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Kommunikation für Dissidenten: US-Regierung konstruiert Schattennetzwerke

Grenzenlose Kommunikation als Waffe gegen autokratische Systeme: Die US-Regierung lässt im großen Stil Schattennetzwerke für das Internet und Mobiltelefone entwickeln. So sollen sich Dissidenten und Demonstranten trotz staatlicher Zensur verständigen können.

US-Außenministerin Hillary Clinton: 70 Millionen für Dissidenten-Infrastruktur Zur Großansicht
AFP

US-Außenministerin Hillary Clinton: 70 Millionen für Dissidenten-Infrastruktur

Hamburg - Es mutet an wie eine Szene aus einem Spionageroman. Meint zumindest die "New York Times". In einem schmucklosen Bürogebäude in Washington hockt eine Gruppe junger Männer - die aussehen, als spielten sie in einer "Garagenband", wie die Zeitung schreibt - und bastelt am Internet im Aktenkoffer. Und finanziert wird das Millionen-Dollar-Projekt auch noch vom US-Außenministerium.

Das Blatt hat nun in einem mehrseitigen Report akribisch nachgezeichnet, mit welchem enormen finanziellen Aufwand die Obama-Regierung die Entwicklung sogenannter Schattennetzwerke vorantreibt. Sie sollen Dissidenten oder Protestlern in autokratischen Ländern oder Diktaturen die Kommunikation ermöglichen, wenn der Staat den Zugang zum Internet verhindert oder Handy-Netze lahmlegt.

Allein in Afghanistan hätten Außenministerium und Pentagon mindestens 50 Millionen US-Dollar ausgegeben, um ein Mobilfunknetz zu errichten, das von den Taliban nicht willkürlich abgeschaltet werden kann. Codename: Projekt Palisade.

Außenpolitische Strategie

Der Vorstoß der amerikanischen Regierung sei Teil einer außenpolitischen Strategie, die sich die Verteidigung der freien Rede und die Entwicklung demokratischer Systeme zum Ziel gesetzt habe, so die "New York Times". Jahrzehntelang hätten die Vereinigten Staaten mit ihrem Sender "Voice of America" unabhängige Informationen in abgeschottete Länder zu transportieren versucht. Nun gebe es neue Möglichkeiten.

"Mehr und mehr Menschen auf der Welt nutzen das Internet, Mobiltelefone und andere Technologien, um ihren Stimmen Gehör zu verleihen, gegen Ungerechtigkeit zu protestieren und ihre Sehnsüchte zu stillen", so US-Außenministerin Hillary Clinton in der "New York Times". "Es gibt eine historische Chance, positive Veränderung herbeizuführen, Veränderung, die Amerika unterstützt." Deshalb helfe man diesen Menschen, "miteinander zu sprechen, mit ihren Gesellschaften zu kommunizieren, ihren Regierungen und der Welt".

Der Zeitung zufolge wird Clintons Haus dafür bis zum Ende des Jahres 70 Millionen Dollar ausgegeben haben.

"Kaum abzustellen und zu überwachen"

Der Leiter der "Garagenband", Sascha Meinrath, sagte dem Blatt: "Wir werden eine separate Infrastruktur errichten, die kaum abzustellen, zu kontrollieren oder zu überwachen ist." Für das Außenministerium sollen sie ein leicht zu transportierendes und einfach zu bedienendes Gerät konstruieren, das ein W-Lan-Netzwerk aufbaut und eine Verbindung ins Internet gewährleistet.

Bereits vor fünf Jahren sei im afghanischen Jalalabad ein solches Parallelnetzwerk errichtet worden, schreibt die Zeitung. In Iran setzte die Opposition hingegen auf improvisierte Bluetooth-Verbindungen, die ebenfalls eine diskrete Kommunikation und einen sicheren Datentransfer erlaube.

Und auch in anderen arabischen Ländern, in denen sich derzeit große Teile der Bevölkerung gegen die Machthaber erheben, ist Wissen Macht: "Ich glaube nicht", sagte der Sohn eines libyschen Dissidenten der Zeitung, "dass es diese Revolution ohne das Internet gegeben hätte."

jdl

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1. Asbach News
sxyxs 12.06.2011
Das machen die Amis doch schon seit ewigkeiten,nur gibt man es jetzt zu.Es glaubt doch wohl niemand mehr dass die"Revolutionen" in den arabischen Ländern durch Zufall zeitgleich angefangen haben. Zufällig durch Hungersnot dank Preismanipulationen bei den Nahrungsmitteln.Wikileaks welches trotz tausender Dokumente die US-regierung jenseits des Smalltalk in keinster Weise kompromitierte,dafür aber die arabischen Herscher. Natürlich sind so Netzwerke sehr praktisch um in allen Ländern amerikanischer Wahl eine Krise heraufbeschwören zu können. An heuchelei auch kaum zu überbieten,dass dieselbe US -Regierung die gerade in den USA versucht massivst das Internet zu kontrollieren hier einen auf Freiheit macht. Wenn man jetzt noch bedenkt dass die USA gerade dabei sind ein Gesetz passieren zu lassen(sofern nicht schon geschehen) dass ihnen Kriegserklärungen nach Cyberattacken/hackerangriffen(die kann man leichter fälschen als Massenvernichtungswaffen) erlaubt fällt einem nichts mehr ein.
2.
Rodelkönig 12.06.2011
Dieselben Amerikaner, die fordern, Ihr eigenes Volk im Internet von vorne bis hinten überwachen zu dürfen, entwickeln Systeme, die es anderen Ländern ermöglichen sollen, genau das zu verhindern? Das nenn ich mal Bigotterie. Viele Grüße
3. Auch im eigenen Land?
Peselius 12.06.2011
Früher hatten die USA den Contras Waffen geliefert, heute liefern sie das Internet. Unterstützt wird natürlich nur der Aufstand, der den USA genehme Ziele vertritt. Die Menschenrechte stehen hierbei nicht zwangsläufig an erster Stelle. Achtung Paradoxon: Würden die USA diese "Schattennetzwerke" auch ihren eigenen Bürgern für den Fall eines Falles zur Verfügung stellen?
4. Landesverrat, Hochverrat
pragmat 12.06.2011
Zitat von sysopGrenzenlose Kommunikation als Waffe gegen autokratische Systeme: Die US-Regierung lässt im großen Stil Schattennetzwerke für das Internet und Mobiltelefone entwickeln. So sollen sich Dissidenten und Demonstranten trotz staatlicher Zensur verständigen können. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,768116,00.html
Welches Glück, dass die US-Regierung nur gegen autokratische Regime antritt! Ja, was ist denn das? Manchem ist die im Grundgesetz verankerte Leitlinienkompetenz der Bundeskanzlerin schon zu autokratisch. Aber ja, die USA entscheiden, wen es trifft! Freuen wir uns also darauf, dass die USA unsere Strafprozessordnung ausdeutet und den Dissidenten Platz bereiten. 1. Abschnitt Friedensverrat, Hochverrat und Gefährdung des demokratischen Rechtsstaates (§§ 80 - 92b) 2. Abschnitt Landesverrat und Gefährdung der äußeren Sicherheit (§§ 93 - 101a) 3. Abschnitt Straftaten gegen ausländische Staaten (§§ 102 - 104a) 4. Abschnitt Straftaten gegen Verfassungsorgane sowie bei Wahlen und Abstimmungen (§§ 105 - 108e) 5. Abschnitt Straftaten gegen die Landesverteidigung (§§ 109 - 109k) Oder gehören die Teilnehmer an den Schattennetzwerken nicht mehr zur Bundesrepublik? Das könnte ja so sein, wenn die Server im Ausland stehen. Auf unseren Justiz- und Innenminister warten schöne neue Aufgaben!
5. Open Source?
suchenwi 12.06.2011
Wenn die Schaltpläne für die Hardware und der Quelltext der Software veröffentlich werden (open source), dann könnte ein solches "Schattennetzwerk" ein wertvoller Beitrag zum technischen Erhalt der Meinungsfreiheit sein. (Auch in Frankreich und GB wird Leuten ja der Internetzugang abgeklemmt..) Allerdings befürchte ich, da staatliche Gelder in großem Umfang hineinfliessen, dass auch in dieser Parallelinfrastruktur Vorkehrungen zur Vorratsdatenspeicherung, Verkehrsüberwachung, Sperrung missliebiger URLs usw. hineinspezifiziert werden. Alternativen: WLAN-"Freifunk", Telefonmodems (wurden während der Unruhen in Tunesien und Ägypten u.a. in Deutschland bereitgestellt).
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Schad- und Spähsoftware
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Trojaner
Wie das Trojanische Pferd in der griechischen Mythologie verbergen Computer-Trojaner ihre eigentliche Aufgabe (und Schädlichkeit!) hinter einer Verkleidung. Meist treten sie als harmlose Software auf: Bildschirmschoner, Videodatei, Zugangsprogramm. Sie werden zum Beispiel als E-Mail-Anhang verbreitet. Wer das Programm startet, setzt damit immer eine verborgene Schadfunktion ein: Meist besteht diese aus der Öffnung einer sogenannten Backdoor , einer Hintertür, die das Computersystem gegenüber dem Internet öffnet und durch die weitere Schadprogramme nachgeladen werden.
Virus
Computerviren befallen vorhandene Dateien auf den Computern ihrer Opfer. Die Wirtsdateien funktionieren – zumindest eine Zeit lang - weiterhin wie zuvor. Denn Viren sollen nicht entdeckt werden. Sie verbreiten sich nicht selbständig, sondern sind darauf angewiesen, dass Computernutzer infizierte Dateien weitergeben, sie per E-Mail verschicken, auf USB-Sticks kopieren oder in Tauschbörsen einstellen. Von den anderen Schad- und Spähprogrammen unterscheidet sich ein Virus allein durch die Verbreitungsmethode. Welche Schäden er anrichtet, hängt allein vom Willen seiner Schöpfer ab.
Rootkit
Das kleine Kompositum führt die Worte "Wurzel" und "Bausatz" zusammen: "Root" ist bei Unix-Systemen der Benutzer mit den Administratorenrechten, der auch in die Tiefen des Systems eingreifen darf. Ein "Kit" ist eine Zusammenstellung von Werkzeugen. Ein Rootkit ist folglich ein Satz von Programmen, die mit vollem Zugriff auf das System eines Computers ausgestattet sind. Das ermöglicht dem Rootkit weitgehende Manipulationen, ohne dass diese beispielsweise von Virenscannern noch wahrgenommen werden können. Entweder das Rootkit enthält Software, die beispielsweise Sicherheitsscanner deaktiviert, oder es baut eine sogenannte Shell auf, die als eine Art Mini-Betriebssystem im Betriebssystem alle verdächtigen Vorgänge vor dem Rechner verbirgt. Das Gros der im Umlauf befindlichen Rootkits wird genutzt, um Trojaner , Viren und andere zusätzliche Schadsoftware über das Internet nachzuladen. Rootkits gehören zu den am schwersten aufspürbaren Kompromittierungen eines Rechners.
Wurm
Computerwürmer sind in der Praxis die getunte, tiefergelegte Variante der Viren und Trojaner. Im strengen Sinn wird mit dem Begriff nur ein Programm beschrieben, das für seine eigene Verbreitung sorgt - und der Programme, die es transportiert. Würmer enthalten als Kern ein Schadprogramm , das beispielsweise durch Initiierung eines eigenen E-Mail-Programms für die Weiterverbreitung von einem befallenen Rechner aus sorgt. Ihr Hauptverbreitungsweg sind folglich die kommunikativen Wege des Webs: E-Mails, Chats, AIMs , P2P-Börsen und andere. In der Praxis werden sie oft als Vehikel für die Verbreitung verschiedener anderer Schadprogramme genutzt.
Drive-by
Unter einem Drive-by versteht man die Beeinflussung eines Rechners oder sogar die Infizierung des PC durch den bloßen Besuch einer verseuchten Web-Seite. Die Methode liegt seit einigen Jahren sehr im Trend: Unter Ausnutzung aktueller Sicherheitslücken in Browsern und unter Einsatz von Scripten nimmt ein auf einer Web-Seite hinterlegter Schadcode Einfluss auf einen Rechner. So werden zum Beispiel Viren verbreitet, Schnüffelprogramme installiert, Browseranfragen zu Web-Seiten umgelenkt, die dafür bezahlen und anderes. Drive-bys sind besonders perfide, weil sie vom PC-Nutzer keine Aktivität (wie das Öffnen einer E-Mail) verlangen, sondern nur Unvorsichtigkeit. Opfer sind zumeist Nutzer, die ihre Software nicht durch regelmäßige Updates aktuell halten - also potenziell so gut wie jeder.
Botnetz
Botnets sind Netzwerke gekidnappter Rechner - den Bots. Mit Hilfe von Trojaner-Programmen, die sie beispielsweise durch manipulierte Web-Seiten oder fingierte E-Mails auf die Rechner einschleusen, erlangen die Botnet-Betreiber Zugriff auf die fremden PC und können sie via Web steuern. Solche Botnets zu vermieten, kann ein einträgliches Geschäft sein. Die Zombiearmeen werden unter anderem genutzt, um millionenfache Spam-Mails zu versenden, durch eine Vielzahl gleichzeitiger Anfragen Web-Seiten in die Knie zu zwingen oder in großem Stile Passwörter abzugrasen. (mehr bei SPIEGEL ONLINE)
Fakeware, Ransomware
Das Wort setzt sich aus "Fake", also "Fälschung", und "Ware", der Kurzform für Software zusammen: Es geht also um "falsche Software" . Gemeint sind Programme, die vorgeben, eine bestimmte Leistung zu erbringen, in Wahrheit aber etwas ganz anderes tun. Häufigste Form: angebliche IT-Sicherheitsprogramme oder Virenscanner. In ihrer harmlosesten Variante sind sie nutzlos, aber nervig: Sie warnen ständig vor irgendwelchen nicht existenten Viren und versuchen, den PC-Nutzer zu einem Kauf zu bewegen. Als Adware-Programme belästigen sie den Nutzer mit Werbung.

Die perfideste Form aber ist Ransomware : Sie kidnappt den Rechner regelrecht, macht ihn zur Geisel. Sie behindert oder verhindert das normale Arbeiten, lädt Viren aus dem Netz und stellt Forderungen auf eine "Reinigungsgebühr" oder Freigabegebühr, die nichts anderes ist als ein Lösegeld: Erst, wenn man zahlt, kann man mit dem Rechner wieder arbeiten. War 2006/2007 häufig, ist seitdem aber zurückgegangen.
Zero-Day-Exploits
Ein Zero-Day-Exploit nutzt eine Software-Sicherheitslücke bereits an dem Tag aus, an dem das Risiko überhaupt bemerkt wird. Normalerweise liefern sich Hersteller von Schutzsoftware und die Autoren von Schadprogrammen ein Kopf-an-Kopf-Rennen beim Stopfen, Abdichten und Ausnutzen bekanntgewordener Lücken.
Risiko Nummer eins: Nutzer
Das größte Sicherheitsrisiko in der Welt der Computer sitzt vor dem Rechner. Nicht nur mangelnde Disziplin bei nötigen Software-Updates machen den Nutzer gefährlich: Er hat auch eine große Vorliebe für kostenlose Musik aus obskuren Quellen, lustige Datei-Anhänge in E-Mails und eine große Kommunikationsfreude im ach so informellen Plauderraum des Webs. Die meisten Schäden in der IT dürften von Nutzer-Fingern auf Maustasten verursacht werden.
DDoS-Attacken
Sogenannte distribuierte Denial-of-Service-Attacken (DDoS) sind Angriffe, bei denen einzelne Server oder Netzwerke mit einer Flut von Anfragen anderer Rechner so lange überlastet werden, bis sie nicht mehr erreichbar sind. Üblicherweise werden für solche verteilten Attacken heutzutage sogenannte Botnetze verwendet, zusammengeschaltete Rechner, oft Tausende oder gar Zehntausende, die von einem Hacker oder einer Organisation ferngesteuert werden.


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