S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine: Echtzeit ist Wunschzeit

Eine Kolumne von

Es gibt ein gewaltiges Missverständnis zwischen den digital Beheimateten und denen, für die das Internet nur ein Vertriebskanal ist. Das zeigt sich, wenn Menschen wie Angela Merkel verwundert über die Echtzeitbedürfnisse des Netzvolks reden. Sofort ist nämlich gar nicht immer sofort.

"Durch neue technische Möglichkeiten ist es nicht mehr sozusagen unmöglich, dass die individuellen, sich ständig ändernden Bedürfnisse des Menschen unentwegt und unmittelbar befriedigt werden können." Dieser Satz aus Angela Merkels Eröffnungsrede einer großen Hannoveraner Digitalmesse Anfang März 2013 erfuhr kaum Beachtung. Verständlicherweise. Schließlich ist er etwa so verbogen und zerkratzt wie ein Luftkissenboot voller Aale. Seine präzise Bedeutung sollen dereinst Sinnarchäologen freilegen, wenn dieser schöne Beruf irgendwann einmal erfunden werden sollte. Einzelne Bruchstücke des Satzes aber lassen interessante Schlüsse zu. Die Begriffe "unentwegt" und "unmittelbar" im Kontext der Bedürfnisbefriedigung deuten darauf hin, dass es um das Echtzeitinternet geht, die digitale Sofortness und deren Folgen.

Die Verdruckstheit des Satzes reflektiert eine durchaus verbreitete Verwunderung: Wieso müssen diese Internetpeople eigentlich immer alles sofort (unentwegt, unmittelbar) haben? Warum können sie sich nicht gedulden, bis man die CD auch in Deutschland in der Musikalienhandlung erwerben kann?

Hier tut sich ein Verständnisgraben marianenscher Tiefe auf. Er verläuft zwischen denjenigen, die sich selten als Digitalskeptiker begreifen, weil sie im Netz einen famosen Medien-, Verkaufs- und Informationskanal sehen, ganz selbstverständlich Nachrichten im Netz lesen oder Deutschland per SMS regieren. Und denjenigen, für die das Netz Gesellschaftsplattform, Wirtschafts- und Kulturraum ist. Eine simple Unterscheidung der beiden Verständnisgruppen: Für die einen kann man im Internet alle möglichen Güter und Waren organisieren. Für die anderen besteht das Internet aus allen möglichen Gütern und Waren. Das Netz als Mittel zum Zweck und das Netz als Selbstzweck, digitales Instrument vs. digitale Heimat.

Aus ökonomischer Sicht ist der größte Unterschied, dass digitale Bedürfnisse sofort zu befriedigen sind, gleich jetzt, in Echtzeit. Woraus sich von der Abwicklung über die Bezahlung bis zur sofortigen Verwendung eine ganze Kette von höchst geschwindigkeitssensiblen Vorgängen ergibt: Fühlt sich auch nur ein einziger dieser Schritte zu unsofortig an, kommt der Deal nicht zustande. So, wie man in der Fußgängerzone halt keine Schuhe kauft, wenn der Laden erst zwei Stunden später öffnet.

Eine eigentlich banale Erkenntnis, aber sie wird von der ersten Gruppe oft ausgeblendet. Die halbe Kreativwirtschaft samt der Politik zum Beispiel hält es für normal, akzeptabel oder gar wirtschaftlich sinnvoll, wenn etwa eine US-amerikanische TV-Serie in Europa erst Monate nach dem Start verfügbar ist. Die zweite Gruppe fasst sich erst an den Kopf, führt dann die Handinnenfläche zum Gesicht und klickt schlussendlich zweifelhafte Seiten mit Sofortbefriedigungsgarantie an. Aber mit der zweiten Gruppe geschieht im Moment etwas unerhört Spannendes: Das Sofort fächert sich auf, Echtzeit bekommt verschiedene Geschmacksrichtungen.

Das situative Sofort

Mit der App "Snapchat" lassen sich Fotos samt kurzer Texte oder Zeichnungen verschicken, die sich nach ein paar Sekunden automatisch löschen, eine Momentaufnahme im Wortsinn. Den genauen Zeitpunkt, ab wann der Selbstzerstörungscountdown einsetzt, kann der Empfänger allerdings selbst bestimmen: Indem er das Bild anklickt. Damit geschieht ein digitaler Augenblick nicht mehr sofort, sondern in der gewünschten Situation.

Das antizipierte Sofort

Ex-Google-Chef Eric Schmidt hat mehrfach darauf hingewiesen, dass Google algorithmisch zu erraten versucht, was man wollen könnte, noch bevor man es bei Google eingibt. Die Vorausberechenbarkeit von Nutzerverhalten ist das Ziel, das Sofort des Nutzers fand technisch auf den Servern längst statt. Analog dazu verhält sich das Apple-Betriebssystem OSX: Wenn man eine Datei aus dem Netz auf der Festplatte speichern möchte, beginnt der Download im Hintergrund, noch bevor man der Datei Namen und Ort zugewiesen hat. Möchte man schließlich per Klick auf den Button "Save" herunterladen, ist der technische Vorgang längst vollendet.

Das gedehnte Sofort

Am aufschlussreichsten aber ist das gedehnte Sofort. Obwohl Sofortheit und Echtzeit in den sozialen Medien so allgegenwärtig scheinen, lässt sich eine Abkehr von Instantmedien beobachten: Die klassische synchrone Sofortkommunikation Telefonat etwa wird unwichtiger. Stattdessen sind chatartige Kommunikationsformen nach vorn gerückt. Das zentrale Merkmal des Chats ist, dass man sowohl synchron kommunizieren kann wie auch asynchron. Wann man auf eine Nachricht reagiert, ist frei verschiebbar, von unmittelbar sofort bis zum Tag der BERöffnung.

Und dahinter verbirgt sich ein prägendes Missverständnis zwischen den beiden Gruppen, der merkelartigen Gruppe und den anderen: Der bestimmende Faktor ist die Zeit und das Zeitempfinden. Das Internet der Netzbeheimateten ist als andauernder Möglichkeitsraum zu begreifen. Die oft kritisierte Beschleunigung, die Informationsflut, die damit einhergehende Ungeduld, die digitale Hektik, die gesamte Netzkultur der Sofortness, ist als Angebot und nicht als Verpflichtung zu betrachten. Das aus Sicht der Merkelartigen etwas verstörende Alles,Immer, Sofort bedeutet nicht Reizüberflutung in Echtzeit rund um die Uhr. Sondern nur die jederzeitige Möglichkeit dazu. In der Zwischenzeit kann man rumliegen und das blitzschnelle Twitter Twitter sein lassen. Echtzeit entpuppt sich als leicht irreführender Begriff, zum besseren Verständnis müsste es Wunschzeit heißen. Und zwar stufenlos verstellbar zwischen "gefälligst jetzt sofort", "heute jedoch nicht" und "um Gottes Willen nie".

In Angela Merkels Rede findet sich ein weiterer Hinweis auf die Verschiedenheit der beiden Gruppen, was die grundverschiedene Wahrnehmung der Echtzeit angeht. Sie meinte das Internet, als sie sagte: "Es geht um eine Entwicklung, die die gesellschaftlichen Strukturen vollkommen verändern wird." Verändern wird? Längst verändert hat.

tl;dr

Der Wunsch nach digitaler Sofortness verändert Wirtschaft und Gesellschaft - aber für Nutzer ist sofort eine Möglichkeit und keine Pflicht.

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insgesamt 85 Beiträge
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1. Wann kommt die digitale Zwangsjacke?
verhetzungsschutz 12.03.2013
Zitat von sysopWieso müssen diese Internetpeople eigentlich immer alles sofort (unentwegt, unmittelbar) haben?
Weil das Internet für viele erst an irgendeiner Kasse beginnt und dort der - gefühlt - dreijährige Markenkobold seine digitale Dividende auf Augenhöhe eben sofort HABEN WILL...
2.
thomas_gk 12.03.2013
Hin und wieder kann man im Supermarkt Kinder beobachten, die, wenn sie Ihr Überraschungsei nicht sofort kriegen, sich auf den Boden werfen und schreien. Ob der Wunsch nach SüßigkeitSofortness ein digitales Bedürfnis ist, weiß ich nicht. Menschen mit „digitalen Bedürfnissen“, die sich darüber aufregen, dass sie irgendeine wahrscheinlich rotzblöde amerikanische TV-Serie nicht sofort sehen können, stehen oben genannten Kindern in nichts nach. Sie sind dumm und ungezogen. Unerzogen. Dass in den Kolumnen Lobos dieses Verhalten als auch wünschenswert hingestellt wird, versteht nur der, der das Wort „digitales Bedürfnis“ Ernst nimmt. Ja und es gibt Menschen, die nicht alles sofort haben wollen und müssen. Zum Glück
3. Interessant
Leser161 12.03.2013
Interesante Analyse. Allerdings am falschen Ort. Das gewisse leute was grundsätzlich nicht verstanden haben hätten Ihnen Leser von Internetkolummnen auch so sagen können. Die die nicht verstehen wären bessere Adressaten, und die lesen nicht Spiegelnetzwelt.
4. Technische Definition
marvis 12.03.2013
In dem Zusammenhang ist vielleicht die technische Definition von "Echtzeit" ganz hilfreich: Aus technischer Sicht muss ein System, das "in Echtzeit" funktioniert, nicht sofort antworten. Es muss noch nicht einmal schnell sein. Es muss nur garantieren können, in einer definierten Zeit eine Antwort liefern zu können. Siehe hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Echtzeitsystem Ich glaube, dass dies klarer macht, worum es geht: Als jemand, der das Netz als "digitale Heimat" begreift, geht es um Verlässlichkeit. Genau so, wie ich die Öffnungszeiten eines Ladens oder einer Behörde weiß und mich darauf verlassen kann will ich auch die Reaktionszeiten von digitalen Angeboten (egal ob staatlich oder privat) kennen und mich darauf verlassen können.
5.
ArnoNym 12.03.2013
Zitat von sysopEs gibt ein gewaltiges Missverständnis zwischen den digital Beheimateten und denen, für die das Internet nur ein Vertriebskanal ist. Das zeigt sich, wenn Menschen wie Angela Merkel verwundert über die Echtzeitbedürfnisse des Netzvolkes reden. Sofort ist nämlich gar nicht immer sofort.
Also ehrlich, ich hab' nicht kapiert, was Hr. Lobo sagen will. Viel Text, wenig Inhalt. Und außerdem: Und das soll ein spezielles Apple-Feature sein? Das war doch schon bei Windows95 so. Unter Windows3.11 kann ich's nicht sagen, denn da gab es das www noch nicht so richtig.
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Sascha Lobo

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Was bedeutet tl;dr?
In Anerkennung der Ungeduld als Eigenschaft mit positiven Facetten soll fortan unter jeder Mensch-Maschine eine twitterfähige Zusammenfassung des Textes in 140 Zeichen stehen. Sie wird den Namen tl;dr tragen, eine Internetabkürzung für "too long; didn't read".


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