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Acta-Ablehnung: Der falsche Sieg zur rechten Zeit

Ein Kommentar von

Ein großer Sieg für die Netzgemeinde, ein kleiner Rückschritt für die Film- und Musikindustrie: Das Aus für das Acta-Abkommen müssen beide Seiten zum Anlass nehmen, pragmatischen Lösungen eine Chance zu geben.

EU-Parlamentarier feiern das Acta-Aus: Im Internet wird kopiert wie nur was Zur Großansicht
AFP

EU-Parlamentarier feiern das Acta-Aus: Im Internet wird kopiert wie nur was

Die Absage an Acta, das umstrittene internationale Abkommen gegen Produktfälschungen und illegale Downloads im Internet, ist ein hübscher Erfolg für Internetaktivisten. Sie haben in kurzer Zeit Zehntausende Demonstranten mobilisiert und ihre Befürchtungen - private Rechtsdurchsetzung, Provider als Hilfssheriffs - öffentlich gemacht.

Die Netzöffentlichkeit hat EU-Parlamentarier auf ihre Seite geholt. Sie hat sich gewehrt gegen einen im Geheimen verhandelten Vertrag und, mehr noch, gegen die Idee dahinter: Die Regeln der alten Welt sollen auch für das Netz festgeschrieben werden. Doch die Acta-Kritiker haben einflussreiche Gegner. Sie dürfen sich nicht auf ihrem Erfolg ausruhen, denn die Netz-Regulierung schreitet weiter voran.

Es ist schließlich so: Im Internet wird kopiert wie nur was. Die Produzenten von Musik, Film und Fernsehen sehen sich mit ihren Abmahnungen allein gelassen, fordern ein striktes Durchgreifen gegen illegale Downloads. Sie wollen Staatshilfe, rufen nach den Providern, die ihren Nutzern über die Schulter schauen und jedes Datenpaket durchleuchten sollen. Sie wollen es nicht hinnehmen, dass über ihre Produkte einfach so verfügt wird und andere kassieren. Wer illegal kopiert, soll mindestens ermahnt, besser noch gemaßregelt werden.

Dazu müssten das bisher recht freie Internet und seine Nutzer allerdings überwacht werden. Das ist der Geist von Acta. Für Kritiker des Copyright-Pakts und Internetaktivisten kommt das nicht in Frage, sie fürchten negative Folgen für die Meinungsfreiheit im Web. Die Unterscheidung in legal und illegal wollen die Internetaktivisten Gerichten überlassen, nicht Providern, Plattformen, Plattenfirmen und Produktionsstudios.

Die größte Kopiermaschine seit Menschengedenken soll weiter laufen, Filesharer nicht unter Generalverdacht gestellt werden, nötigenfalls Copyright-Gesetze eben an die Netzwelt angepasst und nicht noch zusätzlich verschärft werden. Gewonnen haben vorerst auch die Provider, die ihren Kunden immer mehr Bandbreite anbieten, aber nicht kontrollieren und womöglich dafür haften wollen, was damit angestellt wird.

Für die Film- und Musiklobby ist die Acta-Ablehnung ein kleiner Rückschritt. In der Europäischen Union steht aber zum Beispiel eine Neuauflage der Richtlinie zum Schutz der Rechte an geistigem Eigentum (Ipred) an. Der Kampf geht weiter, und die Hardliner und Internetkontrolleure haben viel Geld und Personal. Gegen massenhafte Downloads und die öffentliche Stimmung könnten sie aber letztlich trotzdem verlieren.

Es ist deshalb höchste Zeit umzudenken. Mit den passenden Angeboten - möglichst billig, ohne Kopierschutz, sofort und überall verfügbar - zahlen Nutzer auch für Inhalte im Netz. Tatsächlich spricht einiges dafür, dass nicht jede illegale Kopie gleichzusetzen ist mit Umsatzeinbußen, wie es gerne vorgerechnet wird. Machmal ist sogar das Gegenteil der Fall. Nur können Produzenten nicht mehr die Modalitäten bestimmen. Dass sie sich dagegen wehren, ist verständlich - und letztlich muss das Geld auch irgendwo herkommen.

Nun müssen nicht gleich illegale Downloads gutgeheißen werden. Eine pragmatische Herangehensweise hat gerade die britische Medienaufsicht Ofcom vorgestellt: Rechteinhaber können sich bei Providern über Raubkopierer beschweren, bei Gericht kann die Herausgabe von Namen und Adressen notorischer Filesharer beantragt werden. Bei aller berechtigten Kritik: Das wäre nicht gleich die große Überwachungs- und Netzsperrenkeule. Umdenken müssten dann aber auch die Internetaktivisten und Provider.

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insgesamt 39 Beiträge
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1. Geheim verhandelter Vertrag
wolfi55 04.07.2012
Das größte Problem bei der Sache ist die Art und Weise, wie das gemacht wurde. Wenn man geheim verhandelt und alles unter dem Tisch halten will, ja sogar den Abgeordneten die Einsicht verweigern will, dann darf man sich nicht wundern, dass man das zurück kriegt. Selber schuld und vielleicht sind die Verhandler beim nächsten Versuch etwas offener und zugänglicher, was angesichts der Musik- und Filmindustrie allerdings ein frommer Wunsch sein dürfte
2. Ja, es wird Zeit für Lösungen...
sappelkopp 04.07.2012
Zitat von sysopEin großer Sieg für die Netzgemeinde, ein kleiner Rückschritt für die Film- und Musikindustrie: Das Aus für das Acta-Abkommen müssen beide Seiten zum Anlass nehmen, pragmatischen Lösungen eine Chance zu geben. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,842501,00.html
...dabei müssen allerdings zwei Dinge klar sein: 1. Es kann mit dem "alles kostenlos für alle" nicht mehr weitergehen. 2. Es dürfen nicht einseitig die Nutzer kriminalisiert werden, sondern jene, die illegale Downloads zur Verfügung stellen und damit Geld machen. Beides wird schwierig, denn auf beiden Seiten gibt es kaum Verständnis für die Nöte der anderen. Für die User gibt es nur die bösen Rechteverwerter, für diese gibt es die Nutzer, die alles runterladen. Letztendlich wird man auf so eine Vereinbarung wie Acta zurückkommen, da es keine Möglichkeit gibt, jeden Server überall auf der Welt zu überwachen. Allerdings ist das auch die Schuld jener, die seit Jahren meinen, alles umsonst zu bekommen.
3.
ajantis 04.07.2012
Zitat von sysopEin großer Sieg für die Netzgemeinde, ein kleiner Rückschritt für die Film- und Musikindustrie: Das Aus für das Acta-Abkommen müssen beide Seiten zum Anlass nehmen, pragmatischen Lösungen eine Chance zu geben. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,842501,00.html
An dieser Stelle hab ich aufgehört zu lesen. Vielleicht sollte man sich hier mal informieren WIESO die Leute auf der Strasse waren. Sicher nicht für Produktfälschungen und illegalen Downloads.
4. Wie wäre
felisconcolor 04.07.2012
Zitat von wolfi55Das größte Problem bei der Sache ist die Art und Weise, wie das gemacht wurde. Wenn man geheim verhandelt und alles unter dem Tisch halten will, ja sogar den Abgeordneten die Einsicht verweigern will, dann darf man sich nicht wundern, dass man das zurück kriegt. Selber schuld und vielleicht sind die Verhandler beim nächsten Versuch etwas offener und zugänglicher, was angesichts der Musik- und Filmindustrie allerdings ein frommer Wunsch sein dürfte
es die Auto- und Mineralölindustrie zu Überwachern der deutschen Verkehrsregeln, Geschwindigkeitsübertretungen und Verantwortlichen für Verkehrsunfälle zu machen? Das ist absurd in der Tat. Aber hier sollen Bereitsteller von Technologie für die Überwachung der Nutzer herhalten und alle finden das vollkommen in Ordnung. Es gibt eine Gewaltenteilung die sich im offline Leben bewährt hat. Man kann sie ohne Änderung ins online Leben übernehmen. Da muss nichts hinzu erfunden werden. Was offline illegal ist ist es online auch. Wir brauchen keine Privatsherrifs weder hier noch dort.
5.
Baerliner73 04.07.2012
Zitat von sappelkopp...dabei müssen allerdings zwei Dinge klar sein: 1. Es kann mit dem "alles kostenlos für alle" nicht mehr weitergehen. 2. Es dürfen nicht einseitig die Nutzer kriminalisiert werden, sondern jene, die illegale Downloads zur Verfügung stellen und damit Geld machen. Beides wird schwierig, denn auf beiden Seiten gibt es kaum Verständnis für die Nöte der anderen. Für die User gibt es nur die bösen Rechteverwerter, für diese gibt es die Nutzer, die alles runterladen. Letztendlich wird man auf so eine Vereinbarung wie Acta zurückkommen, da es keine Möglichkeit gibt, jeden Server überall auf der Welt zu überwachen. Allerdings ist das auch die Schuld jener, die seit Jahren meinen, alles umsonst zu bekommen.
Gerade die Filmindustrie versucht ein veraltetes Vermarktungssystem aufrecht zu erhalten und will, dass sich die moderne Kommunikationswelt beugt. Wer geht denn bitte noch abends mal eben ins Kino???? Kino ist ein Freizeit Event (mit Freunden, Popcorn usw.). Das macht man doch nicht mal eben so spontan abends, wenn man um 20 Uhr feststellt, dass das Fernsehprogramm einen in Selbstmordgefahr bringt und man auf die Idee kommt sich mal den neuen XY Film anzusehen. Wo bleiben da die legalen Angebote. Die Musikindustrie wacht langsam auf. Wenn ich mir ein Lied kaufen will ziehe ich mir eine MP3 auf meinem Smartphone im Shop, dafür renne ich doch nicht in einen Geiz ist Geil Laden und kaufe mir eine silberne Scheibe.
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