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Kinderpornografie: Parlamentarier rüsten gegen Brüsseler Netzsperren-Plan

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EU-Kommission und Ministerrat wollen doch noch europaweit die umstrittenen Netzsperren einführen. Die Filtersysteme sind in Ländern wie Italien bereits im Einsatz. Kommen die "Stopp"-Schilder also über den Umweg aus Brüssel? Das EU-Parlament könnte die umstrittene Direktive aufhalten.

REUTERS

Ein traurig dreinblickendes Kind, die Hände schützend um den Kopf gelegt, dazu die Wörter Missbrauch, Vernachlässigung und Sklaverei: Vor einer groß an die Wand geworfenen Zeichnung tritt EU-Kommissarin Cecilia Malmström an diesem Montag vor die Presse. Sie präsentiert zwei Vorstöße der mächtigen Brüsseler Bürokraten, es geht um den Kampf gegen Menschenhandel und gegen Kindesmissbrauch.

"Es sind schreckliche Verbrechen. Was wir nur dagegen tun können, müssen wir machen", sagt Malmström. Dazu gehören aus ihrer Sicht auch schwarze Listen von Web-Seiten, die den Missbrauch von Kindern darstellen und in allen Ländern der EU künftig nicht mehr erreichbar sein sollen. Weil man Seiten außerhalb der Union nur schwer vom Netz nehmen könne, plädiert Malmström für eine Sperrdirektive aus Brüssel und wirbt auch in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" für ihr Vorhaben.

"Netzsperren sind nicht der richtige Weg", sagt dagegen der Europaabgeordnete Matthias Groote zu SPIEGEL ONLINE. Der SPD-Politiker ist sich sicher, dass das Europaparlament den Vorschlag der Kommission ablehnen wird. Gegen die Darstellung von Missbrauch an Kindern "müssen effektive Maßnahmen her, mehr Polizei im Netz, löschen statt sperren", sagt Groote. Eine Zensurinfrastruktur würden die Parlamentarier aber fraktionsübergreifend ablehnen, glaubt Groote.

"Anscheinend hat Kommissarin Malmström aus Swift nichts gelernt", sagt er. Das Europaparlament hatte sich bei der Diskussion um die Weitergabe von Bankdaten an die USA, beim sogenannten Swift-Abkommen, übergangenen gefühlt. Ihre Bedenken wurden ignoriert - schließlich kippten die EU-Parlamentarier die Datenschnüffelei. Dasselbe könne nun Malmström mit ihren Internetsperren passieren. Denn bisher seien die Netzblockaden "im Parlament kein Thema" gewesen, so Groote.

Netzfilter gibt es in Europa längst

Was bisher an Filtertechniken eingesetzt werde, sei außerhalb der parlamentarischen Öffentlichkeit organisiert. Die EU-Abgeordneten seien alarmiert: "Diese Themen sind im Parlament nicht zweitranging." Doch ganz so einig ist sich das Parlament zu Beginn des Verfahrens noch nicht: Die CDU/CSU-Europagruppe wolle sich dem Vorschlag der EU-Kommission anschließen. Das erklärte der Vizechef der konservativen EVP-Fraktion, Manfred Weber, und sagte: "Der Vorschlag der EU-Kommission ist ausgewogen."

Denn in Europa, darauf verweist auch Malmström in ihrer Pressekonferenz, wird längst gesperrt. So seien Netzfilter in skandinavischen Ländern und Italien bereits im Einsatz, jeden Tag würden Tausende Zugriffe geblockt. In anderen Mitgliedstaaten gebe es Diskussionen über die Einführung von Netzsperren. Fast wäre es auch in Deutschland soweit gewesen. Denn das "Stopp"-Schild ist nicht die Idee von Ursula von der Leyen, die im vergangenen Jahr als Familienministerin auf das umstrittene Netzsperrengesetz in Deutschland gedrängt hat. Es ist ein europäisches Projekt.

Die EU-Kommission unterstützt die Arbeitsgruppe Circamp (Cospol Internet Related Child Abusive Material Project), in der die Polizeibehörden von 14 Staaten an einem gemeinsamen Internetfilter (CSAADF) arbeiten. Darunter ist auch Deutschland, wo ein Netzsperrengesetz zwar existiert, derzeit aber nicht wie ursprünglich geplant angewendet wird. Acht der Circamp-Staaten haben hingegen Netzfilter bereits im Einsatz. In Norwegen, Schweden, Dänemark, Finnland, der Schweiz, Neuseeland, Italien und Großbritannien wird schon gesperrt. Kritiker dieser Praxis verweisen darauf, dass sich Websites weltweit binnen kurzer Zeit löschen lassen. Eine Infrastruktur, mit der sich Inhalte aus dem Netz filtern lassen, so Groote, sei überflüssig.

Debatte in Deutschland bereits geführt

Seit Monaten arbeiten Ministerrat und Kommission an einer Richtlinie für europaweite Netzsperren - fernab von öffentlicher Beobachtung, entsprechende Entwürfe sind unter Verschluss. Über das deutsche Sperrgesetz gab es hingegen eine öffentliche Debatte, mit Demonstrationen und einer Massenpetition. Seitdem haben sich einige Politiker informiert, haben sich mit den Argumenten der Kritiker auseinandergesetzt und einen politischen Konsens gefunden: Kinderpornografie soll nicht mit technisch unzulänglichen Sperren unsichtbar gemacht werden, sondern muss bekämpft und aus dem Internet gelöscht werden. Die schwarz-gelbe Koalition hat entschieden, das umstrittene Gesetz nicht zur Anwendung zu bringen.

"Ich erwarte, dass die Bundesregierung diese Position auch auf europäischer Ebene vertritt", sagte der FDP-Abgeordnete Jimmy Schulz SPIEGEL ONLINE. "Ich bleibe ein entschiedener Gegner von Internetsperren und halte sie für kontraproduktiv." Deswegen dürften Netzsperren jetzt nicht doch noch über die europäische Ebene eingeführt werden.

Von der Bundesregierung gab es schon am Montag entsprechende Signale: "Die Bundesregierung geht ausdrücklich einen Schritt weiter, indem sie auf eine Löschung hinarbeitet, statt auf eine Sperrung", sagte der stellvertretende Regierungssprecher Christoph Steegmans am Montag in Berlin. "Ich glaube, dass man mit weitergehenden Regelungen EU-Recht relativ automatisch erfüllt." Die Bundesregierung arbeitet derzeit an einer gesetzlichen Regelung zur Löschung von Websites mit kinderpornografischem Inhalt.

Bundesregierung will nicht sperren

Ein Sprecher von Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) betonte, Union und FDP hätten sich im Koalitionsvertrag auf den Grundsatz "löschen statt sperren" festgelegt. Die Überlegungen aus Brüssel kämen nicht überraschend, sie seien schon früher Gegenstand eines Beschlussentwurfs gewesen. Man sei in einem sehr frühen Verhandlungsstadium. Die Bundesregierung hat bereits früher erklärt, man werde ausschließlich für die Löschung derartiger Seiten eintreten und Zugangssperren nicht vornehmen.

Dass der Malmström-Vorstoß tatsächlich EU-Parlament und den Europäischen Rat passiert, ist noch nicht sicher. Die Initiative der Kommission könnte am Europaparlament scheitern, das sich selbstbewusst für Bürgerrechte einsetzt und all zu strenge Netz-Reglementierungen ablehnt. Zuletzt musste die Kommission ein Gesetzespaket zur Telekommunikation entschärfen, das nach Vorbild des umstrittenen französischen Hadopi-Gesetzes ursprünglich Internetentzug für mutmaßliche Raubkopierer vorgesehen hatte.

Malmström gab sich bei ihrer Präsentation wenig kompromissbereit: Kritische Nachfragen, ob einmal eingerichtete Sperren auch gegen Glücksspiel und Raubkopierer eingesetzt würden, beantwortet die EU-Kommissarin nicht. Stattdessen argumentierte sie nach der Holzhammermethode: "Lassen Sie mich ganz klar sein, Kinderpornografie ist keine freie Meinungsäußerung, sondern ein schreckliches Verbrechen." Als würde die Kritiker der Sperren das ernsthaft bezweifeln.

Auch in Deutschland ist der Vorstoß für Netzsperren nicht daran gescheitert, dass irgendjemand gegen die Bekämpfung von Missbrauch wäre, sondern daran, dass das dafür ausgewählte Mittel schlicht ungeeignet war. Und gleichzeitig eine Gefahr für Freiheit und Bürgerrechte.

Mit Material von dpa

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Sperren
nici2412 29.03.2010
[QUOTE]Malström gab sich bei ihrer Präsentation wenig kompromissbereit: Kritische Nachfragen, ob einmal eingerichtete Sperren auch gegen Glücksspiel und Raubkopierer eingesetzt würden, beantwortet die EU-Kommissarin nicht.[QUOTE] Keine Antwort ist auch eine Antwort. Spätestens nach diesem Absatz sollte jedem klar werden, wohin die Reise geht. Ich erkenne bei der Frau starke Parallelen zu unserer Zensursula. Die Leute die sich für Frauenquoten einsetzen sollten sich die Frage stellen ob Frauen wirklich alles besser machen als Männer:)
2. Es geht nicht im Kinderpornographie
Solaris0815 29.03.2010
Es geht darum den gemeinen Bürger im Internet unter Kontrolle zu halten. Alles andere ist eine Lüge. Warum die Kinderpornographie Seiten nicht gleich löschen ? Die Ausrede das geht nicht so einfach halte ich auch für eine Lüge. Die Kontobewegungen ganzer Länder dürfen übertragen werden trotzdem die Bürger der einzelnen Länder sicherlich zu 80% dagegen sind. Warum dann nicht eindeutige Kinderpornographie Seiten löschen lassen. Gegen löschen hat keiner etwas.
3. Erstmal die Techik
Pilami 29.03.2010
---Zitat--- Malström gab sich bei ihrer Präsentation wenig kompromissbereit: Kritische Nachfragen, ob einmal eingerichtete Sperren auch gegen Glücksspiel und Raubkopierer eingesetzt würden, beantwortet die EU-Kommissarin nicht. ---Zitatende--- Tja, das ist das Problem: Gegen den Kampf gegen die Kinderpornographie kann niemand ernsthaft etwas sagen und der Wille hier alle Mittel einzusetzen ist flächendeckend vorhanden. Das perfekte Totschlagargument. Wofür die dann vorhandene Technik nach und nach, still und leise, eingesetzt wird hat man dann nicht mehr wirklich unter Kontrolle. Der typische Zwiespalt - und wie man den löst weiss ich leider auch nicht :)
4. VDS reloaded
donbernd, 29.03.2010
Das ganze sieht doch nach einem neuen Aufguss der Vorratsdatenspeicherung aus. Es wird ein publikumsträchtiges Durchdrückargument vorgeschoben ... hier Kinderpornographie, bei der VDS war es Terrorismus , und wenn der öffentliche Widerspruch nahezu gebrochen ist beginnt man diese Massnahmen auf andere 'Tatbestände ' zu erweitern. Bei der VDs fing es mit Terror an , danach kam die org. Kriminalität hinzu bis man dann zu guter letzt bei 'elektronisch begangenen Straftaten' auskam. Als Resultat wurde mit einer Antiterrormassnahme massiv jagd auf Beleidigungen im Internet und auf Urheberrechtsverstösse gemacht . Die Unverhältnismässigkeit der Massnahme im Bezug auf diese Delikte ist mehr als offensichtlich und man darf wohl zu Recht behaupten das man die VDS niemals durchbekommen hätte wenn man auf den Durchdrückstraftatbestand Terrorismus verzichtet hätte.
5. Zensur?
maruku 29.03.2010
Sperrung oder Löschung. Ich habe nie verstanden warum das eine als Zensur verstanden wird und das andere nicht. In beiden Fällen werden Informationen vorenthalten. Ich will nicht falsch verstanden werden. Ich bin sehr wohl gegen Kinderpornographie. Jedoch konnte ich die Besorgnisse der Sperrgegner und Datenschützer nie richtig verstehen. Wer sagt dass später nicht auch andere Seiten gelöscht werden?
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Heft 13/2010:
Kalter Krieg im Internet

Google gegen China: Der Kampf um die Freiheit im Netz

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Kritik an Internetsperren
Umgehbar
Die Sperren gelten als wenig zielführend, weil sie sich mit wenig Aufwand auch von Laien umgehen lassen würden.
Anbieter verschont
Sperren erschweren nur den Zugang, sorgen aber nicht dafür, dass gegen die Anbieter tatsächlich vorgegangen wird.
Sperr-Infrastruktur
Das Sperr-Gesetz hat für die Errichtung einer Infrastruktur gesorgt, die auch zum Sperren anderer Inhalte genutzt werden könnte - entsprechende Forderungen wurden mehrfach erhoben.
Verfassungsprobleme
Der am schwersten wiegende Kritikpunkt dürften verfassungsrechtliche Bedenken sein: Die Tatsache, dass mit dem BKA eine Polizeibehörde dafür zuständig ist, über die Verfügbarkeit medialer Inhalte hierzulande zu entscheiden, betrachten die Kritiker des Gesetzes als Verstoß gegen die verfassungsmäßige Gewaltenteilung.
Zensur-Technik: Aufwendigere Filter-Methoden
Sperre auf IP-Ebene
Prinzip: Der Provider kann auch direkt die jeweils gültige IP-Adresse hinter der zu blockierenden URL sperren.
Problem: Hinter einer IP-Adresse können mehrere Tausend URLs liegen. In solchen Fällen führt die IP-Adresse zu dem Server eines großen Anbieters von Web-Speicherplatz. Der Anbieter verteilt den gesamten Verkehr selbst auf die Angebote, die er bereithält. Wenn der Provider solch eine Massen-IP-Adresse sperrt, ist der Kollateralschaden unter Umständen enorm. "Neben dem eigentlichen Ziel könnten viele völlig harmlose Angebote gesperrt sein", erklärt der Dresdner Informatiker Stefan Köpsell. Außerdem lässt sich auch diese Sperre auf Transportebene umgehen: Das ermöglichen offene Proxys, über die man Datenverkehr leiten kann, oder auch Anonymisierungs-Dienste wie TOR oder JAP.
Sperre auf URL-Ebene
Prinzip: Um auf dieser Ebene zu filtern, muss der Provider den Datenverkehr seiner Nutzer tiefgehend analysieren. Mit viel Aufwand lässt sich herausfinden, an welche Web-Adresse eine Anfrage geht. So könnten Kollateralschäden vermieden werden: Selbst bei identischen IP-Adressen kann der Provider bei diesem Ansatz unterscheiden, welche Angebote aufgerufen werden.
Probleme: Diese Filtermethode benötigt sehr hohe Rechenkapazitäten zur Analyse des Datenverkehrs. Die Folge laut Stefan Köpsell: hohe Kosten, bisweilen langsamere Verbindungen. Abgesehen davon könnten solche Analysen in Deutschland auch juristisch heikel sein: Das Fernmeldegeheimnis könnte eine solch intensive Analyse der Internetnutzung verbieten.
Hybrid-Filter
Prinzip: Dieses System kombiniert Filter auf IP- und URL-Ebene. Ein verdächtiger IP-Bereich ist vorab definiert. Erst wenn Nutzer Daten aus diesem Adressbereich abrufen, läuft die aufwendige Analyse des Datenverkehrs an. Sie durchsucht die Anfragen auf blockierte URLs. Folge: Der Rechenaufwand ist geringer als bei der Sperre auf URL-Ebene, die Kollateralschäden nicht so groß wie bei der Blockade von IP-Adressen.
Probleme: Das Verfahren ist recht aufwendig, außerdem könnte die Detailanalyse des Datenverkehrs deutschen Datenschutz-Grundsätzen widersprechen.


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