieler Tom Cruise über Scientology redet, sollte aus dem Web entfernt werden. In den Foren einiger Imageboards (vor allem 4Chan, wo alle Teilnehmer Anonymous heißen) wurde daraufhin eine DDoS-Attacke verabredet. Seitdem protestiert ein "Arm" von Anonymous regelmäßig, auch ganz in echt auf der Straße, gegen Scientology.
Unterstützung für WikiLeaks
Bekannt wurde Anonymous durch Blockade-Angriffe auf Mastercard und Visa, die "Operation Payback". Die Finanzdienstleister hatte der Enthüllungsplattform WikiLeaks die Unterstütung entzogen. Später startete Anonymous "Operation Leakspin", eine Crowdsourcing-Initiative, um die von WikiLeaks veröffentlichten Dokumente nach interessanten Geschichten zu durchsuchen. Sympathisanten sollen ihre Energie darin investieren, Enthüllungen in "bürgerjounalistischer" Aufmachung auf allen denkbaren Kanälen so weit wie möglich zu verbreiten.
Anonymous und Sony
Sony möchte nicht, dass die Nutzer der Playstation auf der Spielkonsole eigene Software laufen lassen. Der Hacker GeoHot veröffentlichte eine Anleitung, wie es trotzdem geht - und bekam deshalb juristischen Ärger. Anonymous blies als Reaktion Mitte April zum DDoS-Angriff, zur "Operation Sony". Unbekannte stahlen parallel mehr als hundert Millionen Nutzerdaten des Playstation-Networks, weitere Hacker-Angriffe folgten - und Sony verdächtigt Anonymous, beschuldigt die Gruppe der Mittäterschaft.
Im Visier der Ermittler
Die Website-Blockaden provozieren staatliche Gegenwehr: Das FBI ermittelt, Anfang des Jahres wurden Wohnungen durchsucht und Verdächtige festgenommen. In Deutschland durchsuchten Ermittler im Mai, mitten im Wahlkampf, Server der Piratenpartei: Auf einer offenen Plattform soll, ohne Wissen der Partei, ein DDoS-Angriff geplant worden sein. Im Juni nahm die Polizei in Spanien drei mutmaßliche Anonymous-Mitglieder fest, mehr als zwei Millionen Chat-Protokolle sollen ausgewertet worden sein. Auch das Militärbündnis Nato, das sich für den Cyber-War rüstet, hat Anonymous im Visier.


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