Streit um Kaspersky "Unser einziger Fehler ist, dass wir eine russische Firma sind"

Kein leichter Job: Kasperskys neue Europachefin Ilijana Vavan spricht über den Spionageverdacht gegen den Antivirensoftware-Hersteller - und fordert, dass schon Schüler lernen, sich vor Angriffen zu schützen.

Kaspersky-Produkt
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Ein Interview von


Keine Antivirensoftware wird von Deutschen so häufig gekauft wie die von Kaspersky. Doch 2017 bröckelte das Image: Die US-Regierung wies die Behörden an, keine Kaspersky-Software mehr zu nutzen, aus Angst vor russischer Spionage. Zuvor hatte der amerikanische Elektronikmarkt BestBuy Kaspersky-Produkte bereits aus den Regalen genommen.

Die Firma und ihr Gründer wehrten sich in der Vergangenheit mit aller Kraft gegen die nicht näher belegten Verdächtigungen. Im Interview erklärt die neue Europachefin von Kaspersky, Ilijana Vavan, warum Kasperskys Imagekrise für sie genau der richtige Auftakt für den Job war, und wie sie ihre Liebe zu Computern entdeckte.

Zur Person
  • Kaspersky
    Ilijana Vavan, 50, ist eine internationale Top-Managerin im IT-Bereich und seit Anfang des Jahres Europachefin beim Antivirensoftware-Hersteller Kasperksy. Die gebürtige Jugoslawin schloss nach einigen Jahren als professionelle Eisschnellläuferin ihr Informatikstudium in den Niederladen ab, wechselte aber bald auf die Management-Seite. Sie arbeitete in der Vergangenheit für große Technologiefirmen wie Oracle und Microsoft, sowie für Kontron, Saba Software und Juniper Networks.

SPIEGEL ONLINE: Frau Vavan, 2017 waren Millionen Nutzer auf der ganzen Welt mit Cyberangriffen konfrontiert, zum Beispiel mit der Erpressersoftware WannaCry. Wird das 2018 so weitergehen?

Vavan: Wir leben in einer Welt, in der alles zum Computer geworden ist, auch ganz normale Alltagsgegenstände. Die müssen auch abgesichert sein, aber darüber macht die Branche sich noch zu selten Gedanken.

SPIEGEL ONLINE: Was muss Ihrer Meinung nach passieren, damit sich das ändert?

Vavan: Der Nutzer selbst spielt bei Angriffen von Hackern oft eine entscheidende Rolle - er ist die Schwachstelle. Schon in der Schule müssen die Kinder deshalb lernen, wie Technik funktioniert und wie sie sich vor Angriffen über diese Technik schützen können. Gegen internationale Cyberkriminalität hilft außerdem nur eine internationale politische Lösung. Es muss zum Beispiel verbindliche Sicherheitsstandards geben.

SPIEGEL ONLINE: 2017 war für Kaspersky selbst kein einfaches Jahr, Sie stoßen in schwierigen Zeiten zur Firma. Schlechtes Timing für Sie?

Vavan: Im Gegenteil. Ich habe natürlich auch die negativen Schlagzeilen über Kaspersky gelesen im vergangenen Jahr. Aber das hat bei meiner Entscheidung nahezu keine Rolle gespielt. Ich habe schon von 2010 bis 2012 für Kaspersky gearbeitet und komme gerne zurück. Gerade jetzt.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Vavan: Ich möchte der Firma da raushelfen. Ich halte Eugene Kasperksy für einen visionären Firmenchef und glaube an die Produkte, die wir machen.

SPIEGEL ONLINE: Das sieht die Regierung in den USA anders. Das Heimatschutzministerium hat die US-Behörden angewiesen, keine Kaspersky-Software mehr zu benutzen.

Vavan: Der Verdacht, dass Kaspersky gemeinsame Sache macht mit der russischen Regierung, ist lächerlich. Ich persönlich finde diese Vorwürfe einfach unfair. Denn es gibt bis heute keinen einzigen Beweis, mit dem wir konfrontiert wurden, es ist alles anonymes Geraune. Unser einziger Fehler ist, dass wir eine russische Firma sind. Das ist immer wieder ein Problem.

SPIEGEL ONLINE: Antivirensoftware hat weitreichenden Zugriff auf einen Computer. Umso wichtiger ist es, dass der Nutzer dem Hersteller vertraut. Tun die Nutzer das bei Kaspersky noch?

Vavan: Es gibt natürlich einen Imageschaden für uns. Er beschränkt sich aber glücklicherweise hauptsächlich auf die USA. Dort gehen wir nun gerichtlich gegen die Anweisung an die US-Behörden vor, auch wenn diese nur einen winzigen Teil unserer Kundschaft dort ausmachten.

SPIEGEL ONLINE: Sie glauben, das Vertrauen der Deutschen ist nicht erschüttert durch die Affäre?

Vavan: Unsere Marktanteile in Europa wachsen. Mein Ziel für 2018 ist ein Wachstum im zweistelligen Bereich. Die Kunden in Deutschland nutzen unsere Software oft schon seit Jahren. Wir haben uns ihr Vertrauen erarbeitet, die Europäer lassen sich von derartigen Schlagzeilen auch nicht sofort verunsichern.

SPIEGEL ONLINE: Wie steht es um die Transparenzinitiative, die Kaspersky angekündigt hat? Schon Ende März sollte es erste Ergebnisse geben.

Vavan: Wir arbeiten daran, die angekündigten Transparenzzentren hochzuziehen. Das erste wird wohl nach derzeitiger Planung in Europa entstehen, zwei weitere in den USA und Asien. Aber es geht um proprietäre Programme, die zum Beispiel gegenüber zertifizierten Regierungsvertretern offengelegt werden sollen. Das ist ein hochkomplexes Projekt.

SPIEGEL ONLINE: Wie stark stecken Sie als Managerin überhaupt in der technischen Materie?

Vavan: Sehr stark. Ich habe Informatik studiert und Computer und Mathematik schon als Kind geliebt. Mein erster Computer war ein Heimcomputer von Spectrum. Ich fand es einfach toll, dass ich ein paar Zeilen Code schreibe, und der Computer tut genau das, was ich will.

SPIEGEL ONLINE: Programmieren Sie auch heute noch?

Vavan: Aktuell fehlt mir die Zeit. Aber als Rentnerin fange ich wieder an. Bis dahin begnüge ich mich damit, mein Haus zu automatisieren. Es kommen aber selbstverständlich nur sichere Geräte rein. Ich bin wirklich ein Nerd.

insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
djchrisi 27.02.2018
1.
Experten nutzen eh keine Antivirensoftware sonder kümmern sich lieber darum, Updates einzuspielen. Das beweist auch eine Umfrage unter Experten und nicht-Experten von Google: https://security.googleblog.com/2015/07/new-research-comparing-how-security.html Deshalb sprechen die wirklichen Nerds auch von der Schlangenölbranche.
zardoz77 27.02.2018
2. Open Source
Ich trau Kaspersky auch nicht. Es gibt genug Alternativen und nur OpenSource ist wirklich sicher (auch wenn dort Hacker sich auch schön drin umgucken können). Aber lieber so als geschlossen und geheim. Ich versuche möglichst nix aus Russland, der Türkei oder China einzukaufen.
hardy_knorrig 27.02.2018
3. Vertrauenswürdigkeit von Kaspersky
Wenn es um diese geht, bewerte ich weniger die Einlassungen des US-Heimatschutzes, als vielmehr die Anzahl der Zeitpunkte in den letzten Jahren, in welchen es die Kaspersky Labs waren, die Schadsoftware entdeckten und öffentlich machten. Und während eine Kooperation von Kaspersky mit der russischen Regierung bisher nur ein Gerücht us-amerikanischer Herkunft ist, so sind die zahlreichen Kooperationen, von eben us-amerikanischen Unternehmen mit NSA und Co, mehr als hinreichend bekannt. SPON hat ja hinreichend darüber berichtet. Auch waren es anscheinend eher nicht die Russen, welche Merkels Handy oder das EU Parlament oder gleich die ganze Bundesrepublik abgehört haben. In einem Spannungsfeld, das aus Unsicherheit allerorten besteht, erscheint Kaspersky noch als rationale Produktentscheidung. Deswegen kommt Kaspersky auch in unserer IT zum Einsatz.
fvaderno 27.02.2018
4. Die Konsequenz der Überwachung durch den russischen Staat ...
... lässt einen berechtigten Zweifel an der Unabhängigkeit von Kaspersky zu! Konzerne neigen immer dazu, durch gute Rhetorik das Vertrauen von Kunden zu gewinnen oder zu erhalten. Im Falle von (ausnahmsweise) wahrheitsgemäßer Information von Seiten der Industrie ist es für Verbraucher sehr schwer oder vielleicht sogar möglicherweise unmöglich den Gehalt an Wahrheit zu erkennen oder gar zu überprüfen. Russland ist sicher eines der führenden Länder in Bezug auf Überwachung von Firmen und privater Kommunikation. Warum sollten Putins Schergen sich ausgerechnet die Möglichkeit entgehen lassen, Zugriff auf eine solch riesige Menge an Daten aus dem Westen zu haben.
hmueller0 27.02.2018
5. @1
Zitat von djchrisiExperten nutzen eh keine Antivirensoftware sonder kümmern sich lieber darum, Updates einzuspielen. Das beweist auch eine Umfrage unter Experten und nicht-Experten von Google: https://security.googleblog.com/2015/07/new-research-comparing-how-security.html Deshalb sprechen die wirklichen Nerds auch von der Schlangenölbranche.
Haben Sie die verlinkte Umfrage überhaupt gelesen oder nur nicht verstanden? Da steht nicht dass die Experten kein AV (Virenschutz) einsetzen, sondern dass es bei der Vielzahl von Abwehrmaßnahmen nicht unter den top3 ist. Auf der anderen Seite halten bei den selben Experten wohl nur 35% das Einspielen von Updates für sehr wichtig, was man auch hinterfragen könnte. Kurz: Updates ja, die können aber maximal bekannte Lücken stopfen. Außerdem müssen die zumindest bei Unternehmen erstmal vorher getestet werden, bevor sie überall verteilt werden. Davon abgesehen gibt es auch Lücken, die keine sind - sprich - Jemand führt ein schädliches Programm "absichtlich" aus (zB weil er dachte es wäre etwas anderes) - da schützt auch kein Update. Der Begriff "Virenscanner" wird ja ohnehin meist falsch verwendet, weil heutzutage i.d.Regel es kein normaler Virenscanner ist (der evtl. 60-70% erkennt), sondern noch zusätliche Schutz- und Analysefunktionen. Kurz: Wenn Sie die Nerds mit Undercut, Bart und Hornbrille meinen - dann mag ihre Aussage stimmen. Sonst: nein.
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