S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Nur nicht nachlassen

Die Berichterstattung über die NSA-Spähaffäre leidet an zwei großen Problemen: Regierungen attackieren aufklärende Medien - und weite Teile der Bevölkerung interessieren sich kaum dafür. Wie es weitergehen muss, kann man von Helge Schneider lernen.

Helge Schneider in seinem neuen Film: Im scharfen Gegenwind
Senator

Helge Schneider in seinem neuen Film: Im scharfen Gegenwind

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Egal, ob Helge Schneiders neuer Film genial, langweilig, lustig oder alles drei ist. Die großartigste Szene seines Werks hat er bereits abgeliefert. Um vier Uhr morgens versucht er bei strömendem Regen klitschnasse Zeitungen in die Schlitze einer metallenen Briefkastenwand zu stopfen. Am Ende ist es nur noch unlesbarer "nasser Klumpatsch", wie eine Abonnentin feststellt, bevor sie amüsiert weiterjoggt. Stiller, perfekter Slapstick. Und auch (vermutlich unbeabsichtigt) eine grandiose Allegorie auf ein wiederkehrendes Drama der Medien, das mit der Spähaffäre wieder aktuell geworden ist:

Journalismus hat zwei Feinde. Höhere Mächte, die ihn unbrauchbar machen wollen. Und das Desinteresse des Publikums.

Spätestens mit der Spähaffäre hat sich gezeigt, dass die britische Regierung gegen Journalismus kämpft, und die deutsche Regierung interessiert sich allenfalls peripher dafür. Halt, halt, Übertreibungsalarm, gegen Journalismus kämpfen, kann das stimmen? Anfang Oktober bezeichnete der britische Geheimdienstchef die Veröffentlichungen zur Spähaffäre als Geschenk und Hilfe für Terroristen.

Gemeint war der "Guardian", der Edward Snowdens Leaks publiziert hatte. Die Worte waren offensichtlich mit Billigung der britischen Regierung strategisch gewählt. Es folgte eine Artikelattacke des Boulevardblatts "Daily Mail", garniert mit Zitaten aus dem Umfeld von Premierminister Cameron: Die Leaks hätten der Sicherheit der westlichen Welt "den größten Schaden der Geschichte" zugefügt. Als wäre nicht die laufende Verwandlung von Demokratien in lupenfeine, lupenreine Überwachungsstaaten der eigentliche Schaden. Die Größe der Unverfrorenheit, mit der machtwillfährige Medien wie die "Daily Mail" die Realität verdrehen, lässt sich an der Gegenreaktion erkennen: Mehr als 30 Chefredakteure der einflussreichsten Medien der Welt antworteten im "Guardian".

"Journalismus schwieriger, langsamer, weniger sicher machen"

Ein paar Wochen zuvor hatten britische Beamte den Lebenspartner des "Guardian"-Journalisten Greenwald am Flughafen schikaniert. Während auf Geheiß von David Cameron die Berichterstattung zur Spähaffäre unterbunden werden sollte. Das alles ist kein Zufall, sondern Teil eines traurigen, gefährlichen Plans. "Journalismus schwieriger, langsamer, weniger sicher zu machen", nennt der Journalistik-Professor Jay Rosen das Ziel eines Überwachungsstaats. Der Murdoch-Kumpan David Cameron arbeitet genau darauf hin und offenbart ein berlusconisches Demokratieverständnis: aggressive Medienkontrolle als Schlüssel zur Macht.

Und Barack Obama erklärte zwar, er begrüße die Debatte zur Spähaffäre. Seine Apparate aber haben gezielt Journalisten abgehört und eingeschüchtert. Schon vor Snowden war die Rede von einem verfassungsfeindlichen "Krieg gegen Journalismus". Der frühere Chefredakteur der "Washington Post" sieht in der Administration Obama eine Gefahr für die freie Presse. Diese Attacken werden - unter gleichzeitigem, bigottem Absingen von Hymnen auf die Pressefreiheit - ergänzt durch die Trägheit des Publikums.

"Och, immer noch Snowden, gibt es kein anderes Thema?", das ist eine natürliche Reaktion des Medienpublikums, die man journalistisch aushalten und überwinden muss. Sie käme nach drei Monaten bei ausnahmslos jedem Thema, außer wenn der Mond explodiert (vielleicht) oder bei einer Rentenkürzung (sicher). Die Politik des Aussitzens funktioniert überhaupt nur, weil nach zwölf Wochen ohne spürbare Konsequenzen auch der größte Skandal als schal empfunden wird. Es folgen Desinteresse, Selbstberuhigung, Bundesliga-Start. Das ist der eingebaute Aufmerksamkeitsdarwinismus in den Köpfen: Wenn trotz Mediengeschrei so lange nichts passiert, wird es wohl doch nicht so wichtig gewesen sein. Das stimmt sogar oft, aber eben nicht immer.

Keine Frage der politischen Meinung

Die Snowden-Leaks werden in ihrer Bedeutung von der Öffentlichkeit dramatisch unterschätzt. Dagegen muss man journalistisch ankämpfen, ohne falsche Rücksicht auf die situativen Befindlichkeiten des Publikums, ohne der eigenen Journalistenbequemlichkeit nachzugeben. Aufklärung kann immer nur ein Angebot an die Öffentlichkeit sein, aber manchmal vergeht viel Zeit bis zu angemessenen Reaktionen. Egal! Weitermachen! Agenda hochhalten!

Denn die Haltung der westlichen Staaten, auch von Deutschland, ist das eigentliche Problem: Überwachung der Bürger, Geheimhaltung zur Verhinderung demokratischer Kontrolle und die Erschwerung der Berichterstattung darüber. Solange keine wirksamen, politischen Konsequenzen gezogen werden, gibt es in der ernsthaften Internet-Diskussion kein anderes Thema. Mit einem tollwütigen Tiger im Raum verwandelt sich jedes andere Gespräch in einen schlechten Scherz zur Ablenkung.

Berichterstattung über die digitale Gesellschaft ist ohne Bezug zur Spähaffäre nur pseudojournalistisches Geplapper, die Ausblendung des Einzigen, was nicht ausgeblendet werden darf. Gerade die Interessearmut der Öffentlichkeit an der Spähaffäre führt deshalb für Journalisten zur entscheidenden Frage: Berichten über das Notwendige oder über das Erwünschte? Oder kürzer: Journalismus oder Entertainment? Und weil es - Kampf gegen Journalismus - um die Substanz, um die Funktion der Medien in der Demokratie geht, ist das auch keine Frage der politischen Meinung, wie die vielen, sehr unterschiedlichen Chefredakteure im "Guardian" bewiesen haben.

Helge Schneiders Zeitungsmission endet visionär. Zum peitschenden Regen kommt eine Sturmböe dazu. Mit einem Klumpen nassem Zeitungspapier im Arm versucht Schneider im scharfen Gegenwind, eine Treppe herunterzugehen, um trotz aller Widrigkeiten die nächste Briefkastenwand mit Informationen zu versorgen. Von der Aussichtslosigkeit lässt er sich nicht beeindrucken.

tl;dr

Zur Spähaffäre wird von demokratischen Staaten ein Kampf gegen Journalismus geführt, gestützt vom Desinteresse des Publikums.

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insgesamt 171 Beiträge
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Seite 1
Daku85 15.10.2013
1. Jazzclub
Die beschriebene Szene mit den nassen Zeitungen stammt nicht aus dem neuesten Film von Helge Schneider. Sie stammt aus dem vorherigen Film "Jazzclub". Dies nur als kleine Anmerkung.
glen13 15.10.2013
2.
Zitat von sysopSenatorDie Berichterstattung über die NSA-Spähaffäre leidet an zwei großen Problemen: Regierungen attackieren aufklärende Medien - und weite Teile der Bevölkerung interessiert sich kaum dafür. Wie es weitergehen muss, kann man von Helge Schneider lernen. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/kolumne-von-sascha-lobo-nsa-spaehaffaere-nur-nicht-nachlassen-a-927867.html
Journalismus hat mindestens 3 Feinde. Nämlich auch noch schlechte Journalisten.
berliner-icke 15.10.2013
3. und leider leider
wird sich so mancher Reporter und Herausgeber einschüchtern lassen um ja nie in die nähe von Staatsfeind einordnen zu lassen - weil sie das erstens nicht sind und zweitens sie meist aus gut-bürgerlicher Erziehung kommen und so das freiheitliche Denken von Hause aus schon so dünn ist wie das Arktische Eis inzwischen. Bei mir hat die Interesse jedenfalls nie aufgehört und ich finde mich eher vom Thema abgelenkt und desinformiert
z_beeblebrox 15.10.2013
4. Genau: Nur nicht nachlassen in der NSA-Spähaffäre
denn steter Tropfen höhlt jeden Stein. Es ist die Pflicht der Medien darüber ausführlichst zu berichten! Es wird ja niemand gezwungen, es zu lesen (noch nicht; kommt noch, wenn die Demokratie endgültig am Ar... ist). Erst kürzlich eine Diskussion mit einer geistig noch sehr rüstigen 78 Jahre alten Dame. Diese kommt wegen körperlichen Gebrechen fast nicht mehr aus dem Haus. Liest immer noch viele Zeitungen; Internet macht sie sehr wenig, obwohl Notebook (Geschenk von Töchterchen) vorhanden (wg. Skype und so). Trotzdem hat sie vor Terroristen mehr Angst als vor den Schnüffelaktionen der NSA. Da ist mir beim Diskutieren och nix mehr eingefallen ;) Nur als ich mit dem Argument kam: "Dann hast Du sicherlich auch nix dagegen, wenn jeden Tag ein Polizist ins Haus kommt, um dich zu befragen und rumzuschnüffeln". Diese Vorstellung fand sie dann doch nicht so gut.
hr_schmeiss 15.10.2013
5. ...ja dann...
Zitat von Daku85Die beschriebene Szene mit den nassen Zeitungen stammt nicht aus dem neuesten Film von Helge Schneider. Sie stammt aus dem vorherigen Film "Jazzclub". Dies nur als kleine Anmerkung.
Gut, dass Sie das richtiggestellt haben. Dann hat Po-Falla also doch recht: weitergehen, nix passiert, nix zu sehen. Nun kann ich mich beruhigt wieder dem Bischof-Bashing widmen.
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